Ein Platzsturm, dumme Menschen und ein Lösung im Kleinen #Rapid Wien

Im TV den Spielabbruch zwischen Rapid Wien und Austria Wien im Hanappi-Stadion verfolgt. Ein Derby. Immer emotionsgeladen. Deshalb ist so ein Fußballspiel an Dramatik nicht zu überbieten, auch wenn sich am Spielfeld oftmals nicht viel tut. Diesmal tat sich viel. Ohne dass ein Fußball im Spiel gewesen wäre. Dafür mit maskierten jungen Anhängern, vulgo Fans, auf der einen und behelmte Sicherheitskräfte, vulgo Polizisten, auf der anderen Seite. Und man muss sich fragen: What the fuck?

update: Guter Artikel über die Ereignisse von Martin Blumenau auf FM4.

Wahrlich. In anderen Ländern setzen junge Menschen ihr Leben aufs Spiel, um sich von senilen Diktatoren oder  blutrünstigen Regimen zu befreien. In Spanien halten Leute zentrale Plätze friedlich besetzt. In Griechenland ist das Klima schon rauer, aber die staatlichen Repressalien genauso. Und im Hanappi Stadion? Da ging es für die Rapid Mannschaft um nichts mehr. Kein Meistertitel. Kein Europaplatz. Punkt. Für die Austria, dem Erzfeind der Rapidler, ging es um den Meistertitel. So ist das im Sport. Einmal ist der eine oben, das andere Mal unten. Wer das nicht versteht, versteht gar nichts. Nichts vom Spiel. Nichts vom Leben.

Die TV-Bilder haben mich schockiert. Ja, wie konnte das geschehen? War es das erste Mal, dass aggressive Aktionen auf den Fußballrängen durchgeführt wurden? Mitnichten. Aber man wählte bis jetzt immer die österreichische Methodik: nur nicht zu viel, nur nicht reizen. Das mag in vielen Bereichen durchaus angenehm und sinnvoll sein und ich bin froh, dass die öster. Exekutive sich in Zurückhaltung übt. Aber interessant ist, dass Vandalismus und Raufhandel im Zuge eines Fußballspiels zumeist nicht auf eine Weise geahndet werden, wie sie abseits geahndet werden würden. Man stelle sich vor, eine vermummte Truppe würde ein Einkaufszentrum stürmen oder eine Bankfiliale. Ich schätze, es würde ein anderer Ton angeschlagen werden. Period!

Aber das Schlimmste ist, dass einige hundert Leute, vermutlich geistig und seelisch derangiert, Auswirkung auf die gesamte Gesellschaft haben. Man wird wohl nun härter durchgreifen müssen. Mehr Überwachung. Mehr Kontrolle. Höhere Eintrittspreise. Mehr Sicherheitskräfte. Mehr Gesetz. Und eh man sich versieht, wirst du am helllichten Tag in der U-Bahn kontrolliert oder für ein paar Stunden (oder Tage) festgehalten, weil irgendwer irgendwo meinte, du würdest eine Gefahr für die Staatssicherheit darstellen. Tja.

Das ist das Dilemma. Deshalb müsste es im Sinne aller friedlichen Bürger sein, dass sich Gewalt nicht verbreitet. Weder auf der verbrecherischen, noch auf der gesetzlichen Seite. Und wenn man im Buch »The Tipping Point« nach einer Lösung blättert, wie zum Beispiel New York City die Kriminalität in der U-Bahn wieder in den Griff bekommen hat, nun, dann hat es mit kleinen Dingen begonnen, nicht mit großen.

Wie sich ein System finanziert oder Plündern wir die Offshore Steuerparadiese!

Gemäß dem Merriam-Webster Wörterbuch: Wenn ein Staat plündert, nennt man das Krieg. Hingegen, wenn Personen plündern, dann nennen wir sie Piraten. Aber manchmal können auch Staaten wie Piraten handeln. According to Merriam-Webster, when nations seize loot, it is called war.  However, when individuals seize loot, we call them pirates.  But sometimes nations can act like pirates too.  Jane Stillwater for Truthout – der Artikel ist wirklich funny 🙂

Hier ein Interview mit Nicholas Shaxson, Autor des Buches Treasure Islands: Uncovering the Damage of Offshore Banking and Tax Havens

Wenn wir wissen wollen, wie zum Beispiel die US Ölindustrie in Steuerfragen agiert, nun, dann kommt man nur zu einem Schluss: Steuern vermeiden auf Teufel komm raus und öffentlich immer wieder lancieren, dass man seinen gerechten Anteil einzahlt. Ja, so funktioniert das Spielchen:

Exxon zahlt weniger Steuern als ein US Bürger

The oil and gas industry pays its fair share in taxes, behauptet CEO von Chevron John Watson. Wie sieht die Wirklichkeit aus? Over the past five years Exxon has paid at a 3.6% rate (federal tax as a percentage of total pre-tax profits). Chevron was little better at 5.6%. link

Beinahe 1 Billion US-Dollar Profit in den letzten 10 Jahren!

Österreich auf dem 12. Platz. Gar net schlecht.
Banken sind da vielleicht sogar noch perfider, wenn sie sich ungeniert hunderter von Offshore-Filialen in Steuerparadiesen bedienen und sich auf Gesetze berufen, die ihnen genau das erlauben. Hm. Seltsam, nicht, was die Globalisierung so alles möglich gemacht hat? Während Güter von einem Ende der Welt zum anderen transportiert und verkauft werden kann, können das Finanztransaktionen schon längst. Innerhalb von wenigen Sekunden können Milliarden und Billionen herumgeschoben werden. Deshalb würde es nichts nutzen, ein Steuerparadies zu schließen – Schwuppdiwupp würden zwei oder drei neue entstehen, die sich gerne bereit erklären würden, die prall gefüllte Schatzkiste in Empfang zu nehmen. Hier die Liste der Länder, die recht verschwiegen sind: Financial Secrecy Index. Österreich liegt gar nicht schlecht am 12. Platz. Damit haben wir sogar Bahrain und Guernsey hinter uns gelassen. Deutschland befindet sich hier gar nicht auf der Liste. Riecht fast nach Cordoba.

Gier beibt Gier!
Machen wir uns bitteschön nichts vor. Steuern finanztechnisch zu umgehen, mag vielleicht legal sein, aber für das Gemeinwohl der Völker oder des Bürgers ist es abträglich. Es  geht schlicht und einfach um eine systemimmanente Gier, die hier befriedigt wird. Punkt. Und Vorsicht: Wenn wir, als gewöhnlicher Bürger, beginnen, die Konzerne in Schutz zu nehmen, haben wir de facto schon verloren. Eine freie Marktwirtschaft hatte noch nie das Gemeinwohl eines Staates im Sinn. Zwar wird uns das immer wieder von den PR-Agenturen verkauft (umsonst!), aber die Wirklichkeit (Company Tax Paying Rankings) sieht anders aus. Wir haben die letzten Jahre ja hinlänglich gesehen, wohin ein deregulierter Finanzmarkt führen kann, oder? Je gieriger die Marktteilnehmer werden, desto gieriger werden sie. Das ist eine logische Konsequenz. Und mit der Gier schwindet auch eine Hemmschwelle. Und mit Geld lässt sich viel Einfluss erkaufen. Wirklich.

Ein gefräßiges Monstrum!
Ich denke, der gewöhnliche Bürger kann unmöglich all die Zusammenhänge erkennen. Das politische und wirtschaftliche Geflecht ist so ineinander verwoben, das niemand mehr so recht weiß, an welcher Schraube noch gefahrlos gedreht werden kann, ohne dass ein System am anderen Ende kollabiert. Wir sitzen in der Scheiße. Das klingt jetzt natürlich nicht sehr schön, aber wir müssen es wohl so ausdrücken. Wir haben nämlich ein gefräßiges System erschaffen, ein Monstrum, das nur noch in einer gemeinsamen weltweiten Anstrengung zerstört werden könnte. Aber wie soll das gehen? Eben. Es geht nicht. Jedenfalls nicht bei Sonnenschein und einem gefüllten Teller. Das ist die Crux. Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. Aus. Vorbei.

Also?
Ich habe keine Ahnung, wer meine Ausführungen hier liest. Es tut so gut wie nichts zur Sache. Ich würde es vermutlich auch nicht lesen. Wozu? Hilft es mir weiter? Nope. Macht es mich reicher? Nope. Klüger? Nope. Es ändert sich dadurch nichts. Life goes on. Je mehr wir versuchen komplexe Zusammenhänge aufzulösen, desto mehr Bürger fallen in eine lethargisch hedonistisch nihilistische Phase – oder um es Wienerisch zu sagen: »Was wülst machen? Is eh scho wurscht! Und jetzt gemma was trinken.«

Ach ja, eines noch: Geld wird tatsächlich aus dem Nichts geboren und Banken sind so freundlich, es mit Zinsen*) in Umlauf zu bringen. Im nächsten Leben möchte ich auch eine gut gehende Bank sein und kein brotloser Schriftsteller. Das gedruckte Papier mit Zahlen verkauft sich einfach besser als jede Lyrik oder jedes Epos.

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*) Wenn Sie jetzt meinen, naja, was machen schon ein paar Prozent, nun, dann sollten Sie schleunigst lernen, was es mit der Exponential-Funktion auf sich hat. Jedes stetige Wachstum kann in % ausgedrückt werden. Fein. Nehmen wir an, die Kriminalitätsrate steigt jedes Jahr um 7 %. Ist das schlimm? Klingt nicht so. Tatsächlich verdoppelt sich die Anzahl der Anzeigen alle 10 Jahre. Die Formel der Verdoppelung lautet demnach: 70 / Wachstumsrate in % pro Zeiteinheit

Wenn wir wissen wollen, wie mächtig ein stetiges Wachstum ist, so sollte man sich folgendes Beispiel vor Augen führen. Nehmen wir an zu Christi Geburt hätte jemand einen Pfennig oder einen Cent zu einem moderaten Zinssatz von 4,67 % angelegt. Somit verdoppelt sich der Betrag alle 15 Jahre. Im Jahre 15 nach Christi hätten wir somit 2 Cent. Im Jahre 30 somit 4 Cent und im Jahre 45 ganze 8 Cent. Was würde der Pfennig heute repräsentieren? Ein unvorstellbare Summe. Wirklich. Nicht einmal die Sonne aus purem Gold würde ausreichen, um den Wert darzustellen. Das Beispiel habe ich einem Manifest aus dem Jahre 1919 entnommen, das sich vehement gegen die Zinswirtschaft auf Kapital ausspricht. Namen möchte ich hier keine nennen. Man will sich ja nicht die Finger verbrennen. Yep. So funktioniert die Exponential-Funktion. Absurd, nicht?