richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Print ist tot? Es lebe die Revolution!

update: Tools of Change for Publishing Conference in New York mit Video der Keynotes: link // update: 6 trends RT @paulkbiba: „Better than free, how value is generated in a free copy world“ by Kevin Kelly – http://tinyurl.com/5r54ywe #toc2011

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Die Revolution macht den Frustrierten eine unerhörte Versprechung:
die erlittene oder eingebildete Verachtung rächen zu können.
Kritisches Wörterbuch der Französischen Revolution – Band I
Francois Furet und Mona Ozou
Suhrkamp

Der Blog-Beitrag von Werner Boehm über die Konferenztage der Tools of Change for Publishing 2011 (link) mit dem hübschen Titel „Print ist tot – eBooks und Social Media begraben Gutenberg!“ hat mich dazu veranlasst, über diese Print-Revolution (die Ablöse vom gedruckten zum virtuellen Buch) nachzudenken. Und da ich mich ja mit den Anfängen der Französischen Revolution schriftstellerisch auseinandersetze, dachte ich, dass man diese eine mit der anderen durchaus vergleichen könne. Primär werden Revolutionen im Kopf ausgelöst, nicht mit der Muskete oder einem Stein in der Hand. Das kommt erst später. Viel später.

Die alteingesessene Verlagsbranche ist mit der Aristokratie des Ancien Règimes durchaus zu vergleichen. Viele Jahre haben sich die Verlage den Kuchen unter sich aufgeteilt. Das kam nicht von ungefähr. Ein Buch in größerer Auflage zu verlegen war, sagen wir, vor hundert Jahren, eine kostspielige und riskante Angelegenheit. Und der Vertrieb der gedruckten Bücher nicht gerade einfach. Verlegt wurde nur, was dem Verleger gefiel oder was nach einem Verkaufsschlager aussah. Die Anzahl der Neuerscheinungen war einigermaßen überschaubar. Mit den Jahren und Jahrzehnten kam es in der Verlagsbranche – wie generell in der Wirtschaft – zu Pleiten, Zusammenschlüssen und Aufkäufen. Die größten Publikumsverlage sind nun in Deutschland an einer Hand abzuzählen. In den USA sind es zum Beispiel ganze fünf oder sechs.

Was man aber die letzten Jahre und Jahrzehnte beobachten konnte, ist, dass es immer günstiger wurde, Bücher zu produzieren. Einerseits ist das der Weiterentwicklung der Drucktechnik geschuldet, anderseits an der „Ostöffnung“ und Globalisierung. Viele Druckereien im Osten Europas, genauso wie in China oder Indien, produzieren Bücher um billig Geld. Transportkosten sind (noch) kein Thema. Weiters hat sich die rentable Auflagengröße nach unten verschoben. Mit der Technik von heute kann man auch kleine Auflagen noch erschwinglich produzieren und der Druck auf Bestellung (Print on demand) ist bereits ein Thema. Das wäre vor zwanzig oder dreißig Jahren nicht denkbar bzw. nicht finanzierbar gewesen.

Aber wo gibt es nun das große Geld zu verdienen? Nur noch in den Bestsellerlisten. Und weil noch kein Verlag dieser Welt ein Patentrezept für einen Bestseller gefunden hat, wird einfach auf den Buchmarkt geworfen, was nur irgendwie nach einem potenziellen Erfolg riecht. Da die Herstellungskosten in den letzten Jahren generell gesunken sind  (z.B.: neben den Druckkosten, sind es LektorInnen, die nicht mehr fest angestellt, sondern nur noch für ein Buchprojekt zugekauft werden; die Vielzahl an Grafiker und Illustratoren drücken die Preise für ein Buchcover usw.), macht es wirtschaftlich durchaus Sinn, viele Neuerscheinungen auf Bestsellertauglichkeit zu prüfen (abgestimmt wird an der Kassa). Was nicht geht, wird eben verramscht oder zu Altpapier gemacht. Durch die Markt- und Werbemacht der großen Publikumsverlage bleibt für die kleineren und mittleren nicht viel Platz am Esstisch, respektive in der Buchhandlung. Und da haben wir nun die ersten Unzufriedenen des bestehenden Systems: Kleine und mittlere Verlage, die ein größeres Stück vom Kuchen einfordern!

Dadurch, dass so viele Bücher verlegt werden, dadurch, dass die Mär umgeht, dass man sich als Autor eine goldene Nase verdienen kann, kommen viele Leute auf die Idee, es auch zu probieren: das Schreiben. Dahingehend gibt es weder Aufnahmetest noch Ausbildung (wobei, erste Schulen entstehen bereits im deutschsprachigen Raum), die Investitionen halten sich in Grenzen (Bleistift und Notizbuch, Laptop, Internet) und der rege Austausch über Social Media ist bereits fixer Bestandteil der heutigen Internetkultur. Mit anderen Worten: es gibt eine Vielzahl an Autoren, die ihr Manuskript verlegt sehen wollen. Dummerweise schafft es aber nur ein Bruchteil. Der Rest ist über die Absagen und Vertröstungen verärgert oder verletzt. Hier haben wir nun die zweite Gruppe der Unzufriedenen: die nicht verlegten Autoren.

Diese beiden unzufriedenen Gruppen hat es per se schon immer gegeben, vielleicht nicht in der Größenordnung, aber trotzdem hätte das noch lange keine Revolution auslösen können. Dann kam der digitale Text, das eBook, der eReader. Mit einmal war und ist es möglich, jeden Text elektronisch zu „drucken“ und (wichtig) über Web-Plattformen zu vertreiben. Wie in jeder Revolution braucht es Geldgeber und Profiteure. In diesem Falle sind es natürlich die Web-Vertriebs-Plattformen, allen voran amazon und Apple. Amazon hat die Möglichkeiten als erster erkannt und sich vorwiegend auf die Zielgruppe der Unzufriedenen konzentriert. Diese haben natürlich liebend gerne von der neuen Möglichkeit Gebrauch gemacht. Apple sucht wiederum verstärkt die großen Publikumshäuser ins Boot zu holen, in der Meinung, dass hier mehr Geld und Umsatz und Prestige zu erwarten ist. Dann gibt es natürlich die verschiedenen Elektronikhäuser, allen voran Sony, die eReader entwickeln und daran interessiert sind, dass es viel „Software“, also eBooks, für ihre Lesegeräte gibt. Ja, und dann gibt es eine Armada an Technik-Junkies, an Geeks und Programmierern, die ein Abschöpfungspotenzial entdeckt haben. Statt schnöde Webseiten zu machen, bieten sie an, Applikationen oder enhanced eBooks zu programmieren. Oder überhaupt eine Konvertierung vom Papierbuch zum eBook. Oder neue Webstores, neue digitale Bezugsmöglichkeiten … Und die mobilen Geräte, sei es SmartPhones oder Tablet-PCs oder Netbooks, werden immer mehr zum Lesegerät, sind weit verbreitet und akzeptiert (im Gegensatz zum eReader). Dass diese Technik-Affinen auch verstärkt Einfluss im Social Media Bereich haben, muss ich nicht extra erwähnen. Sie sorgen dafür, dass die Revolution weitergetragen wird (so lange sie sich davon etwas versprechen). Überhaupt ist das Web ja ein Tummelplatz an revolutionärem Gedankengut. Es bietet die Möglichkeit der Versammlung und schafft einen Raum, wo Austausch zwischen Meinungsmachern und Multiplikatoren und der Masse möglich ist. Alle sind sie wiederum in der Lage, jede virtuelle Diskussion in die reale Welt zu bringen.

Damit haben wir alle Ingredienzen, die es braucht, eine Revolution auszulösen. Unzufriedenheit hier, Geldgeber dort, ein Versammlungsort, wo konspiriert werden kann und ein starres System, das es zu biegen oder brechen gilt. Denn eines scheint schon heute klar: dass die digitale Welt eine Gleichheit herstellt, ja, sie macht per se keinen Unterschied zwischen einem Follet oder einem Breuer oder einem Müller. Alle Bücher werden gefunden, wenn man sie sucht. Natürlich wird Geld und Einfluss immer eine Ungleichheit erzeugen. Das liegt in der Natur der Sache. Gewiss. Aber niemand wird einem Breuer oder Müller versagen, an den Tisch zu kommen und die kleinen Krümel aufzupicken. Ob die beiden davon satt werden, wird man sehen. Davon später einmal mehr.

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