richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Nostalgie in Rotweißrot oder Cordoba, Argentinien, Fußball WM 1978

Äh. Ja. 1978 war ich 10 Jahre alt. Kein Kind mehr. Aber auch noch nicht jugendlich. Und schon gar nicht erwachsen. Trotzdem meine ich mich erinnern zu können, an das wohl geschichtsträchtigste Fußballspiel der letzten Jahrzehnte, damals, in Cordoba, zur Weltmeisterschaft in Argentinien 1978. Ein Germane kann sich ja keine Vorstellung machen, was es für einen Ostmärkler bedeutet, die deutsche Nationalmannschaft zu bezwingen. Es sind seltene Ereignisse von exorbitanter Genugtuung. Weil wir uns im kleinen Österreich so lächerlich unbedeutend vorkommen. Vermutlich, weil wir es auch sind. Aber wer will das schon gerne hören? Eben.

Derweil gab es Zeiten – ja, lange liegt es zurück – da war Österreich am Kontinent (Mutterland England war eine Liga für sich) eine Hausmacht. Legendär das Wunderteam in den 1930ern und später dann in den 1950ern. Deutschland war zu dieser Zeit eine Randfigur. Oder in Österreich-Sprech: ein Jausengegner. Wirklich. Aber dann gab es diese teutonische Sternstunde, ein Schweizer Wunder, das sogar in einem Kinofilm auf Breitwandformat erzählt wurde. Respekt. Damals fügten uns (ja, man spricht natürlich von UNSERER österreichischen Fußballnationalmannschaft) die Deutschen eine schmerzvolle Niederlage zu. Geschuldet der Hitzeschlacht im vorigen Spiel, als die Österreicher die Schweizer niederkämpften. Der öster. Torhüter litt an einem Hitzeschlag, konnte aber nicht ausgetauscht werden (das gab’s bitteschön damals noch nicht) und musste vom Masseur, der sich hinter das Tor postierte, lautstark angewiesen werden. Ja, das ist der Stoff, aus dem Legenden entstehen. Dummerweise werden diese Legenden aber nur dann weitergegeben, wenn sie von einem Erfolg erzählen. Niederlagen, naja, davon haben wir ja alle genug im Leben, die will keiner hören.

Wie dem auch sei. Heute Abend treffen das österreichische und deutsche Nationalteam aufeinander. Zugegeben, falls wir mit heiler Haut davonkommen, wär das schon ein kleines Wunder. An große wollen wir hier besser gar nicht denken. Andererseits, die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber wer nicht gänzlich verblödet ist, sollte der Wahrheit ins Auge sehen. Und die ist so schmerzlich, dass man besser wegschaut und sich stattdessen an die gute alte Zeit erinnert. Als Fußball ein Stück vom Leben, nicht vom Kommerz, war. Als Kinder noch auf der Gasse kickten und trotzdem ein Leiberl hatten. Oder gerade deshalb. Ja, Nostalgie verklärt das Vergangene. Vielleicht weil die Zukunft nicht hält, was die Gegenwart verspricht. Wie auch immer, freuen wir uns auf ein tolles Fußballspiel. Und versuchen wir uns nicht zu ärgern. Nein, diesmal nicht. Versprochen.

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4 Antworten zu “Nostalgie in Rotweißrot oder Cordoba, Argentinien, Fußball WM 1978

  1. Matthias Freitag, 3 Juni, 2011 um 13:29

    Herrlich: Youtube ist gnädig und verschont uns in Deutschland mit diesem Video.
    Viel Spaß heute abend – ich schau’s mir an!

    • Richard K. Breuer Freitag, 3 Juni, 2011 um 13:55

      Huh. Ziemlich rigoros, die copyright-Abfrage bei youtube. Aber primär ist der Clip ja nur für sentimentale Ösis gedacht, die in der Vergangenheit schwelgen und die in Verzückung geraten, wenn sie „Hansi“ und „Schneckerl“ hören.

      Hoffen wir auf ein flottes und faires Spiel, Matthias. Der Rest steht dann in den Sternen oder auf der Anzeigetafel des Happel-Stadions :_)

  2. Matthias Freitag, 3 Juni, 2011 um 22:38

    Pech vehabt, liebe Nachbarn. Aber: Man muss halt auch Tore schiessen. Das Wunder ist halt mal wieder verschoben.

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