richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

sichere Atomenergie, fröhliche Autoindustrie oder Pandoras Glückwünsche


Sicherheit ist nirgends.

Arthur Schnitzler

Zugegeben. Als 1986 der „Betriebsunfall“ im damaligen UdSSR Kernkraftwerk Tschernobyl passierte (mein damaliger Deutschlehrer würde jetzt sagen: „passieren tut man höchstens Spinat“), war ich 18 Jahre und hatte keine Ahnung. Die Informationsquellen waren die klassischen Medien: ORF, Radio und Zeitung. Punkt. Ach so. Ja. Man raunte sich dies und jenes zu. Analoges Twittern, wenn man so will. Die damaligen Meldungen waren recht konfus, jedenfalls ist mir noch in Erinnerung, dass die Regierung die Warnung ausgab, sich die nächsten Tage nicht übermäßig im Freien aufzuhalten. Aha. Aber sonst wurde allen Ortens Entwarnung gegeben. Alles sei halb so schlimm, hieß es. Gut.

[update] In der ZDF Mediathek gibt es eine hochinteressante Doku über die Verquickung der deutschen Wirtschaft und der weltweiten Atompolitik. Es geht ums Geld. Wollen wir es auf den Punkt bringen.

[update] Über zwei Dokumentarfilme, der eine wird/wurde am 15.3.2011 ausgestrahlt, der andere kommt im Mai 2011 in die Kinos. Im Tagesspiegel wird darüber erzählt. Sehr stimmig! „Wir wissen nichts, aber Bescheid“

[update] die Chronologie einer beinah Katastrophe, eines fast Super-GAUs im Jahre 1979 im US-AKW Three Mile Island bei Harrisburg liest sich spannender als jeder (erfundene) Thriller. Wirklich. Und wer ne TV-Doku sucht, bitte sehr, google lässt mit „MELTDOWN AT THREE MILE ISLAND“ grüßen. Oder man blickt noch weiter zurück, nach England, genauer nach Windscale, dem ersten Atomkraftwerk auf der Insel, in der 1957 ein Feuer ausbrach. Google „WINDSCALE: Britain’s Biggest Nuclear Disaster“ und voilà, schon kann man sehen, wie die übliche Vertuschung ihren Lauf genommen hat. Natürlich nur um Schlimmeres zu verhindern. Natürlich. Und wer sich auf youtube ein wenig umhört, der bemerkt viele kleine Clips, in der die Sicherheit von AKWs bestätigt wird. Hm. Wer diese Leutchen bezahlt, darüber schweigen diese Clips. Aber wir können es annehmen, oder?

Kristallzucker und ein Geigerzähler!

G. kannte X. – dieser X. war Chiropraktiker (damals durften diese in Österreich nicht ordinieren, wurden von der Ärztekammer nicht anerkannt – wie es heute ist, weiß ich gar nicht) und schon damals ein konspirativer Denker (ich dachte mir: naja, der Kerl übertreibt maßlos, ist ja alles halb so schlimm – und mit 18 Jahren, was weiß man da schon von der Welt? Eben!). Einmal soll X. einen Löffel Kristallzucker in die Höhe gehalten und gemeint haben, dass es pures Gift sei. Aha. Jedenfalls, an diesen Tagen, als der radioaktive Fallout über Wien und Österreich und halb Europa hereinbrach (ein Französischer Minister soll gleich mal verlautbart haben, dass die verseuchten Wolken gar nicht erst nach Frankreich kamen), da zuckte man mit der Schulter. Naja. Aber dann sagte mir G., dass X. einen Geigerzähler in seinem Stammlokal (Scotch Club, 1010 Wien – gegenüber dem Gartenbau Kino) mit hatte und diesen dort einsetzte. Angeblich seien die Werte um ein Vielfaches höher gewesen, als uns die Medien und die Regierung tagtäglich vorgebetet hätte. Aha.

Über fünfundzwanzig Jahre später habe ich noch immer keine Ahnung, bin aber bestens desinformiert. Mit den widersprüchlichsten Meldungen und Aussagen. Man würde sich beinahe wünschen, wieder in diese weiche Watte gepackt zu werden, wie anno dazumal. Aber wenn du einmal die Tür geöffnet hast, wenn du beginnst, die Dinge zu hinterfragen, dann kannst du nicht mehr aufhören. Du musst weitermachen. Ja, so ist das.

Tschernobyl? Nur eine Dokumentation!

Gestern konnte ich die ausführliche Dokumentation über den Supergau von Tschernobyl sehen. Sie ist im Web zu finden – einfach nach „Dokumentation Gau Tschernobyl Atomkraftwerk“ googlen und gucken, was einem die Suchmaschine so an Videoclips ausspuckt. Im Übrigen ist diese TV-Doku kein konspiratives Machwerk eines verrückten Wissenschaftlers oder Grünfriede-Aktivisten, sondern einfach nur eine gut gemachte Doku des Discovery Channels, die ja nicht gerade für ihre progressive Haltung bekannt sind. Und wenn auch nur die Hälfte stimmt, was einem da erzählt wird, dann ist das allerhand. Wirklich.

Worst case scenario! Häh?

Als ich gestern die Diskussionsrunde im ORF2 verfolgte, in der es unter anderem um eine mögliche atomare Katastrophe in Japan ging, weil mehrere Reaktoren überhitzten und zwei Gebäude in die Luft flogen bzw. durch eine Explosion beschädigt wurden. Nun, man hatte den Eindruck, dass die Lage zwar ernst sei, gewiss, aber von einer Kernschmelze könne nicht ausgegangen werden. Gut. Was ich vermisste waren die möglichen Auswirkungen eines worst case scenarios. Was würde im schlimmsten aller Fälle geschehen, auch wenn es unwahrscheinlich ist (wie sagte Sherlock Holmes: das Unmögliche aussortieren, dann bleibt das Unwahrscheinliche über). Natürlich spricht keiner gerne darüber. Weil es Panik erzeugen könnte. Und Panik, auf einer so dicht besiedelten Insel, nein, das wollen wir vermeiden. Gut.

Sagen wir, in den nächsten Tagen und Wochen beginnt die Konsolidierungsphase. Japan wird aufräumen, aufbauen und versuchen, wieder back to normal zu kommen. Das wird viel Schweiß und Blut kosten, aber der Mensch ist in der Lage mit den schlimmsten Unglücken zurecht zu kommen. Die Vergangenheit hat es gezeigt. Wenn also die Medien sich wieder auf andere Themen stürzen, andere Katastrophen vor den Vorhang zerren und darauf einprügeln, wird die Frage nach dem atomaren worst case scenario nicht mehr gestellt werden. Wozu auch?

seit 9/11 ist Stahlbeton ein Kartenhaus

Wenn es also eine (kleine) Wahrscheinlichkeit gibt, dass einem ein Reaktor um die Ohren fliegen kann und die Folgen eine Kontaminierung von halb Europa wären, tja, dann stellt sich doch unweigerlich die Frage: Wollen wir das Risiko wirklich eingehen? Ist es unmöglich, dass sich in Frankreich oder Norwegen oder Tschechien oder Schweiz oder Slowenien oder Germanien die Schutzhülle eines Reaktors in Luft auflöst und eine Kernschmelze eintritt? Dachte jemand von uns, dass es möglich wäre, die Twin Towers in NYC mit zwei Passagier-Flugzeugen zu pulverisieren? Möchte man den offiziellen 9/11 Berichten glauben, müsste man jedes Atomkraftwerk sofort abschalten, da „bewiesen“ wurde, dass ein (mäßig heißes) Kerosin-Feuer eine Stahl-Beton-Konstruktion zum Einsturz bringen und es dabei förmlich pulverisieren konnte.

Ja, es wird mit zweierlei Maß gemessen. Immer. Je nach dem, wem es nutzt. Hier ist ein Kerosin-Feuer (und natürlich die Energie des Aufpralls) verantwortlich, dass ein Stahl-Beton-Koloss einstürzt, obwohl die Twin Towers so konstruiert wurden, dass sie einem Flugzeug-Aufprall standhalten hätten müssen Es gibt nun zwei mögliche Erklärungsversuche:

  • die Konstrukteure hatten sich bei den Twin Towers verschätzt – somit ist tatsächlich bewiesen, dass ein Flugzeugabsturz größeren Schaden, als bisher angenommen, anrichten kann. Wenn uns also gesagt wird, Atomkraftwerke würden gegenüber Flugzeugabstürzen sicher sein, so ist diese Behauptung nicht mehr haltbar. Natürlich nur dann, wenn die offizielle Stellungnahme der 9/11 Geschehnisse stimmen. Und warum sollte sie nicht stimmen, ha? Damit würde ein unabsichtlich oder absichtlich herbeigeführter Flugzeugabsturz auf ein Atomkraftwerk zur (möglichen) Folge haben, dass die Stahl-Beton-Ummantelung zerbröckeln würde. Tja.
  • die offizielle Version der 9/11-Commission stimmt nicht. Aber wie gesagt, warum sollte man uns belügen, ha?

Yep. 9/11 ist eine gute Waffe gegenüber Atombefürwortern(und solche, die es werden wollen), die behaupten, so ein Kraftwerk sei sicher. Das behaupteten ja die Konstrukteure der Twin Towers auch.

*

Atommüll? Vergraben!

Gut. Verlassen wir diesen hypothetischen Bereich der unmöglichen Möglichkeiten. Die Frage, die ich mir stelle, immer wieder, ist, wie gefährlich Atomenergie nun am Ende ist. Okay, nehmen wir an, wir setzen unsere Scheuklappen auf und sagen, dass wir alles unter Kontrolle haben. Immer und zu jeder Zeit. Was geschieht mit dem radioaktiven Abfall. Nun, bis dato dachte ich ja: okay, Loch aufmachen, verseuchten Müll reinkippen, Loch zumachen. Fertig.

Doch dann fiel mir wieder so eine skandinavische Dokumentation in die Hände und auf den Bildschirm. Sie heißt Into Eternity (nuclear waste) und kann sicherlich irgendwo da draußen gefunden werden, wenn man das möchte. In dieser Doku sieht man die Baufortschritte zu einem in seinen Ausmaßen gigantischen finnische Atommüll-Grabmal, an dem über ein Jahrhundert gebaut wird. Dieses „Loch“  in der Erde ist so enorm, dass es einem nicht ins Hirn will, wie man so eine Anlage unter der Erde errichten kann, das mehrere Generationen und zig Milliarden verbrät. Wäre alles halb so wild, alles halb so schlimm, könnte man doch den Müll einfach ins Meer kippen (wenn die Franzosen und die USA in früheren Jahren einfach mal so ihre Atombomben auf Südsee- oder Pazifikinseln zündeten, regte das ja auch keinen sonderlich auf, oder?) Don’t see, don’t feel – oder besser: aus den Augen aus dem Sinn.

Moment! Da war doch etwas …

Irgendetwas ist in den letzten Jahren geschehen. Scheinbar meinen die Eliten und Führungsspitzen und Mainstream-Medien, dass sie die Masse noch immer für Dumm verkaufen können. Zuweilen gelingt das ganz gut. Aber hie und da sickert dann doch die eine oder andere Information durch, die einen zuerst ratlos und dann sprachlos macht. Ist das zu abgehoben, zu überzeichnet? Mal sehen.

Deep Water Horizon und General Motors & Co!

BP? Halliborton? Transocean? Klingelts? Falls nicht, bitte sehr: Wiki hilft. Die Korruption, die dem Unfall vorausging, muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Die US-Behörde, die dazu da gewesen wäre, Bohrvorhaben vor der Küste zu prüfen, machte gemeinsame Sache mit den Unternehmen. Diese bedankten sich mit Nutten, Koks und teuren Geschenken. Kein Witz. Das ist Fakt. Weiß aber keiner mehr. Beteuerungen hier. Beteuerungen da. Morgen wird alles besser. Haha. Selten so gelacht. Wer soll das glauben? Und weil es mir gerade einfällt: die besagten Firmen haben aus steuerlichen Gründen ihre Geschäftssitze in Länder verlegt, die besonders entgegen kommend sind, wie zum Beispiel die Schweiz oder die Cayman Island oder Dubai. Ja, das ist marktwirtschaftliche natürlich völlig in Ordnung. Hey, wir wollen doch alle Profit machen, oder? Den Müll, den wir machen, den sollen gefälligst die anderen wegräumen, ja?

Oder nehmen wir General Motors, die gemeinsam mit Standard Oil und Firestone,ab den 1930ern systematisch den öffentlichen Nahverkehr in der USA zerstörte. Wie? Auf gute marktwirtschaftliche Art und Weise: sie kauften die Betriebe auf und demontierten die Schienen und verschrotteten die Züge. Great American streetcar scandal, heißt das im Fachjargon. In den 1950ern wurden die Unternehmen dafür gerichtlich belangt. Die Strafe, laut Wiki, soll $ 5000,- betragen haben. Aha. Übrigens, General Motors wurde durch staatliche Hilfe vor dem Konkurs gerettet. Ein paar Milliarden USD waren es schon, die die US-Regierung in die marode US-Auto-Industrie pumpte. Wenn wir hier nicht langsam sehen, was da in der Oberliga gespielt wird, wann dann?

Militärisch-industrieller Komplex?

In seiner Abtritts-Ansprache an die US-Bürger warnte Präsident Eisenhower 1961 vor dem Industrial War Complex, der für die Menschheit unkontrollierbar sein würde, falls man nicht strenge Kontrollen einführten. Und man müsse ständig auf der Hut sein. Yep. Zwei Jahre später wird Lyndon B. Johnsen durch einen Staatsstreich Präsident der USA und niemanden juckt es. Der gute Mann lässt mehr Bomben auf Südostasien regnen, als in allen vorhergegangenen Kriegen zusammengenommen, um damit Eisenhowers Befürchtung bereits wahr werden zu lassen. Heute müssen wir den Industrial Nuke Complex, den Industrial Banking Complex, den Industrial Auto & Oil Complex, den Industrial Chemical & Pharmaceutical Complex und den Industrial Political Complex hinzurechnen. Gemeinsam bilden sie eine Vormachtstellung, die es in der Geschichte der Menschheit noch nicht gegeben hat. Würde ein Einzelner versuchen, gegen sie anzukämpfen, müsste er sich wohl der Dienste von Sancho Pansa versichern. Die Windmühlen stehen jedenfalls bereit. Gewiss, es gibt auch wagemutige Kämpfer, die nicht aufgeben. Ralph Nader ist da vorrangig zu nennen. Aber am Ende stimmen die meisten dann doch in das Wolfsgeheul ein. Was bleibt über?

Conclusio?

Ich weiß, es bringt nichts, dunkle Wolken am Horizont zu zeichnen oder in einen gefährlichen Fatalismus („Eh alles wurscht!“) zu verfallen, aber schön langsam gehen mir die Ideen aus, wie man aus dieser selbstverschuldeten Malaise herauskommen könnte, ohne, dass es einer Apokalypse bedarf, die so desaströs ist, dass die Bürger mehrheitlich sagen: Okay, jetzt machen wir es besser. Oder gibt es Alternativen? Ich höre! Und wem noch immer nicht der Appetit vergangen ist, dem kann geholfen werden: The Corporation – ein Doku über die Psychologie von Unternehmen; der Film ist von den Machern gratis im Web veröffentlicht worden – hier mit deutschen Untertiteln. Viel Vergnügen. Ach ja, das Speipsackerl, vulgo Kotztüte, net vergessen, gell.

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4 Antworten zu “sichere Atomenergie, fröhliche Autoindustrie oder Pandoras Glückwünsche

  1. Mario Rinder Dienstag, 15 März, 2011 um 4:12

    Alternativen? : Horst, Stowasser: Anarchismus…. wer lesen kann is natürlich klar im Vorteil.

    • Richard K. Breuer Dienstag, 15 März, 2011 um 12:33

      Aha. Kannte ich bis jetzt nicht. Hier aus einem Interview mit Stowasser:

      „Ich verstehe Anarchie – im Sinne von Immanuel Kant oder von Elisée Reclus – als den höchsten Ausdruck der Ordnung. Das klingt paradox, aber nicht, wenn man es philosophisch betrachtet, weil Anarchie eine Ordnung ist, die auf Freiwilligkeit beruht, statt auf Zwang. Das „Terrorismus“-Etikett haben ja jetzt andere, und wie ich meine, mit Recht. Was die Anarchie und die Konnotation mit der Unordnung angeht, das ist eines der größten Missverständnisse der Geschichte, und zwar schon seit Aristoteles. Der hat Anarchisten als gefährliche Bestien bezeichnet. Dem liegt der Denkfehler zugrunde, dass Ordnung nur durch Herrschaft und Unterdrückung entstehen kann. Anarchismus ist eine höchst ordentliche Geschichte. Es gibt sogar anarchistische Organisationstheorien.“

      http://www.graswurzel.net/304/stowasser.shtml

  2. Andrea Maria Dienstag, 15 März, 2011 um 11:00

    Solange wir Menschen nur an unseren kurzfristigen Vorteil denken, wird sich wohl nichts ändern 😦
    Mut wäre gut!

    • Richard K. Breuer Dienstag, 15 März, 2011 um 12:38

      Die Frage ist nur, wohin uns dieser „Mut“ führen soll. Im Moment irren wir wie in einem Labyrinth herum, nicht wissend, welchen Weg wir einschlagen müssen. Tja.

      Ich denke, wir müssen unser System überdenken. Schalten wir die AKWs heute ab, gibt’s zu wenig Energie und unsere Lebensqualität würde darunter leiden. Keiner will leiden. Also nimmt man wiederum so manche Gefahren auf sich.

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