Die Zukunft des Buches, anno 2011 oder Willkommen im Club der Heuchelei

Man muss Wien kennen, die eigenen Konzertverhältnisse, die Schwierigkeiten, die Mittel zu größeren Aufführungen zusammenzufügen, um es zu verzeihen, dass man da, wo Schubert gelebt und gewirkt hat, außer seinen Liedern von seinen größeren Instrumentalwerken wenig oder gar nichts zu hören bekommt.
Robert Schumann, 1840

Seien wir ehrlich. Die Diskussion, die über das BUCH geführt wird, ist eine Diskussion um die Frage, wer schlussendlich welchen Teil vom Kuchen abbekommt. Es geht um Marktanteile. Um Geld. Viel Geld. Nicht um Kultur. Nicht um Kunst. Nicht um die Angst, dass die Bürger verblöden könnten. Haha. Dazu müsste man ja nur das TV einschalten oder ne Gratiszeitung aufblättern. Jeder, der demnach  das elektronische Buch zum Teufel jagen möchte, der hat nichts verstanden. Es geht nicht um dich. Es geht nicht um mich. Es geht um das Ganze. Wirklich.

By the way, am Wochenende habe ich Arthur Schnitzlers Prof. Bernhardi gelesen. Auf dem PC. Ich kann das Stück nur empfehlen. Punkt.

***

In der Buchbranche kratzt man sich die Schläfe. Ist ein wenig verunsichert. Das gut funktionierende Werkl, wie man in Wien sagen würde, stottert und läuft nicht mehr so rund wie noch vor Jahren. Die Gründe sind hinlänglich bekannt. Die Frage ist also, wie entwickelt sich das Buch in naher Zukunft. Wenn in der Branche über das Buch gesprochen wird, so ist im Normalfall immer das gedruckte, gebundene oder geklebte, Buch gemeint. Derweil geht es um … um einen Text. Wie dieser Text übermittelt wird, das ist eigentlich der springende Punkt.

Rückblick. Lange ist es her, da gab es nur das Gedächtnis und die orale Erzählkunst, um Texte zu übermitteln. Die Dichter der frühen Antike wurden von den Musen erwählt. Und wenn ein Dichter das Glück hatte, dann beschenkten ihn die Musen mit allerlei Gaben. Und so nebenbei nahmen sie ihm das Augenlicht. Warum? Weil ein blinder Dichter ein besseres Gedächtnis, ein größeres Vorstellungsvermögen besaß. Ja, die göttlichen Musen wollten nur das Beste für ihren erwählten Dichter und der Dichter gab sich so lange nicht zufrieden, bis er seinen Musen ein Lächeln schenkte.

Rückblick. Es gab eine Zeit, noch gar nicht so lange her, der Schreiber dieser Zeilen hat es noch selber miterlebt, da war ein Foto nun mal ein fotographisches Bild auf einem besonderen glänzenden Papier. Wer mit seiner Kamera fotografierte, der benötigte einen Film. Bunt. Oder schwarzweiß. 24 Fotos pro Filmrolle oder 36 (wenn ich mich recht erinnere) waren üblich. Die Filmrolle einlegen, einspannen, Deckel zu, drehen und los gings. Man überlegte etwa 23 Mal, bis man den Auslöser drückte. Filme waren nicht gerade billig. Und dann, wenn der Film ausgeknipst war, musste man die Filmrolle entwickeln lassen. Auch das war teuer. Und dauerte einige Tage oder sogar Wochen. Ja, fotografieren war manchmal eine lästige Pflicht. Im Besonderen, weil man nicht sofort sah, ob das spektakuläre Foto etwas geworden ist. Freilich, dann gab es noch die Sofortbildkameras. Teuer. Und zumeist nur für Schnappschüsse brauchbar. Aber immerhin.

Rückblick. Wer Musik hören wollte, musste sich Leute einladen. Hausmusik. Nein, das hat nichts mit House zu tun. Wirklich. Gerade Wien war eine Stadt, in der Musik gelebt wurde. So heißt es. So berichten es die ausländischen Gäste, die nach Wien kamen. Früher. Es wurde also musiziert. In jeder bürgerlichen Familie gab es kleinere und größere Konzerte. Es gehört zum guten Ton zu Anlässen aufzuspielen. Dann gab es natürlich die Bälle. Die Bühnen. Und später die Konzertsäle. Wer also Musik hören wollte, musste einiges in Kauf nehmen. Ja, Musik war flüchtig. Aber wichtig. Gerade für Wien. Was wurde da in den Kaffeehäusern disputiert, wenn neue Musikstücke zur Aufführung kamen. Dass Komponisten und Sänger und Musiker es nicht leicht hatten, bezeugt am besten der gute Joseph Lanner, der als Hutmacher und Autodidakt zwar den Walzer erfand (oder ihn wenigstens populär machte), aber von Kritikern und Kollegen zumeist belächelt wurde. Lanner konnte das natürlich als Künstler nie überwinden. Ja, so viel zur guten alten Zeit.

Rückblick. Wer ein Bild malen wollte, musste sich seine Farben selber erfinden. Maler waren auch Chemiker, wenn man so will. Sie experimentierten mit einer Unzahl an Stoffen, um zu ihrer Farbe zu gelangen. Kein Wunder, wenn es diesen Mythos um van Gogh gibt, der halb verrückt wurde, weil er dieses eine besondere Gelb so lange nicht finden konnte, nach dem er förmlich dürstete. Ob er sich deshalb ein Ohr abgeschnitten hat, tja, kann ich nicht sagen. Aber es ist eine gute Story, nicht? Das Malen war aufwändig und zeitraubend. Große Gemälde konnten schon Jahre dauern, bis sie der Öffentlichkeit (zumeist dem adeligen oder königlichen Auftraggeber) präsentiert wurden. Am besten kann man die unruhigen Zeiten einer Epoche an der Karriere eines Malers wie  Jacques-Louis David festmachen. Zuerst malte er für den König von Frankreich. Dann für die Revolutionäre und ihre Republik. Später für Kaiser Napoleon. Und danach, naja, wurde er alt und zog sich zurück.

Rückblick. Wer sich amüsieren wollte, suchte eine Schauspielertruppe auf, die in Hinterhöfen oder Ställen spielten. Eine Unzahl an Künstlern und solchen die es werden wollten, gaben sich in Varietés die Ehre. In den USA zogen die Künstlern von Dorf zu Dorf. Noch Buster Keaton wurde als kleiner Junge von seinen Eltern im Vaudeville eingeführt. Was er dort lernte, zeigt er unnachahmlich in seinen Stummfilmen. Wer bis jetzt noch nicht sein Meisterwerk  The General gesehen hat, tja, der sollte sich schleunigst daran machen. Den Film gibt es über imdb und Internet Archiv gratis zu gucken. Und wer meint, ein Stummfilm mit einer Länge von 107 Minuten würde nichts hergeben, hahaha, der hat keine Ahnung!

Die Liste ließe sich sicherlich noch erweitern. Da hätten wir ja noch das Radio, das TV, die Nachrichtenübermittlung, das Telefon und so weiter und so fort. Wenn wir auf die obigen Beispiele eingehen, so können wir feststellen, dass keiner mehr diesen alten Zeiten nachtrauert, oder?

Wenn du Schubert hören möchtest, dann legst du dir eine CD in das Abspielgerät oder Vinyl aufs Plattenteller. Oder du lädst es dir gegen Bezahlung aus dem Internet herunter. Keiner muss warten, bis Schubert im Konzertsaal aufgeführt wird. Wenn du heute ein Bild malen möchtest, besorgst du dir die Farben, die du dafür benötigst. Keiner, der nicht will, muss sich die Farben selber zusammenmischen und herumexperimentieren. Und (fast) all die Gemälde können virtuell in den Museen dieser Welt bewundert werden. Oder wenigstens gibt es ein digitales Bild irgendwo im Web zu finden. Wer Buster Keatons The General sehen möchte, muss sich keinen Film-Projektor anschaffen. Mit ein paar Klicks kann er sich den Film als MP4 Datei angucken (und wenn er möchte, auf die Wand projizieren). Wer heute ein Foto macht, kann sofort sehen, ob es gelungen ist. Er kann es innerhalb von Sekunden veröffentlichen oder Freunden schicken, die es wiederum weiterschicken oder weiterbearbeiten können. Wer möchte, druckt sich das Foto zu Hause aus. Nur die Fotokünstler arbeiten noch mit Film und Dunkelkammer.

Und jetzt kommt also der Text in einem neuen Medium daher. Hui. Die Verlagsbranche kriegt sich nicht mehr ein. Horrorszenarien werden geschürt. Bald hat keiner mehr ein Buch zu Hause stehen. Derweil ist es ja wichtiger, dass man (gute) Texte liest, nicht Bücher im Regal stehen hat. Keiner mokiert sich darüber, dass immer weniger Menschen ein Instrument spielen lernen. Vielen hängen mit ihren iPods herum und geben sich die volle Dröhnung. Yeah. Keiner mokiert sich, dass es keine Filmrollen mehr gibt („das Surren des Projektors ist so geil“). Oder dass man seine zigtausend Fotos ausarbeiten lassen muss. Oder möchte man vielleicht blinde Dichter oder verrückte Maler? Nichts dergleichen. Tja. Willkommen im Club der Heuchelei. Bitte einzutreten.

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