richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

mineralisiertes Alternate Reality Game oder Wo bitte geht’s zur Manipulation?

Ehrlich. Es liegt mir fern, Leute zu verletzen oder ihnen ans Pein zu binkeln (finden Sie den Fehler und gewinnen Sie eine werbefreie Einsicht). Ich bin ein harmoniesüchtiges Wesen. Sagte einmal ein Psychologe, der Team-Spiele für Bank-Mitarbeiter durchführte (»Wir sind alle eine Team!«). Ich glaube, er wollte mir zu verstehen geben, dass Harmonie in einer Führungsposition nichts zu suchen hatte, oder, wie es mir mein Boss in der Chase vermittelte: »Du bist der Chef. Und wenn man dich ins Knie fickt, dann hast du ein Problem, okay?«

Notiz: Alles beginnt mit einer Ansichtskarte, die mir zugeschickt wurde. Die Story ist hier nachzulesen: nur eine Postkarte.

Ich war gestern bei der Abschluss-Präsentation zum kommerziellen Alternate Reality Game (ARG) eines Thermalbades (nennen wir den Werbeträger mal so) und konnte in zwei Stunden Einblicke in die Geisteswelt der (jungen) Werbe- und Webleute, als auch der (jungen) Mitmach-Leute gewinnen. Das kann einem schon zu denken geben. Wirklich. Weil es wieder zeigt, wie der Hase läuft und die Uhren ticken. Nicht umsonst heißt ja der Einstieg in das Spiel Rabbit Hole – frei nach Alice im Wunderland eines gewissen Lewis Caroll.

Disclaimer: Ich habe keine Ahnung von PR, Werbung oder dergleichen. Ich bin Ex-Banker,  Ex-Softwarekonzeptionist, Noch-Verleger, Noch-Schriftsteller und, ja, ein immer an der Welt interessierter Bürger. Ach ja. Rollenspieler und Rollenspiel-Leiter war ich auch mal. Und, sehr wichtig, den französischen Autor von 39,90 habe ich letztes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse kennengelernt. Das ist natürlich werbetechnisch übertrieben, aber nicht gelogen. Oui!

Jedenfalls, ich frage mich immer und immer wieder, ob die Werbe- und PR-Industrie Segen oder Fluch ist? Und wenn sie so verflucht manipulierend ist, und wir wissen, dass sie es ist, warum nehmen wir das eigentlich nickend zur Kenntnis? Ja, warum eigentlich? Was ist das Argument, dass es eine lukrative Industrie gibt, die nichts produziert, was in irgendeiner Weise einen Wert hätte? Würde es morgen die Werbe- und PR-Industrie nicht geben, das Leben würde sich um keinen Deut ändern. Wirklich. Trotzdem haben es die Werbeleute geschafft, sich mit einer prestigeträchtigen Aura zu umgeben. Sie nennen sich kreativ und das sind sie auch. Natürlich. Vermutlich arbeiten die besten Leute für die angesagtesten Firmen. Genies. Querdenker. Künstler. Sie allesamt werden der Gesellschaft entzogen und ihrerseits manipuliert. Tja. Dumm gelaufen. Man darf sich also nicht wundern, wenn wir über Werbungen und (bezahlten) Content stolpern, die uns weismachen, dass Atomkraft notwendig und Rauchen cool sei. Oder umgekehrt.

Damit haben wir, als aufgeklärte Gesellschaft, die Realität aus der Hand gegeben und leben nur noch im virtuellen Infotainment-Wohlfühl-Angst-Raum. Dieser wird durch immer intelligentere Massenverdummungswaffen vergrößert und allen Bürgern (Kinder!) zugänglich gemacht. Geld spielt keine Rolle. Woher kommt das Geld? Genau. Von dir. Von mir. Von uns. Wir sorgen also gleich selbst, dass kluge Leute weniger klugen Leuten mit einem Lächeln ihre Seele rauben. Klingt das jetzt zu mephistotelisch? Vermutlich. Aber wir müssen nur hinter den Vorhang blicken, um das Teuflische im Detail zu erkennen. Unbedingt. Hier zum Beispiel: consumer kids oder shop til‘ you drop oder advertising & the end of the world und: sehr zu empfehlen die BBC Doku von Adam Curtis The Century Of The Self-Full Length Documentary (darin wird zum Beispiel erklärt, dass Edward Bernay, ein Neffe Sigmund Freuds in good ol‘ USA Public Relations erfand und wie man versucht, die Masse zu manipulieren).

teuflische Seifenblasen

Werbe- und PR-Leute sind klüger als die Masse der Konsumenten. Konsumenten, die in erster Linie eigentlich Bürger sind, die Rechte und Pflichten haben, in einer Demokratie – aber man lenkt sie ab, erinnert sie in erster Linie an ihre Pflichten und tauscht ihre Rechte gegen die Möglichkeit, nutzlose Güter zu konsumieren. Der Mensch ist leicht zu manipulieren. Ich merke es an mir, obwohl ich mich gegen den Konsumismus sperre, verfalle ich in das kindliche Muster, das eine „sofort-haben-wollende“-Forderung an mein Eltern-Ich stellt. Und wehe, die Forderung wird nicht erfüllt. Unglücklich wähne ich mich dann. Meine Unzufriedenheit steigt. Die tollsten Träume platzen wie Seifenblasen. Wut kocht hoch. Ich falle in eine Trotzphase. Will die Welt zum Teufel schicken. Tja. Aber welch Wonne, welch Glück, wenn mir das Eltern-Ich dann doch kauft, was ich mir scheinbar so sehnlichst wünsche. Für kurze Zeit bin ich mit der Welt versöhnt. In diesem Satz versteckt sich die Krux: kurz. Wer konsumiert bzw. sich dem Ziel der Konsumation nähert, ist glücklich. Aber es dauert nicht lange, bis das laute Glück leise ausklingt und schließlich verebbt. Tja. Diese Leere kann nur wieder mit neuen Dingen gefüllt werden. Und so läuft man im Hamsterrad einer Karotte hinterher. Ein Kreislauf, der beständig am Leben erhalten wird. Von wem? Von klugen Menschen, die wissen, dass es ein künstlicher Kreislauf ist. Und die daran gut verdienen oder so tun als ob – viel Geld zu machen ist ja bekanntlich sexy. Und wenn man sie mit dem einen oder anderen Vorwurf konfrontiert, nun, dann zucken sie mit der Schulter und antworten: »Wir haben die Welt und dieses Produkt nicht gemacht. Und jeder kann sich frei entscheiden, das Produkt zu kaufen oder nicht.« Wie gesagt, es sind kluge Leute, die in der Werbebranche tätig sind.

Zukunft?

Kommen wir wieder zum ARG. Ich gehe davon aus, dass es die umsatzstärkste Werbeform der Zukunft sein wird. Weil sie alle Vorzüge aufweist, die sich ein Werber wünscht. Gewiss, sie ist teuer und aufwändig. Aber in einem Markt, der bereits jetzt vor Produkten und ihren Werbungen überquillt, wird es immer schwieriger, neu einzusteigen und eine Marke zu positionieren. Weiters sind die jüngeren Generationen vorwiegend auf Web und Mobile fokussiert, während klassische Medien (Zeitung? Radio? TV? Häh!) kaum mehr eine Rolle spielen. Das ist mal mein Blick in die Kristallkugel.

manipulierte Illusion

Zurück zum ARG. Ich bemerkte, wie leicht man hier Menschen manipulieren kann. Und ich bemerkte auch, wie leicht ich zu manipulieren wäre, wenn man den richtigen Schalter umlegte. Das ist freilich nichts Neues. Wir wissen, dass jeder käuflich ist, wenn man so will. Neu ist hingegen, dass man durch das Social Web die Illusion einer Gemeinschaft erzeugen kann. Dadurch sind den Manipulationen keine Grenzen mehr gesetzt. Weil der Einzelne einer Gemeinschaft angehören will und vieles/alles tut, um dazuzugehören. Den Rest können wir uns denken, oder? Gut. Also, so ein ARG, das die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmen lässt, ist ein mächtiges Werkzeug in den Händen ihrer Macher. Auch wenn man es jetzt noch als Spielerei von und für Nerds belächelt – diesbezüglich empfehle ich die SF-Komödie Rotkäppchen 2069, die sich mit dem Thema Virtuality meets Reality augenzwinkernd auseinandersetzt. Link.

Liebe in Zeiten eines ARG

So. Mehr schreibe ich jetzt mal nicht. Eines vielleicht noch. Die Postkarte, die mich so unvermittelt erreichte und die mich nachdenklich stimmte, hat übrigens eine Mitarbeiterin der Werbeagentur geschrieben, die eine gut lesbare und weibliche Handschrift aufwies. Ich könnte ja jetzt das ARG zu meinem ARG machen und versuchen, die junge Frau ausfindig zu machen und sie mit einer Rose überraschen und ihr sagen, dass ich mich in ihre Handschrift verliebt hätte *schmachtender Blick* – ich würde charmant und liebreizend und aufmerksam sein. Und dann, dann reiche ich ihr einen Flyer vom Buch Der Fetisch des Erik van der Rohe und sage ihr, wenn sie mehr über mich erfahren möchte, dann muss sie dieses Buch vorbestellen. Auch darin verschwimmen Realität und Fiktion. Punkt.

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