richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Sex, Fetisch, Beziehungen? Weder noch!

 

Der Fetisch des Erik van der Rohe. Seltsam. Wirklich. Die autobiographische Fiktion habe ich vor rund 8 Jahren begonnen. Alsbald aber die Lust daran verloren. In die berüchtigte Lade gegeben. Letztes Jahr habe ich das Manuskript wieder aus der Schublade genommen, entstaubt, ergänzt und den Umfang verdoppelt. Das Konvolut haben wir in zwei Bände geteilt. Ging nicht anders. Nun harrt das Manuskript bei euryclia.de auf wohlwollende Vorbesteller. Kommen genügend zustande, wird das Buch gedruckt, respektive verlegt. So einfach ist das.

Zwischenzeitlich den einen oder anderen Testleser (besser: Testleserin) gefunden und deren Feedback durch den Kopf gehen lassen. EG. ist da natürlich gegenwärtig hervorzuheben, da sie beständig an den ausufernden Kapiteln dran bleibt. Neu hinzugekommen ist RP., die gestern Abend gleich mal über 100 Seiten las und nach dem 2. Band verlangte. Schön. Das ist nämlich nicht gerade üblich. Noch dazu, wo RP. als Buchhändlerin und Doktorandin der Germanistik sicherlich andere Sachen zu lesen hätte. Jedenfalls, als ich mich vor einer Stunde auf den Weg hierher, ins Café machte, gingen mir sonderbare Gedanken durch den Kopf. Wie gesagt, seit 8 Jahren liegt das Manuskript bei mir herum. Immer wieder daran herumgedoktert, immer wieder darüber nachgedacht, wie man es verbessern könnte. Das übliche Einerlei eines Schreiberlings eben.

In den beiden Bänden werde verschiedene Beziehungen zwischen Erik, dem Schlüsselprotagonist, und zehn Frauen durchgespielt. Dabei spielt auch der Fetisch eine Rolle. Natürlich. Sex? Ja, kommt auch vor. Gefühle? Gewiss. Ich würde das Buch als die reife, authentische Version von Glattauers „Gut gegen Nordwind“ und „Alle sieben Wellen“ beschreiben. Ansonsten machte ich mir nicht sonderlich viele Gedanken darüber, wie man den Text interpretieren könnte (dafür gibt es ja die Kritiker und Rezensenten und Leser). Aber wie ich so am Donauufer entlang schlenderte, den eisigen Wind im Gesicht spürte, da wurde mir klar, dass Erik weder von Sex, noch von einem Fetisch, noch von den verschiedenen Beziehungen handelt, sonder schlicht und einfach von Illusionen.

Illusionen? Yep. Warum ist mir das nicht während des Schreibens aufgefallen? Nun, wer sich in eine Geschichte verliert, sich in die Protagonisten versetzt, der lebt ihr Leben und läuft genauso blind im Kreis. Mir kam gar nicht in den Sinn, aus dem Kreis zu gehen, sozusagen einen Blick von oben auf die Welt des Protagonisten zu machen. Ich dachte, ich würde bereits alles wissen. Ich machte genau den selben Fehler, den auch Erik in seinem Leben gemacht hätte, würde es ihn geben. Beide haben wir nach einem Erklärungsmuster innerhalb des gelebten Mikrokosmos gesucht. Beide haben wir ihn gefunden. Natürlich. Und jetzt ist mir klar geworden, dass dieses Erklärungsmuster doch nur Illusion ist. Die Ironie bei der Sache ist ja, dass ich Erik über die virtuelle Illusionsmaschine Internet fabulieren lasse und der Meinung war und bin, dass, wenn man die Internet-Leitung trennt, dass die Illusionsmaschine stoppt und man sich mit der Realität auseinandersetzt. Darin liegt vermutlich mein Irrtum. Mein großer Irrtum!

Ich weiß. Keiner hört es gerne. Wir wollen alle aufgeklärte und vernünftige Bürger sein, wenn es die Umstände erfordern. Derweil bemerken wir nicht, dass die Ratio ein Teil dieser Illusion ist. Gefinkelt, ha? Es ist, als würden wir auf der Bühne stehen und Leben spielen. In diesem Stück gibt es Passagen, wo wir tierisch ernst, abgebrüht rational sein müssen. Und dann, dann dürfen wir uns den Gefühlen ergehen. Das wechselt sich ab. Je nach Stichwort und Requisite.

Vielleicht hat es auch mit dieser Schlagzeile auf alternet.org zu tun: „Bill Moyers: America Can’t Deal With Reality — We Must Be Exposed to the Truth, Even If It Hurts“ [etwa: „Amerika kommt mit der Realität nicht zurecht — Wir müssen der Wahrheit ins Auge blicken, auch wenn es weh tut.“] Würden wir, die Bürger dieser Welt, tatsächlich einmal inne halten, aus dem Kreis gehen und uns umsehen, so würden wir bemerken, dass wir seit Jahrzehnten von einer breiten Anzahl an Leuten betrogen werden, die wiederum von einer kleinen Anzahl von Leuten betrogen werden. Nach Strich und Faden. Natürlich können wir uns einreden und einreden lassen, dass es so schlimm nicht ist. Aber würden wir frank und frei erkennen, was da um uns herum gespielt wird, wir würden es nicht zulassen. Denn was wir jetzt erleben, ist der Zusammenbruch der Gemeinschaften, der Dörfer, Gemeinden und Länder. Weil die Schuldenlast so hoch ist, müssen Einsparungsmaßnahmen getroffen werden. Aber in einer Zeit des wirtschaftlichen Niedergangs, der Verknappung und Verteuerung von Ressourcen (Erdöl, you know), kann nur eine autarke Gemeinschaft das Übel, das da auf uns zukommt, aufhalten oder wenigstens abschwächen.

In den USA wird die Stadt Detroit den Bankrott anmelden müssen. Detroit? Ach ja, die kennen wir. Naja, keine Autoindustrie mehr. So spielt das (Wirtschafts-)Leben. Oder Gary in Indiana. Einstmals eine blühende Industriestadt in den 40ern und 50ern, ist ebenfalls bankrott und hält die Spitze der kriminellsten Stadt in den USA. Verbrechen rulez! Und in diesem Zustand verlautbart der Bürgermeister, dass man die Hälfte an Polizei und Feuerwehr entlassen werde müssen, da die städtischen Mitteln nicht reichen würden. Ja, so spielt das (Wirtschafts-)Leben.

In der Illusionsmaschine, die wir uns aufgebaut haben, zucken wir mit der Schulter. Ist halt kein Geld da. Hätten wir nicht so viele Schulden gemacht. Stimmt. Aber was nutzt es jetzt? Die Frage ist eher: Wer hat die letzten Jahre und Jahrzehnte enorm profitiert und wer profitiert heute von der Schuldenmacherei der Gemeinden, der Länder, der Staaten? Geld und Arbeitsleistung verflüchtigen sich nicht (im Gegensatz zu nicht erneuerbaren Ressourcen!). Geld verschiebt sich. Und Arbeitsleistung ist primär vorhanden (oder sind die Menschen körperlich oder geistig nicht mehr dazu in der Lage?). Die Finanzwelt triggert also die reale Welt. Sie bekümmert nicht, ob die Kriminalitätsrate in Gary explodiert. Unternehmen sind auf Profit, nicht auf das Gemeinwohl fixiert. Ja, so spielt das (Wirtschafts-)Leben.

*

So, wie es aussieht, gibt es nur eine Möglichkeit, aus der Malaise zu kommen: Wir müssen aufwachen! Wir müssen die Illusion als Illusion entlarven. Nur dann sind wir in der Lage, vernünftige Entscheidungen zu treffen, die das Gemeinwohl aller, nicht weniger, beinhaltet. Oder wir warten. So lange, bis uns die Welt um die Ohren fliegt. Dann, ja, dann wachen wir bestimmt auf. Aber leben, leben werden wir dann nicht mehr.

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4 Antworten zu “Sex, Fetisch, Beziehungen? Weder noch!

  1. A. Mittwoch, 16 Februar, 2011 um 18:51

    man kratze an der oberfläche und abgründe tun sich auf. die welt ist schlecht und richtet sich selbst zugrunde, die finanziers treiben uns alle in den ruin. und was machen wir dagegen? was können wir dagegen tun? ein gutes buch zur hand nehmen, um sich die realität nicht anzutun.

    • Richard K. Breuer Mittwoch, 16 Februar, 2011 um 19:36

      Oder man hört sich die lectures von Richard D. Wolff an (link), einer der wenigen US-Professoren, der sich mit dem Marxismus lang und breit beschäftigt. 42 Jahre habe ich werden müssen, um zu hören, dass Marx nichts über den Kommunismus per se geschrieben oder veröffentlicht hat, sondern einfach nur die verschiedenen wirtschaftlichen Systeme analysiert hat („Wie wird der Überschuss in einer Gesellschaft verteilt?“), um später den Kapitalismus zu analysieren und dessen Fehler und Schwächen aufzuzeigen. Ausgehend davon, dass Marx meinte, dass der Kapitalismus, der dem Feudalsystem 1789 folgte (oui, da haben wir wieder die Französische Revolution), nicht das Versprechen „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ einlöste und auch gar nicht einlösen kann. Trotzdem wird uns Tag für Tag genau das eingetrichtert. Derweil liegt es klar auf der Hand, wenn man sich anschaut, wie Vermögen verteilt wird und wer es hat. Aber darüber diskutiert man nicht. Tja.

  2. die Radiomarijke Freitag, 25 Februar, 2011 um 8:40

    das erinnert mich stark an mein Soziologiestudium 🙂 lies mal von Goffman (?) „wir alle spielen Theater”. Das trifft genau zu.

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