richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Schule 2011? Nur ein weiterer Stein in der Mauer, Pink.

Ich dachte, das Problem sei der nukleare Reaktor, aber Technologie ist nicht der Feind. Ich kam zu der paradoxen Einsicht, dass die Technologie vor der Menschheit geschützt werden müsse. In der Vergangenheit, die Zeit endet mit Gagarins Flug ins All, wurden die Technologien von Ingenieuren entwickelt, die auf den Schultern Tolstois und Dostojewskis standen und durchsetzt waren mit den großen humanistischen Ideen und dem Glauben an einen schönen und korrekt moralischen Sinn. Sie hatten eine klare Vorstellung von einer neuen politischen, in dieser Welt wohl fortschrittlichsten, Gesellschaft. Aber die Generation, die ihnen nachfolgte, stand wiederum nur auf den Schultern dieser Techniker, und Ingenieure, die nur in Technik ausgebildet sind, können nichts Neues begründen, jedenfalls nichts, wofür sie Verantwortung tragen.

Waleri A. Legassov
Leiter des Untersuchungskomitees nach der Katastrophe von Tschernobyl
beging am zweiten Jahrestag der Katastrophe Selbstmord
Hinterließ ein Tonband mit Anschuldigungen gegenüber der Regierung

 

ich: Wisst ihr, was ein Weblog ist? 
Große unwissende Augen der Schüler.

ich: Gut. Ich werde über euch schreiben.
Schülerin: Sie kennen ja gar nicht meinen Namen.
Ich seuzfe und blicke zu einem Jungen.
Schüler: Ich bin Christiano Ronaldo.
Leises Gelächter der anderen.

Als ich mich kurz mit den Schülern der 4. Klasse im Alter zwischen 13 und 14 Jahren unterhielt, wurde mir wieder einiges bewusst. Nicht so sehr die Gegenwart, vielmehr meine Vergangenheit. Ich überlegte (und tue es immer noch), was ich in diesem Alter vorzuweisen hatte. Viel ist mir da nicht eingefallen. Wirklich. Ich habe mich um die Welt da draußen nicht gekümmert. Ich hatte meine Videospielkonsole (Atari 2600 VCS), Comic-Hefte, Airfix-Männchen, Zeichenpapier und kickte im Hof. Viel gelesen habe ich nicht. Aber das, was ich gelesen habe, das hat mich dann doch zum Schreiben inspiriert, vorwiegend im Sommer-Urlaub, wo es zwei, drei Wochen nichts zu tun gab, in der österreichischen Natür.

ich: Wer von euch hat schon ein Buch gelesen?
Die Schüler sehen sich verwundert an.
ich: Okay. Was macht ihr so, zu Hause?
Schüler: Computer spielen.
Schüler: Sport.
Schülerin: Ausgehen … also essen gehen.

Natürlich hoffte ich, dass meine Parabel Der blaue Smaragd über die Verschwendung und die Mechanismen, die dafür verantwortlich sind, eine Wirkung bei den Schülern zeigen würde. Ich tröste mich später mit der Hoffnung, dass vielleicht einer oder eine von ihnen am sonntäglichen Frühstückstisch das Wort ergreifen wird: „Du, Papa, stimmt es, dass das Öl ausgeht?“ oder „Glaubst du an Geld, Mama?“ oder „Auf einer Insel, da würden die Eingeborenen kein Geld nehmen, weil es kein Wert für die hat. Krass, oder?“ – Ich gehe davon aus, dass die Antwort nicht lange auf sich warten lässt: „Wer erzählt so einen Blödsinn?“

ich: Wisst ihr, was ein ebook ist?
Schülerin: Was bitte?
ich: Äh, also ein elektronisches Buch.
Schüler blicken entgeistert.

Ich frage mich ja, ob es nicht schon immer einen kontinuierlichen Verfall in der kulturellen Entwicklung der Kinder und Jugendlichen gegeben hat. In Stefan Zweigs Autobiographie kann man lesen, dass seine Klasse sich der Lyrik zuwandte und sich die Burschen dahingehend zu übertrumpfen versuchten. Entweder, in dem sie ihre eigenen Werke mit Ernst und Bravour vortrugen oder in dem sie einen noch unbekannten Gedichtband in die Klasse mitnahmen und daraus rezitierten. Gewiss, Zweig gibt zu, dass seine Klasse eine gewisse Ausnahmeerscheinung war. Immerhin. Mein Vater, ein Schüler der frühen Nachkriegszeit, hat sich immer wieder gefragt, was ich denn so in der Schule überhaupt lerne, nach dem ich damals mit musischer Unwissenheit glänzte.

ich: Es könnte sein, dass ihr noch erlebt, wie das Erdöl ausgeht … oder knapp wird. Was macht ihr dann?
Schüler: Dann fahr ich in meine Heimat … da hat’s nie Öl gegeben.
Gelächter der anderen Schüler, die ihm sagen, dass es kein Auto mehr gibt.
Schüler: Dann radle ich nach Haus.
Schüler: Du radelst nach Albanien?
Schüler: Klar.
Gelächter der anderen Schüler.

Ich erinnere mich wieder an meinen holländischen Religionslehrer, der in der Handelsakademie einmal sagte, dass er uns Schüler wenigstens für kurze Zeit von all dem betriebswirtschaftlichen Profitdenken wegführen möchte. Ich glaube, wir wussten nicht, was er uns sagen wollte. Er zeigte uns Videofilme, die uns zum Nachdenken hätten bringen sollen, wie zum Beispiel Koyaanisqatsi oder Der Sinn des Lebens von Monthy Python. Am Ende haben wir uns zwar die Filme angeguckt, aber im Hinterkopf hatte jeder die nächste Prüfung, den nächsten Test, die nächste Schularbeit. Ich dachte ja damals, dass ich nicht sterben könnte, so lange es noch eine Schularbeit gäbe, weil das ja wie eine Erlösung gewesen wäre.

ich: Geld funktioniert nur so lange, so lange alle daran glauben. Interessant, nicht?
Schüler: Ich glaube nicht an Geld.
ich: Und was machst du dann mit dem Geld?
Schüler: Ich geb’s aus.

Wenn ich es mir also recht bedenke, dann sollte ich nicht die Schüler und ihre Einstellungen ändern, sondern ich sollte vielmehr einen anderen Weg finden, um etwas in ihnen auszulösen. Wie das aussehen könnte? Hey, ich bin Schriftsteller, kein Orakel. Eventuell lerne ich portugiesisch. Oder werde Fußballtrainer.

Advertisements

13 Antworten zu “Schule 2011? Nur ein weiterer Stein in der Mauer, Pink.

  1. Jochen Hoff Mittwoch, 6 April, 2011 um 9:23

    Hihi du bist genau in die Lehrerfalle gelaufen. Warum sollten Schüler an deinen Themen interessiert sein? Sie sind an ihren Themen interessiert und lassen sich nur durch die Androhung von schlechten Noten und Nichtversetzung dazu erpressen, die Interessen der Lehrer oder des verordneten Lehrstoffs zu teilen. Sobald sie können, lagern sie diesen Leerstoff auf der nächsten Müllhalde ab und gehen unbelastet weiter. Ihren Zielen entgegen.

    Wenn du Menschen beeinflussen willst und Lehre ist Beeinflussung, dann musst du ihnen deine Ansichten und Themen spannend verkaufen. Du musst sie mitreißen. Du kaufst doch auch kein drei Tage altes Sandwich sondern willst ein frisches gut belegtes Brötchen.

    Mach den Schülern einfach das bessere Angebot.

    • Richard K. Breuer Mittwoch, 6 April, 2011 um 9:30

      Haha. Ja, Jochen, zu dieser Einsicht bin ich (leider) erst gekommen, als ich mit der Lesung fertig war. Beim nächsten Mal werde ich ein frisch belegtes Brötchen mitnehmen. Die Schüler werden Augen machen 😉

      • Martin Schwarz Mittwoch, 6 April, 2011 um 23:16

        „Ihre Themen“ sind heutzutage leider meist die Themen der Werbefachleute. Da kämpfen wir nackt gegen eine milliardenschwere Industrie an und dieser Kampf scheint längst verloren. Es ist wichtiger, ob die neueste Spielkonsole 3D-tauglich ist, als ob das Öl knapp wird. Wer weiß schon (oder noch), was alles aus Öl hergestellt wird? Ich bin immer wieder schockiert, wenn „aktuelle“ Themen in den Medien auftauchen, die meine Generation bereits in der Schule gelernt hat (z.B. Energiesparen, Müllvermeidung, Ernährungsbewusstsein…). Denkt irgendjemand über die Gründe nach, WARUM diese Themen 20 Jahre lang in Vergessenheit geraten konnten, obwohl sie damals als absolut dringlich erschienen? Könnte es sein, dass das etwas mit den Inhalten der neuen Massenmedien zu tun hat? Nein. Die sind ja ein Segen. Es muss wohl an etwas anderem liegen.

      • Richard K. Breuer Mittwoch, 6 April, 2011 um 23:58

        Erschreckend ist, dass eine angeblich aufgeklärte Gesellschaft Gratiszeitungen akzeptiert, die nichts mit Journalismus, aber um so mehr mit Konsumismus zu tun haben. Wer zahlt schafft an und diktiert. Tja.

  2. Petra Mittwoch, 6 April, 2011 um 9:59

    Ich kann dich förmlich da sitzen sehen, in einer Klasse voller Kids. :-)) Es gibt übrigens auch sehr viel engagierte, problembewusste SchülerInnen. Wie auch immer die Verhältnisse dabei sind, die Jugend ist unser Spiegel, die sind ja nicht vom anderen Stern. Wir (Gesellschaft) dürfen uns an der eigenen Nase nehmen.
    Danke für das Zitat zu Beginn, sehr berührend.

  3. Ludren Mittwoch, 6 April, 2011 um 17:22

    Nach 10 Sekunden wurde der Trailer langweilig und ich habe vorgespult, wurde nicht besser. So könnte eine ganze Generation fühlen

    • Martin Schwarz Mittwoch, 6 April, 2011 um 23:22

      Eine ganze Generation sieht sich Bilder und Videos aus der japanischen Todeszone an und langweilt sich nach ca. 10 Sekunden. Wenn Justin Bieber pfurzt, erschüttert es die (Medien)welt weitaus nachhaltiger. Wer erinnert sich noch an Haiti (was war dort schnell nochmal? Ah! War das nicht, als das Internet für 5 Minuten ausgefallen ist? Schrecklich! Ich hatte grade mit meinem Bruder im Nebenzimmer gechattet und dann ging nix mehr!) oder die letzte Ölkatastrophe (wenn die Benzinpreise weiterhin so steigen, kann ich bald nicht mehr in die Trafik fahren…)?

      • Richard K. Breuer Mittwoch, 6 April, 2011 um 23:56

        Wir dürfen aber nicht vergessen, Martin, dass wir früher, in jungen Jahren, ja genausowenig an der Welt interessiert waren. Das Problem ist vielleicht, dass die Umstände immer dringlicher und lebenswichtiger werden. Aber ego-zentriert sind wir sicherlich alle gewesen, als Kind oder Jugendlicher.

  4. Martin Schwarz Mittwoch, 6 April, 2011 um 23:07

    Ich bin mir dessen bewusst, dass ich hiermit völlig gegen den Zeitgeist verstosse… Aber möglicherweise liegt der Fehler grundsätzlich im Versuch, alle in einer Gruppe zu unterrichten. Oder jeden für jede Schulform zuzulassen… Als Gitarrelehrer würde ich nicht um viel Geld eine bunt zusammengewürfelte Klasse unterrichten. Da hätte niemand was davon. Das funktioniert nur in Einzelunterricht oder in Kleinstgruppen, dann jedoch nur, wenn alle dieselben Interessen haben. Als Mathenachhilfelehrer weiß ich, dass man im Einzelunterricht praktisch jeden Schüler zum Erfolg führen kann, wenn er selbst, aber auch seine Eltern und Lehrer das wollen und zulassen. Irgendwas läuft da seit ziemlich langer Zeit schief, aber man redet sich die Welt solange schön wie es nur geht. Ich glaube, dass wir tatsächlich dabei sind, uns selbst abzuschaffen…

    • Richard K. Breuer Mittwoch, 6 April, 2011 um 23:54

      Faszinierend. Ich höre nämlich gerade nebenbei den Club 2 wo es um – trarara – um die Schule geht. Man glaubt gar nicht, wie lange man über die „systemischen“ Probleme und Fehler der Schule befunden hat – am Ende hat sich aber bis dato nach außen hin nicht viel verändert. Freilich, die Lehrer sind in vielen Bereichen freier geworden – jedenfalls in der Volksschule, wie ich einmal von einer Lehrerin gehört habe. Hm. Dass wir uns selbst abschaffen, diese Aussage hat Herr Sarrazin vermutlich rechtlich für sich geschützt 😉

  5. pebowski Donnerstag, 7 April, 2011 um 16:05

    Jetzt ist auch klar, warum Geld die neue Ersatzreligion ist. Weil beide nur funktionieren, solange man daran glaubt.

  6. Pingback: Bezahl mich oder Ein Märchen ohne Hoffnung als E-Book « richard k. breuer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: