richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Ein Schriftsteller muss sich lächerlich machen! Na dann.

Ein Schriftsteller muss sich lächerlich machen, schrieb ich mal in einer älteren Version von Erik. Ich habe keine Ahnung, ob ich den Satz gestrichen oder im Manuskript belassen habe. Aber ich würde ihn sofort unterschreiben. Ja, ein Künstler ist nur dann Künstler, wenn er bereit ist, gegen den Strom zu schwimmen. Das heißt nicht, dass er es tun muss. Nein, nein. Aber wenn es sonst niemand tut, in der Gesellschaft, weder die politische Opposition noch die objektiven Medien, tja, wer soll es sonst tun? Dumm, dass sich das Bild des Künstlers über die Jahre sehr gewandelt hat.

Künstler ist zu einem Job geworden. Prekär und hoffnungslos auf der einen, bestens bezahlt und hoffnungsfroh auf der anderen Seite. Wir dürfen froh sein, dass Künstler heutzutage nicht mehr Angst haben müssen, zu erfrieren oder zu verhungern. Jedenfalls nicht physisch. Aber diese Wandlung, vom unangenehmen Außenseiter, der einer sich selbst belügenden Gesellschaft den Spiegel vorhält zu einem belächelten Mitläufer, der in der Hierarchie der Gesellschaft aufsteigen möchte, hat allen Beteiligten nicht sonderlich gut getan.

Ich bin zwar ein Kind der mechanischen Schreibmaschine, aber noch zu Beginn meiner Schulzeit tippte ich bereits auf elektrischen Typenradschreibmaschinen und vor dem Abitur trat die Textverarbeitung ihren Siegeszug an. Mit meinem ersten Einkommen schaffte ich mir einen PC an. Und sollte fortan nur mehr in Monitore und Bildschirme starren (trockene Augen!), wenn es darum ging, Texte zu Papier zu bringen. Welch eine Erleichterung. Ich erinnere mich noch an die viele freie Zeit in den Sommerferien, als ich auf der mechanischen Adler-Schreibmaschine tippte und mich schon ein wenig als Schriftsteller fühlte. Es war Knochenarbeit. Und das ratternde Anschlagen war in der ganzen elterlichen Wohnung zu hören. Ja, ich konnte es nicht verheimlichen, dass ich an einem witzigen Krimi schrieb (Tom Thomsen, you know!), für den ich mich dann aber doch irgendwie genierte.

Auf einer mechanischen Schreibmaschine zu tippen ist wahrlich schwerstarbeit. Und wenn du dir hundert Seiten abgerungen hast und feststellst, dass die mittleren 20 Seiten nichts taugen und neu geschrieben werden müssen, inklusive Veränderung im vorderen und hinteren Teil, wie wäre das wohl abgelaufen? Heute, in einem Office-Text-Programm springe ich in sekundenschnelle zu der relevanten Stelle, korrigiere, füge ein, lösche und stelle innerhalb von einem Augenaufschlag ganze Kapitel um. Ja, it’s that easy, folks! Aber je leichter man es dem Menschen macht, desto leichter macht er es sich. Würden wir noch Kraftfahrzeuge haben, wo man mehr schmutziger Mechaniker als cooler Rennfahrer sein müsste, es gäbe keine Staus auf diesen Straßen. Wirklich.

Äh. Was wollte ich eigentlich sagen? Scheinbar bin ich mal wieder vom Thema abgekommen. Also, der Schriftsteller (oder Künstler) muss sich lächerlich machen können. Das ist leicht geschrieben. Wirklich. Aber es dann zu tun, also, das verlangt schon einiges ab. Und da bemerke ich dann wieder, wie wenig Künstler ich in Wahrheit bin. Ich bin angepasst. Will in der Gesellschaft meine Rolle spielen. Will in den Hierarchien aufsteigen. Will finanziell unabhängig sein. Will gehört werden. Will gemocht werden. Will mir Unsterblichkeit erschreiben. Na, die übliche Palette künstlerischer Egomanie. Ich schätze, das ist nichts Neues. Neu ist vielleicht, dass es so viele sind, die sich gegenwärtig dieser Egomanie hingeben. Künstler sind im Normalfall keine gefälligen, umgänglichen Menschen, wenn sie es ernst mit ihrem kreativen Tun meinen. Sie sind zweiflerisch, nachdenklich, fordernd, hässlich, grausam, eingebildet, überheblich, gierig und so weiter und so fort. Freilich, das Bild, das sie nach außen zeigen ist musisch, kreativ, schaffend, schöpfend, liebend, lachend, lächelnd, leidend und so weiter. Diese Diskrepanz, zwischen der inneren Befindlichkeit und dem äußeren Schein, kann einen Künstler ordentlich in die Mangel nehmen (und ist doch wieder nur weiterer Stoff für seine Künstelei).

Warum schreibe ich das eigentlich? Also, primär geht es mir darum, auf wunde Punkte in der Historie hinzuweisen und die gegenwärtige Gesellschaft in die Verantwortung zu nehmen. Wir dürfen nicht vergessen, dass jeder von uns Teil einer Geschichte ist. Auch wenn dieser Blog-Artikel nichts verändert, so musste er geschrieben werden. Weil er für mich und für dich ein weiterer Stein in unserem Mosaik ist. Es verhält sich wie mit  diesen hunderten von Werbe-Einschaltungen für eine zuckerhältige Limonade. Zwei oder drei Einschaltungen hätten wir gar nicht wahrgenommen. Aber hunderte, die uns tagtäglich begegnen, setzen sich in unserem Unbewussten fest. Die Werbe-Psychologie weiß, was sie tut.

Um zu einem Abschluss zu kommen (und falls Sie bis hierher gelesen haben), so belohne ich Sie mit der Feststellung, dass im Apollo-Programm der NASA nichts ist wie es scheint. Wenn Sie jetzt den Kopf schütteln und felsenfest behaupten, dass ich ein Spinner wäre, nun, dann lenke ich gerne Ihren Blick auf diesen Artikel, der sich mit dem Backfire Effekt auseinandersetzt, der nichts anderes besagt, als dieses: Wenn du von etwas tief überzeugt bist, machen dich meine Versuche, dich vom Gegenteil zu überzeugen, nur noch überzeugter. Tja. Da stehen wir nun.

Und jetzt?

 

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2 Antworten zu “Ein Schriftsteller muss sich lächerlich machen! Na dann.

  1. Simona Mittwoch, 6 Juli, 2011 um 14:10

    Manchmal ist es auch anders herum. Dann sind wir innen Liebende, Leidende, Frohlockende, Überzeugte, Kreative, Schöpfende, neue Welten Schaffende, aber belohnt wird da draußen allzuoft polterndes, lautes, überhebliches, grausames, forderndes, freches und gieriges Auftreten. Und egal wie die Pole sich gerade sortiert haben, wir müssen uns entscheiden, ob wir den inneren oder den äußeren Impulsen und Verstärkern folgen. Immer wieder. Anpassung oder Rebellion, what will it be today?

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