Wie freie Marktwirtschaft funktioniert oder Ich will mitspielen

Von allen uns bekannten Mitteln, eine traditionelle Gemeinschaft
zu zerstören, Religion, Gewalt, was auch immer,
das sicherste Mittel ist Geld.

Bernard Lietaer
Professor für internationales Finanzwesen
3sat Doku „Der Schein trügt“

 

Laut der Berliner Zeitung kostet ein Tag in der Strafvollzugsanstalt, vulgo Knast, etwa € 88,70 pro Tag. Für ein Jahr würde sich das dann auf etwa € 32.000,- summieren. Kein schlechtes Sümmchen, nicht? Gehen wir einfach mal davon aus, dass dieser Betrag auch in Österreich gilt. Tja. Ein selbstständiger Schneider, im Vergleich, erhält ein durchschnittliches Bruttogehalt von € 11.600,- und ein Ackerbauer sage und schreibe € 7.590 und ein Bilanzbuchhalter € 56.000,-

Ich habe mich ja oft gefragt, ob es eigentlich nicht günstiger ist, für eine zivilisierte Gesellschaft, die Hälfte der Gefängniskosten an seine Bürger auszuschütten, um sich damit viel Kummer und Leid und Tragödien zu ersparen. Gewiss, manche Verbrechen werden ja aus Leidenschaft oder Gier oder Habsucht oder was auch immer getan, aber nicht, weil man nichts mehr zum Essen oder kein Dach mehr über den Kopf hat. Andererseits, würde es nicht viele Berufstätige (und solche, die es werden wollen) die Angst nehmen, in einer instabilen Wirtschaft zu leben, wo es jeden Tag sein könnte, dass der Betrieb seine Pforten schließt oder man gekündigt wird, weil der Posten, den man bis dato ausgefüllt hat, sich nicht mehr rechnet. Ach ja, die kalkulierte Effizienz!

Die freie Marktwirtschaft, vulgo Kapitalismus oder Neo-Kapitalismus, ist ein System, das funktioniert. So wird es uns gesagt. Immer wieder. Wenn wir uns umsehen, dann kommen wir zum Schluss, dass es wohl so sein muss. Immerhin kann ich für ein paar Münzen meinen Magen füllen, für wenige Scheine ein T-Shirt erstehen und für viele Scheine das neueste Gizmo aus dem Apfelland mein Eigen nennen (kleine Randnotiz: die wahren Kosten bezahle aber nicht ich, sondern die Niedriglohnländer und die zukünftigen Generationen dieser Welt). Es geht uns gut, weil wir uns alles kaufen können, wenn wir wollen und, natürlich, wenn wir das Geld dazu haben. Also, wo ist das Problem, Mann?

 

Ein Blick zurück. BRD und DDR vor 1989.

Versuchen wir uns in die Zeit vor 1989 zurückzuversetzen, als es noch eine BRD und eine DDR gab. Dort die freie Marktwirtschaft mit diesem Überangebot an leuchtenden und blinkenden Waren, da die leeren Regale, die einem anzeigten, dass man sich gedulden müsse. Und für exklusive Güter, die aus dem Westen importiert hätten werden müssen, gab es nur in Ausnahmefällen die Möglichkeit, diese zu beziehen. So weit so klar, nicht? Die westliche Welt musste also nur die Regalreihen der beiden Supermärkte gegenüberstellen, um klar zu machen, welches Wirtschaftssystem das bessere ist.

Der Quell einer zerstörerischen Kraft.

Aber interessanterweise gibt es einen Knackpunkt, der damals wie heute übersehen wird. Nun, die DDR-Bürger waren sauer und unzufrieden, weil sie ausreichend Geld in der Tasche hatten, aber keine Waren, die sie dafür kaufen hätten können. Darin liegt der Quell der zerstörerischen Kraft. Man gibt dir mit dem Geld das Versprechen in die Hand, dass du dir einen Wunsch erfüllen kannst und dann wird das Versprechen nicht eingehalten. Du fühlst dich betrogen. Du siehst über die Mauer und erträumst dir diese freie Marktwirtschaft herbei, mit den vollen Supermarktregalen und siehst es vor dir, den prall gefüllten Einkaufswagen. Herrlich. Schön.

 

Was man uns verschweigt

Was man aber geflissentlich verschweigt, also unter den Teppich kehrt, ist, dass die freie Marktwirtschaft nur für den bestens funktioniert, der im System mitspielt und Regeln nach belieben ändern kann. Ein junger Mann, eine junge Frau aus reichem Hause kann, ab Volljährigkeit, sofort mitspielen, ohne sich große Gedanken machen zu müssen. Sie können kleine Betriebe eröffnen oder Künstler werden, sie können sich im süßen Nichtstun ergehen oder umtriebig Bizness machen. Sie haben die Wahl. Herrlich. Schön.

 

Ich will auch mitspielen!

Dumm, wenn man aber Menschen nicht am System mitspielen lässt oder ihnen anzeigt, dass sie früher oder später nicht mehr mitspielen dürfen. Das ist weder herrlich, noch schön. Die Folgen, die aus diesen Zuständen entstehen kennen wir, oder? Psychische Leiden mit gesundheitlichen Auswirkungen nehmen in einem bedrohlichen Maße zu. Die Unzufriedenheit wächst und wächst. Keiner wundert sich, wenn sich einer das Leben nimmt oder es versucht, weil er den Job verloren hat oder einem Stress ausgesetzt war, den er nicht mehr standgehalten hat. Mit einmal haben prall gefüllte Supermarktregale keine Bedeutung mehr. Mit einmal erkennen wir, worin das bestehende System besteht: aus einer Illusion!

Warum gibt es keine Revolution?

Der DDR-Bürger, mit dem Geld in der Tasche, machte seinen Staat, seine Regierung und ihre Planwirtschaft für seine Misere verantwortlich. Der Bürger der westlichen Welt, ohne Geld in der Tasche, machte und macht sich selbst für seine Misere verantwortlich. Darin liegt die größte Vertuschungsaktion der Menschheitsgeschichte. In dem ein System ihren immanenten Fehler von sich weist und auf jeden Einzelnen zurück projiziert. Deshalb gibt es keine Demonstrationen, keine Revolutionen gegen eine freie Marktwirtschaft, die nur eine kleine Gruppe von Menschen frei macht, die anderen hingegen in Ketten legt. Wirklich.

 

Ein Beispiel. Nur eines.

Ich denke, damit ist alles gesagt. Eines noch. Ein Beispiel, um zu verdeutlichen, welche zerstörerische Kraft diesem einen System verinnerlicht ist. In den USA werden viele Gefängnisse und Strafvollzugsanstalten privatisiert. Die Betreiber sind große Unternehmer die nur ein Ziel haben: Profit. Während also eine humane und zivilisierte Gesellschaft danach trachtet, die Verbrechensrate zu verringern, ist jedes Unternehmen, das von einer steigenden Rate profitiert, gezwungen, alles zu tun, um diese zu befördern. Das mag unmoralisch und unethisch sein, aber nicht ungesetzlich. Lobbyisten könnten also Politiker beeinflussen, strengere, rigorosere Gesetze zu verabschieden. Man könnte die Medien dazu bringen, Druck auf die Exekutive auszuüben, in dem gesagt wird, dass die Bürger ein »härteres Durchgreifen« wünschen. Richter und Staatsanwälte würden dahingehend beeinflusst, dass Delikte öfter zu unbedingten und längeren Gefängnisstrafen führen. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Überlegen wir mal. Nehmen wir an, du wärst der Unternehmer, der gutes Geld (aber auch Achtung, Anerkennung und Lob) erhält. Was würde dir einfallen, um den Profit zu steigern? Dir würde nicht einfallen, im Sinne der Gesellschaft zu agieren. Warum auch? Was du tust ist ja sowieso gut für die Gesellschaft, du sperrst nichtsnutziges Gesindel weg. Auf die Frage, wer eigentlich an den steigenden Verbrechensraten Schuld sei, zuckst du mit der Schulter und sagst: natürlich ist jeder für sich selbst verantwortlich. Und dann, dann erfährst du, dass dein Bonus für dieses Jahr auf deinem Konto eingelangt ist. Und es macht dich Glücklich.

 

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4 Kommentare zu „Wie freie Marktwirtschaft funktioniert oder Ich will mitspielen“

  1. Wie immer, sehr trefflich herausgearbeitet! Wobei, Kriminalität hat noch ein paar andere Aspekte als die Benachteiligung des Individuums im Kapitalismus. Diese „Haben wollen“ um jeden Preis steckt in uns drinnen, solange, bis wir draufkommen, dass das letzte Hemd keine Taschen hat.
    Alexander der Große hat sich übrigens mit den Händen außerhalb des Sarkophags bestatten lassen (so die Legende), damit seine Soldaten auch sahen, dass er von seinen Reichtümern nichts mitnehmen konnte.

    1. Oh, eine nette Anekdote, die ich bis jetzt nicht kannte. Gefällt mir.

      Natürlich gibt es so viele negative Aspekte und Auswirkungen dieses bestehenden Systems, das man damit natürlich Bücher füllen könnte – was ja auch immer wieder geschieht. Aber ich denke, man muss es so einfach und simpel auf den Punkt bringen, damit es in die Köpfe der Menschen eine Überlegung auslöst.

      Das System ist ja ein Meister dieser Vereinfachung und Weglassung, deshalb kommt man so schwer dagegen an.

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