richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Klartext: Für eine andere Welt

Alles, was ich sehe, trägt den Keim einer Revolution in sich,
die unfehlbar eintreten wird,
deren Zeuge zu sein ich aber nicht mehr die Freude haben werde
.
Voltaire
in einem Brief vom 2.April 1764

Die wunderbare ARTE-Doku Für eine andere Welt ist eine dringende Empfehlung. Irgendwo im Web wird es den Film schon zu sehen geben. Ich kann hier natürlich keine Verlinkung machen, das würde mich in des Teufels Küche bringen, obwohl ich große Lust dazu hätte. Weil die Dokumentation, der Inhalt, so wichtig ist. Weil es um die Vorstellung einer jungen Generation geht. Um die Vorstellung von einem anderen, von einem gerechteren Leben. Und weil man (who the heck ist eigentlich dieses ominöse „man“?) nicht bereit ist, vom gegenwärtigen Kurs abzurücken, bleibt dieser jungen Generation nichts anderes übrig, als mit Wut im Bauch die Antwort zu geben. Wer könnte es ihnen verdenken?

Märkte sind immer ineffizient.
Noam Chomsky
Interview

Wir müssen uns ein für alle mal die Frage stellen, wofür Wirtschaft, wofür ein Wirtschaftssystem in erster Linie da ist. Sicherlich nicht, um einer kleinen Anzahl an Menschen unermesslichen Reichtum zu garantieren. Oder ist es vorstellbar, dass ein Mexikanischer Geschäftsmann innerhalb seines bescheidenen Lebens nur deshalb zum reichsten Mann des Globus aufsteigt, weil er vielleicht einen „richtigen Riecher“ gehabt, auf das „richtige Pferd“ (u.a. Telecom/Mobilcom) gesetzt hat? Reicht das alleine aus? Will man uns das wirklich glauben machen? Wir reden hier von Summen, von denen ein Ludwig XIV., Sonnenkönig und Erbauer von Schloss Versailles, nur träumen konnte. Der Reichtum des Königs war obszön, aber von „Gott gegeben“ und damit „rechtens“. So die damalige „Begründung“. Dass der König keinen Widerspruch duldete und seinen absolutistischen Herrschaftsanspruch mit Gewalt durchsetzte, muss nicht erwähnt werden, oder?

Der Reiche ist entweder (selbst) ein Gauner oder der Erbe eines Gauners.
Hieronymus

Ägyptens Staatsoberhaupt Mubarak, der 30 Jahre das höchste Amt bekleidete (und zum Zeitpunkt dieses Beitrages noch im Amt ist), soll mit seiner Familie einen Reichtum zwischen 40 und 70 Milliarden Dollar angehäuft haben (The Guardian). Geht das noch mit rechten Dingen zu? Natürlich nicht. Wir, im aufgeklärten Westen, können darüber nur den Kopf schütteln, über die Gier und den Despotismus eines Staatsoberhauptes, derweil werden wir genauso hereingelegt. Die „Despoten“, wenn man so will, haben erkannt, dass es nicht sehr förderlich für Ansehen und Gesundheit ist, im Rampenlicht der Politbühne zu stehen. Deshalb kamen sie zum Schluss, dass es viel besser ist, der Bevölkerung Polit-Marionetten vorzusetzen, die hübsch manipulierbar und beliebig austauschbar sind (wer hätte noch vor Jahren gedacht, dass zwischen der „Politik“ eines George W. Bush und eines Barack Obama kaum ein Unterschied besteht, abgesehen von der Rhetorik? Man sehe sich bitteschön die Resultate an, nicht die Versprechungen!).

Mit anderen Worten: von oben wird es keine Veränderung geben. Wer viel zu verlieren hat, setzt dieses „Viel“ nicht aufs Spiel. Wer nichts mehr zu verlieren hat, der setzt dieses „Nichts“ gerne aufs Spiel. Dass es früher oder später rumoren wird, dass es zu Auseinandersetzungen kommen wird, steht fest, da muss man kein Visionär sein. Deshalb stelle ich mir die Frage, wie eine „Neuordnung“ des Systems aussehen könnte. Daran mangelt es ja vor allem: die Visionslosigkeit. Eine Marionetten-Regierung durch eine andere auszutauschen bringt nichts. Rein gar nichts. Es verzögert und verschleppt die Sache nur und macht alles nur noch schlimmer, verfahrener (ein US-Präsident verspricht „Change“, beteuert, alles in seiner Macht stehende, zu tun – und ist trotzdem nur Passagier).

Was können wir also tun? Und hier bitteschön nicht diese nett gemeinten „Good-will“-Aktionen aus dem Hut zaubern. Ein Haus, das in seinen Fundamenten verrottet ist, kann durch einen grünen „Bio-Fairtrade“-Anstrich nicht vor dem Zusammenbruch gerettet werden. Es macht einen für eine geraume Weile vielleicht mit sich zufrieden. Aber mehr ist nicht. Es ändert nichts. Rein gar nichts.

Langsam, aber sicher, müssen wir der Tatsache ins Auge sehen, dass wir ein totes Pferd reiten. Auch wenn uns bewegte Bilder, gedruckte Wörter und Sätze, hübsche Ansprachen, mitreißende Reden das Gegenteil vorgaukeln. Das Absurde an der Sache ist, dass wir uns selbst der Illusion willentlich hingeben. Es ist, als würden wir vor uns hinträumen und andere davon überzeugen, dass dieser Traum einer allgemeinen Wahrheit entspricht. Aber das tut es nicht. Nie tut es das.

„Aber geht es uns so schlecht?“, höre ich immer und immer wieder, „Uns ist es noch nie so gut gegangen!“

Wenn es sich so verhielte, warum gehen dann junge Menschen auf die Straße? Warum werfen sie mit Steinen? Warum verbrennen sie sich selber? Oder sprengen andere mit sich selbst in die Luft? Es ist eine Ohnmacht, die sich mit Visionslosigkeit gefährlich vermengt. Weil ein kleiner, verschwindender Teil dieser Welt so gut wie alles hat, in materieller Hinsicht, projiziert er seine Illusion auf die restliche Menschheit. Freilich, was geht ihm ein Arbeitsloser in Chemnitz an? Was eine chinesische Arbeiterin in einem  Kunststoff-Werk? Was ein Indonesier in einem Sweat-Shop? Was ein Nordafrikaner in einem der Pariser Vororte?

Im Prinzip verhalten wir uns wie die Aristokratie vor der Französischen Revolution. Wir flanieren in den hübschen Barock-Gärten, gut bewacht, gut umzäunt und hören hie und da von Tumulten in der Bevölkerung. Aber man versichert uns, dass es nur kleinere unbedeutende Scharmützel seien. Wir spenden ein paar Münzen. Wir versichern den Leuten unsere Anteilnahme, aber sonderlich interessiert sind wir nicht. Schließlich gilt es, sich für den abendlichen Ball zu schmücken. Ja, wir leben, damals wie heute, in einer unwirklichen, künstlichen Welt. Wie lange noch?

Warum will man uns glauben machen, dass es in naher Zukunft eine (politische?) Lösung all dieser Probleme gibt? Das ist, pardon, blanker Hohn. Und warum sollte eine aufgeklärte Regierung ausgerechnet jetzt daran interessiert sein, wenn sie es die letzten hundert Jahre nicht war? Die erste Demokratie dieser Welt, wir nennen sie USA, hat in den letzten 50 Jahren mit Hilfe ihrer Corporations, Kriege angezettelt, Umstürze und Attentate geplant und ausgeführt und Menschenrechte mit Füßen getreten. All das würde einer blutigen Dikatatur leichtens zur „Ehre“ gereichen. Aber während die einen eine außerordentlich, nahezu perfekte PR- und Medienmaschine (wir nennen sie Hollywood und Infotainment) unterhalten, stümpern die anderen von einem PR-Fiasko in das nächste.

Wie sieht also die Zukunft für unsereins aus, wenn wir nicht bald gegensteuern? Nun, die Blaupause hatte schon George Orwell geliefert (vielleicht wusste er bereits damals schon von den Plänen`): Krieg ist Frieden. Lüge ist Wahrheit. In dem die USA und ihre europäischen Verbündeten (yeah, that’s us, folks!) den „Clash of civilization“ heraufbeschwören (dabei unter den Tisch fallen, dass sie islamistische Fundamentalisten mit Geld überhäufen und ihnen Möglichkeit geben, sich terroristisch auszutoben), werden sie von sich ablenken können, werden sie einen „ewigen Ausnahemzustand“ herbeiführen. In Krisenzeiten gilt es, auf einen äußeren Feind zu zeigen, einen Sündenbock zu finden und diesen zu benennen. Das hat in der Geschichte der Menschheit immer schon nahezu perfekt funktioniert. Never change a running system! Im Ausnahmezustand wird das Reisen nur mehr wenigen Personen möglich sein. Der kommunikative Austausch wird auf ein Minimum reduziert. Wer meint, das Web wäre gegen äußere Kontrollen oder Eingriffe immun, der irrt. Es braucht nur eine „innere Zensur“ über die Zeit schlagend werden („Wer diese verbotenen Webseiten aufsucht, kommentiert, sie weiterleitet, läuft Gefahr, erwischt zu werden und muss mit Freiheitsstrafen bis zu 3 Jahren rechnen!“), es braucht über die Medien nur ein paar Präzedenzfälle gezeigt werden („So ergeht es allen!“), der Rest funktioniert von allein. Wer das nicht glaubt, der sollte sich nur anschauen, wie diese „innere Zensur“ in Diktaturen greift.  Und vor rund 75 Jahren gab es ja eine vollendete Vorführung dieser  „Wir müssen aufpassen!“-Strategie.

Zusammengefasst: die größere Mehrheit der Menschen muss mit Gewalt (Dikaturen, Kriege) klein gehalten werden; die kleinere Mehrheit der Menschen muss mit „Zuckerbrot“ („Stuff, Junk“) bei der Stange gehalten werden, hin und wieder mit Einschüchterung daran erinnert werden, dass Freiheit keine Option darstellt. Angst funktioniert da natürlich am besten („TERROR-GEFAHR!“). Es wird eine internationale „Friedens- und Sicherheitstruppe“ (vulgo Söldner) geben, die von privaten Unternehmungen an Staaten „ausgeliehen“ werden können. Diese haben keine sonderlichen Skrupel, auf unbewaffnete Demonstranten oder „Aufwiegler“ zu schießen, so lange sie bezahlt werden. Schon jetzt funktioniert die PR-Waffe ja ausgezeichnet, in dem immer wieder Steine werfende vermummte Akteure ins rechte Bild gerückt werden (während die weitaus größere friedlichere Masse an Demonstranten medial nicht vorkommt). Diese „Waffe“ wird in den Jahren, die kommen, perfektioniert („Lüge wird Wahrheit“).

Gewiss, wir sind gebildet, wir sind belesen, wir sind aufgeklärt – uns kann man nicht so leicht auf der Nase herumtanzen. Oder glauben es jedenfalls. Aber der Mensch ist noch immer so leicht manipulierbar wie vor hunderten von Jahren. Daran ändert auch ein vermeintlich aufgeklärter, vernünftiger Verstand nichts. Das ist die schlechte Nachricht. Und die gute? Der Mensch lässt sich leicht mitreißen, wenn die Umstände es ihm anzeigen. Wir dürfen nicht vergessen: noch gibt es keine Robert-Sicherheitssysteme (wobei, natürlich geht alles in diese Richtung!), noch gibt es keine automatisierten Drohnen, die für „Sicherheit“ sorgen. Noch sind es Menschen, die für Ruhe und Sicherheit sorgen. Eine Revolution braucht keine Gewalt. Das haben wir in der DDR 1989 gesehen. Wenn eine kritische Masse erreicht ist, rücken auch die „loyalen Sicherheitskräfte“ ab. Noch haben wir es also in der Hand, „Change“ herbeizuführen. Wenn aber einmal die technisierte vollautomatische Überwachung greift, dann, tja, dann ist die Chose gelaufen. Amen.

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5 Antworten zu “Klartext: Für eine andere Welt

  1. @medienpirat Montag, 7 Februar, 2011 um 12:51

    Hallo @dschun!

    Soweit ich weiß ist alles auf Youtube ohne Risiko zu verlinken!

    Für eine andere Welt

    Lg

    • Richard K. Breuer Montag, 7 Februar, 2011 um 12:57

      Äh, „risikolos“ ist es leider nicht, da es natürlich ein „copyright“ auf die Doku gibt und die youtube-Videos demnach illegal hochgeladen wurden. Aber gut, so lange sich niemand beschwert … und so lange jeder für sich selber nach der Doku im weltweiten Netz sucht …

      Aber ich will niemanden ans Bein pinkeln, tu sais?

  2. Reinhard Rausch Mittwoch, 9 Februar, 2011 um 21:39

    Hallo Richie!

    Tapfere Worte – keine Frage 😉

    Aber wie stellst du dir deine Vision vor die Menschen zum umdenken bringen soll? Sind es nicht in erster Linie die Moneten, die alle vorantreibt?

    Müßte man nicht ein anderes Wertesystem einführen um eine gründsätzliche Änderung des Systems herbeiführen zu können?

    Eines ist klar: die Jungen halten den Alten nur den Spiegel vor in den sie jeden Tag blicken dürfen. Nur schrecken sich die Alten nicht, weil fast alle eine Maske tragen. Nur die eigene Demaskierung bringt dich in der Entwicklung einen kleinen Schritt weiter.

    So what – irgendwann reinigt sich alles von selber.
    Erst durch das Überschreiten einer nicht umkehrbaren Grenze gefolgt von Chaos bereinigt ein System. Ich denke, dass kommt fliessend aber stetig näher…

    Schönen Abend
    lg, Reinhard

    • Richard K. Breuer Montag, 14 Februar, 2011 um 16:54

      „Irgendwann reinigt sich alles von selber“

      Yep. Definitiv! Aber vielleicht gibt es noch Möglichkeiten, das Ruder herumzureißen, ohne dass zu viel Porzellan (Blut) zu Bruch geht. Ich würde es mir freilich wünschen, aber wenn wir uns die Geschichte ansehen, dann lehrt sie uns, dass eine an der Macht befindliche Elite niemals freiwillig ihren Thron räumt. Das Dilemma ist, dass ein großer Teil der Bevölkerung vom bestehenden System profitiert (nicht so extrem wie die Elite) und deshalb alles tut, um den Status Quo aufrecht zu erhalten. Tja.

  3. Pingback: Der Anfang vom Ende eines Systems oder Fukushima 2011 « richard k. breuer

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