König Markt oder Was soll ein ebook kosten?

Wenn die Amerikaner das Geld und das Bankwesen verstünden,
gäbe es am nächsten Tag eine Revolution.
Henry Ford

update: sind Piraten und Raubkopierer eine gute Sache? Könnte sein, heißt es im (englischsprachigen) Artikel von FutureBook: Piracy is good.

Vor ein paar Tage habe ich mir bereits Gedanken gemacht, was denn eigentlich so ein elektronisches Buch (richtig wäre wohl: digitales Buch) kosten dürfe, damit der Konsument – ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen – zugreift. Die Meinungen gehen diesbezüglich auseinander. Im Besonderen, wenn man Verleger und Leser befragt. Die einen wollen sich nicht selbst das Wasser abgraben, die anderen die Früchte der digitalen Welt einbringen.

Eine Statistik, bitte: Wer wissen möchte, wie viele Deutsche sich im Internet tummeln (46,1 Millionen) und wie viele davon in einem Social Network registriert sind (bei den 14 – 29jährigen sind es 96 %), der sollte sich diese aufschlussreiche Grafik  von socialmedia-blog.de und cocomore AG angucken: link

Nun habe ich gestern in facebook eine Umfrage gestartet: »Was würdest du für ein E-Book bezahlen, wenn die Print-Ausgabe € 14,90 kosten würde?« Zur Antwort standen die folgenden Preise zur Verfügung:

  • etwas mehr (€ 15,99)
  • etwas weniger (€ 12,99)
  • die Hälfte (€ 7,49)
  • viel weniger (€ 2,99)
  • sehr viel weniger (€ 0,99)
  • gar nix (€ 0,-)

Die Antworten sind freilich in keiner Weise repräsentativ, aber ich denke, es reicht mal, um eine Tendenz auszumachen. Also, nicht verwunderlich, dass die Rubrik etwas mehr (€ 15,99) nicht gewählt wurde. Die physische Kopie wird wohl immer als wertiger und damit teurer als eine digitale Kopie angesehen (die eigentlich nur eine Lizenz darstellt). Seltsam ist, dass die Rubrik sehr viel weniger (€0,99) ebenfalls nicht ausgewählt wurde. Das hat mich dann doch überrascht. Weil dieser Preis in den USA bereits zu einem Standard erhoben wurde, wenn es um Indie-Publikationen geht, die auf Mundpropaganda hoffen. Das Angebot der $ 0,99 ebooks ist jedenfalls enorm.

Eine nicht unerhebliche Zahl der Umfrage-Teilnehmer möchte gar nix (€ 0,-) zahlen. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob man die Antwort für bare Münze (sic!) nehmen soll, möchte sie aber nicht gänzlich verwerfen. Die (älteren) Kritiker des Internetz malen ja die »Generation Gratis« an die Wand und vielleicht ist ja ein Körnchen Wahrheit darin zu finden (ich nehme mich gar nicht aus, wenn ich an die Freeware auf meinem PC denke).

Für die Hälfte (€ 7,49) konnten sich etwa halb so viele Befürworter aussprechen, wie für die Antwort sehr viel weniger (€ 2,99), die von dem meisten Teilnehmer bevorzugt wird.

Natürlich wird hier keine Unterscheidung in Bezug auf den Content gemacht. Ein Einmal-Lesen-Buch gegenüber einem Fach- oder Sachbuch, in dem man öfters nachschlägt, wird vermutlich preislich anders wahrgenommen. Wie dem auch sei, in den Köpfen der Konsumenten, die mit der vernetzten digitalen Welt auf Du und Du sind, scheint sich der Glaube zu manifestieren, dass digitaler Content viel günstiger sein muss als physischer. Darüber wird gerade in der Buchbranche lang und breit diskutiert, immer mit einem Auge auf die Musikbranche, der das Wasser dank mp3 und Apples iTunes bis zum Hals steht. Blub.

Interessant ist die Diskussion bezüglich der kleinen und mittleren Buchläden und die Angst, dass sie alsbald verschwinden könnten. Wenn ich jetzt die Musikbranche hernehme, nun, dann hat sich wohl auch dort solch eine Konzentration ergeben. Ich sage das jetzt einfach mal wertfrei, interessant ist aber, dass ich mich nicht erinnern hätte können, dass die Marktteilnehmer vor vielen Jahren das Ende des abendländischen Kultur an die Wand malten, weil die kleinen Plattenläden verschwanden (und jetzt wieder zurückkommen, um Sammler und Vinyl-Geeks und die soziale Komponente zu bedienen).

Wie auch immer die Diskussion weitergehen wird, es steht fest, dass der Preis dort eine Rolle spielt, wo der Wunsch, das Buch/Produkt besitzen zu wollen, nicht besonders ausgeprägt ist. Mit anderen Worten: Warum soll ich mir den neuen Breuer (yah, that’s me, folks!) um € 2,99 kaufen, wenn ich den neuen Follet um € 12,99 bekomme, den gerade jeder liest, der in aller Munde ist? Ich schätze, Soziologen haben dafür sicherlich einen Namen, es geht nicht nur um den Content, dem Inhalt, sondern vielmehr um den damit zu erzielenden sozialen Zuwachs. Wenn du also nicht ein Literatur-Buff bist, wenn du nicht ein gehöriges literarisches Selbstbewusstsein hast, dann vertraust du auf die Masse vulgo Mainstream. Yep. Da kannst du nicht viel falsch machen. Und Mitreden geht ganz leicht.

Eigentlich würde man sich denken, durch die digitale Epoche würde es zu einer Befruchtung des Geistes, der Künste, der Kultur kommen – analog der Einführung des Buchdrucks und der Vielzahl an Bücher, die damals in Umlauf gebracht werden konnten. Ohne Buchdruck hätte sich die Wissenschaft nicht so rasant entwickeln, ohne Buchdruck hätte man den religiösen Auswüchsen nicht Paroli bieten können. Und ohne Buchdruck hätte es auch keine Aufklärung gegeben. Das ist gewiss eine einfache Sicht auf die Dinge, aber warum sollten sie deshalb falsch sein?

Vermutlich sind die Parallelen zwischen der Buchdruck-Epoche und der digitalkopie-Epoche nicht unähnlich. Damals versuchte eine herrschende Klasse ihre absolute Macht mit Gewalt, Verbot und Zensur aufrecht zu erhalten. Es hat am Ende nicht funktioniert – auch wenn es mehrere hundert Jahre brauchte. Interessant diesbezüglich ein Schreiben des jungen Königs Ludwig XVI an seinen Minister, der für die Zensur der Bücher und Broschüren und Flugblätter zuständig war. Ludwig XVI sorgte sich, dass Bücher in Umlauf gebracht würden, die die Sittlichkeit und den Glauben seiner Untertanen gefährdeten. In Tiret habe ich mir erlaubt, diesen Brief abzudrucken (der übrigens Gemeinfrei ist – ich werde ihn demnächst online stellen).

Die gegenwärtige herrschende Klasse, wenn man so will, ist der Markt und ihre unternehmerischen Teilnehmer. Auch diese versuchen ihre absolute (finanzielle) Macht mit Verbot und Zensur aufrecht zu erhalten. Auch sie predigen von der Gefährdung der Sittlichkeit (Gratiskultur) und des Glaubens (an den freien Markt). Ich gehe davon aus, dass auch diese Klasse einmal der Vergangenheit angehören wird. Genauso, wie man heute verwundert durch die Prunkräume eines der monarchischen Schlösser schreitet, wird man später einmal durch die Präsentations-Räume der Multinationalen Konzerne geführt werden:  »Und hier wurden die Preise für eine digitale Kopie festgelegt. Damals beherrschte nämlich eine kleine Gruppe an Konzernen die Welt. Die ungerechte Verteilung führte in späterer Folge zu einem Sturz des Dogmas, dass der freie Markt der Heilsbringer von Glück und Wohlstand sei.«