richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Ein spanisches Manifest, anno 2011: Wir sind Menschen, keine Produkte!

Ansteckungsgefahr!

Die Übersetzung des spanischen Manifests stammt vom Blog Spreeblick und Metronaut!

Wir sind normale Menschen. Wir sind wie du: Menschen, die jeden Morgen aufstehen, um studieren zu gehen, zur Arbeit zu gehen oder einen Job zu finden, Menschen mit Familien und Freunden. Menschen, die jeden Tag hart arbeiten, um denjenigen die uns umgeben eine bessere Zukunft zu bieten.

Einige von uns bezeichnen sich als fortschrittlich, andere als konservativ. Manche von uns sind gläubig, andere wiederum nicht. Einige von uns folgen klar definierten Ideologien, manche unter uns sind unpolitisch, aber wir sind alle besorgt und wütend angesichts der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Perspektive, die sich uns um uns herum präsentiert: die Korruption unter Politikern, Geschäftsleuten und Bankern macht uns hilf- als auch sprachlos.

Und diese Situation ist mittlerweile zur Normalität geworden – tägliches Leid, ohne jegliche Hoffnung. Doch wenn wir uns zusammentun, können wir das ändern. Es ist an der Zeit, Dinge zu verändern. Zeit, miteinander eine bessere Gesellschaft aufzubauen. Deswegen treten wir eindringlich hierfür ein:

  • Gleichheit, Fortschritt, Solidarität, kulturelle Freiheit, Nachhaltigkeit und Entwicklung, sowie das Wohl und Glück der Menschen müssen als Prioritäten einer jeden modernen Gesellschaft gelten.
  • Es gibt Grundrechte, die unsere Gesellschaft gewähren muss: das Recht auf Wohnung, Arbeit, Kultur, Gesundheit, Bildung, politische Teilhabe, freie persönliche Entwicklung und das Recht auf Konsum von Gütern, die notwendig sind um ein gesundes und glückliches Leben zu führen.
  • In ihrem momentanen Zustand sorgen unsere Regierung und das Wirtschaftssystem nicht für diese Prioritäten, sondern stellen sogar auf vielerlei Weise ein Hindernis für menschlichen Fortschritt dar.
  • Die Demokratie gehört den Menschen (demos = Menschen, krátos = Regierung), wobei die Regierung aus jedem Einzelnen von uns besteht. Dennoch hört uns in Spanien der Großteil der Politiker überhaupt nicht zu. Politiker sollten unsere Stimmen in die Institutionen bringen, die politische Teilhabe von Bürgern mit Hilfe direkter Kommunikationskanäle erleichtern, um der gesamten Gesellschaft den größten Nutzen zu erbringen, sie sollten sich nicht auf unsere Kosten bereichern und deswegen vorankommen, sie sollten sich nicht nur um die Herrschaft der Wirtschaftsgroßmächte kümmern und diese durch ein Zweiparteiensystem erhalten, welches vom unerschütterlichen Akronym PP & PSOE angeführt wird.
  • Die Gier nach Macht und deren Beschränkung auf einige wenige Menschen bringt Ungleichheit, Spannung und Ungerechtigkeit mit sich, was wiederum zu Gewalt führt, die wir jedoch ablehnen. Das veraltete und unnatürliche Wirtschaftsmodell treibt die gesellschaftliche Maschinerie an, einer immerfort wachsenden Spirale gleich, die sich selbst vernichtet indem sie nur wenigen Menschen Reichtum bringt und den Rest in Armut stürzt. Bis zum völligen Kollaps.
  • Ziel und Absicht des derzeitigen Systems sind die Anhäufung von Geld, ohne dabei auf Wirtschaftlichkeit oder den Wohlstand der Gesellschaft zu achten. Ressourcen werden verschwendet, der Planet wird zerstört und Arbeitslosigkeit sowie Unzufriedenheit unter den Verbrauchern entsteht.
  • Die Bürger bilden das Getriebe dieser Maschinerie, welche nur dazu entwickelt wurde, um einer Minderheit zu Reichtum zu verhelfen, die sich nicht um unsere Bedürfnisse kümmert. Wir sind anonym, doch ohne uns würde dergleichen nicht existieren können, denn am Ende bewegen wir die Welt.
  • Wenn wir es als Gesellschaft lernen, unsere Zukunft nicht mehr einem abstrakten Wirtschaftssystem anzuvertrauen, das den meisten ohnehin keine Vorteile erbringt, können wir den Missbrauch abschaffen, unter dem wir alle leiden.
  • Wir brauchen eine ethische Revolution. Anstatt das Geld über Menschen zu stellen, sollten wir es wieder in unsere Dienste stellen. Wir sind Menschen, keine Produkte. Ich bin kein Produkt dessen, was ich kaufe, weshalb ich es kaufe oder von wem.

Im Sinne all dieser Punkte, empöre ich mich.

Ich glaube, dass ich etwas ändern kann.

Ich glaube, dass ich helfen kann.

Ich weiß, dass wir es gemeinsam schaffen können.

Geh mit uns auf die Straße. Es ist dein Recht.

***

Kommentar von Jens Best – 18.5.2011 – 2.20 auf metronaut.de

Ich kenne das Gefühl unter einigen meiner spanischen Freunde noch aus meinen Jahren in Spanien, die noch nicht allzu lange her sind.

Das Gefühl, dass du dich für deine 50qm Eigentumswohnung auf Jahrzehnte zu Wucherzinsen verschuldest. “Wohnsklave” nennt man sich scherzhaft selbst, um die Situation im gewohnten Stolz zu ertragen.

Das Gefühl, sich nur in alternativen Kreisen von Gleichgesinnten und oftmals Gleichaltrigen noch die Illusion einer anderen Zukunft leisten zu können.

Das klare Wissen, dass man mit einem Hungerlohn abgespeist wird und gleichzeitig ein Preisniveau akzeptieren muss, dass nicht nur wegen den reichen Einwanderern aus dem Norden bei Mieten und im Supermarkt zu unerträglicher Ungerechtigkeit führt.

Das Wissen, dass all’ die Deals in der Stadt mit Koffern ermöglicht wurden, aus denen die 500er-Euronoten rausqollen. Deals, die das Leben einer Stadt privatisieren und die Schönheit der Umgebung für die betrügenden Reichen reservieren.

Deine achso kluge ältere Schwester, die doch erst soviel “Erfolg” hatte mit den 3 oder 4 Immobilien, die sie querfinanizert hatte, und die jetzt vor einem finanziellen Scherbenhaufen steht, weil diese komische “Blase” geplatzt sein soll.

Das ernste Gesicht deines Vaters, wenn das Thema Geld beim Grillen aufkommt und deine Mutter, die plötzlich öfters weint, und trotzdem die Familie tapfer zusammenhält.

Aber auch:

Demos gegen Miet- und Zinswucher, gegen Ausbeutung in der Arbeit, gegen frühzeitige Konditionierung in Schule und Universität. Demos, die sich per SMS von einer Stadt zur nächsten fortpflanzten wie ein Lauffeuer.

Strassentreffen, die als “Saufparties” verschrieen waren, aber den Kern des Aufstandes in sich trugen.

Anständige, junge, aber doch schon sehr erwachsene Menschen beim Grillen, hinter deren Augen das Gefühl “So kann es nicht weiter gehen” unruhig und leise funkelte.

Auch die Revolution an den nördlichen Rändern des Mittelmeeres, der Aufbruch, wie ich es bescheidener nennen will, kam nicht von heute auf morgen. Es ist die Arroganz des Kapitals, die das Zwischenmenschliche auffrisst, es ist die Versuchung, die jeden befallen kann und die Besessenen zu Vollspacken macht.

Es sind die Strukturen, die dies beförderten und aktuell noch tragen, die nur hinweggefegt werden können, nicht reformiert.

Es sind die moralischen Ansprüche an uns selbst, einzeln und gemeinsam; die Ansprüche an den Einzelnen, aufbauend auf alten Werten, die neu erblühen durch die neue kommunikativ erfahrene Gemeinsamkeit.

Brüche müssen nicht blutig sein, aber bei den meisten kracht es eben ordentlich im Gebälk.

Repression bestätigt und verformt den Protest, der sich selbst an seinen eigenen Ansprüchen messen muss. Auch und gerade in den Momenten, in denen die Gefallenen des Kapitals ihre Fratze zeigen. In diesen Momenten müssen die Reihen geschlossen sein, der Wille stark und die Solidarität in allen möglichen Formen direkt ausgedrückt werden.

#spanishrevolution: Das Manifest von “Democracia Real YA!

Wo bist du, wenn es zählt?

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5 Antworten zu “Ein spanisches Manifest, anno 2011: Wir sind Menschen, keine Produkte!

  1. Richard K. Breuer Freitag, 20 Mai, 2011 um 10:24

    Ein Erklärungsversuch gibt es zum Beispiel hier: http://www.systempunkte.org/blog/spanishrevolution ODER „A cabal of greedy bastards has turned USA into a corporatocracy“ http://bit.ly/kqi6Wt #adbusters #usa #politics

  2. Richard K. Breuer Freitag, 20 Mai, 2011 um 13:24

    Rafael Eduardo bloggt und twittert in Deutsch über die Spanischen Ereignisse: http://www.rafaelwv.com/ bzw. @rafaelwv

  3. Goldständer Samstag, 21 Mai, 2011 um 0:41

    Europa erwacht ! Der Funke wird nun auch auf uns überspringen!

  4. Pingback: Demokratie heute fordern, um sie morgen zu verlieren « richard k. breuer

  5. Hinz Sonntag, 13 November, 2011 um 22:11

    Du glaubst etwas ändern zu können, und wie?
    Warum macht keiner von euch Vorschläge wie ihr das umsetzen wollt?

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