richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Große Argentinische Literatur in einem kleinen Wiener Buchladen

Buch-Cover (c) Drava Verlag

Buch-Cover (c) Drava Verlag

Vor wenigen Tagen lernte ich Florian Müller kennen. Der profunde Kenner der Argentinischen Literatur hat nun seinerseits ein Buch übersetzt: Enrique Medinas Der Boxer, erschienen im Drava Verlag. Nicht nur, dass der gute Florian diese Buch vorstellte und kurze Passagen daraus vorlas, nein, er bracht einen gehörigen Stapel Bücher mit, die er Exemplar für Exemplar präsentierte, daraus vorlas und etwaige geschichtliche Zusammenhänge erklärte. Zugegeben, mich hat das Gastland auf der Frankfurter Buchmesse nicht sonderlich interessiert. Aber nach diesem Abend sieht es anders aus. Das Buch „Der Boxer“ wird gerade gelesen (inklusive einer Signierung vom Übersetzer – gibt’s auch nicht alle Tage) und verspricht gute Literatur zu sein – der Erzählstil ist präzise und knapp und erinnert zuweilen, dass der Autor auch beim Film tätig war.

Aber wichtiger ist natürlich, dass ich nun gewisse politische Zusammenhänge über Argentinien erfahren habe. Und dass während der Militär-Diktatur, Mitte der 1970er bis Anfang der 1980er, über 30.000 Menschen spurlos verschwanden und nie wieder auftauchten. Keine Leiche. Kein Lebenszeichen. Nichts. Da kann man nur sagen – sehr zynisch, ich weiß – die Exekutive hat ganze Arbeit geleistet. Wenn man sich vor Augen führt, dass 1978 die Welt nach Argentinien blickte, wenigstens für einen Monat und die Fußball-WM abfeierte, dann ist das auch ein Treppenwitz der Geschichte, der sich dann und wann wiederholt (Olympische Sommerspiele in Berlin, 1936).

Interessant ist auch, dass die Regierung Anfang der 1990ern ihr Familiensilber verscherbelte, um die großen Budgetlöcher zu stopfen. Da wurden auch die etabliertesten argentinischen Verlage kurzerhand von europäischen oder US-Verlagskonzernen aufgekauft und der Literaturmarkt mit nicht-argentinischen Büchern überschwemmt. Aber als die Wirtschaft endgültig den Bach runterging – inklusive einer Hyper-Inflation, haben sich die Verlagskonzerne wieder zurückgezogen (ausländische Bücher waren mit einmal so teuer, dass man diese nicht mehr verkaufen konnte). Nun war das Feld frei für die kleinen, unabhängigen Verlage genauso wie für ambitionierte Eigenverleger. Kein Wunder also, dass die argentinische Literatur im Aufwind ist und ihren Weg geht. Ich werde jedenfalls hie und da ein Auge auf Argentinien haben.

.

P.S: dass der kleine Wiener Buchladen nichts von meinen Büchern wissen will, ärgert natürlich sowohl den Verleger als auch den Autor sehr. Deshalb wird der Name des Ladens trotzig unter den Teppich gekehrt. Ja, so schnell kommt man nicht mehr in des Bloggers Blog. Social Media rulez!

.

Advertisements

2 Antworten zu “Große Argentinische Literatur in einem kleinen Wiener Buchladen

  1. Michael Donnerstag, 28 Oktober, 2010 um 11:16

    Ich fand Argentienien hat sich auf der Frankfurter Buchmesse ganz gut präsentiert, auch wenn ich den Aufschrei argentinischer Autoren im Vorraus gut verstehen konnte. Das Land braucht sich Literarisch nicht hinter solchen Ikonen wie Diego Maradonna und Che Guevara verstecken.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: