richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

ein falscher Hase und eine Reise nach Amstetten

Als ich am Sonntag auf der Comic- und Filmbörse meine Bücher präsentierte, sozusagen feil bot, wurde ich wieder überrascht. Immer, wenn man sich darauf einlässt, wenn man einen Schritt aus seinem geschützten Bereich heraus macht, kann einem so etwas passieren. Muss nicht. Aber die Wahrscheinlichkeit steigt. Natürlich. Heute reise ich noch nach Amstetten, eine Kleinstadt irgendwo im Westen Österreichs, zwischen Linz und St. Pölten gelegen. Dort gibt es eine Handelsakademie, wo ich aus Schwarzkopf lesen und aus dem verlegerischen Nähkästchen plaudern werde. Liebend gerne hätte ich natürlich aus den Tiret-Bänden zitiert, aber das war nicht so sehr gewünscht. Verständlich. Wer will sich mit diesem scheinbar verworrenen vorrevolutionären Damals abgeben? Ist heute nicht alles anders?

Gestern in einer dieser mieselsüchtigen alles hinterfragenden Stimmung gewesen. Solche Phasen gibt es, muss es vielleicht auch geben. Weil man für eine Zeit stehen bleibt und sich wundert, warum alles so schnell geht. Wer sich im weltweiten Netz herumtreibt, Postings und Kommentare verfasst, einen Blog schreibt, seine Webseite regelmäßig aktualisiert, der bemerkt dieses Rasen, dieses Hetzen. Als würden wir wie die Windhunde einem falschen Hasen nachlaufen oder – vielleicht nicht mehr ganz passend: wie der Esel, der einer Karotte hinterher trippelt und dabei einen schwer beladenen Karren zieht. Die Schnell-Lebigkeit führt sich alsbald ad absurdum. Gewiss. Weil es ja kein Ziel gibt,  nur einen falschen Hasen. Du kannst also so schnell laufen wie du magst, du wirst nicht erreichen, wonach du dich so sehnst – besser: wonach du sehnend gemacht wirst.

Erst vor wenigen Tagen mit iX. lange im Café geplaudert. Sie ist in meinem Alter. Ihre biologische Uhr tickt (sagt sie!), sie möchte noch ein Kind, aber die Männer, die sie bis jetzt getroffen hat, wollen davon nichts wissen. Vier Jahre lang hat sie eine Beziehung gelebt, in der Hoffnung, dass ER sich doch noch für ein Kind entscheidet. „Verfluchte Hoffnung“, lautete einst mein kurzes Poem – und in Azadeh habe ich es literarisch auf den Punkt gebracht. Ja, diese „verfluchte Hoffnung“, sie treibt uns an, aber lässt uns auch allein zurück. Warum fällt mir das jetzt ein? Weil es zeigt, worum es geht. Wirklich geht. Um das Reale, um das Physische, um das Echte. Aber immer mehr driften wir ab, in virtuelle Welten und erträumen uns ein Leben, das es in der Wirklichkeit nicht gibt. Wir gestalten Profile, zeigen uns im besten Licht und gieren nach Aufmerksamkeit. Wir agieren wie Unternehmer, nicht mehr wie Menschen. Wer einen Blog hat, bemerkt bald, dass er mit den üblichen banalen Versatzstücken mehr Leser anspricht, als mit wichtigen Fragen (die Antworten muss jeder selber finden). Der Blogger, der anfänglich nur schreibt, weil es die Möglichkeit gibt, zu schreiben, wird früher oder später nicht nur Redakteur oder Journalist, sondern auch Herausgeber und Chefredakteur, Pressesprecher und Marketing-Leiter. Es entsteht eine Diskrepanz – wie sie auch im wirklichen Unternehmens-Alltag auftaucht: der Journalist hat qualitative/literarische Maßstäbe, der Herausgeber will die Auflage erhöhen und der Marketing-Leiter will am Werbekuchen großer Unternehmen mitnaschen. Man kann diesen Spagat nicht machen. Unmöglich? Unmöglich! Wer es versucht, wird es bald bemerken. Ja, da gäb’s viel zu sagen, viel zu schreiben. Period!

FB. hat mir nun die Druckfahne zu MADELEINE durchgesehen und kleinere Korrekturen angemerkt. Die nächsten Tage werde ich mich also ins Jahr 1789 zurückziehen und einen endgültigen Punkt zum Band III machen. Jedenfalls, was den Text betrifft. Wann das Buch gedruckt wird, hängt ja von der Mitgliederzahl im Club der 99 ab. Bis dato haben mir vierzig Leute das Vertrauen ausgesprochen, rund zehn wollen ebenfalls mitmachen, haben aber die Münzen noch nicht auf den Tisch gelegt. Die Hälfte ist also erreicht. Auch nicht schlecht.

 

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