richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

E-Books und das Versprechen der Revolution

update: wunderbar geschriebener Abgesang an das gedruckte Buch. Check that out!

Jede Revolution macht zu Beginn den Frustrierten und Ausgestoßenen ein unerhörtes Versprechen: nämlich die erlittenen Demütigungen zu rächen. Das wusste man schon über die Französische Revolution zu berichten. Das gilt auch für die digitale Buch-Revolution.

Johnny Häusler vom Blog Spreeblick hat sich einen kindle gekauft und erzählt in 5 Kapiteln, wie es ihm dabei geht. Der Artikel ist sehr leichtfüßig geschrieben und kommt zum Schluss: Ich mag den Kindle sehr, das Ding macht Spaß. Aber es gibt (natürlich) auch Einschränkungen: einerseits die Abhängigkeit zu amazon, wenn die elektronischen Bücher mit DRM-Schutz ausgestattet sind (das entscheidet aber der Verlag!) und andererseits die Preisgestaltung (ebenfalls eine Entscheidung des Verlages): Viele neue eBooks, aber auch Werke der Fachliteratur kosten fast den gleichen Preis wie das gedruckte Äquivalent, was nicht so recht einleuchten mag.

Wenn man sich die zahlreichen Kommentare zum Beitrag durchsieht, so fällt auf, dass die Leutchen ziemlich angepisst sind, wenn es um die Preise von E-Books geht. Während die Konsumenten bei anderen Revolutionen (nehmen wir die Musik-CD) höhere Preise akzeptierten, ist dies beim E-Book nicht der Fall.

Eine weitere Überlegung wird die Buchbranche anstellen müssen, nämlich wie man der verqueren Begründung, warum jemand ein E-Book illegal herunterlädt, begegnet. Hat sich nämlich der Konsument ein gedrucktes Buch legal gekauft, könnte er sich im Recht fühlen, die digitale Ausgabe ebenfalls besitzen zu dürfen. Wie die Buchbranche mit der Frage der Piraterie umgeht, ist vermutlich ein eigenes (DRM-freies) Buch wert. Eine interessante These stellt der Blog FutureBook auf, in dem sie im Artikel Piracy is good Ideen anführen, wie man mit Gratis-Content wirtschaftlich erfolgreich sein kann. Das ist natürlich blanke Theorie. In der Praxis, wir wissen es, prügeln sich all die Indie-Autorenverleger mit den Kleinverlagen um den letzten Rest an Aufmerksamkeit der übersättigten Konsumenten. Bloody messy, sozusagen.

Wir haben also folgende Ingredienzen für die Revolution:

  • die Online-Distributoren: ohne dieser mächtigen Fraktion würde es bis heute keine digitalen Bücher geben: amazon, apple und natürlich all die anderen Online-Distributoren; google springt gerade auf den (kommerziellen) Zug auf; diese Marktteilnehmer sind finanziell potent und haben die Kontakte zum Endkunden (Kreditkarte inklusive); sie forcieren das E-Book, weil es für sie ungeahnte finanzielle Chancen eröffnet; sie haben mit dem altehrwürdigen Filter-Mechanismus der Verlage und Buchhändler nichts am Hut. Sie verkaufen (so gut wie alles).
    .
  • Kleinverlage und Indie-Autorenverleger: diese Fraktion hat an und für sich keinen Einfluss auf den Buchmarkt; aber ihr Einfluss – dank des Webs – Stimmung zu machen, darf nicht unterschätzt werden. Gerade im Social Media Bereich pflegen diese Einzelkämpfer viele Kontakte. Für sie ist das digitale Buch eine Offenbarung, da sie nun (wenigstens theoretisch) auf Augenhöhe mit den Publikums-Verlagen um Verkäufe rittern können.
    .
  • Leser/Konsumenten: je mehr Leser zum E-Book greifen, desto mehr Leser werden zum E-Book greifen. Ist einmal der Tipping Point erreicht, gibt es kein zurück. Wie lange es dauert? Schwer abzuschätzen. Die Welt der Literatur ist eher konservativ. Es geht um die Verteidigung eines Kulturgutes. Gerade im deutschsprachigen Raum, wo Literatur immer einen hohen Stellenwert hatte und hat. Ohne eine Statistik zu kennen (falls es sie überhaupt gibt), gehe ich davon aus, dass die eReader-Nutzer im Moment in der Mehrzahl männliche Geeks sind und sich durch die neue Technik angesprochen fühlen. Interessant ist, dass Belletristik in Frauenhand ist. Rund 80 % der Käufer sind weiblich. Eventuell könnte der eReader daran etwas ändern.
    .
  • berühmte Autoren: in Zukunft ist es gut möglich, dass Online-Distributoren bekannte Autoren unter Vertrag nehmen und diese fürstlich entlohnen; schon jetzt geht amazon in Richtung Publikumsverlag und hat dies auch bereits verlautbart; ein logischer Schritt, der den großen Publikumsverlagen sicherlich noch schlimmes Kopfzerbrechen machen wird;
    .
  • Publikumsverlage: sie haben sicherlich den schwersten Stand und stehen zwischen den Stühlen; einerseits klingen explosionsartige Zuwachsraten im digitalen Geschäft nach einem kommerziellen Halleluja, andererseits graben diese Stück für Stück ihr bewährtes und einträgliches Geschäftsmodell das Wasser ab. Ohne der Filterung durch den Buchhandel und das Feuilleton (Einzelhandel und Printmedien sind durch das Web stark in Bedrängnis geraten), wird es schwierig und sehr teuer, den Status Quo aufrecht zu erhalten.  Noch mehr Werbung, noch mehr Aufmerksamkeitsgenerierung, um die Marktanteile zu sichern. Ihr Bestreben, einen für sie akzeptablen Preis als gerechtfertigt in den Markt zu drücken, verärgert und enttäuscht die Konsumenten; die Zeit wird zeigen, wer am längeren Ast sitzt. Durch die Piraterie haben Konsumenten immer die Wahl – das sollten die Entscheidungsträger nicht vergessen, DRM hin oder her.
    .
  • Buchhandel: Buchhandelsketten (B&N, thalia) springen auf den E-Book-Zug auf, da sie die nötigen Mittel haben; wie erfolgreich, wird sich noch zeigen; der Einzelhandel spielt hingegen keine Rolle – eher ist dieser versucht, die Entwicklung zu bremsen und zu verschleppen.
    .
  • Du!
    .
Advertisements

4 Antworten zu “E-Books und das Versprechen der Revolution

  1. Petra Freitag, 13 Mai, 2011 um 15:03

    Ich höre immer Revolution. Wen oder was wollen wir denn stürzen, enthaupten, niedermachen? Welches System wollen wir denn ein für alle mal stürzen? Wer soll die Gewalt übernehmen? Wer baumelt an der Laterne?
    Haben wir es nicht eher mit einer reinen Waren-Evolution zu tun?

    Nur mal so frech gefragt aus dem Land der Guillotine 😉
    Petra

    • Richard K. Breuer Freitag, 13 Mai, 2011 um 15:31

      Naja, die Franzosen wollten anfänglich nur eine Verfassung und am Ende hatten sie keine Bastille mehr, dafür eine Republik – vom kopflosen König und dem Terreur mal abgesehen. Andererseits hat sich dann so ein kleiner Artillerie-Leutnant zum Kaiser gekrönt. Das war schon allerhand und äußerst revolutionär. Aber das weißt du natürlich, Petra 🙂

      Die Revolution, von der ich fasle, betrifft vor allem die Zugangsbeschränkung. Analog der Aristokratie, die keine (gewöhnlichen) Bürger in ihren Reihen duldeten und blaues Blut für gewisse Macht- und Prestige-Positionen verlangten. Mit anderen Worten: bis jetzt gab es eine Elite, nennen wir sie „die großen Publikums-Verlage“, die entschieden hat, welche Bücher in welcher Ausführung in welcher Menge dem Markt zugeführt wurden; mit den E-Books sieht die Sache anders aus; freilich, so lange die Leserschaft den Verkaufs-Charts huldigt, wird sich nicht viel ändern, aber gut Ding braucht bekanntlich Weile.

  2. Hirnrestrukturierer Freitag, 13 Mai, 2011 um 22:48

    Gestern (oder war’s heute?) war in der Vormittags-ZIB eine Meldung, ich nehm sie mal als Stellungsnahme der „Offiziellen“: In den USA ist das Ebook schon groß, letztes Jahr (oder so) hatten sie 1 Milliarde Dollar Umsatz, bei uns steckt es noch in den Kinderschuhen, auch weil die Reader noch nicht ausgereift sind und es erst 25.000 Titel gibt. Es ist aber im Kommen, und wird sich vermutlich hauptsächlich auf Sachbücher mit multimedialen Inhalten konzentrieren. (Das Bild dazu war ein buntes iPad.) Und das gedruckte Buch wird es trotzdem immer geben. (Klang wie, liebe altmodische Leute, keine Angst vor der Zukunft, die Tradition wird niemals untergehn.)
    Die Reportage war, weil am Vortag anscheinend irgendwo ein wichtiges Event und eine Diskussion zum Thema war.

    Irgendwie wird sich diese Revolution wahrscheinlich durch eine eher traurige Anfangsphase schlängeln müssen, wo eine Lawine von Möchtegernautoren ihren Müll auf die Leute wirft und diese sich frustriert nach der Filterfunktion von Verlagen und der Verbesserungsfunktion von Lektoren zurücksehnen. Aber dann werden die Auslese- und vor allem Suchfunktionen immer besser werden, und spätestens dann werd ich mir auch so ein Ding zulegen.
    Ich hab nämlich ehrlich gesagt keine Ahnung, wie ich auf Amazon vorgehen soll, wenn ich beispielsweise Literatur im Stil von Kafka mal Samuel Beckett suche, aber etwas leichtflüssiger und aus den letzten zwei Jahrzehnten, und von einem mir bisher unbekannten Autor.

    Meines Erachtens liegt ein ungeheures Potenzial in der digitalen Erfassung und Analyse des Inhalts von Texten, was man natürlich zur Suche nutzen könnte, was aber derzeit nur äußerst rudimentär oder gar nicht umgesetzt ist.
    Ist ja eigentlich lächerlich, dieses „Leser, die dein Buch gekauft haben, kaufen auch…“, wie bei last.fm, wo die Musik nicht nach Ähnlichkeit sortiert wird, sondern bloß nach den Gewohnheiten der Hörer.
    Aber möglich wäre es, sämtliche Bücher dieser Welt nach inhaltlichen Kriterien zu ordnen, und am Morgen sagt mir der Computer, letztens hast du dies und das gelesen, und heute siehst du etwas niedergeschlagen aus, also schlage ich dir diesen Lesestoff vor. Und es wäre genau das Richtige. Und langfristig würde ich einen breiten Gesamteindruck der gesamten Literaturgeschichte bekommen, und auch immer mehr Lieblingsbücher finden. (Im Reader wäre dann eine Kamera, und der Computer würde die Gesichtszüge bei den einzelnen Textstellen analysieren, technisch geht das heute schon.) (Und die Augenbewegungen würden auf die Lesegeschwindigkeit und auf wiederholendes Genießen schließen lassen.) (Und dann würde berechnet werden, welche Bücher auf meine Vorlieben passen.)
    Meinst du, erleben wir sowas noch?
    (Und meinst du, hatte schon jemand diese Idee, oder soll ich mich mal bei Amazon melden?)
    (Oder bleiben wir Rebellen und machen es auf Open Source?)

    Das Problem ist natürlich, nach welchen Kriterien die Texte analysiert und geordnet werden sollen, und da sind sich ja nichtmal die Literaturkritiker einig.

    • Richard K. Breuer Samstag, 14 Mai, 2011 um 10:00

      Im Prinzip geht es um die Tipps und Empfehlungen von Leuten, die sich durch die halbe Bücherwelt gelesen haben und denen man in dieser Hinsicht vertraut. Wir erinnern uns an Marcel Reich-Ranicki, der unbekannte Autoren über Nacht reich und berühmt machen konnte, wenn er von ihnen schwärmte („Das müssen Sie gelesen haben!“). Aber er war wohl einer der Letzten, die die Literatur beruflich und privat ernst genommen haben, analog des Feuilletons der früheren Jahre.

      Im Prinzip kannst du auf amazon (und sicherlich auch auf anderen online-kanälen) deine Lieblingsbücher markieren, diese taggen und je mehr du es tust, umso eher kann das System dir Vorschläge unterbreiten, die sich wiederum auf andere Leser/Käufer beziehen. Vermutlich können wir davon ausgehen, dass es da draußen Leser gibt, die einen ähnlichen guten Geschmack wie unsereins hat. Ja, ja.

      Falls du dich an der Revolution beteiligen möchtest, dann musst du selber zu einem Filter-Werkzeug werden und deine Filter-Ergebnisse publizieren. So funktioniert das. Wenn du also den Literatur-Müll durchsuchst, wirst du wie in alten Zeiten mit Leuten reden müssen, die eine Ahnung haben. Das können ja auch Antiquare sein. Oder Bibliothekare. Oder Hobby-Kritiker. Oder ehemaligen Journalisten. Oder ältere Herren und Damen, die sich ein Leben lang mit Kafka oder Becket beschäftigt haben. Also, los, los, worauf wartest du noch?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: