richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Wie viele Bücher verkaufst du eigentlich?

 

„Die Dauer meines Lebens kenne ich nicht, der Umfang dieses Buches beträgt jedoch fünfhundert Seiten; beides lässt sich nicht miteinander vereinbaren.“
Sándor Márai
Literat und Europäer
Tagebucheintrag 1943

*

Ich muss an dieser Stelle der lieben Petra van Cronenburg danken, die mich auf die Radio-Sendung des SWR2 aufmerksam machte und darüber schrieb. Wer sich also für das Thema interessiert, den verweise ich ihren Blog-Artikel: link. Wer sich den Beitrag als Podcast anhören möchte (MP3 oder Windwos Media), der kann es hier tun: link – oder das Sendungsmanuskript als PDF herunterladen: link // update: Matthias Brömmelhaus hat sich auch des Themas angenommen: link

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Ich habe mir die Fakten angesehen, die mich ja immer interessieren – weil man sich ja als Mikroverleger fragt, wie es den mittleren und größeren Publikumsverlagen denn so geht.

Petra zitiert den SWR2: „Von 1,2 Millionen lieferbaren Titeln in den USA verkaufen 950.000 Titel weniger als 99 Exemplare im Jahr. Also verkaufen nur 250.000 Titel mehr als 99 Exemplare im Jahr. Im Schnitt, so der Beitrag, finde eine amerikanische Neuerscheinung immerhin 500 Käufer …“

Interessant der Blick auf den deutschen Buchmarkt. Laut Professor Michel Clement, der sich die Media Control Daten angesehen hat, gibt es rund 90.000 Buch-Neuerscheinungen im Jahr, davon sind etwa 13.000 Titel dem Bereich der Belletristik zuzurechnen. Diese Zahl habe ich übrigens schon lange gesucht. Auf einem österreichischen Verleger-Treff gab es dahingehend auch Rätselraten. Wir sehen: diese Zahlen dürften sich noch nicht in allen Verlagshäusern herumgesprochen haben (oder sie tun so, als würden sie es nicht wissen). Weiters ermittelte  Prof. Clement die Tatsache, dass von den belletristischen Hardcover-Neuerscheinungen, denen ein Taschenbuch folgte, sich nur 1,6 % mehr als 1500 Mal verkauften. Äh, ja, das ist freilich beschämend wenig, wenn gleich die Rechnung natürlich nur mit den Zahlen gemacht wurde, die zur Verfügung standen. Direkte Verkäufe des Verlages oder über das Web wurden dahingehend nicht berücksichtigt – aber im Großen und Ganzen kann man getrost sagen:  Lottospielen ist einträglicher als das Verlagsgeschäft. Ach ja, wer es geschickt anstellt, der kann natürlich von Förderungen, Hilfen und Preisen ein hübsches Zubrot lukrieren.

Andererseits, werden Sie jetzt sagen, gibt es genügend Autoren, die fürstlich von ihren Büchern leben können. Gut. Diese kann man ohne Probleme an einer Hand abzählen. Der Rest – eine diffuse Masse aus aufstrebenden, absteigenden, gehypten, geopferten, selbstbeweihräucherten, jungen, alten Autoren – darbt und sehnt sich nach dem literarischen Thron – oder einfach nur nach einem Kübel Kohle, der sie vom Ungemach ihrer dürftigen Existenz errettet.

In letzter Zeit denke ich darüber nach, wann man eine Unternehmung als gescheitert ansehen muss. Mit einer wirtschaftlichen Ausbildung an der Hand und im Kopf, ist die Antwort natürlich leicht zu finden: wenn du nichts mehr hast, das du versilbern kannst, wenn du nicht mehr flüssig bist, wenn du nicht mehr kreditwürdig bist. Man möchte es nicht glauben, aber big corporations sind auf diese Weise schon untergegangen: Swiss Air, Enron, Konsum, Merril Lynch und wie sie alle heißen. Das ist ja das Ärgerliche an der Geschichte: wenn du Manager eines Unternehmens bist und dieses pleite geht, zuckst du nur mit der Schulter, redest dich auf die Umstände aus (Krise, Globalisierung), sackst noch schnell einen Bonus bzw. eine Abfertigung ein und trittst nach deinem Urlaub deinen neuen Managerjob an. Klebt an dir der Makel der Erfolglosigkeit? Mitnichten. Würde ich morgen bankrott anmelden, würde ich den Makel der Erfolglosigkeit nicht mehr los. Keiner würde mir mehr vertrauen. „In den Sand gesetzt“, würde man hinter meinem Rücken flüstern. Deshalb ist es wichtig, die Reißleine zu ziehen. Rechtzeitig. Um aus der Niederlage kein Desaster zu machen. Aber die Sache mit dem Aufhören, nun ja, ist nicht leicht. Wie der Spieler im Casino, der schon so gut wie alles verspielt hat und hofft, mit seinen letzten Einsätzen das Glück zu erzwingen. Ja, diese verdammte Hoffnung.

 

 

 

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6 Antworten zu “Wie viele Bücher verkaufst du eigentlich?

  1. Guido M. Breuer Donnerstag, 16 Dezember, 2010 um 12:20

    Ola Ricardo, nun hör ja nicht auf!
    Wir haben ein endscharfes Projekt, bevor das nicht im Kasten ist, machst du gefälligst nix anderes 😉
    Und zur Motivation: jedes meiner Bücher hat mehr als 1.500 verkaufte Exemplare :-))
    Let’s make a lot of money …

    • Richard K. Breuer Donnerstag, 16 Dezember, 2010 um 13:00

      Haha. Bei deiner großen familiären Sippe ist’s kein Wunder, dass man dir die Bücher aus der Hand reißt 😉

      Ach sooo, klaro, unser Krimi-Projekt, also, meinen Teil schreib ich ja mit der linken Hand, sozusagen. Guter Input. Da werde ich mich mal ranhalten. Wir schreiben mal ein Kapitel, nicht?

    • Petra Freitag, 17 Dezember, 2010 um 15:38

      Ich denke, man muss die Statistik richtig lesen. Natürlich verkaufen eine Menge Autoren mehr als 1500 Exemplare, aber die wenigsten im Hardcover, für das es dann zur Belohnung ein TB gibt. Die meisten Bücher erscheinen ja nur noch entweder als HC oder TB, fallen also aus des Professors Liste…

  2. Pingback: Autorenprekariat - Schreibtäter

  3. Petra Freitag, 17 Dezember, 2010 um 15:08

    Danke fürs Empfehlen, Richard!
    Gegen das einseitige Aufhören hätte ich eine etwas andere Sicht aus Frankreich für dich, aus der Künstlerberatung, bei der ich mal war. Natürlich muss man wirtschaftlich arbeiten und irgendwann aus den roten Zahlen kommen. Oder die Konsequenzen ziehen.

    In dieser Künstlerberatung habe ich jedoch gelernt, dass Schreiben und Veröffentlichen nur ein Teil der Firma sein kann. Und wenn der schlecht läuft, müssen ihn andere Teile auffangen (ach, wem erzähl ich das alles, weißt du besser als ich). Dazu gehören öffentliche Auftritte, aber auch von mir aus bezahlte Aktionen in der Fortbildung, Kurse und was ein Autor sonst so an „Geldwertem“ drauf hat. Ich als Wollmilchschwein übersetze z.B. auch noch und schreibe besser bezahlte Texte für Kunden in der freien Wirtschaft.

    Nur von seinen *Büchern* zu leben, ist – je nach Lebenstandard – eben für die meisten ein schönes Märchen. Vom *Schreiben* leben kann man aber schon.

    Allerdings hast du ja schon zwei schwere Berufe und wohl eher nicht die Zeit für einen dritten? 😉

    • Richard K. Breuer Freitag, 17 Dezember, 2010 um 19:12

      Merci für die hübsche Aufmunterung respektive Ratschlag, Petra. In Wirklichkeit merke ich, wie viel Zeit eigentlich diese Marketing-Phase in Anspruch nimmt und mit wie wenig Zeit ich für das Schreiben, das wirkliche Schreiben auskommen muss. Oft und oft frage ich mich, wie es wäre, wenn ich mich nicht um das Drumherum kümmern müsste, sondern einfach nur schreiben, schreiben, schreiben könnte. Aber es wäre vielleicht ein Fehler zu glauben, wenn man mehr Zeit hätte, würde auch mehr herauskommen. Die Kreativität, die Muse, sie lassen sich nicht so leicht locken.

      Mal schauen, was das Jahr 2011 für mich übrig hat. Und aufgeben, wie man bei uns sagt, tut man höchstens einen Brief 😉

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