richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Gelecktes Wiki und gekochte Wut

TIPP: um längere Artikel augenschonend und ohne Werbung zu lesen, verwende man am besten Readability! Sehr zu empfehlen.

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Still, I for one am in favor of giving Assange the Médaille militaire, the Noble Prize, 15 virgins in paradise and a billion in cash as a reward for his courage in doing damned well the only significant thing that can be done at this time – momentarily fucking up government control of information. […] Which brings us to back to the question of cultural ignorance. For ten points, why was Julian Assange forced to do what the world press was supposed to be doing in the first place?

Bulletin: PayPal has caved to government pressure to pull WikiLeak’s PayPal account for contributions. However, the feds generously let PayPal keep its porn and prostitution clients.

Joe Bageant on alternet

wikipedia

wikipedia/wikileaks

Die Angelegenheit mit Wikileaks ist de facto außer Kontrolle geraten. Das ist gut so. Nur wenn heutzutage die Normalität durchbrochen werden kann und alle Medien gleichzeitig auf den Zug aufspringen, gibt es ein AHA-Erlebnis. Der Bürger der westlichen Welt ist per se abgestumpft und wird tagein tagaus mit Infomüll und Infotainment bombardiert. Die Richtung geben die Massenmedien vor, deren Unabhängigkeit,  man kann es nicht oft genug wiederholen, in Frage gestellt werden muss. Während also an der politischen Spitze gewählte Manager ihre „Jahresverträge“ absitzen, kaum mehr in der Lage sind, wesentliche politische oder wirtschaftliche Entscheidungen zu treffen („es ist alles so kompliziert“ – siehe Alan Greenspan), suchen die Zeitungen und Magazine nach neuen Ertragsquellen, feuern Journalisten und ersetzen diese durch Software-Programme, die Presse-Mitteilungen aufbereiten. Gut, das ist jetzt ein wenig übertrieben, aber durchaus passend. Und die TV-Anstalten gieren nach Quote. Egal mit welchem Inhalt.

Nehmen wir an, all die Dokumente, die zuerst auf Wikileaks veröffentlicht wurden, hätte man großen oder kleinen Medienhäusern angeboten. Ich gehe davon aus, dass keiner es gewagt hätte, auch nur eine Seite zu veröffentlichen. Wer will schon die US-Regierung als fröhlichen Feind im Nacken sitzen haben? Eben! Die Zeitungen getrauten sich nur deshalb aus den geheimen Dokumenten zu zitieren, weil sie schon bei Wikileaks öffentlich gemacht wurden. Somit scheint für mich klar, dass es eine neue Instanz geben muss, um Journalismus2.0 auf die Sprünge zu helfen. Und diese Instanz ist nun mal eine unbestechliche Institution, egal wie sie heißt und wer sie betreibt, besser: sie wird nicht betrieben, sondern sie ist einfach nur eine Durchreiche: „garbage in – garbage out“ bzw. „info in – info out“ – gefiltert wird wiederum von den kleinen oder großen Medien.

Eine kleine Anekdote aus meiner Schulzeit, die schon lange her ist, sei hier angebracht – weil sie unterstreicht, was sich in den letzten 25 Jahre geändert hat, im Verständnis zur Presse- und Meinungsfreiheit. Also, ich habe mit rund 17 oder 18 Jahren in einer Wiener Handelsakademie an einer Schülerzeitung mitgearbeitet. Ich war der „Dienstälteste“, aber wir beschlossen gemeinschaftlich die Themen und arbeiteten gemeinsam an jeder Ausgabe. Es sollte nur 3 geben. „The Critical Path Method“ oder kurz „CPM“ hieß die Schülerzeitung und der Anspruch war, auch kritische Themen die Schule betreffend aufzugreifen. Nun ja. Für die 3. Ausgabe flatterte ein polemischer Artikel über den sogenannten „Redewettberwerb“ ins „Redaktionshaus“. Der Redewettbewerb sollte alljährlich den Schüler mit der besten Rhetorik küren. Vermutlich war dieser Wettbewerb bereits die Vorwegnahme für „Österreich sucht den Superstar“ auf intellektuellem Niveau. Ja, dieser Wettbewerb war das Liebkind des Herrn Direktors – eines strengen, aber korrekten älteren Herrns – und des Schulystems (immer auf Linie!). Als wir in der „Redaktion“ hitzig diskutierten, ob wir diese Polemik abdrucken sollten oder nicht, ahnten wir, dass man es in der Direktion nicht sonderlich goutiert werden würde. Aber, hey, ich dachte: wir sind eine Zeitung, wir haben das Recht und die Verpflichtung, auch polemisch schelmische Zeilen abzudrucken. Vielleicht muss man dazu sagen, dass der Autor des Artikels kein Schüler mehr an der Schule war, sondern vorzeitig zum Gehen bewogen wurde (bzw. er verließ freiwillig die Schule – er war in jedem Fall als aufmüpfiger Schüler bekannt und ich gehe davon aus, dass sein Name dem Herrn Direktor unangenehme aufstieß). Jedenfalls waren wir so schlau (oder dachten, dass wir es seien), eine Art von „Gegen-Darstellung“  abzudrucken, die ein Streber aus der Matura-Klasse geschrieben hatte. Dass diese trockene „Gegendarstellung“ gegen den polemischen Artikel ziemlich blass aussah, wussten wir, aber da konnten wir nichts machen.

Wenig später, die gedruckte (natürlich wurde sie kopiert) Schülerzeitung machte die Runde, wurde ich zu einem Gespräch beim Herrn Direktor (vor)geladen. Dort wurde mir eindringlich vor Augen geführt, welcher Schaden dieser eine polemische Artikel für die Schule hätte. Besorgte Eltern hätten angerufen und sich beschwert, sogar gedroht, ihre Kinder aus der Schule zu nehmen. Nun, der werte Herr Direktor stellte mir die Rute ins Fenster und gab zu bedenken, dass ich immer noch Schüler an seiner Schule sei. „Sie möchten doch maturieren hier?“, fragte er nebenbei, mehr rhetorisch. Ich verstand den Wink. War säuerlich. Aufgeregt. Und kochte vor Wut. Aber wohin mit dieser Wut? Nach Tagen und Wochen schlich sich wieder die Normalität ein. Die Schülerzeitung war passé. Mein Demokratieverständnis dahin. Dass ich seit dieser Zeit Probleme mit Autoritäten habe, kann jeder verstehen, oder?

Was sich damals ereignet hat, ist der Wikileaks-Story nicht unähnlich, sprich: jemand pinkelt einer Institution ans Bein und soll zur Rechenschaft gezogen bzw. wieder auf den „rechten Weg“ zurückgeführt werden. Hilfe von außen gab es für mich und die Schülerzeitung nicht, das ist nun der große, gravierende Unterschied zu heute. Institutionen, seien sie staatlich oder wirtschaftlich, werden alle Hebel in Bewegung setzen, um sich auch in Zukunft nicht ans Bein pinkeln zu lassen. Be prepared!

 

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