Ägypten 2011 vs. Frankreich 1789

Es ist besser frei zu sein, oder nennen wir’s nach Freiheit streben,
als elend um Brot betteln bei einem Despoten.

Brief von Georg Foster an seine Frau
Mainz, 28.01.1793

Als ich 2007 am Mosaik der Französischen Revolution (Tiret/Band I) arbeitete, schien die Welt einigermaßen in Ordnung. Ich besuchte Paris, wanderte mit offenen Augen herum und schlenderte durch die  altehrwürdigen Gassen, die schon so manche Zusammenrottungen erlebt hatten. Im Palais Royal schlürfte ich einen café. Gut möglich, dass in diesem Café bereits ein gewisser Camillle Desmoulins saß und später die Menschenmassen, die sich dort versammelten, mit einer hübschen Rede dazu brachte, sich zu bewaffnen (oder sich wenigstens  ein grünes Blatt anzustecken, als Erkennungszeichen der „Revolutionäre“). Keinen Tag später, am 14. Juli 1789, marschierte eine gehörige Menschenmasse, aufgeputscht und aufgebracht, zur Bastille, im Glauben, dort gäbe es Schießpulver und Munition für ihre Gewehre (die sie wiederum aus dem königlichen Magazin in Paris entwendeten). Der Rest ist dann ja Geschichte, wie wir sie alle kennen.

Als ich von Paris in die Bretagne reiste, dort eine Woche verbrachte, lernte ich ein anderes Frankreich kennen. Es hatte mit dem mondänen Paris nicht viel gemeinsam. 1789 wurde dort noch eine eigene Sprache gesprochen. Ein raues, unwirtliches Land am Meer. Ein wenig westlicher, ein wenig südlicher erstreckte sich die damalige Vendée, ein urwüchsiges Stück Land, mehr Dschungel denn Lebensraum. Die dort ansässigen Familien führten ein karges Dasein, auf Gott und die Kirche und ihren Fürsten vertrauend. Dass dort über die Jahre ein blutiger, in seiner Gewalttätigkeit zutiefst erschüttender, Kampf stattfand, ist nicht sonderlich bekannt. Victor Hugo hat es in seinem Buch 1793 zum Thema gemacht, weil ein Teil seiner Familie aus dieser Gegend kam und an der Auseinandersetzung teilgenommen hatte. Da die Pariser Revolutionäre ohne Glauben in einem für sie fremden Land, dort die Königstreuen mit festem Glauben auf ihrem Heimatboden. Ideologie schwingt die Fahne, aber der Glaube führt das Schwert. Gemetzel über Gemetzel. Kein Pardon. Weder Frauen noch Kinder wurden geschont. Ja, so sehen Revolutionen aus, wenn es um alles oder nichts geht.

Denn wenn die Regierung von denen, die als die besten Kenner des Rechtes gelten, der Ungerechtigkeit beschuldigt wird, ergreift die unwissende Menge gegen sie, d.h. gegen den Staat selbst, die Waffen, geführt von Leuten, denen Revolution und Bürgerkrieg wegen ihres Ehrgeizes willkommen oder wegen ihrer zerrütteten Vermögensverhältnisse nützlich sind.

Thomas Hobbes (1588 – 1679)

Hobbes erkannte bereits vor bald 350 Jahren, dass es immer zwei Ingredienzen geben muss, um eine Revolution auszulösen: eine „unwissende“ und unzufriedene Menge und Leute, die bereit sind, diese Menge anzuführen bzw. zu „manipulieren“. In Ägypten tobt weniger der Kampf auf den Straßen oder Plätzen, vielmehr prügelt man sich medial. Regierungsfreundliche Zeitungen plakatieren auf ihren ersten Seiten Kundgebungen von Pro-Mubarek-Leuten, die in die „Millionen“ gehen. Demokratiefreundliche Medien posten im Web über Demonstrationen von Pro-Demokratie-Leuten, die in die „Millionen“ gehen. Es geht um die „unwissende Menge“, die unschlüssig zu Hause sitzt. Deshalb sperrte die Regierung Ägyptens kurzerhand mal das Internet zu. Somit ist gewährleistet, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk Ägyptens als Informationsquelle für die breite Bevölkerung dienen muss.

Ja, die Medien zeigen uns ein Bild. Die Medien setzen das Mosaik aus unzähligen Eindrücken zusammen und interpretieren es. Wenn ich in Twitter die Augenzeugen-Berichte verfolge, bekomme ich viele Eindrücke, aber noch kein Gesamtbild. Geschichte lebt von diesen „Gesamtbildern“. In einem Schulbuch muss ein geschichtliches Ereignis in einem Kapitel abgehandelt werden. Da ist kein Platz für ein Hinterfragen. Da ist kein Platz für ein „Warum?“. Überhaupt ist eine Frage, die mit „Warum?“ beginnt, die gefährlichste, die ein Volk an seine Regierung stellen kann. Deshalb blendet diese solche Fragen einfach mal aus, lässt sie unbeantwortet oder zuckt mit der Schulter. Aber irgendwann, ja, irgendwann lässt sich auch eine unterdrückte, gepeinigte, geschlagene, verlachte, verhöhnte, verhungerte Seele nicht mehr alles gefallen. Und es beginnt mit einem „Warum?“. Immer.

 

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