richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Die dreisten Werbelügen auf Lebensmittel oder Der Pakt mit dem Teufelchen

update: eine kurze Kabarett-Sendung über die Verleihung des Goldenen Windbeutels im WDR. Amüsant und sicherlich äußerst zutreffend: »Die Lüge gehört zur Werbung wie die Milch zur Schnitte.«

***

Nur durch Zufall im Twitteruniversum auf die Seite http://www.abgespeist.de aufmerksam gemacht worden. Huh. Perfekt. Endlich gibt es eine Kampagne gegen Lug und Trug der Lebensmittelindustrie, die in einer unverschämten Art und Weise das Blaue vom Himmel herunterlügen und es gerade einmal als kleinere Übertreibung ansehen. Ärgerlich. Sehr ärgerlich. Hier nun ein Videoclip, der die Produkte mit den dreistesten Werbelügen vorstellt. Abgestimmt konnte natürlich auch werden. Gewonnen hat die milchige Schnitte, die mir jedes Mal die Zornesröte ins Gesicht schießen lässt, wenn ich deren ekelhafte Werbung sehe.

update: Die FAZ berichtet über die Negativ-Auszeichnung!

Die Sache mit der Werbung beschäftigt mich ja schon seit geraumer Zeit. Werbung ist per se für nichts gut. Jedenfalls nicht für eine aufgeklärte und intelligente Gesellschaft. Werbung produziert leider nicht nur heiße Luft, nein, sie schürt Ängste (wer kennt nicht die Plakate mit den Riesen-Zecken?), macht dein Leben dünkler, einsamer, letztklassiger. Ja, mit der Verfeinerung der Werbung haben wir tatsächlich ein Werkzeug geschaffen, das die Welt nicht braucht und trotzdem stellen die Macher sie ins Rampenlicht. Jeder, der sich einmal kurz besinnt, muss zur Feststellung kommen, dass Werbung ein Produkt nur verteuert. Werbung macht ein Produkt nicht besser, nicht schöner, nicht leistungsfähiger. Ganz im Gegenteil. Immer mehr Unternehmen stecken Unsummen an Gelder in die Werbung und vernachlässigen Forschung und Entwicklung. Die Verpackung wird immer wichtiger. Kann das im Sinne einer aufgeklärten Gesellschaft sein? Einen interessanten weiterführenden Link hätte ich auch noch gefunden: US-Food Investigation

Der gute Beigbeder, französisches Enfant Terrible der Werbefuzzis, hat den Zynismus der Seifenblasenindustrie literarisch verarbeitet. Der dazugehörige Film 39,90 ist unbedingt sehenswert. Er sollte in jeder Schulklasse gezeigt werden. Wirklich.

Das Dilemma, in dem unsere westliche Gesellschaft steckt, ist, dass die klügsten und kreativsten Köpfe von der Werbeindustrie vereinnahmt wurden und weiterhin werden. Da ist großes Geld im Spiel. Wer möchte darauf verzichten? Und wenn man heute in den Bios der Autoren liest, dass er oder sie als Werbetexter arbeitet, dann sollte einem eigentlich klar werden, was das bedeutet. Darin liegt die Crux. Diese klugen und kreativen Menschen sind sympathisch, sind nett, sind freundlich und haben Erfolg. Würde man ihnen ihre kreative Spielwiese wegnehmen, sie würden vor dem Nichts stehen. Natürlich werden sie alles tun, um die Werbung und ihre Günstlinge zu rechtfertigen („Die Welt würde nicht so bunt sein!“), um die Wichtigkeit ihres Tuns herauszustreichen. Ihre Lobby ist stark, weil sie sich auf die Industrie verlassen können, die durch sinkende Absatzzahlen immer öfter Millionen in Werbemittel versenkt, als letzte Hoffnung.

Ja, Werbung ist ein Pakt mit dem Teufel. Jene kreativen und klugen Köpfe, die gerade über eine Werbekampagne für einen Schokolade-Riegel nachdenken, der Kinder beeinflussen soll, noch mehr Süßes zu essen, ohne dass die Eltern ein schlechtes Gewissen haben müssen („Die leichte Jause für Zwischendurch!“), tja, diese Leute schießen sich ins Knie. Weil später einmal all diese manipulierten Kinderseelen wie ein Sturm über die Gesellschaft hereinbrechen. All diese unglücklichen, fettsüchtigen, depressiven und gewalttätigen Menschen werden fürchterliche Rache nehmen. Vielleicht an der Tochter oder an dem Sohn dieses kreativen Werbegenies. Werbung ist Pandoras Box. Wer sie öffnet, hat keine Möglichkeit mehr, das Übel aufzuhalten. Tja. Dumm gelaufen.

Werbung
ist
teuflisch
und
verschlingt
die
Seelen
der
Unschuldigsten.
Punkt.
Weitersagen!

***

Consuming Kids
Documentary about The Commercialization of Childhood
Media Education Foundation

***

Killing us softly
Advertising’s Image of Women
Media Education Foundation

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Advertising & the End of the World
Media Education Foundation

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10 Antworten zu “Die dreisten Werbelügen auf Lebensmittel oder Der Pakt mit dem Teufelchen

  1. Wibke Freitag, 17 Juni, 2011 um 11:11

    Puh, gerade erstmals den verlinkten Vortrag „Killing us softly“ gesehen. Grauenvoll und so wahr.
    Trotzdem mag ich Werbung oder Marketing nicht vollkommen ablehnen. Ich lehne ab, was wirklichkeitverzerrend, lügnerisch und unanständig ist. Wer mich allerdings ehrlich, charmant und mit klugen Argumenten auf sein Produkt aufmerksam macht, dem bin ich dankbar. Ich denke da beispielsweise an Walther http://www.walthers.de, auf die ich ohne die Werbung durch Kirstin Walther selbst (Blog, Video-Wettbewerbe, Interviews) nicht aufmerksam geworden wäre. Auch du machst Werbung, indem du dich und dein Schreiben vermarktest.
    Auf der Wortweide bieten wir nun auch Werbemöglichkeiten an – und haben den Ehrgeiz, passende und charmant gemachte Werbung zu schaffen.
    Wie viele YouTube-Werbevideos haben wir uns schon gezielt angesehen, weil sie einfach super gemacht ist (Kodak, Evian).
    Also meine ich, dass Werbung nicht generell schlecht ist – es ist diese 1.0-Denke, die menschenverachtendens Kasperletheater mit den Konsumenten spielt. Ich wünsche und erhoffe mir, dass sich dara etwas ändern lässt. Nicht zuletzt natürlich durch solche Aktionen und Vorträge wie von Dir beschrieben und verlinkt.

    • Richard K. Breuer Freitag, 17 Juni, 2011 um 11:29

      Das ist ja die Crux an der Sache: dass wir alle irgendwie im Werbe-Boot sitzen, ob wir wollen oder nicht. Primär gefährlich ist ja nicht der Einzel- oder Kleinkämpfer, sondern die industrialisierte Werbemacht. Gewiss, darüber ließe sich vortrefflich disputieren, wer wie viel (Mit)Schuld an der Misere trägt. Ich habe sicherlich auch (Werbe)Blut an meinen Händen 😉

      • manu Montag, 20 Juni, 2011 um 13:02

        Das Problem auf Einzelkämpfer=gut, große Firmen=schlecht zu reduzieren, finde ich auch ein bisschen zu kurz gegriffen. Was würde denn vom Internet übrig bleiben, wenn es keine Werbung gäbe? Zumindest gäbe es schonmal keine so guten Suchmaschinen, denn die finanzieren sich zu großen Teilen (bzw vollständig) aus Werbung. Auch viele Konzerte und kulturelle Veranstaltungen könnten sich ohne Sponsoren (=Werbung) nicht finanzieren.

        Übrigens denk ich auch nicht, dass das ein reines 1.0-Problem ist. Ich finde große Teile der 2.0-Werbung perfider als Poster und TV-Werbung je sein könnte. Wenn „Freunde“ anfangen, mir Sachen zu empfehlen, dann wusste man früher, dass sie davon wohl tatsächlich davon begeistert waren (oder mit jemand von der Firma verbandelt waren). Heute ist das nicht mehr so klar – könnte ja gut sein, dass der entsprechende über Gutscheine o.ä. dazu angehalten wurde, in sozialen Netzwerken Mundpropaganda für etwas zu machen. Von Leuten, die dafür bezahlt werden, auf Plattformen Produkte von Konkurrenz-Firmen schlecht zu machen, noch gar nicht zu reden…

        Abgesehen davon sehe ich diese Foodwatch-Aktionen auch immer etwas zwiespältig, da sie den Konsumenten für ziemlich dumm verkaufen. Eine Milchschnitte wiegt nunmal erheblich weniger als ein normal großes Stück Schoko-Sahne-Torte. Also ein völlig sinnloser Vergleich. Wobei ich damit nicht die Milchschnitte verteidigen möchte, sondern diese plumpen Foodwatch-Aktionen.

      • manu Montag, 20 Juni, 2011 um 13:05

        ah, was schreib ich… die plumpen Foodwatch-Aktionen will ich natürlich nicht verteidigen 🙂

      • Richard K. Breuer Dienstag, 21 Juni, 2011 um 19:41

        Hm. Natürlich kann man alles von zwei Seiten beleuchten. Aber Werbung hat nun mal einen Einfluss und der ist durch die Gehirnforschung und die Psychologie leider nicht mehr Marke Holzhammer, sondern so subtil und amüsant und nett, dass man gar nicht mehr auf die Idee käme, für Blöd verkauft zu werden. Tja.

        Mag sein, dass Foodwatch mit einem „sinnlosen Vergleich“ daherkommt, aber wir müssen die Relationen gegenüberstellen. Hier das enorme Werbebudget eines Multi-Konzerns, da das lächerlich geringe Werbebudget eines Vereins. Und ich meine, um das Perfide einer Werbung überhaupt dem Konsumenten klar zu machen, muss übertrieben und vielleicht sogar gelogen werden. Wenn die Werbeleute sich einen Dreck um Wahrheit und Auswirkungen scheren, dann muss man sie mit gleichen Waffen schlagen. Leider. Alles andere führt zu nix. Und wenn dann noch ein freundlicher junger aufgeklärter Mensch Partei für eine Schnitte in einem Blog ergreift (ohne dafür bezahlt zu werden), dann dürfen sich die Konzernbosse beruhigt zurücklehnen und ihre Profite weiter einstreichen (und mit diesem Geld könnten sie dann durch Lobby-Arbeit Gesetze erwirken, die es in Zukunft nicht mehr erlauben, solche „Windbeutel“-Wettbewerbe öffentlich zu lancieren).

      • manu Dienstag, 21 Juni, 2011 um 21:24

        Also dass wir uns nicht falsch verstehen: Ich finde den Kampf gegen die Machenschaften der Lebensmittelindustrie (insbesondere, wenn Tierproduktion beteiligt ist) sehr wichtig und richtig. Das heißt aber nicht, dass man mit den Ideen von Foodwatch übereinstimmen muss. Ich find auch deren Lebensmittelampel-Idee nicht gut. Ich mag es halt nicht, wenn man die Leute für dumm verkauft – ob von der Werbung selbst oder von deren Kritikern.
        Und M*schnitte kommt mir so oder so nicht in die Tüte (bzw den Magen).

      • Richard K. Breuer Mittwoch, 22 Juni, 2011 um 8:03

        Naja, ich kenn dich ja, meine liebe Manu, mir ist schon klar, dass du keine M*-Schnitten verdrückst. Aber all die anderen, die nicht wissen, wie du ernährungstechnisch tickst, die könnten vielleicht zu einem anderen Schluss kommen. Gut, dass du es noch mal herausstreichst 😉

  2. Wibke Freitag, 17 Juni, 2011 um 11:27

    Das mit den Links setzen in Kommentaren übe ich dann mal noch, ne?! Ergänze und …

  3. Wibke Freitag, 17 Juni, 2011 um 11:28

    Richard! Mach was! 😉 Wollte Walthers Säfte und Wortweide verlinken. Ach, immer dieses moderne Internetz-Zeugs …

  4. Richard K. Breuer Freitag, 17 Juni, 2011 um 11:34

    Sodala. Richard hat was gemacht 🙂

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