richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Eine Parabel über zwei Welten und ein paar Münzen

Bevor ich die vergangenen Tage in mein Tagebuch kritzle, sie festhalte, kommentiere und bewerte, noch in aller Eile eine Parabel über das Leben. Gewiss, diese Parabel zeigt uns nur einen Teilaspekt, einen Ausschnitt, trotzdem ist es wichtig, darüber zu schreiben. Bevor man sich in etwaigen Spekulationen ergeht, nun, eine Parabel bringt Erlebtes auf den Punkt, das heißt aber nicht, dass es sich so oder so ähnlich verhalten hat. Vielmehr entsteht diese kurze Geschichte aus einer Vielzahl an Eindrücken und Erfahrungen. Manche liegen lange zurück. Manche könnten von gestern sein. Aus dieser seelischen Melange entstand die Idee zur nun folgenden Parabel.

Ob ich Lust auf Sushi hätte, wurde ich gefragt. Ich nickte. Und doch konnte ich an dieser Stelle nicht ahnen, wohin mich diese Zustimmung führen würde. Nämlich in eine andere Welt, in eine exklusive Lokalität, die die köstlichsten Speisen der Japanischen Insel mundgerecht präsentierte. Diese kleinen, feinen Spezialitäten drehten sich förmlich vor meinen Augen. Hin und her. Hin und her. Hin und her. Ich verschlang mit meinen Augen bereits die Hälfte dieser Appetithäppchen, bevor noch die Bestellung aufgegeben wurde. Ich war in einem seligen Zustand, förmlich in Watte gepackt und dachte daran, meine zahlreichen Begleiter rührend zu danken, dass sie mir die Möglichkeit boten, von diesen außerordentlichen Speisen zu probieren, meinen leeren Magen zu füllen. Ich schwelgte in Worten und Gesten, zeigte auf dies und nahm mir jenes. Oh, welch Köstlichkeit. Wie frisch der rohe Fisch schmeckte. Eine lukullische Wohltat. Ich kaute gerade lustvoll (ich fixierte bereits das nächste Tellerchen mit einer weiteren Köstlichkeit), als man mich darauf aufmerksam machte, dass hier jedes Tellerchen ein kleines Vermögen kostete. Mit einmal schoss mir die Blässe ins Gesicht. Ich schluckte. Ich schluckte. Ich schluckte. Nun war die Situation aus dem Ruder gelaufen, fiel ich aus der Watte in die kühle Realität der exklusiven Lokalität. Erst jetzt dämmerte es mir, dass meine Begleiter vermutlich gar nicht erst die Absicht hatten, die Zeche des Dichters zu übernehmen. Da saß ich nun. Vor all diesen sich drehenden und überschlagenden Köstlichkeiten und fühlte, ganz vorsichtig, wie viele Münzen ich noch in der Hosentasche hatte. Ich musste nun in aller Eile eine Antwort finden, auf die Frage, warum ich denn nichts mehr essen wolle, wo ich doch zuvor so vollmundig meinte, alles zu verschlingen. Ja, damit wurde mir mit einem Schlag bewusst, dass ich hier nichts zu suchen hatte. Es war eine andere Welt. Während ich meine Münzen zählte, warfen die Gäste hier mit Scheinen nur um sich. Geld spielte hier keine sonderlich große Rolle. Man hatte es. Sprach nicht darüber. Gab es aus. Für Schönes. Für Nichtiges. Für alles, was man gerade wollte.

Ich saß in der Falle. Weil ich den Fehler beging, nicht gleich, also von Anfang an, die Situation klarzustellen. Weil man sich in Mitten dieser großzügigen Menschen so angenehm umsorgt fühlt, so sicher – bis diese misstrauisch werden. Auf mein kleines Budget hinzuweisen, zu einem Zeitpunkt, wo die anderen gar keine andere Möglichkeit mehr haben, als mich „auszulösen“, ist eine Anbiederei, eine Bettelei schlimmsten Ausmaßes. Es riecht nach Kalkül. Es stinkt nach Erbärmlichkeit. Und mit einmal würden die Herrschaften erkennen, dass ich einer Welt zugehörig bin, in die sie nicht gehören, nicht gehören wollen. Sie sind peinlich berührt, lächeln einem freundlich zu und machen in Gedanken bereits einen Schluss-Strich. Strich drunter, wie es Robert Graves einmal nannte.

Ich habe also die letzten Münzen auf den Tisch gelegt, meine Rechnung bezahlt. Alles schien in Ordnung – und doch war nichts mehr so, wie es zuvor war. Zum einen waren sich nun beide Seiten klar, dass es zwei Welten gab, die miteinander nicht vereinbar waren. Zum anderen bemerkte ich meine Unfähigkeit, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken, die Situation aufzulösen und damit die unangenehme Angelegenheit halbwegs zu retten. Aber wenn du einmal den gemeinsamen Weg eingeschlagen hast, wenn du doch nur dazugehören willst, dann schweigst du, bleibst stumm und hoffst, dass die anderen deine monetären Unzulänglichkeiten erkennen. Durch mein Schweigen, nein, durch mein seltsam unstimmiges Gehabe, das ich schließlich an den Tag legte, um mich zu erklären (tatsächlich ging es mir nur darum, den Verdacht der „Zahlungsunfähigkeit“ von mir abzuwenden), muss ich jeden skeptischen Geist im Hinterkopf meiner Begleiter geweckt haben. Ja, sie machten sich ihren Reim und zogen die notwendige Konsequenz, weil ich es nicht konnte, vielleicht auch gar nicht wollte. Deshalb darf man hier niemandem einen Vorwurf machen. Ich hätte an ihrer Stelle sicherlich nicht anders reagiert.

Ja, darin liegt das ursächliche Problem jeder Beziehung, ob bekanntschaftlich, freundschaftlich oder intim: nämlich die Basis des anderen, auf der dieser seine Entscheidungen trifft, nicht zu kennen. Transparenz ist der Schlüssel zu einer funktionierenden Beziehung. Das ist die Quintessenz dieser Parabel, aber so einfach, wie diese „Binsenweisheit“ klingt, so einfach ist es im echten Leben nicht. Weil der Mensch hofft, vielleicht sogar glaubt, dass es nur eine Welt gibt, in der alle Differenzen ausgeräumt werden können. Vielleicht ist es ein romantischer Blick, aber mit Sicherheit kein realistischer. Am Ende entscheiden viele Münzen und wenige Gedanken über Freiheit oder Knechtschaft, über Lust oder Last. Das war früher so. Das ist heute nicht anders. Nur die Münzen sehen anders aus.

.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: