richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Wall Street? Yeah. Fucked up, folks!

Hat man vierundzwanzig Stunden früher als die übrigen Menschen recht,
so gilt man diese vierundzwanzig Stunden lang für närrisch.

Antoine de Rivaról
1753 – 1801

100 verfallene Häuser in Detroit by Kevin Bauman
Sie wollen ein verfallenes Haus in Detroit? Get it! We pay! Fotos by Kevin Baumann

Nach Prof. Wolff dürfte die US-Stadt Detroit (Autoindustrie, you know) Bankrott sein. Tja. Dumm gelaufen. Die Autowerke sind längst geschlossen und die Fabrikshallen zeigen ein ähnliches Bild wie zerbombte Häuser im Irak. Als Amerikaner muss man nicht übers Meer, um die Auswirkungen von Krieg und Zerstörung zu sehen. Gut, in Detroit fielen keine Bomben vom Himmel oder knallen Militär-Helikopter unbewaffnete Zivilisten über den Haufen, sondern die Lebensader (Wirtschaft, you know) wurde in den letzten Jahren abgetrennt (Profit, you know). Man produziert dort, wo es am billigsten ist (Indonesien rulez). Und etwaige Steuerleistungen umgeht man sowieso. Die Auswirkungen sind in gewisser Weise ähnlich wie im Irak: kein angenehmes Leben da wie  dort.

Bevor ich weiter aushole, noch schnell ein paar Statistiken, die man immer und zu jeder Zeit aus seiner Tasche ziehen sollte, wenn  es um Einsparungen und „Wir müssen den Gürtel enger schnallen“-Geschrei geht. Ich würde ja jede Zeitung, jedes Magazin, alle TV-News dazu verpflichten, bevor über das Auf und Ab der Wirtschaft geschrieben wird, dass diese Statistiken gezeigt werden. Nur wenn man den Leuten hunderte Male klar macht, was da in Wirklichkeit abgeht, werden sie vielleicht irgendwann einmal hellhörig und beginnen, Fragen zu stellen („Stimmt das?“). Die Statistiken sind übrigens hier entnommen: link

[Grafik nicht mehr verfügbar] In good ol‘ USA besitzen die Top 10 % satte 90 % aller Wertpapiere die Top 1 % satte 50 %. Das heißt, steigende oder fallende Kurse betreffen vorwiegend diese Geldaristokratie (wollen wir sie mal so nennen). Wenn also die breite Masse der Steuerzahler Wall Street zu Hilfe kommt, weil ein apokalyptisches Bild eines Banken-Kollaps gezeichnet wird, dann profitiert davon wer? Richtig, die Geldaristokratie – während die breite Masse in die Schuldenfalle tappt bzw. durch ihre Regierung hineingezogen wird.

[Grafik nicht mehr verfügbar] Das Vermögen war 2007 in den USA wie folgt verteilt: die Geldaristokratie, also wieder die Top 10 %, hält  71,5 % des gesamten Vermögens des Landes. Dann kommt die Mittelschicht (40 %), die immerhin noch 26 % des gesamten Vermögens des Landes ihr eigen nennt. Bleibt dann noch eine breite Unterschicht über, die Hälfte der Einwohner der USA, die so gut wie gar nichts haben. Hm. Das heißt, die Mittelschicht ist der Prellbock, der die Geldaristokratie vor dem besitzlosen und verarmten Pöbel schützt. Yep. So sieht es aus.

Wie sich das Vermögen weltweit verteilt

*

Wenn man richtig wütend werden will – und das ist schön langsam angebracht – dann sollte man den ausgezeichneten Rolling Stone Magazine Artikel „Why isn’t Wall Street in Jail?“ von Matt Taibbi lesen. Ich werde mir erlauben,  ein paar sprechende Absätze daraus zu zitieren und es in ein halbwegs verständliches Deutsch zu übersetzen. Ready?

Niemand geht ins Kittchen! Das ist das Slogan der Ära der Finanzkrise, die so gut wie alle Großbanken und Finanzunternehmen der Wall Street in obszön kriminelle Skandale verwickelt gesehen hat; diese Skandale haben Millionen von Menschen arm gemacht und verpulverisierten hunderte von Milliarden, tatsächlich, Billionen von Dollars des globalen Vermögens – und niemand geht ins Kittchen.

„Man müsste nur Lloyd Blankfein (Anm.: CEO/Präsident von Goldman Sachs) in ein „Bück dich um die Seife“-Gefängnis stecken, sagen wir für 6 Monate, und der ganze Wall Street (Betrugs-) Scheiß würde aufhören“, sagt ein ehemaliger Berater des US-Kongresses – „Das ist alles, was es braucht. Nur ein einziges Mal!“ Aber das passierte nicht. Weil das ganze System, das dazu da wäre, Wall Street zu überwachen und zu regulieren, fucked up ist. Man muss nur die Leute fragen, die versuchten, das Richtige zu tun.

[Auf der anderen Seite:] Eine alleinerziehende Mutter aus Ohio wurde angeklagt, weil sie falsche Angaben über ihren gegenwärtigen Wohnort machte, so dass ihre Kinder einem besseren Schulbezirk zugeteilt wurden; der Richter, der mit dem Fall vertraut wurde, setzte das Strafausmaß für Betrug auf 10 Tage Gefängnis fest, und erklärte sich damit, dass, wenn er sie davon kämen ließe, man die Schwere des Verbrechens herabwürdigt.

Was kann man zu Präsident Obama sagen? Goldman Sachs war sein privater Nummer 1 Wahlsponsor. Er bestellte einen Citigroup Direktor zum Verantwortlichen seines Wirtschafts-Teams und er gab gerade bekannt, dass ein Direktor von JP Morgan Chase – der stolze Besitzer von Chase Aktien im Wert von USD 7,7 Millionen – der neue Stabschef im Weißen Haus wird.

More to come, folks! Be prepared.

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Eine Antwort zu “Wall Street? Yeah. Fucked up, folks!

  1. John Montag, 11 Juli, 2011 um 15:22

    Ich frage mich manchmal was noch wirklich gerecht ist, Leute kaufen sich frei und in den Medien wird es schnell heruntergespielt das niemand etwas merkt. Unglaublich aber wahr, komische Welt in der wir leben. LG John

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