e-Book, Piraterie und der Mythos vom Autor, der von seinen Büchern leben kann

»Wir alle, die wir uns auf irgendeine Weise mit der Wissenschaft, die man in diesem Zusammenhang Literatur nennen kann, beschäftigen, wachsen auf in dem Gedanken, daß die Betriebsamkeit mit derselben ein Glück sei, ein Vorteil, eine ehrenvolle Auszeichnung unseres gebildeten und philosophischen Zeitalters … – aber gerade jene Betriebsamkeit des literarischen Marktes hat es ertötet, verkehrt und herabgewürdigt, so daß der Geist davon verflogen ist …«

JOHANN GOTTLIEB FICHTE
»Über das Wesen des Gelehrten und seine Erscheinungen im Gebiete der Freiheit«
10. Vorlesung (1805). Zit. nach Rietzschel: Gelehrsamkeit, S. 39f.
entnommen: »Archiv für Geschichte des Buchwesens, Band 30«
Walter de Gruyter, 1988

Zwei wunderbare Artikel gelesen, die ich nur empfehlen kann. Der eine behandelt das Thema der Urheberschaft von Texten und der mythischen Schlussfolgerung, dass die Autoren vom Verkauf  ihrer Bücher leben könnten. Der andere Artikel beschäftigt sich mit der Piraterie von ebooks und der Frage, ob man weg vom DRM und hin zu einer Flatrate für Buchdownloads gehen sollte.

Wer kann eigentlich von seinen Bücherverkäufen leben?

Können also Autoren vom Verkauf ihrer Bücher leben? Für eine Minderheit gilt das natürlich – und diese kennt man sehr gut. Die üblichen Verdächtigen, wenn man so will, die sich in den Top-Ten-Charts gut eingerichtet haben. Studien zeigen ja, dass diese Bestseller-Autoren in England rund 60 % (in Deutschland rund 40 %) der Gesamteinkünfte der Buchverkäufe einstreichen (und mit ihnen natürlich ihre Verlage). Während also die restlichen 99,9 % sich um die verbliebenen 40  % prügeln. Kurz gesagt: die Hälfte der Autoren darbt, die andere hält sich über Wasser. Trotzdem wird von der Buchindustrie die Parole ausgegeben, ebook-Piraterie würde die Existenz der Autoren gefährden. Aha. Genauso gut könnte man natürlich die Ignoranz des Lesepublikums dafür verantwortlich machen. Oder rigorose Zugangsbestimmungen am physischen Buchmarkt, der verstärkt auf Schnelldreher und Bestseller aus ist. Oder die exorbitanten Werbemaßnahmen von großen Publikumsverlagen, um Bücher „in den Markt zu drücken“ – und damit alle Aufmerksamkeit auf diese wenigen Bücher lenken. Da bleibt für andere kaum Luft zum Atmen. Blubb.

Die Piraten kommen!

Für wen ist also die Piraterie eine Gefahr? Für den darbenden Autor, der seinen Lebensunterhalt mit einem Brotjob verdient? Wohl kaum. Eher könnte es sogar – sarkastisch betrachtet – eine Chance für ihn darstellen. Würden nämlich viele illegale Kopien seines Buches im Umlauf sein, würde es dem Markt anzeigen, dass hier ein Potenzial vorhanden ist, das ausgeschöpft werden muss. Große Verlage würden dann nicht zögern, dem wenig bekannten Autor einen lukrativen Vertrag anzubieten – oder sein Buch würde stärker beworben werden. Illegal heruntergeladene Kopien sind genauso ein Indikator wie die verkauften Kopien. Das ist ja eigentlich schon wieder die Ironie der Geschichte. Weil der Markt diese Bestseller-Listen als eines der wirksamsten Verkaufsmaßnahmen adoptiert und in den Kopf des Konsumenten verpflanzt hat. Was »alle« lesen, muss jeder gelesen haben. Punkt. Durch diese Manipulation (de facto trägt der Konsument seinen eigenen Anteil daran, weil er ja einer großen Gruppe angehören will) ist der Wunsch, das Produkt zu besitzen, so stark, dass der Konsument vieles in Kauf nimmt. Dummerweise wählt er den einfachsten und schnellsten Weg. Wer erinnert sich an den Film-Klassiker Wargames?

Am Beginn des Filmes blättert der junge Matthew Broderick in einem Prospekt, das ein ultimatives Computer-Spiel anpreist, das aber nur vage angedeutet wird. Broderick ist sofort Feuer und Flamme. Er will es JETZT und nicht warten, bis das Spiel in die Läden kommt. Also versucht er sich in das System des Software-Unternehmens zu hacken, um das Spiel herunterzuladen (Telefon-Modem, you know?).

Auch dürfen wir nicht vergessen, dass nur ein Bruchteil der illegalen Kopien auch gekauft worden wären. Und wie viele am Ende überhaupt gelesen werden, auch das steht auf einem anderen Blatt Papier. Wie dem auch sei, der Artikel ist in jedem Fall lesenswert – auch wenn er vermutlich polarisiert (weil er den großen Verlagen den Schwarzen Peter zuschiebt).

Verlage fischen im Netz nach Manuskripten

Apropos Verlage. Vermehrt tauchen nun Communitys auf, die angehenden Autoren eine Plattform bieten, ihre Manuskripte einzustellen und von der Gemeinschaft bewerten zu lassen. Der Buchreport berichtet hier. Die besten Texte werden dann von Lektoren bekannter Verlage auf Publikationsfähigkeit untersucht und – wenn der Autor Glück hat – ins Programm genommen. Sowohl in Deutschland wie in den USA gibt es bereits gute Beispiele dafür. Eigentlich liegt es auf der Hand, dass hier ein Verlag seine Pluspunkte ausspielen kann. Einerseits haben große Publikumsverlage noch immer ein besonderes Flair, mit dem sich Autoren gerne brüsten, andererseits können die Verlage damit zukünftige Konsumenten an sich binden. Man wird sehen, was den Verlagen hier noch einfallen wird. Einfach wird es sicherlich nicht für sie. Weil jede Community ihr Eigenleben hat und es dadurch zu Konstellationen kommt, die nicht im Sinne des Erfinders sind. Will heißen: Neid und Eifersucht werden auf diesen Plattformen genauso eine Rolle spielen, wie Talent und Erfahrung oder Charme und Persönlichkeit. Für eine Psychologie-Studie wäre das jedenfalls ein empfehlenswertes Feld.

Der Kasperl und eine Visitenkarte im Web: about.me

Ich lese gerade The Tipping Point von Malcolm Gladwell – eine leichtfüßig geschriebene Einführung über den kleinen Unterschied, der Großes bewirken kann. Oft fragt man sich ja, wie Hypes entstehen und warum gerade dieses Buch zig Millionen Mal verkauft wird und ein anderes, genauso gut oder schlecht geschriebenes, leer ausgeht. Der Buch-Tipp kam übrigens von der wunderbaren @sturbi, die in der Marketingabteilung eines großen Unternehmens zu Hause ist. Zwar bin ich erst bei der Hälfte des Buches, aber ein paar wesentliche Facts kann ich schon mal loswerden:

Vorschulkinder widmen dann der TV-Kindersendung ihre ganze Aufmerksamkeit, wenn sie das Gesehene verstehen und in einen Kontext setzen können. Wiederholungen sind nicht ermüdend oder langweilig, so lange es immer wieder etwas zu entdecken gibt. Wenn man die Kinder direkt anspricht, werden sie aktiv und wollen z. B. ein Rätsel eher lösen, als wenn man sie nicht direkt anspricht. Ist das Gesehene am Bildschirm wirr, also nicht verständlich und kompliziert, dann beschäftigen sie sich mit anderem. So lange, bis sie wieder den Faden am TV-Schirm finden und aufnehmen. Diese Ergebnisse stammen aus US-Studien in den 1970ern und 1980ern für Sesam Street und Blue’s Clues. Vermutlich hätte es gereicht, wenn sie sich einmal das Kasperl-Theater in Wien angesehen hätten. Da sind genau diese Voraussetzungen hinlänglich verstanden und umgesetzt worden. Oder mit anderen Worten: »Seid ihr alle daaa?«

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Kinder und Internet-User sind nicht sonderlich verschieden, wenn es um Aufmerksamkeit geht. Das sollte man immer im Hinterkopf behalten. Gestern durch Zufall auf die Seite about.me geklickt. Huh. Das Konzept hat mich sofort angesprochen. Hurtig ein Profil erstellt und, voilà, fertig ist die virtuelle Visitenkarte, die so aussieht:

Was ist also so neu an dem Konzept? Nun, jeder about.me-Teilnehmer hat genau eine Bildschirmseite zur Verfügung. Auf dieser kann er ein Bild hochladen. Das ist schon mal die erste herausragende Sache. Weil ein Bild immer mehr als 1000 Worte sagt. Immer. Gerade – und noch mehr – im Web. Durch die Billionen von Webseiten ist jeder Nutzer bestrebt, die kürzest notwendige Zeit auf einer Seite zu verbringen, um herauszufinden, ob sie einen gefällt, ob sie einen weiterbringt, ob sie Informationen bereithält, die man wissen möchte. Lange Texte, komplizierte Strukturen und ein unübersichtlicher Haufen an Fotos oder Illustrationen machen das Unterfangen, den Besucher nicht zu verschrecken oder zu langweilen oder zu überfordern ziemlich aussichtslos. Der Internet-Benutzer mag zwar erfahren sein, aber er will so wenig Gehirnschmalz wie nur möglich in eine verkorkste Seite investieren – es sei denn, er hat gute, sehr gute Gründe dafür.

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Ich habe mir schon vor Jahren den Kopf über ein grundlegendes Problem gemacht, das ich bis heute nicht wirklich lösen konnte. Die Unterscheidung zwischen einem Besucher, der mich kennt (virtuell oder persönlich tut nichts zur Sache) und meine Webseite schon einmal besucht hat. Für diese Besucher gelten ganz andere Regeln, als für jene, die mich nicht kennen, aber etwas über mich in Erfahrung bringen möchten. Kommen sie auf meine Webseite oder auf meinen Blog, dann müssen sie sich durch die Masse an Bilder und Links und Text manövrieren. Gewiss, die Regel lautet natürlich: keep it easy und vermutlich gibt es schlaue Köpfe da draußen, die schon Bücher geschrieben und Vorträge gehalten haben, aber im Großen und Ganzen gibt es (für mich) keine befriedigende Lösung, weil es mir vor allem um Content, um den Inhalt geht.

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Mit der Zeit entstanden aber die Sozialen Netzwerke. Jeder, der seine Zeit in einem dieser verbringt, fühlt sich – mehr oder weniger – dort zu Hause. Er weiß, wie Profile aussehen, wie sie gelesen werden müssen und wo die Informationen stehen, die ihn interessieren. Es ist, als würde man in seinem Heimatort zurückkehren. Gewiss, auch dort gibt es unbekannte Flecken, aber man weiß sich zurechtzufinden. In fremden Gegenden braucht es eine Weile, bis man den Plan intus hat. Das kostet Zeit. Und davon haben wir nicht viel. Wirklich. Deshalb braucht es einen Info-Point. Diese about.me – Seite scheint den richtigen Ansatz gefunden zu haben.

Foto »Aha. So siehst du also aus.«
Name »Wie heißt du?«
Sub-Titel »Was machst du?«
Text »Und sonst?«
Links zu den sozialen Netzwerken »Wo bist du so zu Hause?«
Links zu verschiedenen Webseiten »Und wo noch?«

Durch diese wenigen Informationen kann man sich ein erstes Bild machen. Besteht weiterhin Interesse an der Person, dann klickt man sich in jene sozialen Netzwerke, die man gut kennt, wo man sich zu Hause fühlt und klickt sich durch das Profil und wird – im besten Falle – Kontakt aufnehmen. Geht man einen Level höher, wird man sich die persönliche Webseite angucken, die – wie zuvor gesagt – schon Zeit und Energie braucht, um sie zu entschlüsseln.

Es macht also durchaus Sinn, dass die about.me-Betreiber für jeden Teilnehmer physische Visitenkarte drucken lassen. Umsonst. Nur die Versandkosten müssen bezahlt werden. Sagt jedenfalls die Seite. Gut. Weiters gilt jetzt natürlich anzumerken, dass about.me nicht die ersten waren, die eine virtuelle Visitenkarte im Angebot hatten. Aber ihr Konzept ist simpler und eingängiger. Das ist es, was heutzutage im Web zählt. Man sehe sich nur die Erfolgsgeschichten der Webriesen an. Sie haben per se nichts Neues erfunden. Sie haben zumeist nur Bestehendes genommen und rigoros verbessert, in dem sie die Schwächen erkannt und eliminiert oder verringert haben. Und jetzt suche ich den Tintifax und sperre ihn in eine Kiste. Wollt ihr mir dabei helfen?

eine Visitenkarte – damals und heute

Gerade eben die neue Visitenkarte zum Druck befördert. Lange ist es her, als ich mir eine bastelte. In den Anfängen der Online-Druckerei-Anbieter. Das war im Mai 2005, also fast genau sechs Jahre her. Seltsam. Mir kommt vor, als würde die Karte aus dem tiefsten Mittelalter der digitalen Webwelt kommen. Jedenfalls fühlt es sich so an, wenn man einen Blick auf die Visitenkarte macht. Gewiss, ich hatte eine gute Idee: weniger ist mehr – mit einem mysteriösen Eyecatcher (Münze) und einem Farbklecks. Nun, die Ausführung überzeugt dann doch nicht. Ja, ich war auch nicht sonderlich begeistert, als ich das Endergebnis in Händen hielt. Das Papier zu weich, zu glänzend, die eingescannte Münzschraffur, naja, viel zu klein, viel zu nebulös. Aber der Farbdruck war schon allerhand. Man beachte das rote »K.« Huh.

Heute sieht die Sache schon ganz anders aus. Wie man an der neuen Visitenkarte feststellen kann, hat sich in der Zwischenzeit einiges getan. Gut, ich habe nun ein besseres Design-Gespür als damals. Aber die technische Infrastruktur – InDesign, Photoshop – sowie die Möglichkeit, aus einer Vielzahl an Schriftarten auszuwählen, macht die Sache natürlich leichter. Und wenn man auch noch Ausschnitte aus seinen Buchcovers draufpacken kann – mit den Illustrationen von Kheira Linder – naja, was soll da noch Großartiges schief gehen? Eben.

Aber weil man als Nicht-Grafiker und Konzept-Quereinsteiger immer die Neigung hat, das eine oder andere auszuprobieren, tut es gut, wenn man sich erfahrenen und professionellen Beistand holt. In meinem Fall war das ein süßes Vögelchen oder, mit bürgerlichen Namen, die liebe Sandra Vogel und ihr piepmatz Designstudio. Sandra hat mich auf den Boden der Bodenständigkeit zurückholte. Generell gilt: weniger ist bekanntlich mehr. Zu aufdringlich, zu verspielt, zu bunt, nun ja, das tut der Sache zu meist nicht sonderlich gut. Ja, ja. Sie war es auch, die mich bekräftigte, die »erotische Rückseite« zu wählen, weil sie ein »Blickfang« wäre. Gut, gut. Das wollte ich noch gesagt haben, damit mir keine mit der »Ihr Männer seid doch alle gleich«-Phrase daherkommt.

So! Dann warten wir mal ab, was von der Druckerei zurück kommt.

Was soll das ebook kosten, ha?

Authors and readers no longer need Big Publishing to find and engage one another.
The sooner we all realize this, the better off we’ll all be.
Douglas Rushkoff
Author & Media Theorist

update: Sehr guter Artikel über die Preisgestaltung im kindle.store von amazon.com aus der Sicht eines Indie- bzw. Selfpublishers.

update: Auch ein empfehlenswerter Artikel über den Autor Adrian White und wie er seine drei Romane preislich einordnet – inklusive der Marketing-Aktion, für kurze Zeit das eine oder andere seiner ebooks gratis anzubieten.

Heute werde ich also die restlichen drei Titel offiziell mit ISBN (pro Format) im Verzeichnis Lieferbarer Bücher (VLB) eintragen. Damit ist die Veröffentlichung amtlich, wenn man so will. Die Buchpreisbindung greift auch bei ebook-Titeln. Das ist die gegenwärtige gemeinsame Sichtweise der Buchbranche. Bei genauerer Betrachtung gibt es natürlich Haken und Ösen, die man bedenken muss, wenn man mit virtuellem Text kaufmännisch herumtut. Zum Beispiel, dass kein Leser ein ebook oder E-Book kauft, sondern vielmehr die Lizenz, den Text auf einem Ausgabegerät zu lesen. Die Fallstricke sind da bereits inkludiert – zum Beispiel, wie man sein legal erworbenes ebook verschenkt, verkauft oder verleiht. Gewiss, die Industrie hat sich dahingehend bereits Gedanken gemacht – und findet Lösungen. Irgendwie. Von den Kopierschutz-Funktionen eines DRM will ich jetzt gar nicht anfangen. Aber als Appetizer zum Beispiel die Überlegung eines US-Publikumsverlages, den Verleih von ebooks zu limitieren. Wenn die öffentliche Bücherei das ebook 20 Mal verleiht* verliehen hat, ist Schluss. Punkt.

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Yep. Die Angst der Buchbranche ist bei jeder Entscheidung spürbar. Nur nicht zu viel. Besser noch warten. Abwarten. Tee trinken. Naja. Im Oktober 2010 habe ich einen jungen US-Verlag unter die Lupe genommen. Sein Konzept: weg vom stationären Buchhandel, hin zum flexiblen Webshop – radikal umgesetzt. Hier zum Nachlesen. Weiters ein Artikel, warum wir zwar an ebooks glauben, aber trotzdem nicht satt werden. Hier übrigens eine Statistik über die Marktanteile der ebook-shops im Januar 2011:  statista

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ebook vs. print
Warum gibt es heutzutage noch Monopole?

Gut. Wenn ich die Daten im VLB einpflege, muss ich mich auch endgültig für einen Preis entscheiden. Da gehen ja die Meinungen auseinander. Hier die Konsumenten, die meinen, so ein virtuelles Buch kann unmöglich so viel kosten, wie ein real gedrucktes, dort die Verleger, die meinen, dass das sehr wohl der Fall sein kann. Pattsituation. Am längeren Ast sitzen (im Moment) die Verleger. Sie setzen den Preis des ebooks fest. Punkt. Später kann der Konsument entscheiden, ob er bereit ist, den Preis zu zahlen. Dabei darf man nicht vergessen, dass Verlage primär ein Monopol auf ein Buch haben. Seltsam, oder? Wo wir doch meinen, die freie Marktwirtschaft  von bösen Monopolen  säubern zu müssen. Weil jedes Monopol die Herrschaft über den Preis hat. Der Konsument hat keine Wahl. So verhält es sich auch in der Verlagsbranche. Wenn du den Top-Bestseller kaufen möchtest, so wird dieser nur von einem Verlag angeboten. Take it or leave it. Das sollte man stets im Hinterkopf behalten, wenn die Wogen wieder hochgehen.

49 vs. 99
 Warum setzt Apple die Nachkommastellen fest?

Wie dem auch sei, ich muss jetzt einen Preis festsetzen. Gewiss, ich biete ja bereits seit über einem Jahr meine ebooks an. Aber nun geht es in die ernsthafte Runde. Da sollte man sich keinen Schnitzer erlauben. Mit einer ISBN und dem Eintrag im VLB wird das ebook erwachsen, da sind Sandkastenspiele nicht mehr erlaubt. So! Rotkäppchen 2069, mit diesem Titel habe ich begonnen und einen Verkaufspreis von € 6,99 festgelegt. Die 99 Cent sind übrigens von Apple vorgegeben. Im iBookstore sind nur zwei Nachkommabeträge erlaubt. 99 oder 49. Und weil es die Buchpreisbindung gibt, bedeutet es, dass man sich auf einen dieser beiden Nachkommabeträge festlegen muss. Interessantes Detail, dass Apple somit den Preis von ebooks mitgestaltet.

Kosten, Kosten, Kosten!

Ein Verlag, der seine gedruckte Bücher auf Lager hält, hat Kosten. Abgesehen von den Lagerkosten, der Logistik, ist es vor allem das gebundene Kapital, das jedem Unternehmer schwer zu schaffen macht. Ein ebook, das in direkter Konkurrenz zum gedruckten Buch angesehen wird, verschlimmert die Lage. Weil jedes verkaufte elektronische Buch ein gedrucktes Buch weniger verkaufen lässt. Deshalb orientieren sich die Verleger beim Preis des ebooks am regulären Verkaufspreis des gedruckten Buches – egal ob Taschenbuch oder HardCover. Interessant ist ja, wie die Verlage aus der Bredouille kommen, wenn sie zuerst das ebook hochpreisig ansetzen – immerhin konkurriert es ja mit der teuren Hardcover-Ausgabe. Und später, wenn das Taschenbuch erscheint, muss sich natürlich der Verkaufspreis des ebooks am günstigeren Taschenbuch orientieren. Aber wie soll das gehen? Ein ebook ist ein ebook. Text ist nun mal Text. Wie erklärt man dem Konsumenten, dass er in einem halben Jahr das ebook regulär zum Preis eines Taschenbuchs bekommt, während er heute den Preis eines Hardcovers, also doppelt so viel, bezahlen muss. Nicht einsichtig, oder? Mit anderen Worten: Die ebook-Preise orientieren sich so lange am gedruckten Buch, so lange der Verlag davon ausgeht, dass das elektronische Buch Konkurrenz bedeutet.

€ 1,99 –  € 4,99 – € 6,99

Wie dem auch sei. Kommen wir zum Ausgangspunkt zurück. Ich muss Tiret, Brouillé, Schwarzkopf und Madeleine bepreisen. Hm. Da Tiret auf (vorerst) 4 Bände ausgelegt ist – und Madeleine die nächsten Tage als ebook erscheinen wird – müsste der Konsument natürlich alle drei Bände auf einmal kaufen, falls er Blut geleckt hat. Das kann ins Geld gehen – und ist vielleicht ein Hemmschuh. Gerade für einen unbekannten Autor (der nicht mal einen Verlag als »Qualitätsmerkmal« anführen kann. Tja. Ich tendiere dazu, Tiret für EUR 1,99 anzubieten. Als Door-Opener. Brouillé und Madeleine für jeweils EUR 4,99 und Schwarzkopf – in Anlehnung an Rotkäppchen 2069 – für schlappe EUR 6,99.

Zu billig, Stupid!

Klingt das vernünftig? Vielleicht. Wäre da nicht diese dumme Sache, dass über den Preis auch die Qualität (unbewusst) definiert wird. Ein Produkt, das im Vergleich zu anderen, um ein Vielfaches günstiger ist, weckt Misstrauen. Kein Wunder also, wenn Diskonter-Produktmarken billig aussehen müssen. Ein Designer muss sich gehörig anstrengen, um dieses Ziel zu erreichen (gestern, beim JVM-Treffen, da wurde mir ein Taschenbuch gezeigt, das bewusst »abgefuckt« produziert wurde, was in der Herstellung und im Druck gar nicht einfach war). So! Ich werde mal darüber eine Nacht schlafen. Vielleicht fällt mir ja dahingehend noch etwas anderes ein. Who knows?

* ich danke A. Knorr und W. Grossmann für die Richtigstellung.

Sechs Jahre und zwei Glaserln Wein später

@ 2005-04-25 – 19:13:55 das war er also, mein erster Blog-Eintrag auf blog.de – damit hat Vieles, nicht Alles begonnen. Für den geschätzten Leser ist das freilich nicht von Bedeutung. Geburtstage kommen und gehen. 

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Von meinem Schreibtisch kann ich die Donau sehen. Ja, sie fließt bei mir vorbei. Nicht blau, nicht braun, nicht grün. Von allem ein bisschen. Und damit sind wir auch schon bei der Seele des Wieners angekommen. Von allem ein bisschen – aber eben nichts Ganzes. In meinem ersten Roman »Azadeh oder die 13 Tage des Leutnant Johann Gottfried von Märwald« – eine Theaternovelle, die im Wien der Jahrhundertwende (1899) spielt, spazieren der alte Graf von Popovic und der junge Leutnant von Märwald durch die Wiener Innenstadt und kommen (freilich, freilich) zum Stephansplatz.

[Popovic:] »Ich wundere mich immer wieder, Märwald, wie man diese große Kirche mögen kann, mit ihrem halben zweiten Turm. Sie ist ein steinerner Krüppel, unfertig, nichts Ganzes. Hier, auf einem Platz, wo keiner ist, zwischen kleinen Gassen und Straßen, in Mitten des stinkenden Pferdemists, hat man ihn eingepfercht, ragt er hervor und auch wieder nicht. Andere, sogar kleinere Städte haben imposantere, beeindruckendere Dome! Aber bevor ich mich in hässliche Worte versteige, muss ich gestehen, dass er mir ans Herz gewachsen ist, in seiner so wehleidigen, melancholischen Art. Er entspricht dem Wiener Gemüt vortrefflich, das sich so mächtig und besonders glaubt, bis man über die Unzulänglichkeiten, zuweilen großen Schwächen befindet, sie aufdeckt. Was bleibt? Wehmut! Aber mit ein oder zwei Glaserln Wein sehen die innere Befindlichkeit und der Steffl wieder besser aus. Und wisst Ihr warum? Weil er uns zu verstehen gibt, dass man es nicht zu einer begnadeten Vollendung bringen muss, um berühmt und sagenumwoben zu werden!«