dschunibert, goethe und der selbstverlag

Für all jene, die noch nie etwas von einem gewissen „dschunibert“ gehört haben, dem sei auf die Sprünge geholfen: vor ein paar Jahren habe ich mit dem Dresdner Cartoonisten Gunther »Ecki« Eckert (link) ein amüsantes Heftchen im  PDF-Format gemacht, das sich mit den Mühen und Strapazen eines Selbstverlegers auseinandersetzt. Dabei habe ich meine breite Erfahrung einfließen lassen, ein wenig zugespitzt und natürlich auf den Punkt gebracht.

Der Blog plätschert so vor sich her. Gedacht wäre gewesen, dass sich dort all jene Leutchen zusammenfinden, die gerne Teil haben wollen, an einem kleinen kreativen Projekt, sei es Grafiker, Germanisten, Texter, Blogger, Medienleute oder einfach „nur“ Testleser. Wie so oft, im Web-Getümmel, blieb der Wunsch Vater des Gedanken. Macht nix. Ich verweise trotzdem auf den Blog und auf das PDF, das man sich gratis herunterladen und gerne im Web verbreiten darf/soll – alle Details hierzu: www.1668.cc/Dschunibert/dschunibert.htm

Dass ich heute durch Zufall (besser gesagt war es T., die mir den Hinweis gab) auf ein (leider bereits vergriffenes) Buch hingewiesen wurde, das sich mit der Geschichte des deutschen Buchhandels beschäftigt, passt natürlich hervorragend dazu. Darin wird ersichtlich, mit welchen verlegerischen Schwierigkeiten der gute Goethe zu Kämpfen hatte, um zu Geld und Ruhm zu kommen. Dass er dabei mit seinem Selbsverlag  finanziellen Schiffbruch erlitt, sei kurz angemerkt – falls mir der Verlag erlaubt, aus dem besagten Abschnitt zu zitieren, werde ich gerne mehr darüber schreiben.

Diesen Beitrag habe ich übrigens nur deshalb verfasst, weil EG. gerade vorhin einen Kommentar im Blog schrieb (ohne, dass ich sie dazu bedrängte) und sich schon zuvor als Testleserin (gemeinsam mit JS.) für ERIK zur Verfügung stellte. Mehr noch, EG. ist auch so freundlich, ihre Eindrücke des Gelesenen viral zu verbreiten. Das ist nicht selbstverständlich. Überhaupt nicht. Und freut mich sehr.

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grandiose Ideen mit sektor5

Am Wochenende umtriebig. Dabei wieder bemerkt, dass Wien ein Schmelztiegel ist, wenn man sich darauf einlässt und auf die Menschen zugeht, ihnen zuhört. Auf der Finissage der Fotografin Sandra Fockenberger (link), die ich mit meinem Haus- und Hof-Fotografen @medienpirat besuchte, gesellten sich zu Glühwein und dunklem Brot unter anderem eine Polin (die in Deutschland lebt und ihre Galerie in Wien hat), eine Südafrikanerin, eine Deutsche und ein Südtiroler. Als Wiener fühlt man sich dann zwar in der Minderheit, aber trotzdem gut aufgehoben. Weil mich der Blick von außen immer interessiert. Gerade als Schriftsteller. In der Galerie auf afrikanischen Holzmöbel gesessen. Einfach. Simpel. Perfekt. Schon eigenartig, welche stärkende Ruhe diese Möbel ausstrahlen, die von Hand gefertigt sind. Und der Südtiroler, der sich mit dem vorherrschenden System seit Jahrzehnten auseinandersetzt, meinte ja, dass Einfachheit in allen Völkern und Kulturen als Bereicherung an Lebensqualität angesehen wird. Wundert das einen? Mich nicht.

Nach der Finissage ins sektor5 – coworking spaces („flexibler raum für freie arbeit“). Dort hätte ja die Feier eines Twitteristi stattfinden sollen. Hätte. Die Feier wurde aber um 6 Tage verschoben. Tja. Da standen wir nun im sektor5, ich und mein Haus- und Hof-Fotograf. Wir hätten natürlich wieder gehen können. Aber wir wurden von Yves und Karin, den Entrepreneurs dieses neuen Gemeinschaftsbüros, so herzlich aufgenommen, dass wir blieben, uns mit den Anwesenden wunderbar unterhielten. Es ist schon beeindruckend, jene Menschen kennen zu lernen, die eine Idee haben, die nicht locker lassen und schließlich Risiko nehmen, um dieses vage Gedankenkonstrukt in Stein und Holz zu meißeln. Wir haben uns die Räumlichkeiten angesehen. Ich kann sagen, die beiden haben eine perfekte Mischung gefunden. Die Einrichtung ist simpel (wieder diese Einfachheit!), zweckmäßig und lenkt nicht ab. Man spürt förmlich ein kreatives Klima, unterstützt durch kleine, aber wichtige Details. Die „Lounge“, die Kaffee- und Getränkebar, ist so einladend durchgestylt, dass man sich diese in seinem Stammcafé wünscht. Ja, sektor5 hat etwas von Berlin: es ist hip, es ist jung, es ist ungezwungen. Vielleicht sollte man jetzt mal anmerken, dass Yves aus Leipzig und Karin aus Salzburg stammen. Nicht, dass ich Wienern abspreche, tolle Ideen zu haben, aber es mangelt ihnen oftmals an der Bereitschaft, ins kalte Wasser zu springen, also Risiko zu nehmen. Besser: sie gehen lieber ins Kaffeehaus oder zum Heurigen und klagen über die Ungerechtigkeit dieser Welt.

Ein zweiseitiger Artikel im Stadtmagazin WIENER, geschrieben von Nicole Kolisch und fotografiert von Marco Rossi gibt es hier: link.

Wir haben uns lange mit Karin unterhalten. Haben uns angehört, wie sie und ihr Ehemann Yves praktisch im Alleingang die Räumlichkeiten adaptierten (soweit es möglich war) und sich nun, nach dem physischen Job,  in das Netzwerken stürzen. Ja, was nutzt die beste Idee, die beste Umsetzung, wenn es keiner erfährt, keiner weiß? Eben! Deshalb dachte ich mir, ich unterstütze die beiden dahingehend, dass ich dann und wann diesen hippen Coworking space lobend erwähne. Hätte ich die finanziellen Mittel, ich würde mich in irgendeiner Weise beteiligen. Weil dieser Mut belohnt gehörte. Weil solche Mensche wie Karin und Yves Farbe und Melodie in den grauen Alltag bringen. Das merkt man sofort, wenn man über die Schwelle tritt. Und wie wir uns so wunderbar entspannt unterhalten haben, sich Karin interessiert den Flyer von ERIK/LYDIA besah, da reifte in mir die grandiose Idee, im sektor5 eine kleine, feine, aber besondere Lesung zu veranstalten. Aus ERIK. Ein Mann. Eine Frau. Das Glattauer-Werk Gut gegen Nordwind wurde ja für die Bühne adaptiert und feiert einen respektablen Erfolg.  Die Darstellung einer (Internet)-Beziehung  dürfte also den Nerv des jungen Publikums treffen. Das kann ich mit ERIK  auch. Vielleicht sogar besser. Jedenfalls authentischer, ehrlicher. Warum es also nicht ausprobieren? Eben! Ich werde mit den beiden darüber reden. Und vielleicht, wer weiß, ist es der Anfang einer wunderbaren Zusammenarbeit. Und wer sich mit eigenen Augen überzeugen möchte: jeden Samstag Abend steht die Türe offen. Das Motto  „whatever“ ist Programm. Schüchtern sollte man natürlich nicht sein. Aber bei einer Flasche Bier, bei einem kleinen Espresso, da rückt die Welt ein wenig zusammen. Sogar im kakanischen Wien.

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[in eigener Sache: es gibt nun für die Wiener Krimicomedy Schwarzkopf eine facebook-FAN-Page (link), genauso wie für Erik (link) – ich tät mich über den einen oder anderen Klick freuen. Ja, ja. Am Mittwoch ist übrigens die Premiere zum neuen Kottan-Film. Peter Patzak, Regisseur der Serie, hat ja das Script zu Schwarzkopf gelesen. Mehr verrate ich mal nicht.]

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Filmische Absichten im LIECHTENSTEIN MUSEUM

 

Gartenpalais Liechtenstein, Wien
Die Südfassade des Gartenpalais Liechtenstein entworfen von Architekt Domenico Martinelli (1650–1718) um 1700 © LIECHTENSTEIN MUSEUM. Die Fürstlichen Sammlungen, Wien

Meine Güte. Was plage ich mich mit diesem Eintrag! Wobei, es gäbe viel zu erzählen, mehr als sonst, aber der Punkt ist, dass ich nicht weiß, wer aller diesen Beitrag zu Gesicht bekommt. Und wie so oft, wenn man es gut machen möchte, macht man es schlecht. Warum? Weil die Leichtigkeit verloren geht. Die Zeilen werden sperrig, wirken unnatürlich und gekünstelt. Der geneigte Leser, der versteht, zwischen den Zeilen zu denken, bemerkt alsbald, dass hier einer am Werk ist, der nur eines im Sinn hat, nämlich Gefallen zu wollen. Diese textuelle Anbiederung wird selten goutiert und damit hat der Autor sein Ziel – so er eines gehabt hat – verfehlt. Tja. Deshalb dachte ich mir, ich sollte versuchen diese verkrampfende Haltung aufzubrechen. Am besten mit einer historischen Anekdote. Bereit?

Gut. Im LIECHTENSTEIN MUSEUM (link) (davon ist später noch die Rede) wird es Anfang Dezember zwei Sonderausstellungen geben. Die eine zeigt das imposante silberne Prunkservice des Herzogs Albert von Sachsen-Teschen (link), die andere wiederum Wiener Porzellanfiguren aus der Regierungszeit Maria-Theresias (link). Nun, im Pressetext des Museums ist unter anderem folgendes darüber zu lesen:

Trotz der teilweise frivolen Themen ­– durch die Unterhaltungsmotti des Rokoko bedingt – lässt sie niemals die noble Zurückhaltung des Wiener Hofes und die dort vorherrschenden Sitten vergessen.

MUSEUM LIECHTENSTEIN Porzellanfigur
Kaiserliche Porzellanmanufaktur (1744–1864), Wien Sängerin mit Lautenspieler, 1760/65 Höhe 19 cm Unterglasurblauer Bindenschild, Bossierer: P Uměleckoprůmyslové Museum © LIECHTENSTEIN MUSEUM. Die Fürstlichen Sammlungen, Wien

Als ich diese Zeile las, kam mir Kardinal Rohan in den Sinn, der für eine kurze Weile Gesandter des französischen Königs am Wiener Hofe war. Nun, der gute Rohan war zwar Geistlicher, aber das hinderte damals einen Mann von Welt nicht daran, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Rohan gab berauschende Feste und verstand es, mit Pracht und Prunk (und vielen Geschenken) den Wiener Hof für sich einzunehmen. Ach, der gute Rohan warf mit Geld nur um sich und freute sich, wenn andere sich freuten. Dumm, dass sich eine am Hofe darüber gar nicht sonderlich freute. Noch dümmer war, dass es sich um Kaiserin Maria-Theresia handelte, die eine gewisse moralische Sittsamkeit nicht nur für sich selbst, sondern auch für alle anderen am Hofe einforderte. So kam, wie es kommen musste. Kaiserin Maria-Theresia begann  beim französischen König zu intervenieren und es sollte nicht lange dauern, bis Kardinal Rohan aus Wien abberufen wurde. Während dieser Intervention schrieb die besorgte Mutter natürlich auch ihrer Tochter am französischen Hofe, einer gewissen Marie-Antoinette, Gemahlin des Thronfolgers, dem späteren König Louis XVI. In den Briefen der Kaiserin beklagte sie immer wieder ihrer Tochter die Unmoral des Kardinals und dass sie sich von diesem Menschen fern halten solle. Marie-Antoinette hatte keinen Grund an der Verwerflichkeit des Kardinals zu zweifeln (obwohl sie viele gute Ratschläge ihrer Mutter oder ihres Bruders geflissentlich ignorierte) und so formte sich ein – vermutlich künstlicher – Hass, der den Kardinal zeitlebens treffen sollte und der todunglücklich darüber war. Aber dann, eines Tages, tauchte eine geheimnisvolle Dame bei Kardinal Rohan auf und das Schicksal eines Halsbands nahm seinen Lauf. Wer wissen möchte, wie die kleine Geschichte – die schlussendlich große Wellen schlug –  weitergeht, wird wohl zu meinem Band Tiret greifen müssen – oder sich im allwissenden Internetz schlau machen. Nun, um den Bogen wieder zurück zu machen, der Wiener Hof verstand es damals, sich still und leise zu vergnügen, ohne dabei großes Aufsehen zu erregen, im Gegensatz zum Französischen Hof, wo die Farben und die Formen etwas Obszönes anhaftete. Man muss sich nur das übermäßige Versailles und das gemäßigte Schloss Schönbrunn vor Augen führen, um die Unterschiede der beiden Höfe zu verstehen.

Die Idee, in einem herrschaftlichen, barocken Anwesen einen filmischen Schnappschuss zu machen, der meine „revolutionären“ Tiret-Bände in die erste Reihe stellt, war recht schnell geboren. Ja, im Kopf war die Szene – es sollte nur eine geben – fertig abgedreht, nur an der geeigneten Örtlichkeit vulgo Location fehlte es. Wer die ersten beiden Tiret-Buchtrailer gesehen hat, der weiß, wie man aus der Not eine Tugend machen kann. Obwohl das Resultat durchaus eine „bewegende“ Wirkung hatte, träumte ich noch immer von einem Schloss oder Palais als weitere Hauptrolle in meinem nächsten filmischen Schnappschuss. Wien ist ja bekanntlich gesegnet mit derlei Häusern. Dass ich aber schlussendlich in DAS barocke Anwesen der Stadt Einlass erhalten würde, hätte ich mir nicht träumen lassen.

Jenes barocke Anwesen, von dem ich hier spreche, ist natürlich das Palais Liechtenstein, das die Fürstlichen Sammlungen beherbergt und museal ausstellt.  Gestern* also von einer Mitarbeiterin der Presseabteilung in Empfang genommen und herumgeführt worden. Das ist schon mehr als beeindruckend, während eines Schließtages die barocken oder klassizistischen Räumlichkeiten zu betreten (und dabei das geschäftige Treiben des Museums-Personals zu beobachten). Die Mitarbeiterin der Presseabteilung, ich sag es jetzt frank und frei, hat mich überrascht. Sehr überrascht. Ich erwartete eine Dame im mittleren Alter, die streng und korrekt mich und mein Ansinnen mustern würde. Derweil war die Pressedame jung, fröhlich und bestens gelaunt. Freilich, sie hatte sich schon meinen virtuellen Auftritt, meine Biographie, genauer angesehen – und der erste Buch-Trailer dürfte so schlecht nicht gewesen sein. Ansonsten, wir können es uns denken, hätte ich vom Palais Liechtenstein weiter träumen dürfen.

Nach dieser persönlichen Führung, nach diesem so wunderbar angenehemen Gespräch, nach all dieser Pracht, musste ich ins Café und meine Eindrücke sofort ins Tagebuch vermerken. Ja, ich war guter Dinge. Der Überschwang spülte förmlich die Zeilen aufs Papier. Ach, immer ist es diese kurze Zeit nach einem schönen, erfüllenden Moment – weil wir davon ausgehen, dass schon bald ein noch schönerer, noch erfüllenderer Moment kommen wird. Heute*, mehr als 24 Stunden später, bin ich natürlich wieder „normalisiert“, geerdeter, weil ich bemerkt habe, dass auch so ein kleines Filmprojekt seine Schwierigkeiten macht und Tücken hat. Aber wer etwas Erreichen möchte, muss dieses Hindernisse überwinden. So einfach ist das.

Noch am späteren Nachmittag erreichte mich die frohe Kunde (nein, nicht durch den Fürstlichen Boten), dass ich die Möglichkeit hätte, den Buch-Trailer im Palais zu filmen. Natürlich mit gewissen Auflagen, die ich hier nicht erwähnen möchte. Jetzt stellt sich nur die Frage, ob ich Erwin Leder „bekommen“ kann. Ich sehe nämlich diese eine Szene vor meinem geistigen Auge. Gut, sie mag für Tiret-Leser nichts Neues bieten, gewiss, aber die Umsetzung, ich weiß es, wird elektrisierend sein. Und wenn Erwin nicht zur Verfügung steht, dann, ja, dann werde ich wohl in den sauren Apfel beißen und die Rolle gleich selber „spielen“. Nein, nein, Schauspieler bin ich keiner.

 

MUSEUM LIECHTENSTEIN, silberne Terrine
Ignaz Joseph Würth (1742–1792) Runde Terrine mit Untersatz, 1779–81 Silber; 42 x 67 cm Privatsammlung, Paris © LIECHTENSTEIN MUSEUM. Die Fürstlichen Sammlungen, Wien

Zu guter Letzt habe ich der der lieben Pressedame natürlich jeweils ein Exemplar von Tiret und ein Exemplar von Brouillé mitgegeben. Signiert habe ich sie nicht. In meiner Gedankenlosigkeit glatt vergessen. Macht nix. Weil ich sie ja zur Eröffnung der Sonderausstellung(en) sicherlich antreffen werde. Und wenn ich ihr ein paar hübsche Zeilen in die Bücher kritzle, werde ich ihr die Anekdote von Kardinal Rohan und Kaiserin Maria-Theresia erzählen. Ich bin sicher, das wird sie beeindrucken. Und wenn der nächste Buch-Trailer endlich abgedreht, geschnitten, vertont und ins Netz gestellt wird, dann werde ich die Zuseher mit dem Salle d’Hercule – oder schlicht Herkulessaal – beeindrucken. Ja, den sollte man wenigstens einmal gesehen haben. Um zu verstehen, wie einem die Ehrfurcht kurz in alle Glieder fährt. Fortsetzung folgt …

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* Anmerkung: Dieses Gestern, dieses Heute, von dem hier die Rede ist, liegt schon ein paar Tage zurück.

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Verlegerisches Waterloo in einer Buchhandlung, anno 2010

Gestern gab es also den Tag der Stammtisch-Autoren in der Genuss-Buchhandlung TIEMPO, organisiert von  Autorenkollegin Claudia Toman. Neben kurzen Lesungen verschiedener Autoren wurde auch Wein vom Gut Haimer aus Poysdorf verkostet (der Traminer war wirklich süffig – Kopfweh habe ich keines, was nur als gutes Qualitätszeichen gewertet werden kann). Ich habe mich ja dezent zurück gehalten und im Anschluss einem älteren Herren, der unbedingt sein Buch in einer kleinen Auflage für seine Familie herausbringen wollte, die gute Sandra Vogel und ihren piepmatz-Verlag sehr empfohlen. Mal schauen, ob die beiden ins Geschäft kommen. Der ältere Herr weiß um seine Chancen am Buchmarkt (Null komma Null) und hat auch gar nicht vor, seine Bücher großartig in die Welt zu posaunen. Ihm geht es darum, zu guter Letzt, noch einmal etwas zwischen zwei hübsch gestalteten Buchdeckeln zu bringen. Das ist legitim und sollte ihm nicht verwehrt werden. Und was sagte mir die gute Bianca Gutberlet vor wenigen Tagen: laut Beuys ist jeder Künstler. Bianca hat mich auf der Frankfurter Buchmesse abgelichtet und ist eine tolle Fotografin, die in Frankreich lebt. Nebenbei hat sie eine Web-Plattform für Kunstbücher, die man empfehlen kann: www.karamboo.org – dort hat jedermann und jedefrau die Möglichkeit ihr Kunstbuch zu präsentieren und feil zu bieten. Coolio, ha?

Jürgen Schütz, Verleger des kleinen, aber qualitativ hochwertigen Septime-Verlags, gab sich auch die Ehre, ins Tiempo zu kommen. Wir hatten wieder viel Spaß. Schon auf der BUCH WIEN lästerten wir über die einen oder anderen verstaubten Praktiken des Buchmarktes ab. Köstlich. Bei ihm fühle ich mich gut aufgehoben. Wer kann schon sagen, einen Literatur-Nobelpreisträger in seinem Verlags-Programm zu haben? Eben! Dass Jürgen sich für Tiret (Band I) begeistert, will ich nicht verschweigen, mehr noch, das ehrt mich. Immerhin hat er leuchtende Augen bekommen, als wir Max Frisch in einem Bücherregal entdeckten und Jürgen meinte, „Mein Name sei Gantenbein“ wäre eines der besten Bücher überhaupt. Aha. Ich habe es im Regal stehen, billigst auf einem Flohmarkt abgestaubt, aber immer nur hineingelesen, nicht fertig gelesen. Vielleicht braucht es ja seine Zeit, bis man für Frisch gereift ist. Jedenfalls darf ich mich (fürs Erste) bestätigt fühlen, wenn ich nun die Tiret-Bände als anspruchsvolle Unterhaltungsliteratur einordnen möchte. Jürgen ließ mir gerade ausrichten, dass er beim Club der 99 für MADELEINE mitmacht. Erfreulich.

Als ich in der Genuss-Buchhandlung herumstand, die Vorbereitungen der anderen still beobachtete, sprach mit ein Kunde an (den mir Albert Knorr schickte), der nach einem bestimmten Buch suchte. Die Buchhändlerin konnte ihm nicht weiterhelfen, weil er weder Titel, noch Autor, noch sonst etwas wisse. Nur dass es eine Besprechung in der NZZ gab, die äußerst positiv war und dass es die Aufzeichnungen eines (Halb)Österreichers war, der um 1870 herum, einen Briefverkehr mit wichtigen Persönlichkeiten führte. Und sein Name klinge Französisch. Aha. Ich befragte also mit diesen Stichworten das allmächtige Google und siehe da, der erste Treffer war ein Treffer. Der Kunde machte also artig eine Bestellung. Und weil mir der Kunde sympathisch war, empfahl ich ihm natürlich meine Tiret-Saga. Interessiert hörte er zu. Er ist wohl einer der ersten potenziellen Käufer/Leser gewesen, der auf dem Sub-Titel den Namen Mirabeau erspähte und dazu nickte, ohne dass ich lang und breit darauf hinwies. Erst später wurde mir klar, was es mit seiner Frankreich-Affinität auf sich hatte. Er entschied sich für Brouillé (weil ich meinte, als Einstieg eignet sich dieser verspielte Krimi besser als das Sittengemälde Tiret) und ich signierte das Buch für seine Frau Yolande. Huh. Eine Französin. Und was für ein wunderbarer Namen. Y-o-l-a-n-d-e. Als wäre er vom Himmel gefallen, so schön klingt er in meinen Ohren. Ich hoffe, Yolande findet Gefallen an Brouillé und Mickiewicz und Marquis d’Angélique und Duport und wie sie alle heißen. Ei, das würde mir viel bedeuten. Auch wenn ich die gute Frau wohl nicht persönlich kennen lernen werde. Wobei, hat es nicht geheißen, dass der Kunde eine Weinhandlung in unmittelbarer Nähe hätte?

Wenig später. Ich stehe mit besagtem Jürgen bei meinen Büchern. Eine attraktive Frau sucht auf einem Büchertisch unschlüssig nach Lesbarem. Ich spreche sie an. Höflich. Freundlich. Sie folgt meiner Einladung und macht einen Schritt auf mich zu. Interessiert. Auf der BUCH WIEN habe ich es gemerkt, was es heißt, aktiv auf Menschen zuzugehen und Ihnen etwas „zu verkaufen“. Wobei, in erster Linie geht es mir darum, dass man ein gutes Gesprächsklima schafft. Ich hasse es, „gekeilt“ zu werden und möchte nicht den Eindruck erwecken, dass es mir nur darum geht, mein Buch um klingende Münzen zu verhökern. Immerhin geht es auch darum, dass der potenzielle Käufer es auch liest und mir gewogen bleibt. Was nutzt mir ein Käufer, der sich nach wenigen Seiten enttäuscht und betrogen fühlt? Nichts. Rein gar nichts. Deshalb lote ich aus. Prüfe. Bleibe achtsam. Zurück zu jener Frau, die sich gerne beraten lassen wollte. Also beriet ich sie. Besser gesagt: Jürgen übernahm das Gespräch und lobte mich und das Buch über den Klee (er gab aber auch zu, bis jetzt nur das erste Drittel gelesen zu haben – und für einen Außenstehenden musste es natürlich überzogen klingen). Ich stand daneben, hörte zu, lächelte.

Später. Ich hielt für die Frau einen kleinen Vortrag über das Frühjahr 1789. Über die Wahl zu den Generalständen (die in Brouillé akribisch, aber vor allem lebensecht abgehandelt werden), einem Demokratisierungsprozess den Europa bis dahin so noch nicht gekannt hatte. Dann, ich war verblüfft, zitierte sie aus dem Kopf das bekannte Zitat Graf Mirabeaus, als sich der 3.Stand weigerte, den Versammlungssaal zu verlassen. Sie sagte es auf Französisch. Huh. Respekt. Ein wenig ärgerlich, dass sie dann kein Buch – weder Band I, noch Band II – mitgenommen hat. Schade, schade. Gut, sie nahm sich ein Prospekt mit. Möglich, dass sie später einmal zu einem der Tiret-Bände greift. Aber es ist schon ein gewisser verletzter Stolz dabei. Weil die Bände genau für sie geschrieben wurden. Und jetzt stellt sich natürlich die Frage, was wäre wenn. Wenn die Buchhändlerin daneben gestanden wäre und den Kopf genickt hätte – somit als objektive Instanz (die weder ich, noch Jürgen war) wahrgenommen worden wäre. Niemand möchte über den (Bücher)Tisch gezogen werden. Niemand möchte Geld für Nichtigkeiten ausgeben (auch wenn es um ein paar Münzen mehr oder weniger nicht ankommt). Es geht um ein Prinzip! Und darin liegt die Krux des Eigenverlegers oder unbekannten Kleinverlegers auch schon begraben: er braucht eine objektive Instanz. Der potenzielle Käufer geht davon aus, dass ein namhafter Publikums-Verlag die Spreu vom Weizen trennt. Er geht weiters aus, dass der Buchhändler den schlechten vom guten Weizen trennt.

Ist es nicht merkwürdig, dass wir (ich nehme mich nicht davon aus) davon ausgehen, dass ein Verlag, der mit seinen Büchern Geld verdienen will und sie (vorwiegend) nach kaufmännischem Kalkül ins Programm nimmt, dass so ein Publikums-Verlag als objektive Instanz angesehen wird? Genauso wie der Buchhändler, der wiederum  vorwiegend nur solche Bücher in sein Programm aufnimmt, die er auch verkaufen kann – nicht unbedingt, die er verkaufen möchte. Was nutzt ihm die anspruchsvollste Literatür, wenn die Bücher in den Regalen verstauben? Eben!

Was ich gestern bemerkt habe, bei diesen zwei zufällig initiierten Beratungsgesprächen (nennen wir es mal so), ist, dass man meine Bücher durchaus verkaufen kann, wenn man es möchte. Zu guter Letzt nahm sich noch meine Autorenkollegin Victoria Schlederer („Des Teufels Maskerade“) zwei Brouillés mit. Sie ist ja ein bekennender Fan der Tiret-Saga, was mich besonders freut und ich immer wieder eigennützig betone. Weil  sich ihr Buch von der üblichen Fantastik-Massenware durch sprachliche  Qualität abhebt. Ich selber tue mir mit diesem Genre schwer, aber wenn sich jemand dafür interessiert,  dann kann ich nur raten, einmal bei ihr hineinzulesen: link. Oui, oui.

Dass ich in der Buchhandlung nicht (mehr) aufliege, obwohl ich die beiden Inhaberinnen kenne, ist eigentlich ein verlegerisches Waterloo der Sonderklasse. Gestern hätten sie mich zur Seite nehmen, sich die Bücher noch mal anschauen müssen. Keine Hexerei. Sie hätten bemerkt, dass sie professionell gemacht sind (das sage nicht nur ich, bitteschön), mit viel Liebe zum Detail, ein „Schmuckstück“ (wie es mir von einem Rezensenten mitgeteilt wurde). Und doch gab es nicht den kleinsten Anflug eines Interesses. So sieht also die Bücherwelt im Jahr 2010 aus. Während der Thriller eines großen deutschen Publikumsverlages in einer obszön hohen Auflage erschienen ist und sich in den Buchhandlungen stapeln und man sich nach der Kostprobe des ersten Kapitels fragen muss, ob hier noch alles mit rechten Dingen zugeht. Grottig geschrieben. Kein Sprachgefühl. Sätze wie ein Volksschüler. Als vor ein paar Tagen daraus gelesen wurde, musste ich unwillkürlich weghören. Zu schmerzhaft klang diese Aneinanderreihung von simplen Wörtern, ohne viel Sinn, ohne großem Verstand. Und dass der Autor/die Autorin auch noch prahlerisch, mit gerecktem Kopf nur von sich und seinen/ihren Büchern erzählt, diese überall und jederzeit promotet und so tut, als würde er/sie Beachtliches geleistet haben. Wer hier nicht zum Zyniker wird, der hat es schon längst überstanden oder hat sich von der Buchwelt zurückgezogen. Period!

Als ich am Montag in der ÖBV-Buchhandlung die vom Verlag Ueberreuter organisierte Bildungs-Diskussion mit Frau Minister Schmidt, dem Autor Glattauer und noch ein paar anderen, verfolgte, da wurde es mir wieder schlagartig bewusst, dass wir recht bald gegen die Wand knallen werden. Die Schul-Situation ist dem Buch-, Zeitungs- und  TV-Markt nicht unähnlich. Man senkt so lange das Niveau, bis es kein Niveau mehr gibt. Punktuell wird vielleicht auf Qualität geachtet, aber großflächig wird breit der Anspruch reduziert. Wie lange wollen wir dem zusehen? Wie lange wollen wir Leuten auf die Schulter klopfen, die geistigen Sondermüll produzieren? Die noch vor fünzig oder hundert Jahren aus jeder Buchhandlung getreten oder schlimm verprügelt worden wären. Als es noch einen Karl Kraus gab, der schon zu seiner Zeit die Verrohung der Sprache auf das Heftigste anprangerte. Was würde er heute sagen? Und die ewige Leier: bereits in der Antike haben die Älteren die Verdummung der Jungen beklagt; gut, das mag stimmen, aber wir haben es heutzutage mit hochwertigen Massenverdummungswaffen zu tun, die in der Lage sind, in relativ kurzer Zeit ganze kulturelle Landstriche vom Erdboden zu löschen. Man sehe sich nur die Gratiszeitungen an, die von Menschen gemacht werden, die intelligent und kritisch sein können, aber für ein paar Münzen verkaufen sie sich und schreiben in großen Lettern vom „Sex-Überfall eines Haft-Urlaubers“. Huh.

Eine niveaulose Masse, der Pöbel, wenn man so will, lässt sich nicht steuern. Es ist ein Irrglaube der Politiker, die meinen, dumme Menschen könnte man leichter manipulieren. Den Einzelnen ja. Die Masse nein. Die Französische Revolution hat genau diesen Sachverhalt durchgespielt. Mit bekannten Folgen.

 

Tag der Autoren – Open House am 23.11.

Heute, 23.11., ab 18:30 findet in der Genußbuchhandlung Tiempo, Johannesg. 16, 1010 Wien, der „Tag der Autoren – Open House“ statt, wo ich nicht fehlen werde. Neben kurzen Lesungen verschiedener Wiener Autoren wie

valentina berger: der augenschneider, georg elterlein: der hungerkünstler, victoria schlederer: des teufels maskerade, claudia toman: hexendreimaldrei, jürgen heimlich: die schüchterne zeugin peter bosch: der spurenzeichner

sowie einer lockeren Gesprächsrunde von mir und Albert Knorr über das Thema „Publizieren heute – Eigenverlag vs. Verlag“, wird es auch eine „Pflücktext-Tombola“ sowie eine Weinverkostung geben. Wer in ungezwungener Atmosphäre den einen oder anderen Autor oder Autorin kennen lernen möchte, sollte sich diesen Termin nicht entgehen lassen.

Zwei Tage später, am Donnerstag, 25.11. lese ich am Abend zum Grätzelfest in der Brigittenau, Gebietsbetreuung Allerheiligenplatz. Es wird wieder um Brouillé gehen.

[NOTIZ: ich sitze gerade im McD und hab leider die exakten Daten und Fotos nicht bei der Hand – sie werden später, wenn ich wieder zu Hause bin, nachgereicht]