richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

e-Book, Piraterie und der Mythos vom Autor, der von seinen Büchern leben kann

»Wir alle, die wir uns auf irgendeine Weise mit der Wissenschaft, die man in diesem Zusammenhang Literatur nennen kann, beschäftigen, wachsen auf in dem Gedanken, daß die Betriebsamkeit mit derselben ein Glück sei, ein Vorteil, eine ehrenvolle Auszeichnung unseres gebildeten und philosophischen Zeitalters … – aber gerade jene Betriebsamkeit des literarischen Marktes hat es ertötet, verkehrt und herabgewürdigt, so daß der Geist davon verflogen ist …«

JOHANN GOTTLIEB FICHTE
»Über das Wesen des Gelehrten und seine Erscheinungen im Gebiete der Freiheit«
10. Vorlesung (1805). Zit. nach Rietzschel: Gelehrsamkeit, S. 39f.
entnommen: »Archiv für Geschichte des Buchwesens, Band 30«
Walter de Gruyter, 1988

Zwei wunderbare Artikel gelesen, die ich nur empfehlen kann. Der eine behandelt das Thema der Urheberschaft von Texten und der mythischen Schlussfolgerung, dass die Autoren vom Verkauf  ihrer Bücher leben könnten. Der andere Artikel beschäftigt sich mit der Piraterie von ebooks und der Frage, ob man weg vom DRM und hin zu einer Flatrate für Buchdownloads gehen sollte.

Wer kann eigentlich von seinen Bücherverkäufen leben?

Können also Autoren vom Verkauf ihrer Bücher leben? Für eine Minderheit gilt das natürlich – und diese kennt man sehr gut. Die üblichen Verdächtigen, wenn man so will, die sich in den Top-Ten-Charts gut eingerichtet haben. Studien zeigen ja, dass diese Bestseller-Autoren in England rund 60 % (in Deutschland rund 40 %) der Gesamteinkünfte der Buchverkäufe einstreichen (und mit ihnen natürlich ihre Verlage). Während also die restlichen 99,9 % sich um die verbliebenen 40  % prügeln. Kurz gesagt: die Hälfte der Autoren darbt, die andere hält sich über Wasser. Trotzdem wird von der Buchindustrie die Parole ausgegeben, ebook-Piraterie würde die Existenz der Autoren gefährden. Aha. Genauso gut könnte man natürlich die Ignoranz des Lesepublikums dafür verantwortlich machen. Oder rigorose Zugangsbestimmungen am physischen Buchmarkt, der verstärkt auf Schnelldreher und Bestseller aus ist. Oder die exorbitanten Werbemaßnahmen von großen Publikumsverlagen, um Bücher „in den Markt zu drücken“ – und damit alle Aufmerksamkeit auf diese wenigen Bücher lenken. Da bleibt für andere kaum Luft zum Atmen. Blubb.

Die Piraten kommen!

Für wen ist also die Piraterie eine Gefahr? Für den darbenden Autor, der seinen Lebensunterhalt mit einem Brotjob verdient? Wohl kaum. Eher könnte es sogar – sarkastisch betrachtet – eine Chance für ihn darstellen. Würden nämlich viele illegale Kopien seines Buches im Umlauf sein, würde es dem Markt anzeigen, dass hier ein Potenzial vorhanden ist, das ausgeschöpft werden muss. Große Verlage würden dann nicht zögern, dem wenig bekannten Autor einen lukrativen Vertrag anzubieten – oder sein Buch würde stärker beworben werden. Illegal heruntergeladene Kopien sind genauso ein Indikator wie die verkauften Kopien. Das ist ja eigentlich schon wieder die Ironie der Geschichte. Weil der Markt diese Bestseller-Listen als eines der wirksamsten Verkaufsmaßnahmen adoptiert und in den Kopf des Konsumenten verpflanzt hat. Was »alle« lesen, muss jeder gelesen haben. Punkt. Durch diese Manipulation (de facto trägt der Konsument seinen eigenen Anteil daran, weil er ja einer großen Gruppe angehören will) ist der Wunsch, das Produkt zu besitzen, so stark, dass der Konsument vieles in Kauf nimmt. Dummerweise wählt er den einfachsten und schnellsten Weg. Wer erinnert sich an den Film-Klassiker Wargames?

Am Beginn des Filmes blättert der junge Matthew Broderick in einem Prospekt, das ein ultimatives Computer-Spiel anpreist, das aber nur vage angedeutet wird. Broderick ist sofort Feuer und Flamme. Er will es JETZT und nicht warten, bis das Spiel in die Läden kommt. Also versucht er sich in das System des Software-Unternehmens zu hacken, um das Spiel herunterzuladen (Telefon-Modem, you know?).

Auch dürfen wir nicht vergessen, dass nur ein Bruchteil der illegalen Kopien auch gekauft worden wären. Und wie viele am Ende überhaupt gelesen werden, auch das steht auf einem anderen Blatt Papier. Wie dem auch sei, der Artikel ist in jedem Fall lesenswert – auch wenn er vermutlich polarisiert (weil er den großen Verlagen den Schwarzen Peter zuschiebt).

Verlage fischen im Netz nach Manuskripten

Apropos Verlage. Vermehrt tauchen nun Communitys auf, die angehenden Autoren eine Plattform bieten, ihre Manuskripte einzustellen und von der Gemeinschaft bewerten zu lassen. Der Buchreport berichtet hier. Die besten Texte werden dann von Lektoren bekannter Verlage auf Publikationsfähigkeit untersucht und – wenn der Autor Glück hat – ins Programm genommen. Sowohl in Deutschland wie in den USA gibt es bereits gute Beispiele dafür. Eigentlich liegt es auf der Hand, dass hier ein Verlag seine Pluspunkte ausspielen kann. Einerseits haben große Publikumsverlage noch immer ein besonderes Flair, mit dem sich Autoren gerne brüsten, andererseits können die Verlage damit zukünftige Konsumenten an sich binden. Man wird sehen, was den Verlagen hier noch einfallen wird. Einfach wird es sicherlich nicht für sie. Weil jede Community ihr Eigenleben hat und es dadurch zu Konstellationen kommt, die nicht im Sinne des Erfinders sind. Will heißen: Neid und Eifersucht werden auf diesen Plattformen genauso eine Rolle spielen, wie Talent und Erfahrung oder Charme und Persönlichkeit. Für eine Psychologie-Studie wäre das jedenfalls ein empfehlenswertes Feld.

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5 Antworten zu “e-Book, Piraterie und der Mythos vom Autor, der von seinen Büchern leben kann

  1. kusanowsky Samstag, 30 April, 2011 um 10:45

    Zum Thema „Piraterie“ oder wie man Bücher verkauft: Meine Vermutung ist, dass das Problem dadurch gelöst wird, dass es verschwindet.
    Kurz erklärt: das Eingangszitat von Fichte steht in einem Kontext der Herausbildung eines bürgerlichen Geniebegriffs, der in einem spezfischen sozialen Kontext Verwendung fand, welcher vorsah, dass sich Individuen aufgrund ihrer ganz eigenen Begabung gegenüber einer Masse exponieren und dem Publikum Werke des Geistes übergeben, die das Genie „aus sich selbst heraus“ erschaffen hat. Entsprechend hatte dieser bürgerliche Geniekult schon immer ein Problem mit Trvialsierungstendenzen, die mit der Vermarktung dieser Werke einher ging. Nun passierte, dass über 200 Jahre hineweg die Trivialsierung vonstatten ging und dabei auch diesen Geniebegriff trivialsierte, was spätestens bei Beuys Niederschlag fand mit der Formulierung „Jeder Mensch ist ein Künstler.“ Spätestens in dem Augenblick verschwindet das Genie in einer Masse aus Genies.
    Die Verlags- und Musikindustrie hat von diesem Trivialisierungsproezss enorm profitiert, indem sie ihn voran trieb und sich nun mit den Effekten dieses Prozesses konfrontiert sieht. Nicht das Internet macht das Problem, sondern die Masse von Genies, die man vielleicht als „geniale Masse“ beschreiben könnte. Die Popularität des Internets ist daher nur ein Effekt dieser genialen Masse, nicht eigentlich die Ursache. Dass aber gerade die Industrie an einem solchen, wenn auch trivialen Geniebegriff festhalten muss, hängt nur damit zusammen, dass sie mit dem bürgerlichen Genie verschwinden muss und keine Alternative anbieten kann. Die Industrie ist überflüssig. Und alle Kunst-, Literatur und Wissenschaftsproduktion verläuft in naher Zukunft nach dem Kollaborationsprinzip für das Linux und Wikipedia als Prototyp schon entwickelt ist.
    Dieses Kollaborationsprinzip besagt, dass nicht ein einzelnes Genie große Werke schafft, sondern große Werke schaffen sich Adressen, auch solche prominenter Art, die an diesen Werken stricken. Das Werk der Zukunft ist daher das Ergebnis von Sammelleidenschaft, die ja immer auch ordnend und formend wirkt.

    • Richard K. Breuer Sonntag, 1 Mai, 2011 um 11:54

      Soll mal einer sagen, die klugen Leute würden im Web nicht schreiben oder kommentieren. Ich versuche noch die Einzelheiten deines Kommentars zu entschlüsseln, aber dass die (Kunst)Industrie überflüssig ist, nun, das ist durchaus richtig, aber es wird viel Zeit, Blut und Tränen brauchen, um aus dieser Sackgasse auszubrechen. Niemand gibt etwas freiwillig her. Schon gar nicht in der „freien Marktwirtschaft“. Yep.

      • Kusanowsky Montag, 2 Mai, 2011 um 12:23

        Bei weiterem Interesse empfehle ich folgenden Artikel von mir
        http://differentia.wordpress.com/2011/01/11/wikipedia-uberlegungen-zur-formbildung-der-schreibameise/

        Es handelt sich dabei um einen Beitrag in einer Serie von Artikeln über Wikipedia. Darin kommentiere ich die Entwicklung dieses Prototyps von Werk, das durch Kollaboration entsteht.
        „Mit dem Buchdruck und der sich daran anschließenden rasanten Enwicklung von Massenmedien entstand eine Form, die als Figur gegenwärtig ihre letzten Rückzugsgefechte voranzutreiben scheint. Gemeint ist das, was man gewohnt ist, einen Autor, Schrifsteller, Künstler zu nennen, eine Figur, deren Erfolgsleistung in der Ausbildung einer Vorstellung von Urheberschaft gleichermaßen ihren Ausgangspunkt und Voraussetzung und andersherum darin ihre Legitimation eines Führungsanspruchs fand.
        Dass ein Mensch Werke „aus sich selbst heraus“ erschaffen könne ist nicht nur eine juristische Formel für die Durchsetzung eines Geschäftsmodells, auch wenn sich die Diskussionen gegenwärtig darin zu erschöpfen scheinen. Tatsächlich ist mit dieser Formulierung die faustische Hoffnung auf Eigen- und Allmacht angesprochen: „aus sich selbst heraus“, was ja heißen könnte, eine beobachtungsunabhängige Beobachterpositon einzunehmen, die in der Vorstellung eines autonomen Subjekts zum Tragen kommt. Interessant daran ist, dass die Fragilität dieser Autonomie schon immer als Schwachstelle erkannt wurde, welche aber durch Flankierung von Schutzmaßnahmen – von welchen die Proklamierung von universellen Menschrechte nur die generalisierende Zupitzung ist – als beherrschbar in Aussicht gestellt werden konnte.“

  2. Pingback: Die Kommerzialisierung des Genies 2 #urheberrecht « Differentia

  3. Karol Mittwoch, 22 Juni, 2011 um 0:15

    Die hier – im Text wie in den Kommentaren – angestellten Überlegungen unterschreibe ich in vielen Punkten, ABER: wo sind ihre praktischen Ausführungen, wo sind die Literaten, die kollaborative Werke schreiben und sie dann auch als solche publizieren, wo sind diejenigen, die mit – sagen wir – Creative-Commons-Lizenzen arbeiten, wo sind all die offenen, explizit zum Weiterschreiben, Verändern und – ja – auch zum Zerstören ihrer selbst einladenden Texte? (Mir fallen nur wenige Autoren ein, die zumindest ansatzweise in diese Richtung gehen. Cory Doctorow etwa, oder Arthur Missa, oder Jonathan Rosenbaum).
    Der Geniebegriff mag ein alter Hut sein und die subjektivistische Ästhetik auch, aber das Wissen ist das eine, danach entsprechend konkret zu Handeln – und die ökonomischen Risiken in Kauf zu nehmen – das andere. Gewiss, in Bereichen wie der Wissenschaft ist das einfacher, die Grenzen des (Urheberrechts-)Diskurses andere, aber gerade in der Literatur scheint sich mir hier nichts zu bewegen – trotz des Wissens um all die großen Theorien und der Geschichte des Geniebegriffs. (Es heißt, es soll im ausgehenden 18. und 19. Jhd. nicht wenige Gelehrte gegeben haben, die nach der Fertigstellung ihrer Bücher alle Aufzeichnungen, Abschriften, Zitate, Paraphrasierungen usw. verbrannten – damit nichts anderes übrig blieb als das reine, vom genialen Subjekt per aspera ad astra aus sich heraus geschaffene Werk…)

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