richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Ägypten, 11.Februar 2011 und der Keim einer Idee

 

Nie schlägt sich das Volk grausamer,
als wenn es nicht zu Mittag gegessen hat.

Ange Pitou (Band 3)
Alexandre Dumas der Ältere

Revolution anno 2011

Gut. Präsident Mubarak tritt nach 30 Jahren von seinem Amt zurück. Ägypten kann aufatmen. Besser: Luft holen. Für eine Weile darf also gefeiert werden. Darf man sich als interessierter und aufgeklärter Bürger daran erfreuen, dass ein Volk ein widerwärtiges Regime los wurde. Eine unblutige Revolution. Wobei, so ganz stimmt es nicht. Rund 300 Menschen ließen ihr Leben und werden nun als Märtyrer in die ägyptische Geschichte eingehen. Hm. Die Frage ist: Wer wird die Geschichte schreiben?

Revolutionen erzeugen nach dem ersten Aufwachen ein Macht- und Sinn-Vakuum. Wer darf, wer soll, wer muss es ausfüllen? Und dann gilt es, die Ordnung wieder herzustellen. Auch nicht einfach. Weil die Menschen trunken vor Freude und Hoffnung sind und meinen, die gewonnene Freiheit gehörte nur ihnen.

Wie auch immer die Sache weiter geht, die USA und Israel arbeiten an ihren ägyptischen Polit-Marionetten. Das war die letzten Jahrzehnte so, das wird die nächsten Jahrzehnte noch so sein. Ohne US-Zuwendungen kann Ägypten seine Streitkräfte nicht bezahlen. Und das Militär hat nun mal das Sagen im gegenwärtigen Zustand. Die Generäle werden sich also nicht ins Knie schießen. Besser, sie schießen jenen Oppositionellen ins Knie, die dem Westen ein Dorn im Auge sind. Klingt das jetzt zu banal, zu einfach? Hey, folks, Politik ist keine Wissenschaft. Es geht darum, dass der eine etwas will und versucht, das zu bekommen. In der Anwendung der Mittel mögen sich die Staaten und ihre Politiker unterscheiden, aber sonst?

Wir dürfen nicht vergessen, dass Mubarak eine US-Israel-Marionette war. 30 Jahre lang! Ziemlich viel Zeit, oder? Während also die US-Politiker immer wieder von „Democracy!“ und „Change!“ sprechen, machen sie klar, dass sie nur gewisse Schurkenstaaten demokratisieren, sprich ausplündern, wollen. Andere, die bereits nach ihrer Pfeife tanzen, lassen sie ungeschoren und bezahlen dafür eine hübsche Summe, die wiederum nur dem Regime zu Gute kommt, nicht dem Volk. Natürlich.

Ist die Revolution also sinnlos gewesen? Natürlich nicht. Sie setzte ein Ausrufezeichen. Ein wichtiges noch dazu. Aber so lange es wirtschaftliche Abhängigkeiten gibt (Schulden!), so lange die Staaten nicht autark sind, sehe ich keine Möglichkeit für diese, aus der Falle herauszukommen. Gut. Die Iraner haben 1979 eine ähnliche Revolution durchgemacht. Der Schah wurde vertrieben – der wiederum in den 50ern von den Angloamerikanern auf den Thron gesetzt wurde, nach dem sie die demokratisch gewählte Regierung (!) gestürzt haben, weil diese englischen Ölfirmen aus den Land kicken wollten. Nach dem Sturz des Schahs entstand eine Blüte an freigeistiger Bewegung – wir dürfen nicht vergessen, dass Persien einst Imperium war. So lange, bis es ein kleiner Mazedonier in die Knie zwang – seltsam, wie diese drei Imperien (Äypten, Persien, Griechenland) in der Versenkung verschwanden, im Laufe der Zeit. Zurück zum Iran. Ein halbes Jahr nach der Revolution war Schluss mit der Freiheit. Die Fundamentalisten übernahmen die Kontrolle. Der Rest ist bekannt.

Scheinbar, man muss es sagen, dürfte es nur einen Weg geben, der Kontrolle und Einflussnahme der Westmächte zu entgehen: Fundamentalismus! Wenn das stimmte, wären wir in einem schönen Dilemma. Tja. Sieht so aus, als müsste man einen Systemwechsel in Washington herbei zaubern, um dieses Dilemma aufzulösen (Gordischer Knoten? Ach ja, schon wieder dieser kleine Mazedoniere). Nur das US-Regime auszuwechseln, ehrlich gesagt, das bringt nix. Der eine ist genauso gekauft wie der andere, machen wir uns nichts vor. Und Wall Street hat die Zügel fest in der Hand. Man wird sehen, wenn das Finanzsystem kollabiert und damit die Weltwirtschaft, ob die Karten neu gemischt werden. Gut möglich, dass wir blutigen Zeiten entgegen gehen. Ist das pessimistisch? Nun, die Vergangenheit zeigt, dass der Mensch eher bereit ist mit Gewalt und Hass und Destruktivität zu leben, als an seiner Einstellung etwas zu ändern, diese zu überdenken. Überhaupt, wir sind leichtens manipulier- und ausrechenbar. Das wollen wir natürlich nicht hören. Nein, natürlich nicht. Ist aber so. Punkt.

*

Wie ich so über diesen Blogeintrag nachdachte, erreichte mich der Tweet eines Followers, der über ein #Attac Treffen berichtete, wo über das bedingungslose Grundeinkommen #BGE diskutiert wurde. In der Schweiz, so twitterte er, würde es 2012 eine Volksbefragung dazu geben. Aha. Schau mal einer an. Das gefällt mir. Wobei, die Schweiz war ja schon immer eine „Insel der Seligen“. Ihre Bürger litten nie sonderlich Mangel, nach 1945. Davor mussten sie ins Ausland, um als Söldner anzuheuern. Das ist kein Witz, bitteschön. Die Schweiz war mal ein armes Land. Aber gut, schweifen wir nicht vom Thema ab. Ich machte mir also Gedanken. Und dann sah und hörte ich auf Al Jazeera diese jubelnde euphorische Menge am Tahrir Platz. Es beeindruckte mich. Und da keimte in mir die Idee, was denn wäre, würden wir für das #BGE kämpfen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Wir versammeln uns. Irgendwo auf einem Wiener „Platz der Freiheit“ (das erste Problem: die Plätze in Wien sind ja alle mit Autos vollgeparkt! Und vor dem Rathausplatz wird hübsch Eis gelaufen! Und der Freiheitsplatz in Stammersdorf ist mir zu weit weg) – Hm?! Könnte man sich das vorstellen?

Natürlich wird die erste Frage lauten: „Können wir uns ein #BGE überhaupt leisten?“ und die zweite: „Dann würde es sich jeder in der Hängematte gemütlich machen!“

Aber jetzt mal ehrlich: What the fuck! Wenn wir beginnen, zu diskutieren und zu verwässern, dann haben wir keine Revolution, sondern ein Kaffeekränzchen. Ist natürlich auch schön, aber dann wird sich nix ändern. Gar nix. Überhaupt nix. Die Plutokratie (Herrschaft des Geldes ) wird ein #BGE nicht zulassen. Nie! Damit würde sie Kontrolle abgeben und Macht verlieren (man höre diesbezüglich Noam Chomsky). Wer schießt sich bitteschön selber ins Knie? Das Ekelige bei der Plutokratie ist, dass die „menschlichen Krebsgeschwüre“ (wer mir jetzt Zynismus unterstellt, der schlage bitte zuerst bei Monsieur Sarkozy nach, ja?) nicht einfach auszumachen und durchaus mikroskopisch klein sein können. Jeder, der glaubt, etwas zu verlieren, und wenn es nur sein Plasma-überdrüber-TV-Schirm ist, den er sich erst gestern (Scheiß ist schal) auf Raten kaufte, der wird den Kopf schütteln und TV gucken, wo er in den (vom Steuerzahler berappten) Nachrichten objektiv erfährt, dass ein paar Anarchisten der linksradikalen Blogger-Szene Geld für alle fordern. Hahaha. Selten so gelacht, oida!

Jede Revolution lebt von einer Bewegung, die kontinuierlich wächst. Schließlich, am Höhepunkt, entsteht das Momentum. Dieses gilt es zu nutzen. Um jeden Preis. Ist das Momentum dahin, ist die Revolution vorbei. Können wieder alle nach Hause gehen und auf die nächste Generation hoffen! Deshalb sollte man sich den Jubel und die Euphorie in Ägypten anschauen. Und sich fragen: Kann es das auch bei uns geben?

Man stelle sich vor. #rosarotebrilleauf. Eine Gesellschaft, die füreinander da ist. Eine Wirtschaft, die dem Gemeinwohl aller dient, nicht nur einer kleinen Zahl an Profiteuren. Durch Automatisierung und Energie-Gewinnung ist es möglich, die grundlegenden Güter des täglichen Gebrauchs ohne viel Aufwand in guter Qualität herzustellen. Man stelle sich vor, jeder Mensch müsste vielleicht nur ein paar Stunden in der Woche einem „Brotjob“ nachgehen, der Rest stünde ihm zur freien Verfügung. Wäre das toll? Oder wäre das gefährlich? Weil die Menschen mit ihrer vielen freien Zeit nichts anzufangen wissen? Wobei, es steht jedem frei, sich eine Berufung zu suchen. Ohne Zwang etwas zu tun. Vielleicht für die Gemeinschaft? Für seine Existenz ist ja gesorgt. Das bekümmert einem nicht mehr. Natürlich müsste die Bildung reformiert werden, müssten die Kinder grundlegend nach ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen unterrichtet werden. Wir würden eine lebenswerte Welt erschaffen, keinen korrupten Konsumtempel, der von einem stetig steigenden Wirtschaftswachstum abhängig ist (bei endlichen Ressourcen! Wie passt das zusammen, ha?).

#rosarotebrilleab. Natürlich. Blanker Unsinn. Pure Phantasterei eines brotlosen Schreiberlings. Ja, so fängt es immer an. Mit einer absurden Idee. Lächerlich. Lachhaft. Und doch, es zwickt kurz im Gemüt. Was wäre wenn … Was wäre wenn …

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