Qualität und Journalismus anno 2011

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Gestern gab es im Deutschen Bundestag eine interessante Debatte über die »Qualitätsprobleme im Journalismus und ihre Ursachen« – den Fragen der Politiker stellten sich unter anderem die Medien Zeit online, Spiegel online und Süddeutsche Zeitung (SZ). Die Debatte, besser: Gespräche dauern beinahe zwei Stunden. Herausgreifen würde ich die „Mythen“-Dekonstruierung von Wolfgang Blau, Chefredakteur von Zeit online (gleich zu Beginn des Videos) und die Vergangenheits-Gegenwarts-Darstellung eines Hans Leyendecker von der SZ, der von seinem Alter und seiner gereiften Anschauung sicherlich als Journalist der alten Schule gelten darf. Sonst kann ich nicht viel mehr dazu sagen, weil ich mir auch nicht den Rest angesehen habe. Dafür werde ich nicht bezahlt. Warum sollte ich es also tun?

eine Gliederung
erleichtert die Lesbarkeit

Gut. Im letzten langen Blog-Artikel wurde ich höflich daran erinnert, dass ich die Absätze mit Überschriften versehen sollte. Yep. Das ist eine gute Idee. Dummerweise schreibe ich ja aus dem Handgelenk, schieße ich aus der Hüfte und mache mir kein Konzept. Ich schreibe, wie es mir in den Sinn kommt. Deshalb, ich gebe es zu, kritzle ich oft Kraut und Rüben, schreibe von Hinz und von Kunz, ziehe Querverweise, schweife ab und meine plötzlich und unvermutet (für den Leser), etwas Wichtiges erzählen zu müssen. Das ist vielleicht auch schon der große Unterschied zwischen einer bezahlten journalistischen Tätigkeit und einer „mach nur, wenn du möchtest“-Einstellung. Wer bezahlt, schafft an. So heißt es. Immer schon. Daran konnte auch das Web2.0 nichts ändern. Jeder, der also etwas schreibt, für das er bezahlt wird, muss gewisse Erwartungen erfüllen. Das beginnt bei der Themenwahl und endet bei der Gliederung und der wohlfeilen Kürzung all zu langer Beiträge. Wer liest heute noch lange Beiträge, wenn er nicht dafür bezahlt wird?

Was uns die Debatte nicht verrät, aber Noam & John

5min Clip!

Anmerkung: ich habe nun die Überschrift im Voraus notiert – mal gucken, ob ich mich keiner Themenverfehlung schuldig mache. Also, was verrät uns die Debatte nicht? Nun, wir können mit einem Medienkritiker der sehr alten Schule aufwarten. Er heißt Noam Chomsky, ist US-Amerikaner und emeritierter Professor für Linguistik am MIT und für mein Dafürhalten einer der letzten seiner Art. Wirklich. Er nimmt sich kein Blatt vor den Mund, erläutert Zusammenhänge und beleuchtet dunkle Aspekte. So! Jetzt habe ich eine gefühlte Ewigkeit durch youtube-Videoclips geklickt und schließlich doch etwas hierzu Passendes gefunden: Eine Doku über den Mythos der freien Presse. Auch sehr schön auf den Punkt gebracht hat es der australische Journalist John Pilger (es gibt viele sehenswerte Dokus von ihm im Web! SEE IT!), der dieses „War on Terror“-Geschrei einmal richtigstellt (weil es die „freie Presse“ scheinbar nicht macht oder nur unzureichend – und da meine ich jetzt bitteschön nicht die Tageszeitung „Die Presse“ aus Österreich) youtube. Und von der Medienkonzentration, nun, sollte man auch einmal sprechen, oder? Jerry Mander tut es hier (die Qualität ist leider mäßig, was daher kommt, dass solche Interviews selten im Mainstream-TV gezeigt werden): youtube (eine besser Soundqualität gibt es hier, aber der Clip sieht ein wenig spooky aus): youtube. Und überhaupt sollte man einmal von der Allmacht der Corporations erzählen, oder? Eine sehr gute Doku mit deutschen Untertitel gibt es hier zu gucken: The Corporation Darin wird festgestellt, dass ein marktwirtschaftlich geführtes Unternehmen alle Anzeichen oder Symptome eines Psychopathen aufweist (Serial Killer, you know!). Klingt das jetzt heftig? Hey, das ist kein Kindergeburtstag, ja? Da geht es um Geld. Viel Geld. Sehr viel Geld. Unfassbar viel Geld. Wirklich. Das ist der Glaube (Motor), der die Welt am Laufen hält. Fakt!

Ich bin nicht gekauft!
Aber ich würde mich gerne verkaufen …

Es ist ein Dilemma, in dem man steckt. Jeder, der professionelle Texte schreibt, will sie per se verkaufen bzw. er hat bereits einen Käufer gefunden, der bereit ist, Geld zu zahlen. Es ist eine abgedroschene Binsenweisheit, die Sache mit dem Geld und dem Einfluss, ich weiß, ich weiß, ich weiß. Aber nur weil sie abgedroschen ist, ist sie deshalb nicht unwahrer. Der Philosoph Spinoza (ich werfe diesen ein, ohne ihn gelesen zu haben – nur damit klar ist, dass ich ein Kind der Search Engines bin, aber gemeinhin so tue, als würde ich belesen wirken – wer es nicht tut, der werfe den ersten Karl-Theodor von Guttenberg), jedenfalls, dieser italienische Philosoph schrieb einmal „Weil jeder nur so viel Recht hat, wie er Macht hat.“ Würde man nun ergänzen „Weil jeder nur so viel Macht hat, wie er Geld hat“, dann gelangt man unweigerlich zu diesem Kreislauf: Recht = Macht = Geld = Recht. Wir bemerken: ich schweife ab. Nun denn. Ich bin nicht gekauft. Deshalb schreibe ich das jetzt so auf. Wäre ich gekauft, würde ich in einer Anstellung sein, würde ich mir eine Anstellung erhoffen, tja, dann würde ich vermutlich so etwas nicht schreiben. Niemand beißt die Hand, die einen füttert. Gut, dem Medium, sei es Zeitung oder Magazin oder TV oder Radio oder Webportal könnte es ja egal sein, aber weil dieses gekauft wurde (im wahrsten Sinne des Wortes zu verstehen) ist es gekauft. Hilft nichts. Ist nun mal so. Würde es mir einfallen, jemanden Geld zu zahlen, der mir ans Bein pinkelt, weil er dreist verlautbart, dass man  (meine) Romane nicht mehr lesen solle, weil sie einen verblöden lassen? Würde diese These populär werden, sich verbreiten, ich könnte meinen Verlag zusperren und wir hätten es mit einer Existenzgefährdung zu tun. Aha!

Immer geht es nur um das eine!
Existiere ich oder lebe ich?

Egal, mit wem man spricht, mit wem man es zu tun bekommt. Sei es einem Tankwart oder Oberkellner, einem Kaffeehausbesitzer oder Franchise-Nehmer, einem Journalisten oder Medienmogul, einem Landwirt oder einem Model, alle haben sie eines gemeinsam: die Existenzangst. Diese treibt die seltsamsten und gefährlichsten Blüten im Kopf. Sie ist ausschlaggebend, dass Dinge getan werden, die gegen den gesunden Menschenverstand sprechen. Wirklich. Fragt man später einmal jemanden, warum er dies oder jenes getan hat, dann wird er oder sie oder es mit der Schulter zucken und antworten: „Was hätte ich tun sollen? Ich wollte nicht verhungern!“ – Gewiss, verhungert ist noch niemand, im Sozialstaat (wobei, wo ist eine Statistik dazu?) und wenn alles nach Plan läuft, würde der Staat auch Sorge tragen, dass es nicht geschieht. Trotzdem ist die Angst dermaßen stark ausgeprägt, vor dem Nichts zu stehen, wie man es so schön formuliert, dass viele nicht nur Tricks und Kniffe anwenden, sondern auch mal tiefer in die Zauberkiste greifen und dabei die Grenze zwischen Gesetz und Anstand und Moral vergessen. Warum erzähle ich das? Weil durch diese Angst der (strebsame) Mensch manipulierbar ist. Darüber könnte man viel, sehr viel erzählen – zum Beispiel, dass die Medien ein Bild des erfolgreichen und angepassten Bürgers zeigen, immer und immer wieder, bis man der Meinung ist, man ist selber Schuld an seiner Erfolglosigkeit, die es ja tagtäglich zu meistern gilt. Journalisten und Medienmacher sind dieser Existenzangst und dem Wunsch nach Anerkennung (uups, auch wichtig!) genauso ausgeliefert wie du und ich. Warum sollten sie anders sein?

Ich möchte geliebt werden. Bitte!

Dieser Wunsch nach Anerkennung ist der Existenzangst natürlich vorgereiht. Warum soll man sich fürchten, wenn alles optimal läuft? Eben. Die dunklen, depressiven Ängste kommen erst dann, wenn die Kacke am Dampfen ist. Dazwischen ist es wohl der Konkurrenzgedanke, der schlagend wird und natürlich der Wunsch dazuzugehören. Antoine de Rivaról (1753 – 1801) sagte einmal Folgendes: »Hat man vierundzwanzig Stunden früher als die übrigen Menschen recht, so gilt man diese vierundzwanzig Stunden lang für närrisch« (sein kritisches Journal über die Französische Revolution habe ich bitteschön gelesen, nicht gegoogelt!). Wer möchte also bitteschön als Narr gelten? Keiner! Keiner will sich in den Augen der anderen lächerlich machen. Journalisten und Medien genausowenig. Deshalb darf es einem nicht verwundern, dass sich die publikumswirksamsten Nachrichten wie ein Lauffeuer verbreiten und so den Anschein erwecken, wahr zu sein (uh, was ist Wahrheit bzw. was gilt als geschichtlicher Fakt?). Aber wie dem auch sei, gegen eine voreingenommene Masse anzuschreiben könnte vielleicht in der Tat dazu führen, dass das Medium ausgegrenzt wird und damit ihre Existenz verliert. Damit es nicht geschieht, haben wir in der Ostmark (man verzeihe mir diesen zynischen Witz, den ich so gerne mache. Warum? Weil er so hübsch zynisch ist) die Presseförderung (ich müsste mich jetzt schlau machen, wie sie verteilt wird, aber hey, ich werde dafür nicht bezahlt und ich schreibe lieber als dass ich jetzt lange und breite Statistiken durchsehe, ja?). Dass sich damit die Tageszeitung wiederum abhängig machen, liegt auf der Hand, oder? Eine Partei, die antritt, diese Förderung zu streichen, hm … woran man erkennen kann, wie diese Abhängigkeiten ineinandergreifen: eine Partei würde diese Förderung nie (ernsthaft) in Frage stellen, kann aber damit drohen. Und ja, auch eine Partei und ihre Politiker wollen geliebt werden. Wirklich.

Ich habe Hunger!
Wer holt mich da jetzt raus?

Yep. Ich habe Hunger. Wirklich. So etwas gibt es. Und weil ich nicht für dieses Konvolut bezahlte werde – ich schreibe es ja aus freien Stücken und erziele daraus einen sexuellen Stimulus … hm … wie dem auch sei, ich müsste es ja nicht machen, deshalb kann es dem Leser – in dem Fall wohl nur Sie (oder Du, je nach dem, ob wir uns kennen) – deshalb kann es dem Leser (ja Du!) herzlich egal sein, ob ich darbe oder nicht. SSKM! Selber Schuld. Kein Mitleid. In einem Büro würde sich vielleicht jemand darum kümmern, dass ich nicht verhungere. Man würde mir mundgerechte Nahrung auf den Tisch stellen. Auf dass ich brav weiter schreibe und nicht aus dem Fluss komme. Ja, weil mit leerem Magen studiert es sich nicht gut. Kommen wir also zu einem Ende (obwohl ich ja nur die Oberfläche gekratzt habe).

Ende und Aus!

Die Debatte um den Qualitätsjournalismus im Deutschen Bundestag ist, man verzeihe mir jetzt diese brachiale Wortwahl, nett. Wirklich. Ich finde zum Beispiel, dass die junge Geschäftsführerin von Spiegel online attraktiv ist. Und der (ebenfalls) junge Chefredakteur von Zeit online eine gute Figur macht. Und dass ich dem sonoren Herrn Leyendecker ewig zuhören könnte (wenn ich etwas im Magen hätte). Die anderen, pardon, sind mir jetzt nicht sonderlich aufgefallen (das ist bitteschön positiv zu verstehen) oder ich habe sie erst gar nicht gesehen bzw. gehört. Sonst? Ach, dazu fällt mir jetzt gar nichts ein.

Epilog

Ich frage mich ja, ob jemand auf die Idee gekommen ist, zu bemerken, dass die Leutchen, die da so hübsch beisammensaßen, recht befangen sind. Sie sitzen allesamt im selben Boot und wollen nicht kentern. Das Web ist so lange keine Gefahr für sie, so lange es zu keiner Machtkonzentration kommt. Tja. Dumm gelaufen. Jobs und Zuckerberg und Bezos, besser bekannt als Apple, facebook und amazon … ach ja, die Google-Boys dürfen wir natürlich nicht vergessen … sie allesamt werden dafür sorgen, dass es zu einer globalen Machtkonzentration kommt. Davon hätte keiner der ehemaligen Medien-Tycoons (by the way: kennt jemand Citizen Kane?) jemals träumen dürfen. Ist das gut? Ist das schlecht? Hey, ich werde für visionäre Analysen nicht bezahlt! Was ich damit sagen will, ist, dass die besagten Unternehmen große Wellen schlagen werden. Ach ja, da gibt es ja dieses Boot … hm … ich würde vorschlagen, Schwimmwesten auszugeben.

Und was hat jetzt diese Faselei mit der Qualität
von Journalismus zu tun, verdammt noch mal?

Nun. Das ist ganz einfach. Die einen werden bezahlt und sind gekauft. Die anderen werden nicht bezahlt und haben Hunger. Und weil sie Hunger haben, werden sie viele Dinge tun, aber ein fütterndes System nicht in Frage stellen. Schließlich wollen sie ja ihre Mägen füllen. Und Anerkennung und Liebe suchen sie ja auch noch. Get it?

 

Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten,
ihre Meinung zu verbreiten.
Paul Sethe
im Der Spiegel anno 1965
#presse

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