Eine Vision, bitte

Ich sitze im Kaffeehaus. Warte auf N., warte auf P. Draußen schneit es. Durch die großen Fenster kann man die Schneeflocken gut sehen. Ich süffle an mein Soda Holunder. Und tippe diese Zeilen. Nichts Weltbewegendes. Wie so oft. Man tut. Man tut. Man tut. Mehr ist nicht. Mehr wird nicht.

Ich verfolge, dann und wann, die Diskussionen um die Beschaffenheit dieser Welt, die im Würgegriff eines ausufernden Wirtschaftssystem und einer wachsenden Bevölkerung ihrer letzten Ressourcen geplündert und beraubt wird.  Es gibt sie, die Rufer in der Wüste, die darauf aufmerksam machen, dass es so nicht weitergehen kann. Gewiss. Man spürt es. Dieses Rasen. Dieses Wüten.  Immer schneller drehen wir uns im Kreis. Immer schneller. In der Hoffnung, dadurch zur Ruhe zu kommen. Absurd? Hey, wir leben im absurdesten Zeitalter der Menschheitsgeschichte. Noch nie zuvor gab es mehr Menschen, die gebildet, die informiert, die aufgeklärt sind. Und trotzdem blühen Kriege und Desaster wie eh und je. Am besten, man würde den Kopf in den Sand stecken. Andererseits, man beißt nicht das System, das einen füttert. Period!

Aber das System denkt gar nicht daran, mich zu füttern. Also beiße ich zurück. Es tut nichts zur Sache. Lächerlich mutet es an. Geradezu grotesk, wenn ein kleiner Schriftsteller über die große Zukunft der Menschheit befindet. Wobei, Zukunft ist jetzt. Machen wir uns nichts vor. Wir haben aufgehört, in langen Zeitspannen zu denken. Wir gieren nach dem Jetzt. Punktum. Wir sind ungeduldig. Wie kleine Kinder möchten wir vom süßen Kuchen naschen, den es erst am Weihnachtsabend gibt. Zornig werden wir. Trotzig. Die ganze Palette kindlicher Empfindungen.

Wenn man mich fragt, wer dieses Menschen verachtende System am Leben erhält, so gibt es eine klare Antwort: Du! Was so viel heißt wie: Wir! Und ich bin sicher, würde jemand mit einer gesunden, einleuchtenden Vision an uns herantreten, wir könnten uns gut vorstellen, zu „konvertieren“. Aber es gibt keine gesunde, einleuchtende Vision. Nicht eine. Nur vage Hirngespinste, die vielen mehr Angst und Schrecken einjagen, als Hoffnung und Perspektive. Und so akzeptieren wir das Bestehende und versuchen das Beste daraus zu machen. Ich denke, darin hat es die Menschheit zu einer Meisterleistung gebracht: egal, was man einem Individuum aufbürdet, welche Gräuel oder Verbrechen man ihm angedeihen lässt, er wird nicht aufgeben, wird versuchen, zu überleben und weiterzumachen. Erst mit der Gruppe, mit der Masse, werden die gemarterten Seelen zu einem Bollwerk, das nicht leicht zu überwinden ist. Und bedenken wir eines: Wir sind der Staat! WIR sind jene, die entscheiden, wie wir gemeinschaftlich leben möchten. Niemand zwingt uns dazu! Niemand! Jeder Sicherheitsbeamte, jeder Polizist, jeder Soldat ist Teil dieses WIRs.

[damit enden die Aufzeichnung vom 14.12.2010, weil N. an meinen Tisch kommt]

*

BILL MOYERS: Was geschieht mit der Würde des Menschen, wenn das Bevölkerungswachstum im gegenwärtigen Tempo wächst?

ISAAC ASIMOV: Sie würde vollkommen zerstört werden. Um das zu verdeutlichen verwende ich dafür die sogenannten Badezimmer-Metapher: Wenn zwei Leute in einer Wohnung leben und es gibt dort zwei Badezimmer, dann haben die beiden die „Freiheit der Badezimmer“. Sie können jederzeit das Badezimmer aufsuchen, so lange darin bleiben wie sie möchten und darin tun, was auch immer sie wollen. Und jeder glaubt an die „Freiheit der Badezimmer“. Es sollte in der Verfassung verankert werden.

Aber wenn du zwanzig Leute in der Wohnung und zwei Badezimmer hast, dann ist es egal, wie  viel jeder von ihnen an die Freiheit der Badezimmer glaubt, diese Freiheit gibt es nicht mehr. Man muss nun Termine für jeden machen, man muss nun an die Türe hämmern: „Bist du noch nicht fertig?“ und so weiter. Und so ähnlich verhält es sich mit Demokratie, die einer Überbevölkerung nicht standhält. Die Menschenwürde würde sich auflösen. Annehmlichkeiten und Anstand würden sich auflösen. Kommen mehr Menschen in die Welt, verringert sich nicht nur der Wert eines Lebens, er verschwindet. Es tut nichts zur Sache, wenn jemand stirbt. Je mehr Leute es gibt, desto weniger zählen individuelle Angelegenheiten.

http://www.wesjones.com/asimov.htm [ich habe mir erlaubt, diesen Auszug zu übersetzen; in Anbetracht der späten Stunde möge man mir die Holprigkeit verzeihen – aber die Quintessenz sollte verständlich sein]

*

»Professor Al Bartlett begins this one-hour presentation with the statement, “The greatest shortcoming of the human race is our inability to understand the exponential function.” And this is true. By providing a simple introduction to the concept of exponential growth and doubling over time, Bartlett explains the impacts and consequences of exponential growth on a finite planet. Observations of this growth are applied to fossil fuel consumption, peak oil, population and economic growth — the bizarre unsustainable figures of which are most often quoted by “experts”, politicians and the mainstream media …«

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7 Kommentare zu „Eine Vision, bitte“

  1. Lieber Richard,
    ich mag keine Menschen, die im ersten Satz sagen:“ Ich habe das schon lange gewusst!“
    Darum mag ich mich auch nicht, wenn ich das jetzt sagen würde. Aber eines steht fest: So schön hätte ich es niemals ausdrücken können!

    Ich gebe aber zu, dass es mir doch nicht in aller Deutlichkeit klar war, dass die Fehlkonstruktion der Menschen sich erst bemerkbar macht, wenn nicht jeder sein eigenes „Badezimmer“ hat.

    Wir haben nur 1 Badezimmer. Trotzdem verstehen meine Frau und ich uns blendend! Vielleicht liegt es an bestimmten Gewohnheiten oder Ausnahmen, auch mal ein Badezimmer zu zweit zu benutzen? 😉

    Sollte ich auf meinen Reisen durch meine Gedankenwelt einer Vision begegnen, gebe ich der Vision auch Ihre Adresse – versprochen!.
    Vermutlich vervollkommnen Sie aber sehr viel früher eine Vision und setzen die auch um. Wenn Sie nicht – wer dann?

    Gruß Heinrich

    1. Also, wenn ich Sie mal besuchen kommen sollte und bei Ihnen nächtige, dann wird es mit einem Badezimmer sicherlich schwierig werden. Ja, Sie und Ihre Frau werden sich wundern, welche Einschnitte in Ihre „Freiheit“ stattfinden. Freilich, das ist nichts Neues und sollte jeder eigentlich schon „gewusst haben“. Aber manchmal braucht man einen Denkanstoß, schließlich geht es hier um das Große Ganze und nicht um eine Wohnung.

      Wichtig ist auch, bekannte, berühmte und akzeptierte Leutchen zu Wort kommen zu lassen. Ein kleiner Wiener Schriftsteller, naja, der kann ja Vieles erzählen, aber so wirklich ernst wird man es nicht unbedingt nehmen. Da mag ein gewisser Herr Asimov schon mehr gelten.

      Und wenn wir zur Überbevölkerung auch noch eine Verknappung der Ressourcen (vor allem Erdöl) hinzunehmen, hmm, dann ist es vielleicht am besten, man sperrt sich in sein Badezimmer ein, so lange man es noch hat und kommt gar nicht mehr raus 😉

  2. mit dem kindlich trotzigen meinst du wahrscheinlich mich, stimmts? 😉 egal. jedenfalls glaube ich, dass „das system“ zu komplex ist, als dass man hier so einfach mit einer vision beikommen könnte. und falls es die allheilende vision geben sollte – wie sollte man sie umsetzen? ich geb zu, dass mein hirn da schnell an seine grenzen stößt. was mich aber positiv stimmt, ist nun eben, dass WIR das system sind. und dass jeder etwas tun kann. natürlich basteln wenige leute an der gesamtvision – aber sie suchen sich eben ein steckenpferd aus und engagieren sich in diesem bereich – ob das nun amnesty international, umwelt-/tierschutz, pressefreiheit oder ähnliches ist. es gibt doch eine erfreuliche anzahl an menschen, die probleme erkennen und versuchen, die welt in diesem kleinen bereich ein stückchen besser zu machen. klar ändert das vielleicht von heute auf morgen nichts am großen bild – aber es lässt mir die hoffnung, dass wir eben nicht komplett „doomed“ sind.

    p.s.: wenn du bedenkst, dass ich in einer familie aufgewachsen bin, in der das jammern über das „böse system der dinge“ nicht nur alltag, sondern auch inhalt all-wochenendlicher missionierungs-tätigkeit war, verstehst du vielleicht meine aversion gegen diese art von pessimismus. als unterstützung der missionierungstätigkeit hatten wir übrigens ein buch, das antworten auf gängige gegenargumente wie z.B. „kriege gab es doch schon immer“ parat hatte. dann musste man aufzählen, wie viel schlimmer es doch in den letzten jahrzehnten wurde. die vision, die man dann im nächsten atemzug erzählt hat, war natürlich der eingriff gottes, der „allem bösen ein ende machen“ würde 😉

    1. Also, ich nehme mich ja auch nicht aus, von einem kindlich trotzigen Verhalten. Ich denke, wir haben das alle mehr oder weniger verinnerlicht 😉

      Ja, Manu, es ist natürlich leichter, als schriftstellender Untergangsprophet durch die virtuelle Welt zu ziehen, als in der Realität anzupacken und die Welt um eine Nuance besser zu machen.

      Ich habe schon bemerkt, dass du eifrig die „Doomsters“ an den Ohren ziehst und dich nicht so einfach geschlagen gibst. Gut so.

      Natürlich gibt es die Idee, dass, wenn sehr viele Menschen kleine positive Änderungen machen, am Ende der Karren aus dem Dreck gezogen bzw. das System zum Guten (huh) geändert wird.

      Die Frage ist nur, wie wir die Probleme der Überbevölkerung und Ressourcen-Knappheit in naher Zukunft lösen möchten? Ich bin skeptisch (nicht pessimistisch), aber die (verfluchte) Hoffnung habe ich noch lange nicht aufgegeben 🙂

      Eigentlich ein kleines Wunder, dass du dich von diesem Missions-Eifer lösen hast können.

      P.S.: habe die letzten Tage durch Zufall die BBC-Dokus eines gewissen Adam Curtis gesehen. Er zeigt (geschichtliche) Zusammenhänge in Bezug auf Terrorismus und Manipulation der Bürger auf. Sehr zu empfehlen!

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