richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Eine Verlegerin über ihre Branche, anno 2011 oder Die verfluchte Hoffnung

 Expect more shake-up in the traditional publishing world.  Expect to hear more gloom and doom from that quarter. Remember, as you do, that publishing is changing, and traditional publishers aren’t the only game in town.  In fact, they haven’t just lost their monopoly.  They’re also losing the battle for the consumer’s eyeballs.
Kristine Kathryn Rusch
US-Autorin

Die Verlegerin Li­sette Buch­holz hat den per­sona Verlag in Mann­heim 1983 gegründet, um Le­sern un­be­kannte Texte aus dem deut­schen und öster­rei­chi­schen Exil 1933-1945 zugäng­lich zu ma­chen. 2011 denkt sie kritisch über den gegenwärtigen Literaturbetrieb nach und schreibt sich eine über die Jahre angesammelte Frustration von der verlegerischen Seele. Ihr offener Brief ist absolut lesenswert und sollte als kritische Reflexion gegenüber den Zuständen der Buchbranche verstanden werden.

Wir leben in einer turbo-kommerziellen Epoche. Alles bewegt sich schneller und schneller. Man ist als kleiner Unternehmer gezwungen (wenn man sich zwingen lässt), mehrere Themen gleichzeitig zu behandeln. Da eine E-Mail, dort eine Rechnung, schnell noch eine Twitter-Meldung absetzen, diesen Link anklicken, einen scheinbar wichtigen Artikel lesen, das lustige Video angucken, ein interessantes Facebook-Posting beantworten, die XING-Statusmeldung erfassen, einen neuen Kontakt hinzufügen, einen Termin ausmachen, ein Telefonat entgegennehmen, eine E-Mail lesen, die gerade eingegangen ist und sich dabei Gedanken über einen neuen Blog-Artikel machen. Dass der Kaffee seit 13 Minuten am Herd vor sich hinköchelt und zu einem schwarz zähen Gebräu wird, äh, ja, das merkt man gar nicht. Richtig, das nennt man Realität.

Jede Branche ist von diesem Turbo-Schub betroffen. Die Buchbranche ist nur eine unter vielen. Und vermutlich trifft es sie deshalb so hart, weil sie eine der älteren Branchen ist, deren Strukturen über die Jahrhunderte und Jahrzehnte gewachsen und erstarrt sind. Es gab eine klare Rangordnung, eine eindeutige logistische Abfolge, die jeder, der in der Branche zu tun hatte, befolgen musste, um zu bestehen. Aber in den letzten Jahren hat sich vieles verändert. Wir wissen es. Wir spüren es. Aber wer profitiert schlussendlich davon? Und wer zahlt drauf?

Meine Überlegungen gehen dahin, dass sich die großen Publikumsverlage noch keine großen Sorgen machen müssen. Ja, noch haben sie den Apparat im Griff. Vielleicht stottert der Motor kurz, aber primär läuft alles wie gehabt. So lange die Leute Konsumenten sind, so lange sie sich beeinflussen lassen, braucht sich keiner in den Vorstandsetagen graue Haare wachsen zu lassen. Sie haben die Mitteln und die Wege, um neue Kampagnen ins Leben zu rufen. Sie haben die Kontakte, um mit anderen Medienunternehmen gemeinsam ein neues Produkt zu lancieren. Auf Messen treten die Großen groß auf. Und sollte es tatsächlich einmal der Fall sein, dass eines der großen Verlagshäuser leckt, nun, dann sind bestimmt die anderen so freundlich, um sich diesen einzuverleiben. Geld kommt zu Geld, hat schon mein Großvater gewusst und der war Kammerdiener bei einem Grafen. Wirklich.

Kürzen wir eine lange Geschichte ab: um die großen Publikumshäuser muss man sich genausowenig Sorgen machen wie um die großen Banken, die too big to fail sind. Irgendwie ist auf dieser Welt scheinbar immer genügend Geld vorhanden (man lese richtig: die Bürger erklären sich bereit, die Schulden zu übernehmen, die Politiker machen), um große Konzerne am Leben zu erhalten. Natürlich für das Gemeinwohl der Bürger, heißt es dann in den hübsch formulierten Presseaussendungen (die eine Kaste von Autoren schreiben muss, deren Bücher sich nicht verkaufen).

Sorgen machen muss man sich für die mittleren Verlage. Während die Klein(st)-Verlage schon immer stürmischen Zeiten begegnet sind und mit geringen Mitteln nicht untergegangen sind (strampeln, strampeln, strampeln), müssen die mittleren Verlage ordentlich Luft haben, um schwierige Zeiten zu durchtauchen. Banken sind freilich nicht gerade belesen, wenn es um Literatur geht. Für sie zählt die Aussicht auf finanziellen Erfolg in den nächsten Jahren. Und welcher Verlag kann behaupten, er würde im nächsten Programm einen Bestseller landen? Große Verlage können es. Sie haben internationale Autoren an der Hand, die Vielversprechendes abliefern werden (tatsächlich wird es Vielversprechend gemacht); Verfilmungen aus Hollywood erfreut das Banker-Herz und Merchandising sowieso. Gewiss, manche der vielversprechenden Produkte erwiesen sich dann als Flop oder Eintagsfliege. Egal. So ist das Bizness. Für die Großen. Für die Mittleren hingegen heißt es: sparen! Die Frage ist nur: Wo setzt man den Sparstift an? Beim Lektorat? Beim Korrektorat? Beim Marketing? Bei den Autoren? Bei der Herstellung? Hmm. Schwierig, oder?

So mag es nicht verwundern, wenn der Verlag Eichborn zur Eintagsfliege (Wortwitz!) mutiert und in der Versenkung verschwindet. Und so mag es nicht weiter verwundern, wenn die Verlegerin Lisette Buchholz für 2011 kein Buch neu verlegen möchte.  Ja, auf sie alle werden harte Zeiten zukommen. Die Großverlage, ein wenig nervös ob der E-Books-Misere und des Social Webs (und der Tatsache, dass die Computerspiel-Industrie Unsummen umsetzt), blasen zum letzten Angriff und fluten das Web und die Buchhandlungen mit massig Content. Wie soll da ein mittlerer Verlag auf die Dauer nicht absaufen?

Gab es das Problem früher nicht auch, fragt man sich unwillkürlich? Nun, sagen wir: die Verlage, große wie kleine, ritterten einst mit Inhalt und Autorenschaft um die Gunst des Lesers, des Buchhändlers und des Feuilletons. Aber als die Verlage zu Medien-Konzernen zusammenwuchsen, da war dann Schluss mit einem fairen Kampf. Die Konzerne sahen das Buch als Produkt an, und meinten, es genauso wie Waschmittel oder Suppenbrühe bewerben und verkaufen zu können. Das Dilemma ist, dass die Buchhändler und Kritiker davon nicht verschont blieben und verschont bleiben. Immer geht es auch um die Existenz. Wer sich weigert, mitzumachen, steht vielleicht alsbald vor der Insolvenz. Tja.

Das Ganze ähnelt – leider – der Spirale der Gewalt. Wer damit angefangen hat, man weiß es nicht, aber es hat Auswirkungen auf alle Beteiligten. Keiner kann sich dieser Gewalt entziehen. Jeder ist Teil davon. Und wer nicht mitmacht läuft Gefahr unter die Räder zu kommen. Gewiss, immer hat man die Möglichkeit, stehen zu bleiben. Aber ich befürchte, der Zug ist für uns alle schon längst abgefahren. Vereinzelt gibt es einen Hoffnungsschimmer. Hin und wieder meint man ein kleines Licht am Ende des Tunnels zu sehen, nur um wenig später in völliger Dunkelheit herumzuirren und sich den Kopf zu stoßen. Gibt es denn keine Hoffnung? Hm. Hoffnung gibt es immer. Deshalb sitzen wir gelassen in unserem Bürostuhl und zucken mit der Schulter. Morgen wird sich alles zum Besseren ändern, sagen wir uns leise. Tatsächlich ist es eine Illusion, die sich als Hoffnung verkleidet. Verfluchte Hoffnung.

***

Die US-Autorin Kristine K. Rusch plaudert aus dem Nähkästchen. Ich denke, es lohnt sich, ihren Blog http://kriswrites.com/ zu verfolgen.

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6 Antworten zu “Eine Verlegerin über ihre Branche, anno 2011 oder Die verfluchte Hoffnung

  1. Hirnrestrukturierer Samstag, 18 Juni, 2011 um 22:46

    Hoffnung gibt es immer. Wie wär’s mit dieser?:
    http://www.das-ende-des-geldes.at/

    Lustigerweise war übrigens meine Großmutter auch Kammerdienerin bei einem Grafen, wirklich, auf irgend einem Schloss im Waldviertel, bevor sie dann mein Großvater entführte und zu einer normalen Elektrikermeistersgattin machte.

    Und es wäre komisch, wenn „Geld kommt zu Geld“ dazu führen würde, wenn letztendlich ein Mensch das ganze Geld dieser Erde besitzen würde, weil dann würde es gar nichts mehr wert sein, weil die andern nicht mehr wüssten, was man damit anfangen soll…

    • Richard K. Breuer Sonntag, 19 Juni, 2011 um 11:28

      Naja, Geld ist eine virtuelle Größe, die ins Unendliche aufgeblasen werden könnte, genauso wie mit dem religiösen Glauben. Gibt keinen Unterschied. Die eine Größe bezahlt auf Erden, die anderen im Himmel, wenn man so will. Beides absurd. Aber es vereinfacht natürlich das Leben ungemeine 😉

      Kammerdienerin. Schau mal einer an. Na, das Leben war damals auch kein Zuckerschlecken, so man nicht ein bedienter Graf war oder zur gehobenen Bürgerschicht gehörte.

      Und das „Ende des Geldes“ von Franz Hörmann muss ich mir auch mal angucken. Ich finde, dass er einer der wenigen ist, der sich getraut, den Teufel beim Namen zu nennen, sozusagen.

  2. Petra Dienstag, 21 Juni, 2011 um 14:36

    Meine Großväter lebten in Osteuropa und träumten die typischen Emigrantenträume vom Improvisieren und Sich-Durchwurschteln, während ein Teil der Familie zunächst ärmlich Hot Dogs auf der Straße heiß machte und dann das Flughafenrestaurant einer großen amerikanischen Stadt übernahm.
    Was ich damit sagen will: Diese im deutschsprachigen Raum vorherrschende Denke, ein Umbruch oder Veränderung seien grundsätzlich etwas Schlechtes oder gar Gefährliches, ist mir völlig fremd. Stagnation ist viel lebensgefährlicher.

    Es ist doch wie beim Umbruch in Osteuropa 1989: Wenn sich die Verhältnisse ändern, gibt es eine „verlorene Generation“, die es aus irgendwelchen Gründen nicht schafft, sich an neue Gegebenheiten anzupassen oder die durch alle Netze fällt. Dann gibt es die Gewinnler, die am rasantesten und nicht immer legal das Ruder herumreißen. Und neben diesen beiden Minderheiten die große Masse derer, für die sich jede Menge neuer oder anderer Chancen ergeben – wenn sie sie denn ergreifen.

    Ich erlaube mir, die derzeitige Situation also völlig anders zu sehen: Noch nie war so viel Chance, noch nie gab es so viele offene Möglichkeiten wie derzeit. Der Markt ist geradezu ideal für kleinere, sehr flexible und risikobewusste Strukturen, für Nische, für Besonderes. Aber nur wer wagt, gewinnt! Und da ist Geld nicht alles. Die Hot Dogs müssen auch schmecken.

    • Richard K. Breuer Dienstag, 21 Juni, 2011 um 19:15

      Andererseits leben wir ja in einer Zeit, in der es mal geheißen hat, Beständigkeit ist wichtig und richtig. Das war damals, als man meinte ein Job in der (staatlichen) Post oder (so gut wie staatlichen) Bank wäre bis ans Lebensende sicher. Tja. Nix ist mehr sicher, alles so wackelig. Da braucht es schon eine gute Balance, um nicht umzufallen. Oder vielleicht braucht’s auch nur ein leckeres Hot Dog, wenn der Magen knurrt 😉

  3. Petra Mittwoch, 22 Juni, 2011 um 17:19

    Huch, so alt kannst du doch gar nicht sein, dass du noch sichere Jobs erlebt hast Oder hinkt Österreich da etwas der Zeit hinterher? 😉

    • Richard K. Breuer Mittwoch, 22 Juni, 2011 um 21:58

      Also, als ich 1989 mit der Matura respektive Abitur in der Tasche einen Job suchte, da war eine Anstellung in einer der großen öster. Banken bzw. im postalischen Staatsbetrieb zukunftssicher. Wer hätte damals gedacht, dass wenige Monate später die Mauer fallen und damit jede Sicherheit dahin sein würde? Tja.

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