Die Revolution im Wasserglas

Gestern mit @flow über die gegenwärtigen Zustände geplaudert. Und wie die Welt, unsere Welt, in 10 oder 20 Jahren aussehen wird. Werden wir sie noch wiedererkennen? Wird alles beim Alten bleiben? Bizness as usual. The Show must go on. Werden diese Phrasen nicht überstrapaziert? Definitiv!

Vielleicht ist es Zufall. Vielleicht auch nicht. In der gestrigen „Die Presse“, in der Beilage SPECTRUM, plaudert Peter Rosei ungeniert über die „bestimmende Elite“, die am bestehenden System nichts verändern möchte und deshalb Veränderung von der „Zivilgesellschaft“, also von „den Bürgern, den Leuten“, ausgehen werde müssen. Yep. So sehe ich das auch. Von „oben“ dürfen wir uns keine langfristige Lösung erwarten. Vielleicht dürfen wir uns überhaupt nichts mehr erwarten.

Gewiss, die breite „Mitte“, die aus allem und jedem besteht, mit Ausnahme des „Lumpenproletariats“ und der „bestimmenden Elite“, zuckt mit der Schulter. Es geht uns (ich gehöre ja auch dazu) gut. Es geht uns nicht schlecht. Wozu also den Teufel an die Wand malen? „Jammern auf hohem Niveau“, wie es @flow ausdrückt. Yep. So sieht es aus.

Die Frage ist also, gibt es Indizien, dass das System, in dem wir uns gut eingerichtet haben, aus dem Ruder läuft? Gewiss, diese Indizien gibt es. Reichen sie aus, um einen durchschnittlich Interessierten zum Nachdenken zu bewegen? Hm.

Beginnen wir mit der vermutlich alles entscheidenden Frage, die (prinzipiell) sehr leicht zu beantworten ist: sind die Ressourcen, wie Erdöl, Rohstoffe oder Mineralien, auf denen unser Reichtum basiert, sind diese unerschöpflich? Oder könnte es sein, dass diese endlich, also begrenzt, weil nicht erneuerbar sind? Wenn wir also davon ausgehen, dass diese für uns so lebenswichtigen Ressourcen begrenzt sind, dann ist natürlich die Frage, wie lange wir sie noch ausbeuten können. Manch einer würde dann der einfachheit halber sagen: „die haben wir ja noch ewig.“

Ewig? Nope. No way. Gut. Darauf würde manch einer sagen: „die haben wir noch ne halbe Ewigkeit.“ Hm.

Sehen wir uns unser System an, dem wir diesen Reichtum zu verdanken haben: es basiert auf die Annahme, dass es ein stetiges Wirtschaftswachstum gibt. Wirtschaftswachstum kann es nur geben, wenn konsumiert wird. Jedenfalls in den vorherrschenden Statistiken. Konsum bedeutet natürlich, dass Ressourcen, zu Gütern verarbeitet, konsumiert, also verbraucht (und nicht der Wiederverwertung zugeführt) werden. Je mehr konsumiert, je mehr produziert wird, umso besser für die Wirtschaft. Das klingt einleuchtend und macht (kaufmännisch betrachtet) Sinn.

Würden wir also bemerken: Hoppla, vielleicht sollten wir doch nicht so viel konsumieren, weil das ja per se auf lange Sicht nicht gut gehen kann, dann würde das System kollabieren, das auf Wachstum ausgerichtet ist. Hm. Das heißt, jeder, der vom System profitiert (und das ist nun mal die große Mehrheit), wird am bestehenden System nichts ändern wollen. Darin liegt die Krux.

Es wird Zeit für eine simple Analogie.

Wir sind eine kleine Familie, die von einem Großgrundbesitzer ein Stück Land und einen Bauernhof kauft. Da wir nicht genug Mittel haben (und in diesem Beispiel gibt es kein Geld), schließen wir einen Vertrag: wir verpflichten uns, 10 % unserer Erträge abzuliefern. Das gilt so lange, so lange unsere Familie auf diesem Stück Land ihrer Arbeit nachgeht. So weit so gut.

Generationen später gibt es mehr Kinder, mehr Mäuler zu stopfen und der Bauernhof platzt aus allen Nähten. Man möchte zubauen, man möchte investieren. Also spricht man beim Großgrundbesitzer vor. Dieser stellt die Mittel zur Verfügung, dafür verpflichten wir uns, von nun an 25 % unserer Erträgnisse abzuliefern. So weit so gut.

Der Bauernhof gedeiht prächtig. Eine schöne Zeit. Generationen später gibt es mehr Kinder, mehr Mäuler zu stopfen und der Bauernhof platzt wieder aus allen Nähten. Man möchte erneut zubauen, man möchte investieren und weiteres Land bestellen. Also spricht man beim Großgrundbesitzer vor. Dieser stellt die Mittel zur Verfügung, dafür verpflichten wir uns, von nun an 50 % unserer Erträgnisse abzuliefern. So weit so gut.

Durch Missernten, Seuchen und sonstigen außerordentlichen Naturkatastrophen, gehen die Erträgnisse dramatisch zurück. Um die Familie durch die Not zu bringen, müssen Lebensmittel und Brennstoff „gekauft“ werden (bis zu diesem Zeitpunkt tauschte man diese gegen die eigenen Erträgnisse ein). Der Großgrundbesitzer gewährt großzügig diese „Hilfe“, verpflichtet uns aber, von nun an 75 % unserer Erträgnisse abzuliefern. Wir schlucken. Aber was bleibt über?

Von nun an bemerken wir, dass wir mit den 25 %, die uns noch von den Erträgnissen bleiben, der Betrieb nicht mehr aufrecht erhalten werden kann. Wir sprechen beim Großgrundbesitzer vor. Wir einigen uns, für ihn zu arbeiten, also, alle Erträgnisse abzuliefern und von ihm so viel zu bekommen, wie unsere Familie zum Leben braucht. Von nun an, ist man dem Großgrundbesitzer auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Er bestimmt, was ein Mensch zum Leben braucht und was nicht. Er bestimmt, ob unsere Kinder in die Schule gehen dürfen oder am Feld arbeiten müssen. Er bestimmt, ob zugebaut wird oder nicht. Er bestimmt das Leben am Hof. Ob wir wollen oder nicht.

Die erste Generation hatte den Bauernhof und das Land übernommen, im Glauben, dass spätere Generationen frei und unabhängig sein würden, dass diese ein angenehmes Leben führen würden können. Hätten sie sich das vorgestellt, dass ihrer Kindeskinder in die Knechtschaft des Großgrundbesitzers geraten? Freiwillig! Wohl kaum.

Der Großgrundbesitzer übt Druck aus. Es herrscht alsbald Willkür. Wen wundert es also, dass früher oder später zuerst leise, dann laut darüber nachgedacht wird, das Joch der herrschenden Klasse (einer Dikatatur nicht unähnlich) abzuschütteln? Und aus der Idee wird Tat.

In diesem Beispiel sind alle Ingredienzen genannt, die uns einen Strick drehen. Früher oder später. Der „Großgrundbesitzer“ ist eine künstlich geschaffene Instanz, die von den Menschen in dieser Analogie für die längste Zeit akzeptiert wird. Diese Instanz könnte eine Regierung sein, oder einfach nur der Markt. Alle zusammen sind sie künstlich geschaffene Gebilde, denen wir „huldigen“ bzw. die wir akzeptieren, weil wir es nicht besser wissen. Dadurch begeben wir uns in eine Abhängigkeit. Es mag jeder für sich entscheiden, ob das gut oder schlecht ist. Und natürlich könnte man der Meinung sein, der „Großgrundbesitzer“ ist ein großzügiger, netter, humaner Kerl. Vielleicht ist er das. Aber was, wenn sich herausstellte, dass er es am Ende doch nicht ist?

 

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