richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

streitBAR: zu Hause im Netz oder gemeinsam einsam

Gestern Nacht noch in der Roten Bar des Volkstheaters, wo über die „Wirklichkeit und Fantasie“ des Internets „gestritten“ wurde. Die Diskutanten kamen aus den unterschiedlichsten Bereichen und spielten ihre Rollen vorzüglich – immerhin waren wir in der hübschen Bar eines Theaters.

Peter Kampits, Dekan der Fakultät Philosophie ist Web-Pessimist, zeichnete ein beunruhigendes Bild und dachte laut darüber nach, keine E-Mails mehr zu beantworten und was dann wohl geschehen würde („vermutlich würden die Leute mehr Briefe schreiben … aber dann müsste ich wohl auch mehr Briefe schreiben. Hm?!“)

Michael Musalek, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Schwerpunkt Suchtkrankheit und Depression, ist Web-Optimist und zeichnete ein verständnisvolles Bild.

Jakob Steinschaden, Journalist und Buchautor über das „Phänomen Facebook“, glänzte mit demographischen Fakten. Punkt.

Cornelia Travnicek, Bloggerin und Schriftstellerin („eigentlich bin ich in erster Linie Schriftstellerin und dann erst Bloggerin“), bloggt seit 3 Jahren und konnte Michael Musak erklären, was denn ein Blog sei („eine Art von Tagebuch, das man nicht jeden Tag befüllen muss“). Die gute Cornelia habe ich auf der BUCH WIEN kennen gelernt, wo sie für den Hauptverband des Buchhandels, dem Veranstalter der Buchmesse, in die Tasten klopfte. Ihren kritischen Blog-Beitrag über meinen Vortrag habe ich nicht gelesen. Wir haben uns darüber unterhalten. Persönlich.

Felix Vidensky, Hanfbauer und „Technikverweigerer“, möchte dieses Jahr nach Moldawien gehen. Zu Fuß. Landkarten hätte er sich schon besorgt. Der in sich ruhende Familienvater machte auf mich den gesündesten Eindruck. Für etwaige Gespräche, die sich mit dem Thema „Entschleunigung“ beschäftigen, würde ich ihn sofort engagieren. Dumm, dass ich ihm keine E-Mail schicken kann.

Der Moderator Thomas Mießgang, Kulturjournalist, sprach viel, meinte viel und strich dabei bewusst unbewusst heraus, dass manche Menschen mit der ausufernden Technik einfach überfordert („Ich habe noch immer einen Kassetten-Walkman …“) oder von der jugendlichen Multi-Tasking-Fähigkeit erstaunt sind („Meine Tochter sitzt am Esstisch, während wir uns unterhalten und tippt eine SMS an ihre Freundin …“)

Was war die Quintessenz der Diskussion? Hm. Darüber denke ich noch nach. Ich, für meinen Teil, sehe das Internetz als Möglichkeit. Es ist ein virtuelle Plattform. Nichts anderes. Zieht man den Stecker, löscht man die Daten, nichts ist mehr existent (auch wenn das wohl kaum mehr möglich ist). Vereinfacht gesagt: das Echte wird auch durch hundert Trillionen Postings und E-Mails nicht abgelöst werden können; genausowenig wie die Berührung, die man erfährt; ein Neugeborenes, das in den ersten Lebensmonaten nicht berührt wird, stirbt.

Das Internetz ist eine Illusionsmaschine, die jeden Suchenden einlädt und empfängt. Sie gibt ihm alles. Nur eines nicht: Realität. Wer gesund im Leben steht, sozusagen zentriert und fokussiert ist, dem wird die virtuelle Phantasterei nicht sonderlich weh tun können. Alle anderen jedoch werden alsbald ein Kopfschmerzmittel brauchen. Aua.

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