richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Spanische Empörung im Mai 2011 und eine mögliche Lösung

Wenn der Bäcker streikt und gewinnt, dann wird für den Schuster das Brot teurer, und dann muss der Bäcker mehr für die Stiefelsohlen bezahlen. Innerhalb des Systems dient alles dem Kapitalismus. Nicht weil die einen brutale Ausbeuter, die andern Hungernde und die übrigen Arbeiterverräter sind, sondern weil sie sich alle in derselben Maschine befinden.

Die weiße Rose
B. Traven

Der Arabische Frühling, der viele Aufstände im nordafrikanischen und arabischen Raum brachte, hat nun auch Europa erfasst. Während es in Griechenland zu Generalstreiks und Straßenschlachten kommt, haben empörte Spanier die Plätze von Ballungszentren besetzt und campieren gemeinsam in einer fröhlich hoffnungsfrohen Illusion. Das ist schön. Wirklich. Es zeigt, dass Bewegung passiert. Auch wenn die Massenverdummungsmedien die Angelegenheit verkleinern, unter den Teppich kehren, negieren oder auf eine Weise kommentieren, in der die Hoffnungslosigkeit bzw. Lächerlichkeit zu spüren ist. Freilich, jedes Medium schlachtet ein Ereignis im besten Sinne aus. Aber wer zwischen den Zeilen liest, weiß, wie das Spiel gespielt wird. Und in diesem Spiel gewinnt immer nur einer. Und es ist nicht der aufgeklärte, empörte Bürger.

Ein Königreich für ein Ziel
Eine funktionierende Bewegung, eine erfolgreiche Revolte, eine umstürzlerische Revolution, sie alle haben ein Ziel, das leicht ausgemacht werden kann. Ohne eine simple Definition des Ziels kann von der Masse nichts bewirkt werden. Ein Regime, einen Diktator, einen König stürzen zu wollen, ist ein Ziel, das nicht nur mit einfachsten Mitteln in Worten benannt, sondern auch in Bildern und Fotos gezeigt werden kann. Das Ziel ist – im wahrsten Sinne des Wortes – fassbar, sogar angreifbar. All das beflügelt eine Bewegung, die sich (zu erst) empört. Je mehr sich der Bewegung anschließen, desto mehr schließen sich der Bewegung an. Die Teilnehmer eint ein Ziel. Und solange wollen sie nicht weichen (siehe dazu Graf Mirabeau, der sich 1789 mit den Deputierten der Generalversammlung weigerte, den Saal zu verlassen, obwohl man ihnen mit Waffengewalt drohte).

Stumm. Still. Leise.
Aber wie schwierig ist es, eine Bewegung am Laufen zu halten – sie auszulösen ist dagegen verhältnismäßig einfach. Ja, darin liegt die Crux der spanischen Empörung, die auf Gewalt und Eskalation verzichtet, die sich nur versammelt und wichtige Plätze besetzt hält (seltsam, dass man als Bürger seines Staates einen öffentlichen Platz besetzt halten kann – das Wort würde eigentlich auf eine fremde militärische Macht hinweisen, die sich widerrechtlich ein Territorium aneignet). Was wird also aus der Bewegung werden? Sie wird nach dem Sonntag sang- und klanglos verschwinden. Sie wird noch mehr Frustration in den frustrierten – zu meist jungen – Bürgern auslösen. Ein Teil wird sich zurückziehen. Stumm. Still. Leise. Die Hoffnung wird begraben und nihilistische Schübe die ohnmächtige Seele erfassen. Dumm gelaufen. Aber so ist es, wenn man sich einer Fata Morgana hingibt. Am Ende ist es nur eine Luftspiegelung. Nicht mehr.

Laut. Lärmend.
Und dann, dann wird es andere Bürger geben. Sie sind laut und wollen sich nicht mehr zurückhalten. Genug ist genug. Es reicht. Sie entschließen sich zum Äußersten, weil sie bereits an den äußersten Rand der Gesellschaft gedrängt wurden. Wer nichts mehr zu verlieren hat, kann nicht mehr eingeschüchtert, kann nicht mehr korrumpiert werden. Diese Menschen stellen die größte Gefahr eines Macht-Regimes dar, die sich nur dadurch zu helfen weiß, in dem sie Bürger gegen Bürger ausspielt – wir dürfen nicht vergessen, dass ein Polizist, ein Soldat in erster Linie Bürger ist (König Ludwig XVI. konnte sich auf seine Truppen nicht mehr verlassen, deshalb ließ er im Juni und Juli 1789 ausländische Söldner-Regimenter vor Paris zusammen ziehen – was wiederum Paris in Aufruhr versetzte). Wir haben es in den späten 1970ern Jahren gesehen, als die Terrorwelle Ausmaße angenommen hatte, die von der breiten Bevölkerung nicht mehr akzeptiert werden konnte. Gewiss, rund 30 Jahre später haben die Regierungen ihre Lektionen gelernt. Dem Bürger ist die Anti-Terror-Agenda seit 9/11 als notwendige Maßnahme gegen den islamistischen Aktivismus verkauft worden. Tatsächlich ging es vorwiegend darum, die eigene Bevölkerung zu überwachen und etwaige Bewegungen im Keim zu ersticken.

*

Wenn man wissen möchte, welche Wirkung Polizei und Sicherheitskräfte auf Bürger haben können und welche Allmacht von ihnen ausgeht, hier eine Doku über die Ereignisse in Toronto beim G20-Treffen. Bedenklich, dass durch eine kleine Gruppe an gewaltbereiten Leuten eine friedliche Protest-Bewegung diskreditiert werden kann. Vor allem Mainstream-Medien zeigen gerne die extremen Seiten und man fragt sich leise, ob diese nicht auch inszeniert werden könnten, um ein politisches Ziel zu erreichen. Die Macht der Bilder (zum Beispiel ein brennendes Polizeiauto) beeinflusst Meinung und Stimmung in der Bevölkerung. Und das wissen all jene, die an den Schalthebeln sitzen. Natürlich.

*

Bitte stellen Sie die Weiche!
Ja, 2011 scheint die Welt wieder an einem Punkt angelangt zu sein, wo die Weiche umgestellt werden könnte. Der Arabische Frühling, die Erdbeben- und Flut-Katastrophe in Japan und die damit einhergehende Kernschmelze in den AKWs von  Fukushima, sowie die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise, die zeigt, das sich weder Staatenlenker, noch Experten einig sind, wie man dieser Krise begegnen kann. Es müsste demnach eine Diskussion über das bestehende Wirtschaftssystem geben. Aber davon kann keine Rede sein. Die Massenverdummungsmedien üben sich in Zurückhaltung oder legen den Fokus auf Nebenschauplätzen, um abzulenken. Die Wahrheit ist: die Wirtschaft hat den Menschen zu dienen, nicht umgekehrt. Ein stetiges Wirtschaftswachstum zu fordern, auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen ist völlige Idiotie – trotzdem werden jedes Quartal virtuelle Prognosen veröffentlicht, die reale Auswirkungen haben. Man könnte meinen, es hätte nie eine Aufklärung gegeben. Zwar haben wir die eine Religion verächtlich gemacht, aber die andere zwingt uns wie ehedem, ein Los zu ertragen. Aber jede Religion ist von Menschenhand geschaffen und erfüllt einen Zweck. Freiheit ist es jedenfalls nicht.

Deshalb müssen wir das Momentum nutzen. Die Bürger beginnen sich zu empören. Die Verteilung des Vermögens zeigt, dass das bestehende Wirtschaftssystem keine Gleichheit herstellen kann und will. Es ist wichtig, sich diese Ungleichheit stetig vor Augen zu führen, sie stetig in Diskussionen und Gespräche einzuwerfen. Nur dadurch kann ein neues Bewusstsein geschaffen werden, das es braucht, um das bestehende System nicht nur zu hinterfragen, sondern zu verändern. Yep. Oder findet es jemand moralisch vertretbar, dass gerade einmal 1 % der Bevölkerung die Hälfte des ganzen Vermögens hält?

Lösungsansatz #1: eine Regionalwährung!
Ich hätte eine Idee, die nicht neu und schon gar nicht von mir ist, aber die hier und jetzt seinen Platz finden sollte. Wir wäre es mit einer Komplementärwährung? Also einer Währung, die nicht verzinst und die als Zahlungsmittel regional begrenzt ist. Dadurch würde man wieder die lokale Wirtschaft fördern. Geld würde nicht mehr des Geldes wegen angehäuft und vermehrt werden. Es geht darum, dass Geld im Umlauf bleibt, investiert und ausgegeben wird. Es gibt bereits Regionen, wo solche Währungen (neben den offiziellen) zum Tragen kommen. In Tirol/Wörgel hatte es in den frühen 1930ern, während der Weltwirtschaftskrise, so einen Versuch gegeben, der dermaßen erfolgreich war, dass er wenig später von der österreichischen Nationalbank verboten wurde. Es gibt jedenfalls gegenwärtig gute Beispiele, die zeigen, dass eine zweite regionale Währung funktioniert und gerade wirtschaftsschwache Gebiete unerhört stärkt.

Lösungsansatz #2: ein Bedingungsloses Grundeinkommen!
Des Weiteren geht meine Überlegung in die Richtung eines Bedingungslosen Grundeinkommens, das jedem Bürger ein Anrecht auf humanes und freies Leben einräumt. Wenn wir demnach das Bedingungslose Grundeinkommen mit der Regionalwährung verbinden, hätten der Bürger demnach die (einzige) Möglichkeit, das bestehende globalisierte System zu umgehen – ohne es abzuschaffen. Die offizielle Währung würde noch immer für Importe herangezogen werden müssen. Im Besonderen für vorerst lebenswichtige Ressourcen (Erdöl!). Im Zuge dieser Umstrukturierung müssen die Regionen autark werden – vor allem in der Landwirtschaft, vor allem in der Energiefrage. Wenn wir uns vorstellen, dass ein gewisser Herr Diesel genau das im Sinn hatte, als er seinen Motor erfand, dann sind wir doch am richtigen Weg, nicht? Diesels Absicht war, die Landwirte vom ausländischen Erdöl/Benzin unabhängig zu machen, in dem sein Motor mit Bio-Kraftstoff betrieben werden konnte, also aus pflanzlichem Ursprung. Erst später, als Diesel nicht mehr lebte, lenkten die Erdöl-Konzerne von dieser Biodiesel-Idee ab und verkauften den Leuten ihren Erdöl-Dieselkraftstoff. Ja, so läuft Big Bizness.

Wie hätten Sie’s gern? Sanft oder Hart?
Es steht außer Frage, dass diese Verquickung zwischen Komplementärwährung und einem Bedingungslosen Grundeinkommen die einzige Möglichkeit darstellt, einen sanften Übergang zu gewährleisten. Die Alternativen sähen, nun ja, nicht sehr einladend aus. Der Kapitalismus frisst sich selber auf (wie Bukowski meinte), so viel steht fest. Spätestens, wenn in den nächsten Generationen die Ressourcen nicht mehr in den notwendigen Mengen vorhanden sind, wenn große Gebiete verseucht und vergiftet sind, wenn durch die Umwelteinflüsse die Nahrungskette unterbrochen ist, wenn durch die Ernährungsgewohnheiten Krankheiten und chronische Beschwerden rasant zunehmen, diese vererbt werden und zu guter Letzt die  Mehrheit der Bevölkerung kein Seelenheil im Dasein findet, dann werden wir bemerken, dass man auch mit Trillionen von Dollars all die Probleme nicht lösen wird können.

Das klingt recht apokalyptisch, natürlich. Andererseits kann ich mir beim besten Willen keine andere Zukunftsvision ausmalen, wenn es so weiter geht, wie bisher. Das wollte ich gesagt und geschrieben haben. Im Mai, 2011.

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3 Antworten zu “Spanische Empörung im Mai 2011 und eine mögliche Lösung

  1. rhein main Sonntag, 22 Mai, 2011 um 11:07

    Jetzt kostet es uns in Deutschland richtig Geld. In weniger als zwei Monaten geht den Griechen das Geld aus. Sollten die EZB und der IWF bis dahin nicht genügend Hilfsgelder bereitstellen, wird das Land am 18. Juli zahlungsunfähig sein. Sehr schön, wir arbeiten, dass es den Griechen gutgeht. Warum auch nicht. Die einen müssen arbeiten, die anderen feiern. Nur was passiert, wenn die die arbeiten, nicht mehr arbeiten wollen.

  2. @medienpirat Sonntag, 22 Mai, 2011 um 23:31

    Meine Idee dazu wäre steuern durch Steuern

    Weniger bringt mehr – Seit 20 Jahren wirbt der amerikanische Ökonom Edgar Feige für ein Steuerkonzept, das diejenigen zur Kasse bittet, die Geld bewegen.

    Das wäre billiger für die Arbeitnehmer, einfacher für den Staat – und ein Albtraum für die Wall Street.

    http://www.brandeins.de/archiv/magazin/-afc796490a/artikel/weniger-bringt-mehr.html

    & Natürlich eine höhere Besteuerung der Vermögen:

    http://twitpic.com/510w22

    • Richard K. Breuer Montag, 23 Mai, 2011 um 9:15

      Aha. Interessante These. Guter Beitrag, wobei ich befürchte, dass es nur die Spielregeln ändert, aber nicht das System.

      Noch interessanter ist natürlich, wie niedrig die Vermögen in Österreich versteuert werden. Sieht mir danach aus, als würde die Aristokratie fein raus sein.

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