richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Die Psychologie des Leidenden

Da ist er also wieder, dieser Zustand, den man hinlänglich als „nicht gesund“ bezeichnet. Vielleicht auch als krank oder kränklich. Das kann recht unvermutet daherkommen, zumeist dann, wenn man es am wenigsten gebrauchen kann. Aber wann kann man schon eine Krankheit oder einen kränklichen Zustand brauchen?

Der Leidende, er sucht Erlösung. Vielmehr im Kopf, denn im Körper. Denn die Krankheit wuchert zuerst in der Vorstellung der möglichen Auswirkungen. Man beginnt seine bisherigen Krankheitsverläufe mit dem aktuellen zu vergleichen. Gibt es Übereinstimmungen, gibt es Zeichen, dass es mehr Routine und Wiederholung ist, dann fühlt man sich gewiss erleichtert. Man kann vorhersagen (oder glaubt es zumindest), wie sich die unangenehme Sache entwickeln wird. Das befreit. Aber wenn die Sache so noch nicht dagewesen ist, also nicht in dieser Mixtur, dann beginnt der Gepeinigte in sich zu gehen. Je mehr Phantasie, je sensibler, je hypochondrischer, umso stärker die Bilder des Kommenden, das einen in die Verzweiflung und Lethargie stürzt. Der Leidende sucht Hilfe, gewiss, aber in erster Linie will er hören, dass die Sache nicht weiter schlimm sei, er mit der einen Arznei und mit ein wenig Schonung schon bald wieder in die Normalität entlassen werden könne. Ja. Befreiung.

Der Kranke sucht also ärztliche Hilfe auf. Begibt sich in die heilenden Hände eines Professionisten. Kein Scharlatan. Ein Profi auf seinem Gebiet. Ein Heilkünstler. Ihm muss der Kranke vertrauen. Tut er es nicht, ist keine Befreiung möglich und er würde einen anderen Profi aufsuchen. Deshalb ist Vertrauen so wichtig. In der Welt der Ärzte genauso wie in der Welt der Politiker, Wirtschaftsleute, Militaristen und Wissenschaftler.

Der Leidende beginnt sein Anderssein zu spüren. Er sieht sich um. Die Erde dreht sich weiter. Wie gewohnt. Wie jeden Tag. Wie jeden Abend. Es hat sich nicht viel verändert. Außerhalb des Körpers. Aber innen drin, da, wo die Wahrnehmung des Einzelnen steckt, da muss diese neue kalibriert werden. Der Körper wie der Geist muss sich auf die neue Situation einstellen. Noch ist ja nichts verloren. Noch läuft das Uhrwerk, wenn auch holprig oder ungenau. Darin liegt auch die Stärke des menschlichen Organismus, der sich so gut an jede Veränderung, sei es außen, sei es innen, anpasst. Der Mensch lernt mit der neuen Situation umzugehen. Es braucht eine Weile, aber es funktioniert. Einigermaßen.

Wenn wir uns also fragen, wann ein Mensch krank ist, dann vergleichen wir den aktuellen Zustand mit dem sonst gesunden. Wenn also jemand sagt, er fühle sich gesund, so ist es, weil er sich nicht krank wähnt (obwohl sich im Inneren schon Erreger und Viren ausbreiten könnten). Man kann sagen, der Mensch weiß erst dann, dass er krank ist, wenn er nicht mehr gesund ist. Gewiss, eine Binsenweisheit. Aber trotzdem sollte man es sich vor Augen halten.

Der Mensch lebt ja in einem Elfenbeinturm. Zumindest hier, im Westen. Wir blenden Krankheiten aus, so lange sie uns nicht treffen. Das ist gut so. Weil es uns wohl hemmen würde, den Tag zu bestreiten. Aber es bedeutet auch, dass wir auf das Jetzt, nicht auf das Morgen fokussiert sind. Wir setzen uns – oft bewusst, selten unbewusst – größ(t)er Risiken aus, in dem wir tun, was wir unbedingt tun wollen. Gerade in der Jugend, im jungen Alter, da glaubt sich der Mensch ja beinahe unzerstörbar. Aber mit der Zeit, mit dem Alter, da wird einem bewusst, wie anfällig der menschliche Organismus sein kann, wenn die Rahmenbedingungen sind, wie sie sind: fördernd für Krankheiten.

Aber wem erzähle ich das?

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