richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

das System: Schein und Sein oder Han Solo vs. Chewbacca (01)

Man muss die Maske sowohl von den Dingen wie von den Menschen entfernen.
Montaigne (1533 – 1592)

Ich habe mir in letzter Zeit ein paar Gedanken gemacht. Ausgelöst durch viele, großartig gemachte Dokumentarfilme und Interviews mit interessanten Leuten. Ich möchte nun diese Gedanken in eine Form bringen. Was eignet sich dazu besser, als (m)ein Blog? Diese Serie wird versuchen, das System und seine Auswüchse zu erkennen. Aber bevor wir daran gehen, mit Informationen und Gedanken zu jonglieren, müssen wir uns fragen: Was ist überhaupt „ein System“?

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Ich hatte mich für Politik, für Wirtschaft, für das gesellschaftliche Drumherum nie sonderlich interessiert. Ich hatte einen anstrengenden Job, wollte meine Freizeit genießen und sperrte die Ernsthaftigkeit der Welt aus meinem Sichtfeld. Vereinfacht gesagt: ich lebte in den Tag hinein, machte, was ich machen musste (so gut, dass ich stetig die berufliche Karriereleiter hinauf kletterte), frönte den Genüssen, wenn ich es für richtig hielt und träumte davon, Schriftsteller oder Filmregisseur zu sein. Why not? Hieß es denn nicht: Alles ist möglich, wenn du dich nur genug anstrengst und an dich und deine Träume glaubst. Das klingt schlüssig. Warum sollte man mich dahingehend anlügen?

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Gegen Ende der 1970er, mehr Kind als Teenager, sah ich Star Wars im Kino und war begeistert. Kino, wie es sein sollte. Jedenfalls für ein Kind.  Wenig später wollte ich natürlich eine der tollen Charaktere als Plastikfigur. Im Spielwarengeschäft, gleich um die Ecke der elterlichen Wohnung, gab es nicht mehr viel Auswahl. Schließlich musste ich zum zotteligen Chewbacca greifen. Glücklich, etwas bekommen zu haben, aber auch enttäuscht. Hatte M. nicht  Han Solo bekommen? Neben Luke Skywalker ist er wohl der Held des Films – nicht ganz ordentlich, nicht ganz sauber,  ein wenig geldgierig, aber er bringt die „Mission“ auf Kurs und rettet zu guter Letzt Luke Skywalker das Leben. In einer heroischen Tat fliegt Luke ins Zentrum des Todesplaneten und zerstört ihn. Das böse Imperium liegt zerschmettert am Boden. Die Helden fallen sich glücklich in die Arme. Ach, das war schon sehr ergreifend. Jedenfalls für ein Kind.

Dieser kurze Abriss einer kleinen Begebenheit in Wien von 1977 zeigt bereits deutlich, wohin sich die Welt entwickeln würde. Nein, damals konnte es noch niemand ahnen. Damals, als es den Warschauer Pakt auf der einen, östlichen Seite, und die NATO, auf der anderen, westlichen Seite, gab. Österreich lag irgendwie dazwischen. Neutralität, so hieß das magische Zauberwort. Der Osten verströmte eine gewisse Unruhe, vielleicht sogar Angst, mit all diesem aggressiven Militär-Gepränge. Ich glaube, es als Kind gespürt zu haben. Aber hieß es nicht: die Amerikaner würden uns helfen, wenn der böse Osten Österreich bedrohte? Das beruhigte mich dann wieder. Immerhin hatten die USA einen Han Solo, einen Luke Skywalker in ihren Reihen.

Aus heutiger Sicht ist es leicht, in die Vergangenheit zu reisen und die ersten Anzeichen einer Veränderung zu benennen und sich zu fragen, warum es damals noch niemanden gab, der sehen hätte können, wohin die Reise ging. Aber gut, kommen wir wieder ins Jahr 1977, in das Spielwarengeschäft. Ich war unzufrieden, mit der damaligen Situation. Ich wollte Han Solo. Ich bekam Chewbacca . Ich schätze, ich machte das Spielwarengeschäft verantwortlich, dafür, dass mein tiefer Wunsch nicht erfüllt wurde. Und wie mir ging es vielen Kindern, damals, in einer Zeit, als es Geschäfte gab, keine Ketten. Es scheint im Kopf des Menschen tief verankert zu sein: der Wunsch, etwas Bestimmtes haben zu wollen und diesen Wunsch sofort befriedigt zu sehen. Die Zeit sollte diesem Gedanken Rechnung tragen und die Wirtschaft änderte während des Aufschwungs, in den 1950ern, von einer Nachfrage- zu einer Angebots-Wirtschaft. Es wurde im Voraus produziert. Die Industrielle Fertigung machte es möglich, gigantische Mengen (für damalige Verhältnisse) zu einem günstigen Preis zu produzieren. Durch diese Massenfertigung konnte der Preis pro Stück drastisch gesenkt werden – und mit einmal waren Produkte für eine breite Bevölkerungsschicht leistbar. Hurray!

Aber wenn einmal eine Idee umgesetzt wird, sich in den Köpfen der Menschen breit macht, dann setzt eine seltsame Eigendynamik ein. Diese Eigendynamik löst aus der ersten umgesetzten Idee weitere Ideen heraus, die wiederum umgesetzt oder verworfen werden und die wiederum Ideen auslösen und so weiter und so fort. Man könnte sagen: eine Idee ist das Kästchen Pandoras. Anders gesagt: wenn der gesunde Menschenverstand nicht mehr in der Lage ist, die Oberhand in einem System zu behalten, werden die Ideen ins Abstruseste gesteigert und im schlimmsten Falle auch umgesetzt. Das geht so lange dahin, bis ein bestimmter Punkt erreicht ist: die Idee frisst seinen Ideengeber.

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Zu Weihnachten des Jahres 1980 lag ein wunderbares Geschenk unter dem Christbaum: eine Videospielkonsole namens ATARI VCS 2600 – damals ahnte noch niemand, dass die Idee eines „Spiele-Computers“ mit seinen 4KByte großen Software-Modulen, eine Welt verändern würde. Die ältere Generation stand verständnislos daneben, wenn ich mit Enthusiasmus und großem Spaß klobige Pixel am Fernseh-Bildschirm herumschob. Natürlich wollte ich sie (fast) alle haben, die Spiele, die in so ansprechenden Schachteln verpackt waren. Ja, die Verpackung lockte mich – im Gegensatz zum Konkurrenz-Produkt, einem von Philipps entwickelten Videospiel-System, das nicht nur technisch in allen Belangen hinterher hinkte, sondern auch vom Look & Feel einfach nur enttäuschend war.

Software-Module, also Games, für meine Konsole aufzutreiben war Anfang der 1980er gar nicht einfach. So musste ich mich manchmal mit einem Spiel zufrieden geben, das ich vielleicht nicht unbedingt wollte, aber in Anbetracht der Tatsache, das es kein anderes gab, seufzte ich, und biss in den sauren Apfel. Hier haben wir es wieder: das Chewbacca-Phänomen. Ich schielte nach Westdeutschland, in die BRD, wo das Angebot an Spielen weit größer war. Und billiger noch dazu. Ich fühlte, dass es ungerecht war. Während die Kinder der BRD aus dem Vollen schöpfen konnten, drehte ich in Österreich, in Wien, Daumen. Man konnte Games freilich im Geschäft bestellen. Aber das dauerte Wochen. Und man wollte sie wenigstens vorher mal kurz sehen. Ausprobieren. Wahrlich, diese Ungerechtigkeit nagt an einem Teenager. Dann schielte ich über den großen Teich, nach Amerika. Eine bunte Welt tat sich für mich auf. Ich sah Prospekte und Magazine und staunte. Ich staunte sehr. Es war das Paradies für einen spielverrückten Jungen. Scheinbar gab es dort alles. Und billig noch dazu. Ach, ich träumte immer wieder davon, in einem der großen Shops zu stehen und aus dem Vollen schöpfen zu können. Amerika! Eine Sehnsucht war geweckt. Ich hörte und las und lernte es. Oftmals. Ein großartiges Land. Und diese Skyline, diese Wolkenkratzer, die man auf Fotos immer wieder sehen konnte, steigerten meine Träume nur noch mehr. Im Gegensatz dazu, hörte und las und lernte ich von den Ländern des Warschauer Pakts nur trockene, leblose Fakten, die einem Teenager höchstens Alpträume bescheren. In einer Analogie würde ich jetzt sagen: die USA fühlt sich wie dein Lieblingsteddybär an, mit dem du als Kind zu Bett gegangen bist und der dich beschützt und lieb hatte; die UdSSR fühlte sich dagegen wie die strenge ältere Gouvernante an, die dich zu Bett brachte und mit strengem Ton in dein Ohr zischte, dass du von nun an ja keinen Laut machst. Nicht gerade prickelnd, wie? Jedenfalls für ein Kind.

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Und was hat das nun mit „dem System“ zu tun? Nun, für mich ist „das System“ einfach eine Mischung aus Fakt und Fiktion, Schein und Sein. Es ist wie ein Buch. Ein Buch kann schwer oder leicht, klein oder groß, dick oder schmal sein, es kommt in verschiedenen Ausstattungen daher, der Druck ist gut oder mäßig lesbar und so weiter und so fort. Der Inhalt wiederum, der Text, ist je nach dem, wer das Buch liest, zu deuten. Der eine empfindet den Text gewaltig, der andere schwach, der eine ist überwältigt, der andere angewidert. Kurzum: wir können uns über die Fakten einigermaßen einigen, aber wenn es darum geht, wie wir das System bewerten, kommen wir auf keinen grünen Zweig – je nach dem, wem wir das „Buch“ in die Hand drücken, werden wir unterschiedlichste Stellungnahmen hören. Deshalb wird es auch nie eine Antwort über das System geben können, das alle glücklich und zufrieden macht. Ist das jetzt zu theoretisch, zu abgehoben?

Nun, dann versuchen wir es ein wenig pragmatischer: reisen wir wieder in der Zeit zurück. Ich habe mir Star Wars in einem älteren Kino angesehen, das es jetzt nicht mehr gibt. Ich habe mir Chewbacca im Spielwarengeschäft gekauft, das es nicht mehr gibt. Mein Vater, ein Briefträger im 8. Bezirk, besorgte die Videospielkonsole in einem Elektronikfachgeschäft, das es nicht mehr gibt. Andere Elektronikfachgeschäfte, in denen ich meine Spiele bekam, gibt es nicht mehr. Die österreichische Post, die einst meinen Großvater und meinen Vater mit einen respektablen Beruf  bedachte, gibt es nicht mehr. Der Greißler, der „Tante Emma“ Laden, direkt ums Eck, der mir die leckeren Topfengolatschen anbot, gibt es lange nicht mehr. Die österreichische Supermarktkette KONSUM, in der ich als kleines Kind die Warenwelt mit offenem Mund bestaunte (und natürlich sofort alles haben wollte), gibt es nicht mehr. Die Liste könnte man natürlich ewig fortsetzen. Ist es nun schlimm, diese Veränderung? Würden wir den Greißler, würden wir die Verkäufer der Elektronik- und Spielwarengeschäfte, den Kinobetreiber fragen, würden diese sagen: „Was für eine Katastrophe!  Was sollen wir jetzt machen?“ – Würden wir einen Jungen fragen, würde dieser sagen: „Super! Endlich bekomme ich Han Solo.“

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Wenn es darum geht, komplizierte Sachverhalte verständlich zu machen, scheitern die intelligenten und ehrlichen Leutchen. Weil sie den Inhalt korrekt wiedergeben wollen, weil sie wissen, dass jede Verallgemeinerung, jede Vereinfachung primär falsch sein muss. Deshalb werden die dummen, die unehrlichen Leutchen immer im Vorteil sein. Sie erklären die Dinge auf einfache Weise und scheren sich nicht sonderlich um Fakten oder Beweise oder Indizien. Sie argumentieren durchaus folgerichtig (so dumm können sie also gar nicht sein), dass es einem Menschen nie gegeben ist, alle, wirklich alle Daten, zu bekommen und in einer absehbaren Zeit auszuwerten. Deshalb müsse man leere Stellen mit Phantasie (oder Wahrscheinlichkeiten) ausfüllen. Tocquville (1805 – 1859), ein französischer Politiker und Journalist, meinte einst, dass sich eine einfache, aber falsche Idee immer gegen eine komplizierte, aber richtige Idee durchsetzen würde. Okay, also versuchen wir den Sachverhalt zu vereinfachen. Bereit?

Möchtest du in einer Welt, in einem System leben, wo du jederzeit und überall deine heiß geliebte Han Solo Figur bekommen kannst? Oder in einem System, dass dir sofort eine mäßig interessante Chewbacca Figur anbietet – bzw. dir die Han Solo Figur voraussichtlich in zwei, drei Wochen liefert? Faites vos jeux!

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7 Antworten zu “das System: Schein und Sein oder Han Solo vs. Chewbacca (01)

  1. Pingback: Tweets that mention Schein und Sein oder Han Solo vs. Chewbacca" #blog #system #wirtschaft #politik -- Topsy.com

  2. @medienpirat Dienstag, 28 Dezember, 2010 um 15:00

    Ein sehr interessanter Kerl dieser Alexis de Tocqueville.

    Mir gefällt besonders dieses Zitat von ihm:

    „Es gibt nur eine Art, sich mit Sicherheit seinen Charakter zu bewahren: niemals Geld nötig zu haben. Ergo schließe ich, wenn man sein Einkommen nicht erhöhen kann, muss man seine Ausgaben einschränken.“

  3. DocTotte Freitag, 31 Dezember, 2010 um 13:28

    Tja, als ich 2004/2005 in Ostdeutschland gearbeitet habe, hab ich gerade von der Generation zwischen 40 und 50 gehört, dass sie die tolle, neue Warenvielfalt geradezu angekotzt hat. „Früher“, so hieß es, „gab’s zwar fast nie Ketchup, aber wenn welcher da war, dann wenigstens nur eine Sorte. Heute ist zwar immer welcher da, aber ich weiß nicht, welchen ich kaufen soll.“ – Es gibt also noch eine Steigerung zu „Ich kann Han Solo bekommen“. Und die heißt, es gibt 20 unterschiedliche Han-Solo-Modelle, von denen ich mir die Hälfte nicht leisten kann.

  4. PiHalbe Dienstag, 11 Januar, 2011 um 15:34

    Irgendwie verstehe ich nicht, was Du mir (bzw der Welt) sagen willst. Aber vlt bin ich dafür einfach zu jung und weißnäsig bzw zu wenig von Ost-West geprägt.

    • doctotte Dienstag, 11 Januar, 2011 um 21:31

      Gut, ich zieh’s mal von der Metaphernschiene runter: Zu DDR-Zeiten gab’s von jedem Kram nur eine Sorte und die fanden die meisten schlecht. Nach der Wende kamen Dutzende West-Sorten und sie konnten sich nicht mehr entscheiden, weil sie nicht wussten, welche gut ist. Irgendwann mixte sich das mit der Nostalgie und die Leute fingen an, den nachgemachten Mist zu kaufen, den sie vor der Wende nicht haben wollten.

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