richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Eine eigentümliche Selbstverliebtheit am Podium

TIPP: um längere Artikel augenschonend und ohne Werbung zu lesen, verwende man am besten Readability! Sehr zu empfehlen.

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Vor wenigen Tagen war ich eingeladen, in der Handelsakademie Amstetten (NÖ), kurz aus der Krimicomedy Schwarzkopf zu lesen und dann aus dem verlegerischen Nähkästchen zu plaudern. Freilich, der Autor sollte auch nicht zu kurz kommen. Über zwei Stunden saß ich also am Podium und erzählte über musische Götter und teuflische Gewinnspannen. Ich bin mir nicht sicher, was sich die Frau Direktor gedacht hat – wobei, sie machte auf mich einen offenen, beinahe jugendlichen Eindruck. Ja, ich darf sagen, dass sie mir gefiel. Immerhin wusste sie, dass es bereits spezielle Druckanlagen gibt, die auf Knopfdruck ein Buch ausspucken und die bereits in US-Universitäten zu finden sind. Ich gehe mal davon aus, dass wir es hier mit der Zukunft des gedruckten Buches zu tun haben. Aber davon später einmal mehr.

Wenn man so über sich und seine Werke erzählt, bemerkt man diese eigentümliche Selbstverliebtheit. Hin und wieder musste ich kurz inne halten, musste ich mir gewahr werden, dass ich keine großen Erfolge (definiere: E-R-F-O-L-G) aufzuweisen habe. Eine der Schülergruppen der Matura-Klasse (sie luden mich ein) hatte sich das Thema „Lesen“ vorgenommen und dahingehend Umfragen und Statistiken in ihrem näheren Umfeld gemacht. Anfang des nächsten Jahres stellen sie ihr „paper“ vor. Unter der Hand gesagt, dürften sie zum Schluss kommen, dass die jungen Leutchen immer weniger lesen. Aha. Das deckt sich ja dann auch wieder mit der PISA-Studie. Damit sind wir auch schon beim Thema: die Verlage, der Buchhandel, die Autoren, die Lektoren – allesamt zerbrechen sie sich den Kopf, wie die Zukunft des Buches aussehen mag. Elektronisch? On demand? Recycling-Papier? Derweil sollten sie sich allesamt eine andere Frage stellen: Wer liest in Zukunft überhaupt noch?

Gewiss. Es wird immer Menschen geben, die lesen – besser: die ein Buch aufschlagen werden. Bei mir hat es auch lange gedauert, bis ich in ein Buch kippte. Es hat mich so fasziniert, dass ich selbst zu schreiben begonnen habe. Es war somit einer der Auslöser. Ein anderer war das Fernsehen, das TV. Ich habe noch irgendwo das Heft herumliegen, in dem ich damals einen alten Western nacherzählen musste. Und die Ferien, im Sommer, irgendwo in der ländlichen Einöde, verbrachte ich mit einem Bleistift, einem Spitzer, einem Radiergummi und einem Heft. Ich denke, es war die purste Form, meiner überquellenden  Phantasie Ausdruck und Gestalt zu geben. Über die Grammatik- und Rechtschreibfehler wollen wir einmal hinwegsehen, ja? Gut möglich, dass mich auch nur die Langeweile zum Schreiben brachte. Was hatte ein Kinder der frühen 80er schon für Möglichkeiten, sich abzulenken? Eben.

Lesen! Ich habe auch mit Lehrern, die viele Jahre an einer landwirtschaftlichen Schule unterrichten, lange gesprochen. Sie nickten und meinten, dass das Niveau der Schüler mit den Jahren abgenommen habe und wir können davon ausgehen, dass es weiterhin abnehmen wird. Auf der Gegenseite wurde vermutlich noch nie so viel geschrieben wie heute. Warum? Weil jeder die (technischen) Möglichkeiten hat, seine Ideen und Geschichten auf „Papier“ zu bringen und (noch wichtiger) dieses „Papier“ einer – mehr oder weniger – breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Während man also früher mit dem Original oder einer Abschrift seines Werkes versucht hat, wichtige Menschen von der Qualität zu überzeugen, kann man nun tausende „Originale“ verschicken. Ohne Mühen. Ohne Kosten. Diese tragen dann jene, die sich mit den vielen verschiedenen Manuskripten auseinandersetzen müssen – sei es Verleger, Lektoren, Literaturkritiker oder Buchhändler. Wenn ich mich recht entsinne, so war es Dostojewski, der sein erstes Manuskript einem wichtigen Schriftsteller in der Stadt zukommen ließ. Noch Mitten in der Nacht klopfte dieser an seine Tür, weil er von der Schreibe so begeistert war und den Verfasser persönlich kennen lernen wollte. Kann man sich das heutzutage vorstellen? Besser nicht.

Wenn man der Statistik trauen darf, dann liest der durchschnittliche deutschsprachige Bürger zwischen 9 und 10 Bücher im Jahr. Wenn wir mal sagen, es gäbe 100 Millionen deutschsprachige Bürger, dann würde es bedeuten, dass pro Jahr 1 Milliarde Bücher gelesen werden. Das ist eine erstaunliche Zahl. Aber noch erstaunlicher ist, dass man als Kleinverleger Mühe hat, eine Auflage von 1000 Stück zu verkaufen. Man darf sich also fragen: was sind das für Bücher, die da gelesen werden? Und warum werden sie gelesen? Und wer verdient mit diesen das große Geld?

Geld! Ach ja. Der schnöde Mammon. Ohne dieses Schmiermittel bleibt jede kreative oder künstlerische Höchstleistung irgendwann stecken, im Schlamm der Existenz- und Zukunftsängste. Aber mutet es nicht merkwürdig an, dass ein Mensch eine Geschichte erfindet, sie ausformuliert und dass es dann einen potenten Wirtschaftszweig gibt, der diese ausformulierte Geschichte industriell verfertigt und absetzt? Und wenn man weiters bedenkt, dass der Erfinder, also der Autor, dem wir alles zu verdanken haben, keine 10 % vom Verkaufspreis bekommt, dann sollte uns das doch irgendwie nachdenklich machen. Verhält es sich nicht in anderen Bereichen ähnlich? In der Landwirtschaft, wo die Bauern für ihr Fleisch, für ihre Milch, für ihr Getreide usw. ein paar Münzen bekommen, während der Rest in Vertrieb und Marketing und Verkauf und Profit gesteckt wird. Oder die Ausbeutung gewinnbringender Ressourcen in verarmten Ländern (die natürlich mit Absicht arm gehalten werden). Das Wirtschaftssystem, in dem wir leben, schert sich nicht um Ausgewogenheit. Jeder muss sehen, wie er an sein Kuchenstück kommt. Alles ist erlaubt, so lange es Erfolg hat. Das war früher nicht anders. Vielleicht sogar brutaler, blutrünstiger. Heute sind wir zivilisiert. Aber der Mechanismus bleibt gleich: der Stärkere, der Potentere, der Lautere sackt den größten Teil ein, übrig bleiben die Schwachen, die Impotenten, die Leisen, die sich um die Krümel raufen müssen.

Als ich in jungen Jahren von der Schriftstellerei träumte, noch auf meiner mechanischen Schreibmaschine (Adler) tippte und sie alle vor mir sah, die großen Dichter und Denker, da wusste ich noch nicht, dass ich mich später einmal im kaufmännischen Raufhandel beweisen werde müssen. Eigentlich möchte ich nicht mitmachen. Aber, hey, ich bin ja bereits mittendrin. Mal schauen, welchen meiner Vordermänner ich jetzt den Ellbogen in die Seite rammen kann. Das finden Sie jetzt nicht nett? Haha. Ich denke, es wird Zeit, dass Sie aufwachen. Wirklich. Anders gesagt: wir sitzen allesamt in einem Auto, dass auf eine Wand zurast und diskutieren lang und breit, wer wo Platz nehmen darf/soll/muss. Faits vos jeux – Fortsetzung folgt.

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10 Antworten zu “Eine eigentümliche Selbstverliebtheit am Podium

  1. Petra Donnerstag, 9 Dezember, 2010 um 18:43

    Erst mal Applaus, feiner Beitrag!
    Dann eine provokante Frage: Ist es wirklich der Beruf von Autoren, Bücher zu schreiben?

    Ich behaupte mal ganz frech: Nein. Autoren erzählen Geschichten. Das machen Menschen weltweit, seit sie Sprache haben – und groß ist der Hunger der Nichterzählenden nach guten Geschichten. Dass man die linear in einem Ding namens Buch festhält, ist eigentlich eine ziemlich neue Erfindung.

    Was wäre passiert, wenn man dem Steinzeiterzähler gesagt hätte: „Du, pass mal auf mit deinem primitiven Lagerfeuer, irgendwann ritzen Typen wie du in Ton!“ Wäre der auf die Idee gekommen, die Menschen seien eines Tages durch den Kulturwandel nicht mehr in der Lage, beim Fleischgrillen zu erzählen?

    Ich glaube, auch unser Kulturpessimismus ist menschheitsgeschichtlich eine sehr neue Erfindung. Und das in Zeiten, wo für jeden verlorenen Leser in Europa ein neuer in Asien nachwächst. Was würde passieren, wenn wir Autoren uns wieder als Geschichtenerzähler begriffen – egal in welchen Formen? Stichwort transmediales Erzählen… Was, wenn sich durch einen globalen Zugang in den Buchmarkt, wie er derzeit entsteht, auch hier neue Erzählmöglichkeiten entstünden (natürlich auch zur Freude der Übersetzer)?

    Ich fürchte, im deutschsprachigen Raum sind wir einfach viel zu träge. Ich sehe hier in Frankreich, dem Land der Comic-Kultur, wie Kids gerade durch Comics zu Büchern und Kunst kommen. Es gibt computerspielnahe „enhanced ebooks“. Bücher sind etws Schönes. Aber ich finde, da geht noch mehr – auch bei den Autoren.

    Es ist nämlich so: Noch nie in der Geschichte haben so viele Menschen auf dieser Welt lesen und schreiben gelernt. Noch nie zuvor haben sich so viele Menschen schreibend und lesend und kommunizierend die Zeit vertrieben – im Internet. Das Internet ist trotz aller Bildchen und Videos immer noch ein Schriftmedium. Ich finde es erstaunlich, welche Mengen Text sich da manche täglich reinziehen!

  2. Richard K. Breuer Freitag, 10 Dezember, 2010 um 11:03

    Stimmt, Petra, am Ende geht es nur um eines: eine gute Geschichte.

    Als ich mich vor Ewigkeiten mal bei der NYU bewarb, weil ich Regie machen wollte (ich hab’s dann doch nicht getan), da schrieben sie, dass es auf drei Dinge ankommt, die einen guten Film ausmachen:

    1.Story
    2.Story
    3.Story

    Tja. Ich schätze, die wussten und wissen, worum es geht.

    Ja, wir Kreativen, wir Künstler, wir Autoren, wir Journalisten, uns sollte es eigentlich egal sein, wie die Leutchen zum Lesen und zu unseren Geschichten/Artikeln kommen. Hauptsache, der Funke springt über.

  3. Manu Freitag, 10 Dezember, 2010 um 11:11

    Ich muss Petra ebenfalls zustimmen. Ich finde diese Jammerei über Niveauverlust und Lesemuffel überflüssig. Ja, vermutlich lesen Kinder heute nicht mehr so viele Bücher wie früher (wobei da auch die Frage ist, welches früher da der Maßstab sein soll) – dafür hacken heute 16-Jährige Weltunternehmen. Das kann man jetzt gut finden oder nicht – es zeigt zumindest, dass die Jugend nicht komplett verblödet ist, sondern durchaus in der Lage ist, selbst zu denken und sich selbst Dinge beizubringen.
    [Ich kenn eine ähnliche Diskussion auch bei mir aus der Kartographie. Da beschwert man sich, dass die Leute keine Karten mehr lesen können. Ja und? Dafür können sie Navigationsgeräte bedienen und sich aus verschiedensten Quellen die besten Tipps für die Reise nach xy heraussuchen – und sind danach in der Lage, ihre Fotos interaktiv aufzubereiten und der Welt zur Verfügung zu stellen. Ist doch auch nicht schlecht. Kompetenzen kommen und gehen…]

    • Richard K. Breuer Freitag, 10 Dezember, 2010 um 11:26

      Meine liebe Manu, es geht nicht um „Jammerei“, sondern darum, Probleme und Gefahren aufzuzeigen. Wenn du dich in deinem universitären bzw. in deinem gebildeten privaten Umfeld umschaust, wirst du natürlich keine Anzeichen eines Niveau-Verlustes wahrnehmen. Aber guck dir doch mal die weniger gebildete „Klasse“ an und um die geht es ja.

      Ich kenne VolksschullehrerInnen, denen ein Maulkorb umgehängt wird, die (offiziell) nicht sagen dürfen, wie es um die Schüler und deren Leistungen und sozialen Kompetenzen bestellt ist.

      Ich halte natürlich nichts von Bashing oder einer grenzenlosen Jammerei, aber die Augen verschließen und so zu tun, als wäre alles in Ordnung (bzw. man setzt auf die Selbst-Heilung des Systems), also, nein, das geht nicht.

      • manu Freitag, 10 Dezember, 2010 um 12:27

        Dass nicht alles super ist, ist klar. Und ja, es sollte möglich sein, dass man über die Schwachstellen im System diskutiert. Das sehe ich aber hier nicht – sondern nur eine düstere „we are all doomed“-Vision. Oder was soll dieses „wir sitzen allesamt in einem Auto, dass auf eine Wand zurast“ anderes bedeuten?

      • Richard K. Breuer Freitag, 10 Dezember, 2010 um 12:45

        Diese „Auto-Wand“-Metapher ist nicht von mir, ich hab’s mal in einer Doku aufgeschnappt und es hat mir sehr gefallen.

        Du glaubst also nicht, dass wir „all doomed“ sind? Aha. Worauf fußt sich diese hübsche Annahme? Du glaubst also, dass die Leutchen mit einmal vernünftig werden, dass sie „Schwachstellen im System“ erkennen und ausbessern, zum Wohle der Menschheit? Hm.

        Ich glaube, wir zwei sollten hier besser aufhören zu „diskutieren“. Zum Wohle unserer Beziehung. Vielleicht schreib ich noch einen Blog-Beitrag, um meine Sicht der Dinge klar zu legen.

      • manu Freitag, 10 Dezember, 2010 um 12:51

        Und übrigens: Auch an Universitäten jammern viele ProfessorInnen über Niveauverlust der Studierenden. Aber das ist halt eine Ansichts- und Definitionssache. Man kann sich ja auch fragen, was man ändern könnte, um die Leute besser dort abzuholen, wo sie mit ihren derzeitigen Kompetenzen stehen.

      • manu Freitag, 10 Dezember, 2010 um 13:08

        Ich weiß nicht, was an der Menschheit jetzt so viel schlechter sein soll als in den Generationen zuvor. Ja, wir werden alle sterben. Jeder zu seiner Zeit. Das lässt mich aber (evtl. aufgrund meines jugendlichen Leichtsinns) nicht in Pessimismus verfallen. Und ich hoffe, dass es möglichst vielen Menschen ebenso geht. Es geht ja nicht um magische Selbst-Heilung des Systems, sondern um Menschen, die einen Unterschied machen. Und ich denke durchaus, dass es die gibt.

  4. Petra Samstag, 11 Dezember, 2010 um 11:36

    Richard, du hast Recht und doch liegt das Problem möglicherweise woanders. Ja, das Bildungssystem vieler Länder wäre zu verbessern und woanders nicht kaputt zu sparen.

    Trotzdem sieht es historisch betrachtet so aus, dass immer mehr Menschen lesen und schreiben, die früher keinen Zugang hatten: Arme, Arbeiter, Frauen. Nehmen wir Deutschland: Noch im 19. Jhdt. konnte „Lesesucht“ in echter Literatur Frauen als geisteskrank abstempeln – damals erfand man die vereinfachte „Familienliteratur“ für sie. Noch im 20. Jhdt. gab es Kinderarbeit und entsprechenden Analphabetismus. Heute gibt es einen Massenmarkt für „Lesefutter“, der gerade die Menschen bedient, die nicht so hochgestochene Leseausbildungen haben.

    Weltweit betrachtet sieht es sogar so aus, dass rein mündliche Kulturen auszusterben drohen, sie „verschriftlichen“ zunehmend oder adoptieren Sprachen mit Schrift. Es gibt Länder, in denen Kultur eine sehr große Rolle spielt und sehr viel gelesen wird, schon heute sind China und Korea wichtige Buchmärkte und Russland könnte einer werden.

    Bildung ist eminent wichtig, da stimme ich mit dir überein. Aber dass immer weniger Menschen im eigentlich gebildeten, reichen Deutschland (Österreich kenn ich zu wenig) immer weniger Bücher in die Hand nehmen, liegt meiner Meinung nach weniger am Lesen-Können als am Lesen-Wollen.

    Warum lesen Männer so viel weniger Bücher als Frauen? Sind sie dümmer? Können sie schlechter lesen? Warum greifen Kids lieber zum Computerspiel als zum betulichen Pädagogikschinken? Weil sie dümmer als vor zwanzig Jahren sind? Oder weil sie heute nicht bedingungslos gehorchen müssen?

    Könnte es nicht auch sein, dass die Buchschaffenden auf der Jagd nach Profit sich manchmal allzu sehr von ihrem Publikum entfernt haben? Ich höre aus Lektoraten oft „die Leserinnen wollen das so“ (Männer kommen in den Sätzen gar nicht mehr vor). Und ich höre von „den Leserinnen“ genau das Gegenteil. Könnte nicht auch da ein Abgrund klaffen? Vielleicht haben LeserInnen einfach vieles über – und das, was sie gern hätten, gibt es (noch) nicht?

    Ich sehe in meinem Umfeld, wie hochgebildete Vielleser weg vom Buch ins Internet abdriften, weil sie die künstlich hochgepuschten Einheitstrends völlig über haben und was anderes nur mit Mühen auffinden. Ich bin auch so eine. Ich lese schon lange keine historischen Romane mehr (vor dem Trend habe ich das), sondern Sachbücher; ich lese immer weniger Krimis (serienmördergenervt) – was lege ich als nächstes weg? Das macht mir Angst! Weil ich irgendwann so die Perlen übersehe…

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