richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Harry Potter goes Selbstverlag oder Der Schuss ins Verlegerknie

Kindle Digital Publishing is a dangerous thing. That’s why it’s so good.
Thomas Keir

Ehrlich gesagt, ich habe mit Harald Töpfer vulgo Harry Potter nicht viel am lesenden Hut. Gewiss, die Filme musste man wohl gesehen haben (musste man wirklich?), deshalb kann ich wenigstens sagen, eine kleine Ahnung von diesem Aschenputtel-Märchen Pottermore zu haben. Mehr aber auch nicht.

Viel wesentlicher ist da natürlich für einen Selbstverleger und Indie-Autor die Mär, dass man es mit seinem Text zu Ruhm und Reichtum schaffen könnte. Ein Zuschuss-Verlag aus Österreich hat mir mal ein Angebot gemacht, um eines meiner Bücher zu publizieren. Um den horrenden Preis zu rechtfertigen wurde natürlich eine gewisse J. K. Rowling zitiert. Natürlich. Das ist dann wohl der teuerste Lottoschein der Geschichte. Mein Tipp (den gibt es gratis!): man mache es sich selber. Hm. Sollte das jetzt zweideutig klingen, keine Sorge, wir sind hier jungendfrei unterwegs und ich darf des Lesers Gedanken als abwegig abtun. So. Merkwürdigerweise fällt mir da jetzt Emma Watson ein und ich muss gestehen, ihre kurzen Haare sind ein absolutes no way. Ihren Style-Berater würde ich feuern. Oder an einen Drachen verfüttern.

Zurück zu der Prinzessin auf der Geldmaschine. Die Autorin und ihre Crew haben entschieden, die Harry-Potter-Bücher als E-Book nur über ihre Webseite Pottermore anzubieten. Aha. Rowling soll sich die dafür notwendigen Rechte gesichert haben. Hm. Kommt mir jetzt ein wenig seltsam vor. Wie soll das vor sich gegangen sein? Wenn du ein unbekannter Autor bist, mit viel Hoffnung im Gepäck, und einem Verlag dein Manuskript präsentierst, kannst du im Normalfall nicht zum Feilschen anfangen. Es sei denn, die Leute vom Verlag verstehen ihr Handwerk nicht, waren schlampig, faul, nachlässig oder – das wär natürlich auch ein Desaster – hätten es damals nicht für möglich gehalten, dass ein elektronisches Buch Profit abwerfen könnte. Wie man es auch dreht und wendet, schlau werde ich aus der ganzen Potter-Chose sowieso nicht. Und es würde mich nicht wundern, wenn sich später einmal herausstellte, dass alles ganz anders war. Ich schreibe es jetzt mal schnell auf, damit ich dann sagen kann: ich hab es schon im Juni 2011 geschrieben. Möglich wäre, dass der Verlag sehr wohl die Rechte hat, aber sich offiziell aus dem Spiel heraushält (und natürlich kräftig mitkassiert – immerhin muss weder amazon, noch Apple noch sonst ein E-Book-Shop mitfinanziert werden). Wir werden es wohl am besten an der Bepreisung der E-Books sehen. Würde Rowling nur für sich sein, müsste der Preis der E-Books etwa die Hälfte vom offiziellen Buchpreis ausmachen. Alles andere riecht mir nach unklaren Verhältnissen.

Ja, die Geldmaschine darf nicht zum Erliegen kommen. Es ist mit Sicherheit kein Zufall, dass die E-Books der Serie gerade dann das Licht der Welt erblicken, wenn es im Kinosaal noch einmal rund geht. Der letzte Teil steht am Programm – vermutlich ein guter Grund, für viele Harry-Fans, noch einmal die Bücher zu lesen. Aus Marketing-Sicht ein perfekter Zeitpunkt, um jetzt die E-Books zu lancieren. Chapeau. Dass sich die Potter-E-Books wie warme Semmeln verkaufen werden, also, dazu brauche ich keine Kristallkugel, um das vorherzusagen. Dass die Bücher auch DRM-free daherkommen werden, dürfte die Manager in den großen Publikumsverlage ziemlich anpissen (mein Tipp: Hose wechseln!) – als „Kopier-Schutz“ wird das gekaufte Buch mit den Daten des Käufers mit eine Art Wasserzeichen versehen. Bravo. Welches Potter-Fan möchte nicht seine persönliche Kopie haben? Auch das ist wiederum Beifall wert. *bitte klatschen*

Kommen wir jetzt zum Schuss ins Verlegerknie. Also. Die Verlage haben erkannt, dass sie mit Effekthascherei Unsummen verdienen können. Der Celebrity-Kult wurde zwar vom TV und Kino erfunden, aber warum sollte das gedruckte Wort nicht auf den Zug aufspringen? Eben. Also gab und gibt es all diese voyeuristischen Autobiographien oder Enthüllungsbücher, die dies und das behaupten. Der (finanzielle) Wert eines „literarischen“ Buches fokussiert sich nun zum größten Teil auf den bereits eingeführten und gut bekannten Autor. Und schließlich gibt es noch den Hype, der Gold vom Himmel regnen lässt, wenn man es geschickt anstellt: Alchemist, Potter, Brown, Biss, Jakobsweg, Nassgebiete, Deutschlandabschaffung usw. Die kaufmännischen Talente (DKT, nicht?) in den Verlagshäusern jubelten. Die Marschroute wurde wie folgt festgelegt: Unmengen von Titeln in überschaubaren (und kostengünstigen) Auflagen produzieren und gucken, welches sich davon als potenzieller Hype durchsetzen könnte. Ist das Buch gefunden, wird auf Teufel komm raus das Werbebudget gesprengt, während die anderen Tapeten-Titeln sang- und klanglos aus den Regalen verschwinden (weil ja bereits die nächsten neuen Titeln angekündigt werden).

Eine äußerst fruchtbare Marketing-Strategie. Für die großen Publikumsverlage. Und eigentlich will ein kaufmännisches Talent ein gewinnbringendes System nicht ändern. Wozu? Dumm, wenn die Änderung von außen kommt und man nun entsetzt feststellen muss, dass man die Geister, die man rief, nicht mehr los wird. Geister? Nun, Celebritys und Möchtegern-Berühmtheiten sind bekannt. Das ist nun mal so. Sie haben ihre Fan-Gemeinde. Das ist nun mal so. Wenn also der Star, das Idol bekannt gibt, seine Memoiren als E-Book zu publizieren und man könne es auf seiner Webseite gegen Einwurf kleiner Münzen herunterladen, welches populäre Medium würde diese Info nicht veröffentlichen? Und damit ist schon die Schlacht so gut wie gewonnen. Hier sehen wir also, was es mit den Geistern auf sich hat. Die Publikumsverlage schürten und befeuerten das Verlangen nach voyeuristischer Entblößungsliteratur berühmter Leutchen. Jetzt können diese Leutchen also hergehen, und dank der Selbstveröffentlichung von E-Books großes Geld machen. Der Verlag hat das Nachsehen. Tja. Dumm gelaufen.

Wir dürfen jetzt nicht glauben, dass ein Rockstar eine Ahnung hat, wie man E-Book korrekt schreibt. Aber sein Manager könnte eine kleine Agentur beauftragen, ein E-Book-Package mit allem Drum und Dran zu machen. Webseite, Facebook, youtube, twitter usw. – ist heute kein großes Ding. Hat man im Handumdrehen und kostet nicht die Welt. Schwupp, schon ist der Rockstar mit seinem E-Book auf allen Kanälen zu Hause. That’s easy, folks!

Dadurch, dass sich die Verlage über die Jahre von ihrer Qualitätskontrolle verabschiedet haben, nur noch ihr Augenmerk auf gehypte und umsatzstarke Inhalte richteten, legten sie den Grundstein für das Kommende. Und in diesem Zukunftsszenario haben große Publikumsverlage keinen Platz. Nun, das stimmt freilich so nicht. Aber sie werden wohl die Pole Position abgeben müssen. Das gedruckte Buch wird wohl noch auf längere Sicht in der Hand der Verlage bleiben, da sie die für den Vertrieb nötigen Strukturen besitzen. Aber jeder berühmte Möchtegern-Autor hat nun eine Alternative zum gedruckten Buch und zum Publikumsverlag: das elektronische Buch und der Selbstverlag. Und man stelle sich vor, es gäbe einen Hype um eines dieser E-Books. Der Autor wird die Rechte für das gedruckte Buch teuer, sehr teuer an einen Publikumsverlag verkaufen können. Ja, ich höre bereits das Zähneknirschen der kaufmännischen Talente.

Advertisements

3 Antworten zu “Harry Potter goes Selbstverlag oder Der Schuss ins Verlegerknie

  1. carlotta Donnerstag, 14 Juli, 2011 um 13:58

    Ziemlich guter Text, interessant zu lesen. Ich bin auch kein großer Harry-Potter Fan, aber Emma Watson find ich gut. [Anmerkung des Blog-Betreibers: Ist das jetzt Spam? Hmm …]

  2. Pingback: Die Woche in Links (25/11) | gumpelMEDIA

  3. Pingback: Die Woche in Links (25/11) | gumpelmaier

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: