richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Demokratie heute fordern, um sie morgen zu verlieren

»Greenpeace is the biggest feel good organisation.«
Captain Paul Watson
former Co-Creator of Greenpeace
End: Civ Resist or Die
Interview
Documentary

Adam Curtis hat eine neue 3teilige TV-Serie gemacht, die von der BBC ausgestrahlt wurde und wird. All Watched Over by Machines of Loving Grace. Zwei Episoden konnte ich bereits sehen. Die dritte lässt noch auf sich warten. Wie üblich kann man von Adam Curtis einiges lernen. Und wenn es nur das ist, einen anderen Blick auf vergangene Ereignisse zu werfen und diese in einen neuen Kontext zu stellen. Man möchte nicht meinen, wie erhellend seine modern gemachten Dokumentar-Serien sind. Es ist kein Zufall, dass TV-und Medienkritiker Charlie Brooker – ebenfalls BBC – in seinen Miniserien auf Adam Curtis verweist. Gäb’s mehr von den beiden, man würde sich als aufgeklärter Bürger verstanden, nicht ausgenutzt wissen. De facto geht es ja den Medien (und natürlich auch Umweltschutzorganisationen) vorrangig um Quote und Absatz und Umsatz. Punkt.

Hier ein Interview mit Adam Curtis, der über seine neue TV-Serie spricht. Das Interview wurde von Little Atoms gemacht und auf deren Webseite als livestream und mp3-download ausgestrahlt. By the way, I love his voice 😉

Eine Quintessenz der zweiten Episode der Dokumentarreihe von Adam Curtis ist, dass selbstorganisierende  Gruppierungen (wie zum Beispiel Kommunen in den 1970ern), die keine Hierarchien und Abhängigkeiten kennen, nicht all zu lange funktionierten. Warum und wieso wird in der Episode erklärt. Weiters zeigt uns Curtis die ersten Revolutionen, die durch das Internet ausgelöst bzw. verstärkt wurden: Georgien und Ukraine. Eine friedliche Machtübernahme des Volkes. Nicht unähnlich dem Arabischen Frühling. Aber die Erkenntnis, dass aus diesen friedlichen demokratischen Ideen am Ende wieder Chaos und Willkür und repressive Regime entstanden, die vielleicht schlimmer als die abgelösten sind, ja, diese Erkenntnis kann einen schon Kopfzerbrechen bereiten. Jedenfalls dann, wenn man sich Gedanken macht. Über die Welt. Die Gesellschaft. Die Zukunft.

Gut möglich, dass die europäischen Protestbewegungen (hier: Spanien), die heute mehr Gleichheit und Demokratie fordern, schon übermorgen das genaue Gegenteil auslösen. Das ist paradox. Aber bei genauerer Betrachtung nicht von der Hand zu weisen. Wenn eine bestehende Ordnung, mag sie noch so repressiv oder totalitär sein, kollabiert, nimmt eine neue Ordnung deren Platz ein. Diese neue Ordnung ist aber nicht definiert, sie schließt niemanden aus, lässt alles zu. Somit lockt eine Neuordnung all die Glücksritter, Hoffnungsträger und Agitatoren an, die vielleicht das Beste für die Gesellschaft im Sinn haben, aber mit Sicherheit in erster Linie an ihre eigene Zukunft denken.

Danton, wenn ich mich recht erinnere, soll während der Französischen Revolution gesagt haben, dass die Regierung deshalb gewalttätig ist, damit es das Volk nicht sein muss. Und Robespierre, der für die Phase des Terrors mitverantwortlich gemacht werden muss, war ein aufgeklärter und unbestechlicher Bürokrat, der nur das Beste im Sinn hatte. Robespierre glaubte, mit Terror einem Volk eine neue Ordnung aufzwingen zu können, die noch zu sehr von der alten beseelt war. Hatte er recht? Hatte er unrecht? Fakt ist, dass es anders kam. Dass das Volk (oder sagen wir: Teile des Volkes) kein Blut mehr sehen und nur noch Frieden wollte. Auch wenn es bedeutete, wieder in alte Muster zu fallen, Kompromisse einzugehen und die politische Korruption zu akzeptieren. Übrigens, in einem Artikel von William J. Astore wird die gegenwärtige USA mit dem vorrevolutionären Frankreich der 1780er Jahre verglichen. Interessant!

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die westliche Welt und deren Bürger mit Konsum und Kredit zufrieden gestellt. Aber nun, in Zeiten der Ressourcen-Knappheit, der politischen Instabilität außerhalb der westlichen Welt, einer technischen Vernetzung, die viele kritische Gedanken innerhalb von Sekunden weltweit abrufbar machen, eines ketzerischen Infragestellens des bestehenden Geld-Finanz-Glaubens, sowie einer großflächigen Umweltzerstörung, die nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, sehen sich die gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Ordnungshüter gezwungen, zu reagieren. Und natürlich haben sie nur das Beste für ihr Volk im Sinn. Natürlich.

In Griechenland kann man erkennen, wohin die Reise geht. Die ausländischen Kreditgeber und ihre Günstlinge erzwingen ohne Waffengewalt, nur mit Zahlen und Propaganda und Medien, die Aufgabe eines souveränen Staates. Während man in früheren Zeiten die Belagerer und die Belagerten gut unterscheiden konnte – hier die Stadt und ihre Trutzburg, dort die Zeltstadt mit den Soldaten – ist heute alles verworren und vertan. Aber das Ziel ist damals wie heute gleich: Widerstand brechen, einen Teil der gegnerischen Bevölkerung auf seine Seite ziehen (so lange man sie braucht), eigene Ordnungshüter einsetzen und die Infrastruktur in Besitz nehmen. Voilà. Schon ist ein Vasallenstaat gegründet.

Aber wozu das Ganze? Wozu einen sogenannten Vasallenstaat erschaffen und ein souveränes Staatengebilde zerstören? Nun, dahingehend kann ich nur spekulieren. Aber als Autor hat man ja eine blühende Phantasie. Wirklich.

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Eine Antwort zu “Demokratie heute fordern, um sie morgen zu verlieren

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