Verlegerisches Waterloo in einer Buchhandlung, anno 2010

Gestern gab es also den Tag der Stammtisch-Autoren in der Genuss-Buchhandlung TIEMPO, organisiert von  Autorenkollegin Claudia Toman. Neben kurzen Lesungen verschiedener Autoren wurde auch Wein vom Gut Haimer aus Poysdorf verkostet (der Traminer war wirklich süffig – Kopfweh habe ich keines, was nur als gutes Qualitätszeichen gewertet werden kann). Ich habe mich ja dezent zurück gehalten und im Anschluss einem älteren Herren, der unbedingt sein Buch in einer kleinen Auflage für seine Familie herausbringen wollte, die gute Sandra Vogel und ihren piepmatz-Verlag sehr empfohlen. Mal schauen, ob die beiden ins Geschäft kommen. Der ältere Herr weiß um seine Chancen am Buchmarkt (Null komma Null) und hat auch gar nicht vor, seine Bücher großartig in die Welt zu posaunen. Ihm geht es darum, zu guter Letzt, noch einmal etwas zwischen zwei hübsch gestalteten Buchdeckeln zu bringen. Das ist legitim und sollte ihm nicht verwehrt werden. Und was sagte mir die gute Bianca Gutberlet vor wenigen Tagen: laut Beuys ist jeder Künstler. Bianca hat mich auf der Frankfurter Buchmesse abgelichtet und ist eine tolle Fotografin, die in Frankreich lebt. Nebenbei hat sie eine Web-Plattform für Kunstbücher, die man empfehlen kann: www.karamboo.org – dort hat jedermann und jedefrau die Möglichkeit ihr Kunstbuch zu präsentieren und feil zu bieten. Coolio, ha?

Jürgen Schütz, Verleger des kleinen, aber qualitativ hochwertigen Septime-Verlags, gab sich auch die Ehre, ins Tiempo zu kommen. Wir hatten wieder viel Spaß. Schon auf der BUCH WIEN lästerten wir über die einen oder anderen verstaubten Praktiken des Buchmarktes ab. Köstlich. Bei ihm fühle ich mich gut aufgehoben. Wer kann schon sagen, einen Literatur-Nobelpreisträger in seinem Verlags-Programm zu haben? Eben! Dass Jürgen sich für Tiret (Band I) begeistert, will ich nicht verschweigen, mehr noch, das ehrt mich. Immerhin hat er leuchtende Augen bekommen, als wir Max Frisch in einem Bücherregal entdeckten und Jürgen meinte, „Mein Name sei Gantenbein“ wäre eines der besten Bücher überhaupt. Aha. Ich habe es im Regal stehen, billigst auf einem Flohmarkt abgestaubt, aber immer nur hineingelesen, nicht fertig gelesen. Vielleicht braucht es ja seine Zeit, bis man für Frisch gereift ist. Jedenfalls darf ich mich (fürs Erste) bestätigt fühlen, wenn ich nun die Tiret-Bände als anspruchsvolle Unterhaltungsliteratur einordnen möchte. Jürgen ließ mir gerade ausrichten, dass er beim Club der 99 für MADELEINE mitmacht. Erfreulich.

Als ich in der Genuss-Buchhandlung herumstand, die Vorbereitungen der anderen still beobachtete, sprach mit ein Kunde an (den mir Albert Knorr schickte), der nach einem bestimmten Buch suchte. Die Buchhändlerin konnte ihm nicht weiterhelfen, weil er weder Titel, noch Autor, noch sonst etwas wisse. Nur dass es eine Besprechung in der NZZ gab, die äußerst positiv war und dass es die Aufzeichnungen eines (Halb)Österreichers war, der um 1870 herum, einen Briefverkehr mit wichtigen Persönlichkeiten führte. Und sein Name klinge Französisch. Aha. Ich befragte also mit diesen Stichworten das allmächtige Google und siehe da, der erste Treffer war ein Treffer. Der Kunde machte also artig eine Bestellung. Und weil mir der Kunde sympathisch war, empfahl ich ihm natürlich meine Tiret-Saga. Interessiert hörte er zu. Er ist wohl einer der ersten potenziellen Käufer/Leser gewesen, der auf dem Sub-Titel den Namen Mirabeau erspähte und dazu nickte, ohne dass ich lang und breit darauf hinwies. Erst später wurde mir klar, was es mit seiner Frankreich-Affinität auf sich hatte. Er entschied sich für Brouillé (weil ich meinte, als Einstieg eignet sich dieser verspielte Krimi besser als das Sittengemälde Tiret) und ich signierte das Buch für seine Frau Yolande. Huh. Eine Französin. Und was für ein wunderbarer Namen. Y-o-l-a-n-d-e. Als wäre er vom Himmel gefallen, so schön klingt er in meinen Ohren. Ich hoffe, Yolande findet Gefallen an Brouillé und Mickiewicz und Marquis d’Angélique und Duport und wie sie alle heißen. Ei, das würde mir viel bedeuten. Auch wenn ich die gute Frau wohl nicht persönlich kennen lernen werde. Wobei, hat es nicht geheißen, dass der Kunde eine Weinhandlung in unmittelbarer Nähe hätte?

Wenig später. Ich stehe mit besagtem Jürgen bei meinen Büchern. Eine attraktive Frau sucht auf einem Büchertisch unschlüssig nach Lesbarem. Ich spreche sie an. Höflich. Freundlich. Sie folgt meiner Einladung und macht einen Schritt auf mich zu. Interessiert. Auf der BUCH WIEN habe ich es gemerkt, was es heißt, aktiv auf Menschen zuzugehen und Ihnen etwas „zu verkaufen“. Wobei, in erster Linie geht es mir darum, dass man ein gutes Gesprächsklima schafft. Ich hasse es, „gekeilt“ zu werden und möchte nicht den Eindruck erwecken, dass es mir nur darum geht, mein Buch um klingende Münzen zu verhökern. Immerhin geht es auch darum, dass der potenzielle Käufer es auch liest und mir gewogen bleibt. Was nutzt mir ein Käufer, der sich nach wenigen Seiten enttäuscht und betrogen fühlt? Nichts. Rein gar nichts. Deshalb lote ich aus. Prüfe. Bleibe achtsam. Zurück zu jener Frau, die sich gerne beraten lassen wollte. Also beriet ich sie. Besser gesagt: Jürgen übernahm das Gespräch und lobte mich und das Buch über den Klee (er gab aber auch zu, bis jetzt nur das erste Drittel gelesen zu haben – und für einen Außenstehenden musste es natürlich überzogen klingen). Ich stand daneben, hörte zu, lächelte.

Später. Ich hielt für die Frau einen kleinen Vortrag über das Frühjahr 1789. Über die Wahl zu den Generalständen (die in Brouillé akribisch, aber vor allem lebensecht abgehandelt werden), einem Demokratisierungsprozess den Europa bis dahin so noch nicht gekannt hatte. Dann, ich war verblüfft, zitierte sie aus dem Kopf das bekannte Zitat Graf Mirabeaus, als sich der 3.Stand weigerte, den Versammlungssaal zu verlassen. Sie sagte es auf Französisch. Huh. Respekt. Ein wenig ärgerlich, dass sie dann kein Buch – weder Band I, noch Band II – mitgenommen hat. Schade, schade. Gut, sie nahm sich ein Prospekt mit. Möglich, dass sie später einmal zu einem der Tiret-Bände greift. Aber es ist schon ein gewisser verletzter Stolz dabei. Weil die Bände genau für sie geschrieben wurden. Und jetzt stellt sich natürlich die Frage, was wäre wenn. Wenn die Buchhändlerin daneben gestanden wäre und den Kopf genickt hätte – somit als objektive Instanz (die weder ich, noch Jürgen war) wahrgenommen worden wäre. Niemand möchte über den (Bücher)Tisch gezogen werden. Niemand möchte Geld für Nichtigkeiten ausgeben (auch wenn es um ein paar Münzen mehr oder weniger nicht ankommt). Es geht um ein Prinzip! Und darin liegt die Krux des Eigenverlegers oder unbekannten Kleinverlegers auch schon begraben: er braucht eine objektive Instanz. Der potenzielle Käufer geht davon aus, dass ein namhafter Publikums-Verlag die Spreu vom Weizen trennt. Er geht weiters aus, dass der Buchhändler den schlechten vom guten Weizen trennt.

Ist es nicht merkwürdig, dass wir (ich nehme mich nicht davon aus) davon ausgehen, dass ein Verlag, der mit seinen Büchern Geld verdienen will und sie (vorwiegend) nach kaufmännischem Kalkül ins Programm nimmt, dass so ein Publikums-Verlag als objektive Instanz angesehen wird? Genauso wie der Buchhändler, der wiederum  vorwiegend nur solche Bücher in sein Programm aufnimmt, die er auch verkaufen kann – nicht unbedingt, die er verkaufen möchte. Was nutzt ihm die anspruchsvollste Literatür, wenn die Bücher in den Regalen verstauben? Eben!

Was ich gestern bemerkt habe, bei diesen zwei zufällig initiierten Beratungsgesprächen (nennen wir es mal so), ist, dass man meine Bücher durchaus verkaufen kann, wenn man es möchte. Zu guter Letzt nahm sich noch meine Autorenkollegin Victoria Schlederer („Des Teufels Maskerade“) zwei Brouillés mit. Sie ist ja ein bekennender Fan der Tiret-Saga, was mich besonders freut und ich immer wieder eigennützig betone. Weil  sich ihr Buch von der üblichen Fantastik-Massenware durch sprachliche  Qualität abhebt. Ich selber tue mir mit diesem Genre schwer, aber wenn sich jemand dafür interessiert,  dann kann ich nur raten, einmal bei ihr hineinzulesen: link. Oui, oui.

Dass ich in der Buchhandlung nicht (mehr) aufliege, obwohl ich die beiden Inhaberinnen kenne, ist eigentlich ein verlegerisches Waterloo der Sonderklasse. Gestern hätten sie mich zur Seite nehmen, sich die Bücher noch mal anschauen müssen. Keine Hexerei. Sie hätten bemerkt, dass sie professionell gemacht sind (das sage nicht nur ich, bitteschön), mit viel Liebe zum Detail, ein „Schmuckstück“ (wie es mir von einem Rezensenten mitgeteilt wurde). Und doch gab es nicht den kleinsten Anflug eines Interesses. So sieht also die Bücherwelt im Jahr 2010 aus. Während der Thriller eines großen deutschen Publikumsverlages in einer obszön hohen Auflage erschienen ist und sich in den Buchhandlungen stapeln und man sich nach der Kostprobe des ersten Kapitels fragen muss, ob hier noch alles mit rechten Dingen zugeht. Grottig geschrieben. Kein Sprachgefühl. Sätze wie ein Volksschüler. Als vor ein paar Tagen daraus gelesen wurde, musste ich unwillkürlich weghören. Zu schmerzhaft klang diese Aneinanderreihung von simplen Wörtern, ohne viel Sinn, ohne großem Verstand. Und dass der Autor/die Autorin auch noch prahlerisch, mit gerecktem Kopf nur von sich und seinen/ihren Büchern erzählt, diese überall und jederzeit promotet und so tut, als würde er/sie Beachtliches geleistet haben. Wer hier nicht zum Zyniker wird, der hat es schon längst überstanden oder hat sich von der Buchwelt zurückgezogen. Period!

Als ich am Montag in der ÖBV-Buchhandlung die vom Verlag Ueberreuter organisierte Bildungs-Diskussion mit Frau Minister Schmidt, dem Autor Glattauer und noch ein paar anderen, verfolgte, da wurde es mir wieder schlagartig bewusst, dass wir recht bald gegen die Wand knallen werden. Die Schul-Situation ist dem Buch-, Zeitungs- und  TV-Markt nicht unähnlich. Man senkt so lange das Niveau, bis es kein Niveau mehr gibt. Punktuell wird vielleicht auf Qualität geachtet, aber großflächig wird breit der Anspruch reduziert. Wie lange wollen wir dem zusehen? Wie lange wollen wir Leuten auf die Schulter klopfen, die geistigen Sondermüll produzieren? Die noch vor fünzig oder hundert Jahren aus jeder Buchhandlung getreten oder schlimm verprügelt worden wären. Als es noch einen Karl Kraus gab, der schon zu seiner Zeit die Verrohung der Sprache auf das Heftigste anprangerte. Was würde er heute sagen? Und die ewige Leier: bereits in der Antike haben die Älteren die Verdummung der Jungen beklagt; gut, das mag stimmen, aber wir haben es heutzutage mit hochwertigen Massenverdummungswaffen zu tun, die in der Lage sind, in relativ kurzer Zeit ganze kulturelle Landstriche vom Erdboden zu löschen. Man sehe sich nur die Gratiszeitungen an, die von Menschen gemacht werden, die intelligent und kritisch sein können, aber für ein paar Münzen verkaufen sie sich und schreiben in großen Lettern vom „Sex-Überfall eines Haft-Urlaubers“. Huh.

Eine niveaulose Masse, der Pöbel, wenn man so will, lässt sich nicht steuern. Es ist ein Irrglaube der Politiker, die meinen, dumme Menschen könnte man leichter manipulieren. Den Einzelnen ja. Die Masse nein. Die Französische Revolution hat genau diesen Sachverhalt durchgespielt. Mit bekannten Folgen.

 

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22 Kommentare zu „Verlegerisches Waterloo in einer Buchhandlung, anno 2010“

  1. Wenn es nicht so „schrecklich wahr“ wäre, würde ich dir viel lieber Recht geben. „Wozu anstrengen“ lautet die Devise in vielen Bereichen, leider auch im Buchhandel. Wenn der Buchhandel sich darauf beschränkt den momentanen Bestseller aufzustapeln, statt Kunden mit z. B. noch Unbekannten, zu versorgen, ist es nicht verwunderlich, wenn der Umsatz rückläufig ist. Die Meterware der alten und modernen Klassiker kann es ja auf die Dauer auch nicht bringen. Während so manche Umsätze anscheinend vor allem durch die schulische Pflichtlektüre (mein erster Gedanke bei Max Frisch) gewährleistet werden. Menschen, die „fremddenken“ lassen, weil sie meinen, was in Mengen hoch aufgetapelt herumliegt, müsse gut sein, glauben auch, dass von etablierten Verlagskonzernen automatisch Qualität publiziert würde.

    1. Max Frisch:
      Liebe Sigrid,

      wenn Du Herrn Frischs Werk auf Andorra und Homo Faber reduzierst, gebe ich dir recht (wobei erstgenanntes ein sehr gutes Theaterstück ist) . Ich möchte dir aber die Bücher „Mein Name sei Gantenbein“, „Stiller“ oder „Montauk“ ans Herz legen, die man in keiner Weise als Schullektüre bezeichnen sollte – vielmehr als Weltliteratur.
      Max Frisch zeichnet sich neben tiefgehenden Inhalt (in besagten Büchern) durch eine einzigartige Sprache aus, klar, geschliffen ohne Ecken und Kanten.
      GLG Jürgen

  2. traurig aber wahr.
    die sogenannten „kleinen Buchhandlungen“ haben den Kampf gegen die Grossen (einschliesslich Amazon) aufgenommen und dabei auf die korrekte Waffenauswahl vergessen.
    Es verhält sich leider so, dass die „Kleinen“ ihr Angebot auf besagte Stapeltitel reduzieren – was dem Kunden auffällt und schlussendlich wieder einen grosse Kette besucht, da diese Buchhandlungen noch mehr Auswahl dieser Bestseller anbieten. (Wieso nicht zu Thalia stürmen, wenn die kleinen eh nur Thalia im Pocket-Format sein wollen)
    Die Perlen in Kleinauflage gibts wiederum bei beiden nicht.

  3. Ich stimme Ihnen in vielen Dingen zu, was Sie diskutiert haben, möchte Sie aber daran erinnern, dass es einer kleinen Buchhandlung, die Kleinauflagen von Perlen anbietet, ebenso ergeht, wie den Millionen Schriftstellern, die nicht an die Umsatzspitze gelangen – wie bei Malern und Musikern auch: Dieser Buchhändler müsste seine Passion, nämlich die Buchhandlung, nebenberuflich betreiben und in einem Brotjob sein Geld zum Leben verdienen. Bei einem Autor mag das funktionieren – bei einem Buchhändler mit Ladengeschäft schwerlich.

    Der kleine Buchhändler hat nicht die falschen „Waffen“ gewählt. Er hat keine „Schuld“. Schuld hat der Kunde. Der sogenannte König Kunde, der Geiz geil findet und der entweder arbeitslos ist, oder so wenig Geld verdient, dass er zwar bei Amazon den Bestseller bestellt, aber wenn er ihn gelesen hat, gleich wieder gebraucht an Amazon zurückgibt – oder bei Ebay verhökert.

    Wer daran Schuld hat, wissen wir … oder? Auf jeden Fall die Anderen!

    Heutzutage kommt auf jeden zweiten Leser fast ein Autor. Ja, ich weiß, nicht nur Bestsellerautoren schreiben Schrott, auch Hobbyautoren schreiben nicht nur Perlen. Aber es gibt immer mehr „gute Autoren“

    Wer findet die Perlen? Wer fördert die? Wer entscheidet nach Qualität? Wer macht die Rangfolge?

    Da die Menschen diese Fragen nicht mehr beantworten können, haben sie sich auf ein Entscheidungskriterium geeinigt: Geld.

    Für Geld werden ganze Ideologien, Staatsformen, Religionen und die komplette Umwelt verraten – nicht nur die Kultur – Kunst steht da ganz hinten an.

    Was machen wir nun damit? Anpassen, Aufgeben, Verraten? Nein! Natürlich nicht. Aber Patentlösungen sind nicht in Sicht.

    Den Markt überlisten – die Ignoranten überlisten. Wir schreiben die Bücher nicht nur, wir verlegen sie auch selbst, dann ist es auch konsequent, sie selbst zu verkaufen, eine eigene Buchhandlung zu betreiben. Nun müssen wir nur noch aufpassen, dass wir am Ende nicht auch noch alleine damit stehen, sie zu lesen, wenn kaum ein Anderer sie kauft.

    Ich sehe es so, dass unter dem Strich immer und immer wieder eine Ungerechtigkeit entscheidet, welcher Autor davon leben kann, Bücher zu produzieren. Einer von Tausend? Oder wie ist die Quote?

    Lieber Richard,
    ich schreibe das nun zufällig in Ihrem Blog. Ich sollte es in einem der anderen unzähligen Autorenblogs schreiben, die nur klagen, ohne etwas zu tun.

    Sie wird mein Pessimismus nicht entmutigen, obwohl Sie zu den Autoren gehören, die zwar noch nicht den ganz großen Durchbruch geschafft haben, aber Sie haben genug Ideen und Kraft, das „System“ zu überlisten. Wenn einer das schafft, dann sind Sie es! Aber eine „normale“ Buchhandlung wird Ihnen dabei vermutlich nicht viel helfen.

    Die größte Buchhandlung Hannovers mit 148 Angestellten hat vor 5 Jahren Konkurs angemeldet. Sie wurde „gerettet“, indem sie auf 122 Mitarbeiter reduziert an eine noch größere Buchhandlung Süddeutschlands verkauft wurde.

    Wenn sie nächstes Mal weitergereicht wird, hat sie bestimmt wieder andere Sorgen, als sich um Perlen zu kümmern.

    Ich war heute in unserem Supermarkt. „Edeka“ heißt die Kette hier in Norddeutschland. Solch ein Supermarkt hat nicht nur Essen und Trinken, dort gibt es auch Haushaltsgegenstände, Fahrradersatzteile und „Jubelelektronik“
    UND ein RIESIGES Angebot an „Mainstrem-Büchern“. So viele Regale hat keine unserer Buchhandlungen. Dieser Supermarkt macht nun erst einmal die letzen beiden kleinen Buchhandlungen hier im Vorort kaputt, die gehofft hatten, als Mini-Thalia zu überleben.

    Fragen Sie mal in Ihrem Supermarkt, ob Sie dort Ihre Bücher verkaufen können. Stellen Sie sich als Propagandist neben die junge Dame, die life Kartoffelpuffer brät oder besser neben den netten Herrn, der französichen Rotwein anbietet – das passt besser zur Literatur.

    Ich werde mal den Marktleiter fragen, ob ich (kostenlos!) in der Bücherecke Kunden beraten darf und auch Bücher mir bekannter Autoren verkaufen darf. 😉

    Gruß Heinrich

    1. Ja, ja, Heinrich, Sie haben natürlich Recht. Der Beitrag wurde in den dunklen Stunden des Zähneknirschens und Alleinseins geschrieben. Und immer gibt es zwei Seiten einer Medaille. War schon immer so. Wird immer so sein. Ich weiß das nur all zu gut.

      Bei der Frage, wer hat Schuld, beißt sich bekanntlich die Katze in den Schwanz. Genauso wie beim Thema „Niveau-Absenkung“. Das heißt: senke ich das Niveau, weil die Leutchen mit der Zeit niveauloser werden oder werden sie erst dadurch niveauloser, weil das Niveau gesenkt wurde und wird. Schwierige Frage.

      Man kann es sich als Verkäufer immer leicht machen und sagen: ich würde ja gerne Perlen verkaufen, aber die „Säue“ (pardon, aber so heißt dsa geflügelte Zitat) verschmähen sie.

      Das Grund-Dilemma ist, dass intelligente und kritische Köpfe quasi gezwungen werden, im Chor einzustimmen, um nicht verhungern zu müssen. Die Existenz-Angst ist das Damokles-Schwert, das jeden freiwillig ruhig stellt. Deshalb plädiere ich für das bedingungslose Grundeinkommen. Dann würden (wenigstens) diese Menschen ein Leben führen können, ohne von schlechten Träumen gepeinigt zu werden, nämlich mitzumachen, obwohl man eigentlich nicht möchte.

      Es ist ein böses Wort – und ich sollte es in einem Blog nicht verwenden – aber der Kapitalismus in seiner hässlichst Ausprägung ist dem Faschismus des Dritten Reiches sehr ähnlich und funktioniert analog: durch die ANGST!

      Und was hören wir jeden Tag? Nie wieder Faschismus! Und was haben wir? Einen „braunen Kapitalismus“. Würden wir es ernst gemeint haben, damals, nach dem Zweiten Weltkrieg, man hätte die Kinder kritisch erziehen müssen. Kritisch gegen die Obrigkeit, kritisch gegen eine Elite, die jetzt Manager heißen und den Karren gegen die Wand knallen lassen. Traurig, traurig.

      So weit muss es kommen, dass ein passionierter, pensionierter Techniker in einem Supermarkt die Leute höflich darauf aufmerksam macht, dass es auch noch Welt-Literatur oder wenigstens gute Literatur gibt, nicht nur Schund. Wenn man hier nicht zum Zyniker wird, tja, dann weiß ich auch nicht.

      Aber ich finde es toll, dass Sie sich nicht klein kriegen lassen, dass Sie noch so aktiv sind und die Hoffnung nicht aufgeben. Ich drücke uns beiden die Daumen, dass wir es schaffen. So oder so.

  4. Lieber Heinrich,

    ich weiss das und gebe Ihnen zum teil Recht.
    Allerdings: sowie ich mich weigere in meinem Verlag den Weg zu gehen, mainstream (Vampire, E-Mail Liebesbriefe oder 1001 Fälle irgendeines Detektivs) zu publizieren, ganauso würde ich einen kleinen feinen Bucladen führen.
    Auch die Idee hatte ich (vor Verlagsgründung)
    Buchhandlung mit ein wenig Maisntream (ich sag mal die Top20) – erweitert auf Antiquariat, mit Café und …
    … guter Beratung zu Literatur – guten Dialogen – was sich herumspricht und ein nettes klientel erzeugt, das einen nicht reich werden lässt, aber ermöglicht, bescheiden im Umfeld von Büchern alt zu werden.
    Lieber Heinrich, denke ich da zu naiv?
    Liebe Grüsse
    Jürgen – SEPTIME VERLAG

    1. Das ist ja heutzutage die Krux an der Sache: man würde sich ja so gerne begnügen, mit Wenigem, wenn es denn nur fürs Leben reichen würd – aber wie heißt es bei uns in Wien so schön:

      Zum Leben z’wenig, zum Sterben z’vü.

      Ich denke, eine Buchhandlung alleine, kann auf Dauer nicht mehr existieren, aber wenn man sie zu einem sozialen Umschlagplatz macht, zu einem Treffpunkt, dann könnte es funktionieren. Mit anderen Worten: zuerst das Kaffeehaus, dann die Buchhandlung, nicht umgekehrt!

    2. Lieber Jürgen,
      nein, Sie denken keinesfalls naiv! Wichtig ist, dass Ihre Ideen, Richards Ideen und Ziele von den Konsumenten erkannt und getragen werden. Zufällig sehe ich gerade in einem Blog einen Beitrag, in dem das „Problem“ auch beschrieben und nun endlich, bzw wiederholt der „Schuldige“ gefunden wird.
      http://bit.ly/gsYFWe
      Aber egal, ob der Mensch als Konsument, Manager, Politiker oder Geistlicher auftritt – er verfolgt immer nur SEINE Ziele, will seinen Egoismus befriedigen. Darum müssen Menschen, die etwas „Besonderes“ verkaufen wollen, es den anderen Menschen als Konsumenten schmackhaft machen – es muss modern sein, oder IN, oder Schönheit, weniger Kilos und ein langes Leben versprechen.

      Ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass JEDER, der ein Tiret-Buch gekauft hat, einen unverhofften Glücksfall erlebt hat. Die einen hatten einen Lottogewinn, andere haben ihren Traumpartner gefunden oder eine neue Arbeitsstelle, wo es für wenig Arbeit viel Geld gibt….
      (Mit Schwarzkopf oder Erik funktioniert das auch!)
      Von außergewöhnlich großer Freude werden Menschen überrascht, die sich dem Club der 99 anschließen. Millionen werden später neidisch sein, dass es nur 99 Plätze gibt!
      Aber bitte nicht weitersagen, solche Geheimnisse soll ja nun nicht jeder kennen, sonst ist das ja keine elitäre Sache mehr. 😉

      Gruß Heinrich

      1. Richard,
        die Idee mit dem Cafe und der Buchhandlung ist sehr gut!

        Wir haben hier im Ort ein „alternatives Kino“ mit Cafe, in dem ganz besondere, künstlerisch wertvolle Filme gezeigt werden. Wenn man dort auch Bücher (Perlen) anbieten würde, hätte man schon das richtige Publikum vor Ort.

        Wenn nur dieser dämliche Futterneid nicht wäre. Ich wollte neulich einer Autorin einen Leseabend in einer Galerie vermitteln. Der Galeriechef hat abgelehnt, weil er selbst Musikabende organisiert und Angst hatte, dass die vorhandene, kulturell interessierte „Masse“ nicht zur Lesung UND zum Musikabend kommt. Oh weih!

        Gruß Heinrich

  5. Richard, das wird schon. Ich denke, die Erfolgsmeldungen bei deinen Büchern überwiegen solche trüben Stunden bei Weitem. Danke aber für die interessanten Blogbeiträge und die Diskussionen – ich lerne immer viel dazu.

    Jürgen, so eine kleine Buchhandlung war immer mein persönlicher Traum. Hach ja.

    1. „Eine kleine Buchhandlung in Amman“ klingt nach einem literarischen Titel, den man sich merken sollte, Susanne.

      Gerade in deinem Blog gesehen, dass du dich ja auch mit dem Thema Buchhandlungen beschäftigt hast: http://rheinsberg.wordpress.com/2010/08/07/drei-nachrufe-und-eine-witzige-idee/

      Oha. Es gibt Erfolgsmeldungen? Hört, hört? Nein, im Ernst, ich denke, man geht seinen Weg und das ist es auch schon. Und manchmal, wenn man Glück hat, trifft man auf seinem Weg bezaubernde Menschen, wie dich und Jürgen und Heinrich und Wibke und Petra und Carsten und und und … das entschädigt am Ende dann doch für Vieles 🙂

    2. meiner auch, und der Traum ist noch nicht ausgeträumt.
      Wenn alles klappt, und drückt mir da die Daumen, dann möchte ich vorne eine kleine Buchhandlung mit 4 Tischchen und hinten den Verlag mit Büro und Lager.
      das ist ein bescheidenes Ziel mit dem ich vermutlich meinen Frieden finden würde.
      Leider ist es da noch weit hin – mein Job macht mich halbwegs glücklich (hat nichts mit Büchern zu tun) und ernährt mich und den Verlag.
      Wenn der verlag nur halbwegs läuft würd ich es wagen.

  6. Richard, nein, für Amman wäre dieser Traum nichts. Den habe ich hübsch eingerahmt bei meinen eingelagerten Sachen gelassen 😉 – Buchhandlungen interessieren mich halt aus Prinzip.
    Im Moment gehöre ich zu den Irren, die beim NaNoWriMo mitmachen, und da hatten wir hier vor Ort ein Treffen verabredet in einem Internet-Cafe, das über einer Buchhandlung liegt. Ich fand den Ort total genial, ihr könnt ja mal gucken:
    http://www.booksatcafe.com/

    1. Scheiße, ist das geil. Ich sag das nur selten, wirklich, eigentlich so gut wie nie, aber bei diesem book@cafe fällt mir nichts Besseres ein. Ist ja grenzgenial. Siehst du, Susanne, deshalb ist es so wichtig, dass man sich austauscht. Ich hätte gemeint, in Jordanien, in Amman, da gäb’s viel Sand, viel Sonne, viel Althergebrachtes, aber ich hätte niemals, niemals mit einem top durchdesigntem Kaffeehaus samt Buchhandlung gerechnet. Schon alleine die Webseite gibt was her, da können sich unsere allesamt verstecken.

      Sag mal, was kostet ein kleiner Espresso bei euch. Und was würde so ein Zimmer kosten, wenn man in der Gegend nächtigen möchte – kein Luxus, einfach ein simples Gästezimmer. Huh.

      1. Etwas Einfaches kriegst du eventuell ab 10 Dinar. Ein Dinar ist etwas mehr als 1 Euro. Aber auch die preiswerten Varianten haben TV und Bad.
        Kaffee – hier eher türkischer als Espresso, wobei in dem schicken Cafe gabs wohl auch den, ich hatte einen Schokoshake, der kostete glaube ich 3 Dinar. Die Preise für Essen und Trinken richten sich unglaublich nach der Location – am Straßenrand gibt es den Kaffee für ca. 0,5 Dinar, anderswo kannst du sicher auch 4 oder 5 zahlen.

        Amman ist sicher eine Reise wert – und sehr überraschend. Vielleicht muss ich doch irgendwo einen Photoblog hintun….

      2. Huh. Ein Shokoshake für 3 Dinar? Ist das nicht teuer für jordanische Verhältnisse? Ich hab aber keine Ahnung, was dort der Durchschnittsverdienst ist.

        Yep. Irgendwie reizt es mich, fremde Kulturen kennen zu lernen, wenn es jemanden gibt, der einen dabei behilflich ist 🙂 Vielleicht heißt ja dann das nächste Buch „Reise nach Amman“

      3. Sagen wir mal so, jeden Tag leiste ich mir das bestimmt nicht. Aber es war ein großes Glas ;-). Wasser, 0,5, 1 Dinar, ein nettes kleines Essen (Chicken nuggets), 6 Dinar. Das sind eher Preise für Touristen und Oberschicht.
        In kleinen Straßenrestaurants bekommt man ein lecker gegrilltes Hähnchen (die sind hier wirklich gut) mit Beilagen für ca. 2-3 Dinar. Generell sind Lebensmittel hier teuer – wenn ich so ein Hähnchen selbst kaufe und zubereite, komme ich kaum billiger weg.

  7. Ich komme erst jetzt dazu mich mal zu Wort zu melden. Ich glaube, generell ist es genauso unfair, alles was Publikumsverlage zu machen zu verteufeln. Ja, ich bin bei einem Publikumsverlag veröffentlicht, aber dort wurde immer Wert auf Qualität gelegt. Dass es schlechte Beispiele gibt, keine Frage, aber die gibt es in Klein- und Selbstverlagen weiß Gott auch. Und Autoren, die in hohen Auflagen veröffentlicht werden, auch wenn man womöglich ihre Werke nicht gut findet, haben ihre Berechtigung, denn der Markt bekommt, was der Markt verlangt. Und die kleinen Buchhändler, die ums überleben kämpfen, müssen eben auch die Bestseller im Sortiment haben. Und was das Sortiment angeht, muss ich das Tiempo in Schutz nehmen, das ist ein durchwegs handverlesenes und nicht nur im Mainstream angesiedeltes Sortiment. Dennoch muss es auf Verkauf ausgelegt sein. Verkauf ist ein Resultat von den Maschinerien, die Publikumsverlage eben haben, die PR von Random House kann kein Kleinverlag oder Eigenverlag aufbringen.
    Wo man ansetzen müsste, ist, in großen Lektoraten mehr Mut zu beweisen. Aber da wir nicht in einer idealen Welt, sondern in einer Marktwirtschaft leben, wird alles bleiben wie es ist.

    lg Claudia

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