Blindwütige Gier & Reinigende Bescheidenheit

„Eines noch, mein lieber Märwald, bevor wir uns wohl verabschieden müssen … glaubt nicht, wenn Ihr die Reise mitmacht, dass Ihr dadurch Euer Glück finden werdet … es kann sein … es kann auch nicht sein … wie wurde mir einmal gesagt? Ein weiser Mann, der einen neuen Weg beschreitet, tut es nur deshalb, weil er einen neuen Weg beschreiten will. Versteht Ihr? Es geht nicht um das große, hehre Ziel, das wie eine schwere Schatzkiste hinter der nächsten Biegung auf einen wartet … zu meist wartet da nichts … und es ist auch nicht, dass der neue Weg schöner oder erfüllender wäre als der alte … nein, nein … er ist weder besser, noch ist er schlechter … es ist einfach ein anderer Weg … mehr ist es nicht. Gewisse Ängste, bestimmte Sorgen werdet Ihr auch auf diesem neuen Weg mit Euch tragen, andere werdet Ihr liegen lassen dürfen und andere wiederum werden Euch aufgebürdet werden. Ihr seht, so einfach will es uns das Leben nicht machen … aber so schwierig vielleicht auch nicht. Ich würde es gerne sehen, wenn Ihr die Reise tut, [zwinkert] oder auch nicht tut. Aber – und das meine ich so ernst, wie nur irgendetwas – lasst es nicht zu, niemals, dass Euer tiefer Wunsch in den Jahren die noch vor Euch liegen, durch die alles zersetzende blindwütige Gier ersetzt wird. Denn dann wird de Wunsch zu einer Gefahr für Leben und Geist. Übt Euch, dann und wann, in einer reinigenden Bescheidenheit, die den sturen Kopf und die träumende Seele wieder freimacht. Wir verstehen uns?“

Graf von Popovic/Azadeh/Richard K. Breuer

Die Revolution im Wasserglas

Gestern mit @flow über die gegenwärtigen Zustände geplaudert. Und wie die Welt, unsere Welt, in 10 oder 20 Jahren aussehen wird. Werden wir sie noch wiedererkennen? Wird alles beim Alten bleiben? Bizness as usual. The Show must go on. Werden diese Phrasen nicht überstrapaziert? Definitiv!

Vielleicht ist es Zufall. Vielleicht auch nicht. In der gestrigen „Die Presse“, in der Beilage SPECTRUM, plaudert Peter Rosei ungeniert über die „bestimmende Elite“, die am bestehenden System nichts verändern möchte und deshalb Veränderung von der „Zivilgesellschaft“, also von „den Bürgern, den Leuten“, ausgehen werde müssen. Yep. So sehe ich das auch. Von „oben“ dürfen wir uns keine langfristige Lösung erwarten. Vielleicht dürfen wir uns überhaupt nichts mehr erwarten.

Gewiss, die breite „Mitte“, die aus allem und jedem besteht, mit Ausnahme des „Lumpenproletariats“ und der „bestimmenden Elite“, zuckt mit der Schulter. Es geht uns (ich gehöre ja auch dazu) gut. Es geht uns nicht schlecht. Wozu also den Teufel an die Wand malen? „Jammern auf hohem Niveau“, wie es @flow ausdrückt. Yep. So sieht es aus.

Die Frage ist also, gibt es Indizien, dass das System, in dem wir uns gut eingerichtet haben, aus dem Ruder läuft? Gewiss, diese Indizien gibt es. Reichen sie aus, um einen durchschnittlich Interessierten zum Nachdenken zu bewegen? Hm.

Beginnen wir mit der vermutlich alles entscheidenden Frage, die (prinzipiell) sehr leicht zu beantworten ist: sind die Ressourcen, wie Erdöl, Rohstoffe oder Mineralien, auf denen unser Reichtum basiert, sind diese unerschöpflich? Oder könnte es sein, dass diese endlich, also begrenzt, weil nicht erneuerbar sind? Wenn wir also davon ausgehen, dass diese für uns so lebenswichtigen Ressourcen begrenzt sind, dann ist natürlich die Frage, wie lange wir sie noch ausbeuten können. Manch einer würde dann der einfachheit halber sagen: „die haben wir ja noch ewig.“

Ewig? Nope. No way. Gut. Darauf würde manch einer sagen: „die haben wir noch ne halbe Ewigkeit.“ Hm.

Sehen wir uns unser System an, dem wir diesen Reichtum zu verdanken haben: es basiert auf die Annahme, dass es ein stetiges Wirtschaftswachstum gibt. Wirtschaftswachstum kann es nur geben, wenn konsumiert wird. Jedenfalls in den vorherrschenden Statistiken. Konsum bedeutet natürlich, dass Ressourcen, zu Gütern verarbeitet, konsumiert, also verbraucht (und nicht der Wiederverwertung zugeführt) werden. Je mehr konsumiert, je mehr produziert wird, umso besser für die Wirtschaft. Das klingt einleuchtend und macht (kaufmännisch betrachtet) Sinn.

Würden wir also bemerken: Hoppla, vielleicht sollten wir doch nicht so viel konsumieren, weil das ja per se auf lange Sicht nicht gut gehen kann, dann würde das System kollabieren, das auf Wachstum ausgerichtet ist. Hm. Das heißt, jeder, der vom System profitiert (und das ist nun mal die große Mehrheit), wird am bestehenden System nichts ändern wollen. Darin liegt die Krux.

Es wird Zeit für eine simple Analogie.

Wir sind eine kleine Familie, die von einem Großgrundbesitzer ein Stück Land und einen Bauernhof kauft. Da wir nicht genug Mittel haben (und in diesem Beispiel gibt es kein Geld), schließen wir einen Vertrag: wir verpflichten uns, 10 % unserer Erträge abzuliefern. Das gilt so lange, so lange unsere Familie auf diesem Stück Land ihrer Arbeit nachgeht. So weit so gut.

Generationen später gibt es mehr Kinder, mehr Mäuler zu stopfen und der Bauernhof platzt aus allen Nähten. Man möchte zubauen, man möchte investieren. Also spricht man beim Großgrundbesitzer vor. Dieser stellt die Mittel zur Verfügung, dafür verpflichten wir uns, von nun an 25 % unserer Erträgnisse abzuliefern. So weit so gut.

Der Bauernhof gedeiht prächtig. Eine schöne Zeit. Generationen später gibt es mehr Kinder, mehr Mäuler zu stopfen und der Bauernhof platzt wieder aus allen Nähten. Man möchte erneut zubauen, man möchte investieren und weiteres Land bestellen. Also spricht man beim Großgrundbesitzer vor. Dieser stellt die Mittel zur Verfügung, dafür verpflichten wir uns, von nun an 50 % unserer Erträgnisse abzuliefern. So weit so gut.

Durch Missernten, Seuchen und sonstigen außerordentlichen Naturkatastrophen, gehen die Erträgnisse dramatisch zurück. Um die Familie durch die Not zu bringen, müssen Lebensmittel und Brennstoff „gekauft“ werden (bis zu diesem Zeitpunkt tauschte man diese gegen die eigenen Erträgnisse ein). Der Großgrundbesitzer gewährt großzügig diese „Hilfe“, verpflichtet uns aber, von nun an 75 % unserer Erträgnisse abzuliefern. Wir schlucken. Aber was bleibt über?

Von nun an bemerken wir, dass wir mit den 25 %, die uns noch von den Erträgnissen bleiben, der Betrieb nicht mehr aufrecht erhalten werden kann. Wir sprechen beim Großgrundbesitzer vor. Wir einigen uns, für ihn zu arbeiten, also, alle Erträgnisse abzuliefern und von ihm so viel zu bekommen, wie unsere Familie zum Leben braucht. Von nun an, ist man dem Großgrundbesitzer auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Er bestimmt, was ein Mensch zum Leben braucht und was nicht. Er bestimmt, ob unsere Kinder in die Schule gehen dürfen oder am Feld arbeiten müssen. Er bestimmt, ob zugebaut wird oder nicht. Er bestimmt das Leben am Hof. Ob wir wollen oder nicht.

Die erste Generation hatte den Bauernhof und das Land übernommen, im Glauben, dass spätere Generationen frei und unabhängig sein würden, dass diese ein angenehmes Leben führen würden können. Hätten sie sich das vorgestellt, dass ihrer Kindeskinder in die Knechtschaft des Großgrundbesitzers geraten? Freiwillig! Wohl kaum.

Der Großgrundbesitzer übt Druck aus. Es herrscht alsbald Willkür. Wen wundert es also, dass früher oder später zuerst leise, dann laut darüber nachgedacht wird, das Joch der herrschenden Klasse (einer Dikatatur nicht unähnlich) abzuschütteln? Und aus der Idee wird Tat.

In diesem Beispiel sind alle Ingredienzen genannt, die uns einen Strick drehen. Früher oder später. Der „Großgrundbesitzer“ ist eine künstlich geschaffene Instanz, die von den Menschen in dieser Analogie für die längste Zeit akzeptiert wird. Diese Instanz könnte eine Regierung sein, oder einfach nur der Markt. Alle zusammen sind sie künstlich geschaffene Gebilde, denen wir „huldigen“ bzw. die wir akzeptieren, weil wir es nicht besser wissen. Dadurch begeben wir uns in eine Abhängigkeit. Es mag jeder für sich entscheiden, ob das gut oder schlecht ist. Und natürlich könnte man der Meinung sein, der „Großgrundbesitzer“ ist ein großzügiger, netter, humaner Kerl. Vielleicht ist er das. Aber was, wenn sich herausstellte, dass er es am Ende doch nicht ist?

 

Ein phantastischer Papierflieger

Bevor ich mich zum lukullischen Geburtstagsmahl aufmache, noch schnell die gestrige Begegnung mit R. skizziert. Aus dem Gedächtnis. Mehr Analogie als Realismus. Aber das muss so sein. Manchmal.

R. faltet Papierflieger. Er hat es darin zwar nicht zu einer Meisterschaft gebracht, aber es ist durchaus beachtlich, was er da so aus einem Stück Papier falten kann. Seine Papierflieger sind kleine Kunstwerke. Sagt R. Er möchte von dieser Kunst einmal leben können. Sagt R. Er hat Ambitionen. Sage ich. Er übt sich in Phantastereien. Sage ich.

Ja, das ist die Frage aller Fragen – wenn man so will: Wer hat am Ende recht, wer hat am Ende unrecht?

Würde morgen ein Milliardär über einen seiner Papierflieger stolpern, begeistert sein und ihm einen Koffer voll Geld dafür geben, würde ich mich in den Allerwertesten beißen und mir sagen: „Ein Glück, dass ich es ihm nicht ausgeredet habe.“ oder „Ich wusste es ja schon immer!“ oder „Geduld ist eine wichtige Voraussetzung für einen Künstler!“ oder „Was lange währt, wird irgendwann mal gut.“ oder „Unverhofft kommt oft.“ oder „Die Dummen haben immer das Glück auf ihrer Seite.“ oder „Zufall!“ oder „Blödsinn!“ oder …

Ist es nicht seltsam, wie Geld unsere Sichtweise mit einem Schlag verändert? Was gestern noch absurde Phantasterei war, ist heute vielleicht schon ein glänzendes Geschäft und morgen ein Multinationales Unternehmen. Gewiss, wir lesen und hören immer nur die Geschichten der Gewinner (naja, in Wien ist es eher umgekehrt – da erfahren wir dann von den öster. Erfindern, die es nicht verstanden, ihre Erfindungen gewinnbringend zu vermarkten und zumeist verarmt starben, während die Bizness-Leute gewitzt genug waren, ihnen die Patente abzuschwatzen oder diese einfach ignorierten). Und Gewinner sind rar gesät. Trotzdem sind sie in aller Munde. Während das Heer an erfolglosen Papierflieger-Faltkünstler sich in Träume und Phantasterein flüchten.

Erfolg gesellt sich zu Erfolg. Geld kommt zu Geld. Das ist nichts Neues, oder? Hm. Was sagen wir nur R.? Er lebt in einer künstlichen Welt, in einem Elfenbeinturm und faltet Papier. Hin und wieder blitzt ein absurder Gedanke in mir auf: Was wäre, würde jemand einen dieser Papierflieger in die Hände bekommen und dadurch zu einem anderen Menschen werden, weil es in ihm etwas auslöste? Hätte dann die Phantasterei von R. nicht auch etwas Gutes gehabt? Hm. Aber seien wir mal ehrlich, was soll so ein banaler Papierflieger schon in einem auslösen? Eben!

eine ausgeklügelte Liebesgeschichte

There is no shortage of wonderful writers.
What we lack is a dependable mass of readers.
Kurt Vonnegut
#interview

Wunderbar, wunderbar. MM. hat mir jetzt ihr äußerst positives Feedback zu 88/4 geschickt. Ihr hat die Geschichte gefallen („Wow!“), sie findet diese „spannend und ausgeklügelt“. Schön. Sehr schön. Damit kann ich daran gehen, das Büchlein, die Geschichte, in aller Ernsthaftigkeit für eine Publikation in Betracht zu ziehen und sie meiner Lektorin EJ. unter die Nase zu halten. Immerhin hat mich ja unser gemeinsames Gespräch auf die eine oder andere Fährte geführt.

Sonst? SP. hatte gestern gute Neuigkeiten bezüglich des Scripts von Schwarzkopf parat. Aber es ist nur mal die erste Hälfte des Ganzen. Wieder einmal heißt es warten. Man wird also sehen.

 

 

streitBAR: zu Hause im Netz oder gemeinsam einsam

Gestern Nacht noch in der Roten Bar des Volkstheaters, wo über die „Wirklichkeit und Fantasie“ des Internets „gestritten“ wurde. Die Diskutanten kamen aus den unterschiedlichsten Bereichen und spielten ihre Rollen vorzüglich – immerhin waren wir in der hübschen Bar eines Theaters.

Peter Kampits, Dekan der Fakultät Philosophie ist Web-Pessimist, zeichnete ein beunruhigendes Bild und dachte laut darüber nach, keine E-Mails mehr zu beantworten und was dann wohl geschehen würde („vermutlich würden die Leute mehr Briefe schreiben … aber dann müsste ich wohl auch mehr Briefe schreiben. Hm?!“)

Michael Musalek, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Schwerpunkt Suchtkrankheit und Depression, ist Web-Optimist und zeichnete ein verständnisvolles Bild.

Jakob Steinschaden, Journalist und Buchautor über das „Phänomen Facebook“, glänzte mit demographischen Fakten. Punkt.

Cornelia Travnicek, Bloggerin und Schriftstellerin („eigentlich bin ich in erster Linie Schriftstellerin und dann erst Bloggerin“), bloggt seit 3 Jahren und konnte Michael Musak erklären, was denn ein Blog sei („eine Art von Tagebuch, das man nicht jeden Tag befüllen muss“). Die gute Cornelia habe ich auf der BUCH WIEN kennen gelernt, wo sie für den Hauptverband des Buchhandels, dem Veranstalter der Buchmesse, in die Tasten klopfte. Ihren kritischen Blog-Beitrag über meinen Vortrag habe ich nicht gelesen. Wir haben uns darüber unterhalten. Persönlich.

Felix Vidensky, Hanfbauer und „Technikverweigerer“, möchte dieses Jahr nach Moldawien gehen. Zu Fuß. Landkarten hätte er sich schon besorgt. Der in sich ruhende Familienvater machte auf mich den gesündesten Eindruck. Für etwaige Gespräche, die sich mit dem Thema „Entschleunigung“ beschäftigen, würde ich ihn sofort engagieren. Dumm, dass ich ihm keine E-Mail schicken kann.

Der Moderator Thomas Mießgang, Kulturjournalist, sprach viel, meinte viel und strich dabei bewusst unbewusst heraus, dass manche Menschen mit der ausufernden Technik einfach überfordert („Ich habe noch immer einen Kassetten-Walkman …“) oder von der jugendlichen Multi-Tasking-Fähigkeit erstaunt sind („Meine Tochter sitzt am Esstisch, während wir uns unterhalten und tippt eine SMS an ihre Freundin …“)

Was war die Quintessenz der Diskussion? Hm. Darüber denke ich noch nach. Ich, für meinen Teil, sehe das Internetz als Möglichkeit. Es ist ein virtuelle Plattform. Nichts anderes. Zieht man den Stecker, löscht man die Daten, nichts ist mehr existent (auch wenn das wohl kaum mehr möglich ist). Vereinfacht gesagt: das Echte wird auch durch hundert Trillionen Postings und E-Mails nicht abgelöst werden können; genausowenig wie die Berührung, die man erfährt; ein Neugeborenes, das in den ersten Lebensmonaten nicht berührt wird, stirbt.

Das Internetz ist eine Illusionsmaschine, die jeden Suchenden einlädt und empfängt. Sie gibt ihm alles. Nur eines nicht: Realität. Wer gesund im Leben steht, sozusagen zentriert und fokussiert ist, dem wird die virtuelle Phantasterei nicht sonderlich weh tun können. Alle anderen jedoch werden alsbald ein Kopfschmerzmittel brauchen. Aua.