Eine eigentümliche Selbstverliebtheit am Podium

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Vor wenigen Tagen war ich eingeladen, in der Handelsakademie Amstetten (NÖ), kurz aus der Krimicomedy Schwarzkopf zu lesen und dann aus dem verlegerischen Nähkästchen zu plaudern. Freilich, der Autor sollte auch nicht zu kurz kommen. Über zwei Stunden saß ich also am Podium und erzählte über musische Götter und teuflische Gewinnspannen. Ich bin mir nicht sicher, was sich die Frau Direktor gedacht hat – wobei, sie machte auf mich einen offenen, beinahe jugendlichen Eindruck. Ja, ich darf sagen, dass sie mir gefiel. Immerhin wusste sie, dass es bereits spezielle Druckanlagen gibt, die auf Knopfdruck ein Buch ausspucken und die bereits in US-Universitäten zu finden sind. Ich gehe mal davon aus, dass wir es hier mit der Zukunft des gedruckten Buches zu tun haben. Aber davon später einmal mehr.

Wenn man so über sich und seine Werke erzählt, bemerkt man diese eigentümliche Selbstverliebtheit. Hin und wieder musste ich kurz inne halten, musste ich mir gewahr werden, dass ich keine großen Erfolge (definiere: E-R-F-O-L-G) aufzuweisen habe. Eine der Schülergruppen der Matura-Klasse (sie luden mich ein) hatte sich das Thema „Lesen“ vorgenommen und dahingehend Umfragen und Statistiken in ihrem näheren Umfeld gemacht. Anfang des nächsten Jahres stellen sie ihr „paper“ vor. Unter der Hand gesagt, dürften sie zum Schluss kommen, dass die jungen Leutchen immer weniger lesen. Aha. Das deckt sich ja dann auch wieder mit der PISA-Studie. Damit sind wir auch schon beim Thema: die Verlage, der Buchhandel, die Autoren, die Lektoren – allesamt zerbrechen sie sich den Kopf, wie die Zukunft des Buches aussehen mag. Elektronisch? On demand? Recycling-Papier? Derweil sollten sie sich allesamt eine andere Frage stellen: Wer liest in Zukunft überhaupt noch?

Gewiss. Es wird immer Menschen geben, die lesen – besser: die ein Buch aufschlagen werden. Bei mir hat es auch lange gedauert, bis ich in ein Buch kippte. Es hat mich so fasziniert, dass ich selbst zu schreiben begonnen habe. Es war somit einer der Auslöser. Ein anderer war das Fernsehen, das TV. Ich habe noch irgendwo das Heft herumliegen, in dem ich damals einen alten Western nacherzählen musste. Und die Ferien, im Sommer, irgendwo in der ländlichen Einöde, verbrachte ich mit einem Bleistift, einem Spitzer, einem Radiergummi und einem Heft. Ich denke, es war die purste Form, meiner überquellenden  Phantasie Ausdruck und Gestalt zu geben. Über die Grammatik- und Rechtschreibfehler wollen wir einmal hinwegsehen, ja? Gut möglich, dass mich auch nur die Langeweile zum Schreiben brachte. Was hatte ein Kinder der frühen 80er schon für Möglichkeiten, sich abzulenken? Eben.

Lesen! Ich habe auch mit Lehrern, die viele Jahre an einer landwirtschaftlichen Schule unterrichten, lange gesprochen. Sie nickten und meinten, dass das Niveau der Schüler mit den Jahren abgenommen habe und wir können davon ausgehen, dass es weiterhin abnehmen wird. Auf der Gegenseite wurde vermutlich noch nie so viel geschrieben wie heute. Warum? Weil jeder die (technischen) Möglichkeiten hat, seine Ideen und Geschichten auf „Papier“ zu bringen und (noch wichtiger) dieses „Papier“ einer – mehr oder weniger – breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Während man also früher mit dem Original oder einer Abschrift seines Werkes versucht hat, wichtige Menschen von der Qualität zu überzeugen, kann man nun tausende „Originale“ verschicken. Ohne Mühen. Ohne Kosten. Diese tragen dann jene, die sich mit den vielen verschiedenen Manuskripten auseinandersetzen müssen – sei es Verleger, Lektoren, Literaturkritiker oder Buchhändler. Wenn ich mich recht entsinne, so war es Dostojewski, der sein erstes Manuskript einem wichtigen Schriftsteller in der Stadt zukommen ließ. Noch Mitten in der Nacht klopfte dieser an seine Tür, weil er von der Schreibe so begeistert war und den Verfasser persönlich kennen lernen wollte. Kann man sich das heutzutage vorstellen? Besser nicht.

Wenn man der Statistik trauen darf, dann liest der durchschnittliche deutschsprachige Bürger zwischen 9 und 10 Bücher im Jahr. Wenn wir mal sagen, es gäbe 100 Millionen deutschsprachige Bürger, dann würde es bedeuten, dass pro Jahr 1 Milliarde Bücher gelesen werden. Das ist eine erstaunliche Zahl. Aber noch erstaunlicher ist, dass man als Kleinverleger Mühe hat, eine Auflage von 1000 Stück zu verkaufen. Man darf sich also fragen: was sind das für Bücher, die da gelesen werden? Und warum werden sie gelesen? Und wer verdient mit diesen das große Geld?

Geld! Ach ja. Der schnöde Mammon. Ohne dieses Schmiermittel bleibt jede kreative oder künstlerische Höchstleistung irgendwann stecken, im Schlamm der Existenz- und Zukunftsängste. Aber mutet es nicht merkwürdig an, dass ein Mensch eine Geschichte erfindet, sie ausformuliert und dass es dann einen potenten Wirtschaftszweig gibt, der diese ausformulierte Geschichte industriell verfertigt und absetzt? Und wenn man weiters bedenkt, dass der Erfinder, also der Autor, dem wir alles zu verdanken haben, keine 10 % vom Verkaufspreis bekommt, dann sollte uns das doch irgendwie nachdenklich machen. Verhält es sich nicht in anderen Bereichen ähnlich? In der Landwirtschaft, wo die Bauern für ihr Fleisch, für ihre Milch, für ihr Getreide usw. ein paar Münzen bekommen, während der Rest in Vertrieb und Marketing und Verkauf und Profit gesteckt wird. Oder die Ausbeutung gewinnbringender Ressourcen in verarmten Ländern (die natürlich mit Absicht arm gehalten werden). Das Wirtschaftssystem, in dem wir leben, schert sich nicht um Ausgewogenheit. Jeder muss sehen, wie er an sein Kuchenstück kommt. Alles ist erlaubt, so lange es Erfolg hat. Das war früher nicht anders. Vielleicht sogar brutaler, blutrünstiger. Heute sind wir zivilisiert. Aber der Mechanismus bleibt gleich: der Stärkere, der Potentere, der Lautere sackt den größten Teil ein, übrig bleiben die Schwachen, die Impotenten, die Leisen, die sich um die Krümel raufen müssen.

Als ich in jungen Jahren von der Schriftstellerei träumte, noch auf meiner mechanischen Schreibmaschine (Adler) tippte und sie alle vor mir sah, die großen Dichter und Denker, da wusste ich noch nicht, dass ich mich später einmal im kaufmännischen Raufhandel beweisen werde müssen. Eigentlich möchte ich nicht mitmachen. Aber, hey, ich bin ja bereits mittendrin. Mal schauen, welchen meiner Vordermänner ich jetzt den Ellbogen in die Seite rammen kann. Das finden Sie jetzt nicht nett? Haha. Ich denke, es wird Zeit, dass Sie aufwachen. Wirklich. Anders gesagt: wir sitzen allesamt in einem Auto, dass auf eine Wand zurast und diskutieren lang und breit, wer wo Platz nehmen darf/soll/muss. Faits vos jeux – Fortsetzung folgt.

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