richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Du kannst mich mal flattrn

Gestern noch laut darüber nachgedacht, heute kann man meinen virtuellen Hut mit Münzen befüllen, so man das richtige Kleingeld dabei hat. Bist du schon bei flattr oder kachinglest du noch?

Ich habe mich mal für flattr entschieden, man soll es ja nicht gleich zu aller Anfang übertreiben, nicht? Wer mit flattr nichts anfangen kann, nun, bei diesem Dienst handelt es sich einfach um die Möglichkeit kleinere Geldbeträge (wir sprechen hier von Beträgen im Cent-Bereich) zu verteilen, quasi zu „überweisen“, wenn man der Meinung ist, dass ein Beitrag, ein Text, ein Videoclip, ein Bild, eine Software oder was auch immer, es wert ist. Bedingung ist natürlich, dass es diesen hübschen Button gibt, den man ungeniert klicken kann. Und schon freut sich das Spenderherz. Der Beschenkte (es gibt keine Gegenleistung) freut sich auch. Alle sind glücklich, fallen sich um den Hals und der Weltfrieden rückt ein Stück näher. Alles klar?

Von der Theorie her ist dieses Verteilungs-System ja eine wunderbare Sache. Endlich kann auch der kleine Mann vulgo Blogger oder Medienmensch oder überhaupt der social mediale Hungerkünstler auf ein paar Münzen hoffen. Bei bereits etablierten und wohl bekannten Unternehmungen wie der taz in Berlin funktioniert das gar nicht mal schlecht. Ich habe mir erlaubt, einen ihrer Artikel zu flattrn. Nicht, weil er so gut geschrieben gewesen wäre, sondern einfach, weil ich mich für den guten Espresso auf der Frankfurter Buchmesse bedanken wollte, den ich (und viele andere) kostenlos angeboten bekommen haben (und ein Abo kann ich mir bitteschön nicht leisten, ja!). Den guten Leander Wattig habe ich auch geflattert. Gehört sich so. Weil er es ja war, der mich schlussendlich auf die Idee gebracht hatte, mit seinem Vortrag über diese „Bezahldienste“ (hört sich das Wort nicht ein wenig „nuttig“ an). Wer seine Präsentation nicht kennt, bitte sehr, hier sind die Folien zum Thema „Freiwilliges Bezahlen als Chance für den Buchmarkt“. Wer sich die Folien ansieht, wird feststellen, dass ich zwei Mal mit meinem Konterfei glänze und erwähnt werde. Hier sehen wir auch schon die Krux an der Verteilungs-Systematik: nur was ich kenne, kann ich auch flattrn. Somit nutzt es nichts, den Button hübsch sichtbar in seine Webseite einzufügen, wenn kein Schwein anruft, pardon, keiner auf die Seite klickt. Somit steht zu befürchten, dass immer mehr Wagemutige auf die Idee kommen, sich zu prostituieren („Lies mich! Klick mich! Flattr mich!“).

Anfänglich dachte man ja, das Internet würde endlich mit der schändlichen Kommerzialisierung aufräumen. Eine Zeitung ist nun mal bestrebt, mit ihren Texten, mit ihrer Aufmachung ein größtmögliches Publikum zu erreichen. Klaro. Deshalb muss man es ihr wohl nachsehen, wenn sie mit Titelzeilen punktet, die einen (mental gesunden) Menschen  innerhalb von Sekunden verblöden lassen. Apropos, in Frankfurt habe ich einem Fahrgast über die Schulter geguckt, als er ein auflagenstarkes Boulevardblatt las. Ich war wie hypnotisiert von den Beiträgen, die da grottig kreuz und quer auf dem Zeitungspapier hingeknallt waren. Die Texte konnte ich natürlich nicht lesen, aber die Überschriften ließen erahnen, in welche Richtung das Ganze gehen sollte: in den Lokus. Ich frage mich ja, wie es sein kann, dass ein (mental gesunder) Mensch mit einem Schulabschluss in der Öffentlichkeit hingerotzte Boulevardblätter durchblättert und so tut, als würde er eine Zeitung lesen. Ich denke, hier kann man ersehen, dass das Bildungssystem in den westlichen Ländern nicht funktioniert.

@quantenimpuls: Mach das mit den Mikrobezahlsystemen. Mindestens einen Klick hast Du von mir sicher auf dem Blog. #flattr #kachingle Je ein Knopf.

Nope, ich kenne @quantenimpuls nicht (obwohl er beim Twittagessen anwesend war, auf der Messe), aber seine „Aufforderung“ konnte ich natürlich nicht widerstehen. Immerhin würde er mir einen Klick, also ein paar Kupfermünzen, schenken. Das klingt nach wenig. Ist auch wenig. Aber es geht hier um eine Geste. Eine wohlwollende Geste. Darin liegt wiederum die zweite Krux begraben: dass man die bereits geleisteten Klicks heranzieht um zu der Meinung zu gelangen, dass der Inhalt, der Autor viel oder wenig oder gar nichts taugt. Auch da fallen wir wieder in die Kommerzialisierungsgrube: wer Erfolg hat, muss gut sein. Analog eines Autors, der eine Million Bücher verkauft hat. Keiner spricht mehr vom Inhalt, von der Qualität des Textes. Deshalb kann der Schuss auch nach hinten losgehen. Wenn deine Besucher bemerken, dass du nicht geflattert wirst, dann reimen sie sich da etwas zusammen („Naja, so gut sind die Texte, die Bücher ja wirklich nicht.“)

Wie dem auch sei, ich werde nun dieses Mikrobezahlsystem im Auge behalten. Vielleicht kann ich ja schon bald  eine erste Stellungnahme abgeben, ob diese virtuelle Verteilungsmaschinerie tatsächlich die/eine Lösung für den Buchmarkt ist. Be prepared, folks!

p.s.: dass ich Stunden brauchte, um den Button auf meiner Webseite einzufügen, sei an dieser Stelle kurz erwähnt. Als Ästhetik-Fetischist passte es mir weder da noch dort. Schlussendlich brauchte es Stunden, weil ich kurzerhand das Layout ein wenig veränderte. Soll mal einer sagen, so einen Button einzufügen sei keine große Sache. Der Button in diesem Blog ist übrigens ein statischer. An ihm kann man nicht erkennen, wie viele freundliche Leute mich schon geflattert haben (irgendwie klingt das Wort obszön). Auf der Webseite hingegen ist der Java-Button implementiert. Da kann jeder sehen, woran ich gerade bin. Wer lacht sich da jetzt ins Fäustchen?

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5 Antworten zu “Du kannst mich mal flattrn

  1. Leander Wattig Dienstag, 12 Oktober, 2010 um 10:06

    Erster! 🙂

    … als Dankeschön für die vielen Erwähnungen und Links.

    Und nächsten Monat dann wieder … 🙂

  2. Pingback: Tweets that mention Du kannst mich mal flattrn « richard k. breuer -- Topsy.com

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