richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Schein und Sein oder Wie Google+ und Facebook den Blick auf das Wesentliche verstellen

google+ profil

Hui. Es geht drunter und drüber. Sagen wir, es ist ein Stürmchen im virtuellen Wasserglas der sozialen Netzwerke. Google sei Dank bekommt man das Gefühl, die Internetz-Gemeinde wacht kurzfristig aus ihrem Dämmerschlaf auf. Sehr schön. Aber was ist geschehen?

If you see a person with an obviously fake name, go to their profile and find the „Report Profile“ link in the bottom of the left column. Report it as a „Fake Profile“. We want Google+ to be place for real people to connect with other real people.  [Andrew ›I build software for Google‹ Bunner – link]

Kurz und bündig: das neue soziale Netzwerk von Google verbietet das Führen von Pseudonymen und stellt klar, Profile, die keinen Klarnamen (also Vor- und Zuname) aufweisen, zu löschen. Ratzeputz. Anfänglich zuckt jeder mit der Schulter. Bis es dann den einen oder anderen erwischt. Es verhält sich plötzlich wie im Fronteinsatz, wenn dein Nebenmann ausgelöscht wird. Für junge und alte Kids, die keine Ahnung haben, was das Leben für hässliche Hürden so bereit hält, ist das natürlich ein Schock. Nebenbei angemerkt lese ich gerade die Tagebuchaufzeichnung Ernst Jüngers und seines kühlen Front-Berichts aus dem 1. Weltkrieg. Da lernt man, zu welcher Barbarei eine auf der höchsten Stufe der Zivilisation stehende Menschheit fähig war und ist. Kostprobe gefällig: »Einige große Blutlachen röteten die Straße und am Pfeiler klebte Hirn. […] Leider sehen wir hier keinen Franzmann, sonst könnten wir auch mal knallen.«

Ja, der Schock sitzt tief, wenn dein Alter Ego, mit dem du dir einen Namen gemacht hast, plötzlich nicht mehr aufrufbar ist. Deine Identität, die du dir so mühsam aufgebaut hast, mit einem Schlag dahin. Jammer o Jammer. Was nun? Genau. Wir jammern. Was bewirkt es? Nichts. So gut wie nichts. Aber gottlob gibt es die Medien, die diese Gräueltat aufgreifen und Google an den Pranger stellen. Siehe da, der eine oder andere – mit Schützenhilfe von Spiegel Online oder anderen großen Kalibern, bekommt seine Pseudo-Identität zurück. Ist das fair, fragen sich wiederum jene, die nicht auf diese Hilfe rechnen können? Ja, hier lernen die Kids ihre zweite Lektion: Jeder hat so viel Recht wie er Macht hat. Das stammt nicht von mir, sondern von einem gewissen Spinoza und zu seiner Zeit, um 1650 herum, herrschte definitiv ein raueres Klima. Wirklich.

Das wirklich Tollste an der ausgelösten Diskussion ist, dass mit einmal die Masken aller Beteiligten fallen – ob sie wollen oder nicht. Endlich blickt man einmal für einen kurzen Moment hinter die Fassade großer Konzerne und kleiner Polit-Schergen, die zwar keine Ahnung haben, worum es geht, aber fröhlich eine Partei ergreifen. Natürlich nicht für den Bürger. Bürger? Den würden Politiker ja am liebsten abschaffen. Die Konzerne haben das ja schon längst gemacht. Für sie gibt es nur noch Konsumenten und Schmarotzer. Punkt.

Man muss Google danken, dass Sie mit ihrem neuen Netzwerk die Zuckerschock-Therapie endlich einmal unterbrochen haben. Und ich sage es jetzt, hier und heute, dass die Zeiten von Facebook vorbei sind. Wer jetzt noch Geld in dieses Unternehmen investiert, nun, der hat sehr viel und braucht es nicht – oder er hat keine Ahnung. Das Faszinierende ist ja, dass ein soziales Netzwerk sein eigener Totengräber ist. Daran denkt eigentlich niemand, wenn es an der Börse notiert und satte Profite einstreicht. Aber wie will ein Netzwerk verhindern, dass die Leutchen dort beschließen, nun zum anderen Netzwerk zu gehen, weil es bunter, hübscher oder offener ist? Es braucht naturgemäß ein zentrales Netzwerk, und ist dieses einmal geschaffen, verschiebt sich die Masse recht leicht von einem zum anderen. Bestes Beispiel ist myspace, das mal das größte Netzwerk im Web war und heute nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Natürlich haben die User dort in ihren Statusmeldungen geschrieben, sie gehen zu Facebook oder StudiVZ (Studiwas?) und haben ihre Links hübsch im Profil gesetzt. Freilich, myspace hätte einen Scan durchführen und die bösen Links löschen können, aber diese Gestapo-Methoden getrauten sie sich dann doch nicht anzuwenden.

Google+ ist das offenere Netzwerk und wird deshalb am Ende die Nase vorne haben. Es sei denn, sie schießen sich noch selber ins Knie, was ich aber nicht für möglich halte. Das offenere und sozialere und damit bessere Netzwerk ist natürlich Diaspora*. Ich bin nicht müde, es zu wiederholen, weil es so selten wiederholt wird. Diaspora* ist das Firefox unter den Browsern oder das Linux unter den Betriebssystemen. Währen sich Mister Gates und Mister Jobs eine Goldene Nase verdienen (und damit das Internetz und die Gesellschaft in ihre gewünschte Richtung lenken können), harren ein paar Unerschrockene dieser Allmacht. Asteriks und Obeliks (wenn Sie den Gag jetzt nicht verstehen, macht nichts) gegen die Römer wäre eine gute Allegorie. Am Zaubertrank wird noch gebraut.

Ja, im Moment ist der kommunikative Goldrausch auf Google+ ausgebrochen. Muss man gesehen haben, um es zu verstehen. Wirklich. Derweil ist das hier nur mal die mediale Vorhut, die sich im Moment breit macht. Man kann sich vorstellen, wenn die Türen zur angesagtesten Party des Jahrzehnts geöffnet werden, was sich da abspielt. Wie gesagt, jeder kann und darf mit jedem. Und ist es dann noch erstaunlich, wenn für Google+ auch noch ein höchst wirksamer Zaubertrank serviert wird? Ja, lange Blog-Beiträge zu lesen lohnt sich – hin und wieder wird man dann doch mit einem Link belohnt, der einem die Augen öffnet. Glauben Sie nicht? Bitte sehr, probieren Sie vom Trank. Ich wette, innerhalb von fünf Minuten sehnen Sie sich, eine Einladung in Google+ zu bekommen. Sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt:

www.findpeopleonplus.com

Und? Was sagen Sie? Goldene Zeiten für mediale Kommunikationsgenies. Was das im Klartext heißt? Nun, wenn ein Indie-Autorenverleger-Schlurf aus der Donaumetropole (yah, that’s me, folks) mit der stellvertretenden Chef-Redakteurin einer der größten deutschen Online-Zeitungen ins Gespräch kommt, dann können Sie sich wohl vorstellen, was ich meine, oder? Ich könnte natürlich auch das lustige Gespräch mit der Chef-Fotografin eines Österreichischen Magazins ins Rennen führen, das ich gestern geführt habe, über animierte GIFs in einem ihrer Beiträge und über ihre fotografisch festgehaltene Land-Partie. Ich darf mich rühmen, in ihrem Google+Kreis aufgenommen worden zu sein. Coolio, oder?

Okay. Das war die gute Nachricht. Die schlechte ist, wenn einmal ein Indie-Autorenverleger-Schlurf aus der schnarchigen Donaumetropole mit wichtigen Medien-Leuten einfach so in Gespräch kommt, dann ist die Gacke am Dampfen. Wirklich. Weil es die alteingeführte Beziehungsstruktur auf den Kopf stellt. Frei nach dem Motto: da könnt ja ein jeder kommen. Und das ist natürlich nicht gut. Nicht für eine alteingeführte Beziehungsstruktur (siehe Otto Normalbegräbnis – übrigens, ist Otto von Habsburg eigentlich ein Klarname oder ein Pseudonym? Gut, die Frage hat sich sowieso erübrigt, aber sollten einmal gekrönte Häupter ein Profil anlegen, welchen Namen dürfen oder müssen sie angeben? Gute Frage, nicht?) – Zurück zum Ausgangspunkt. Äh, wie?

Jedes Netzwerk, das von wichtigen Persönlichkeiten frequentiert wird, ist für einen kleinen Schlurf, dem ebenfalls Zutritt gewährt wird, ein Jahrhundertgeschenk. Dieses Geschenk von Gottvater Google (Ist das Blasphemie? Für wen?) dürfen wir nicht ungenutzt verstreichen lassen. Bald wird die Party von Wichtigtuern und lauwarmen Brezel-Beißern bevölkert sein, die du nicht mal zum Frühstück verspeisen möchtest. Ja, die wichtigen Leutchen werden sich dann zunehmend abgrenzen – so lange, bis die alte Ordnung wieder hergestellt ist. Die Schlurfs hoffen dann freilich auf Microsoft (hört man da nicht etwas Rumoren?) oder Diaspora*, dort könnte ein weiterer Hype die bestehenden Beziehungsstrukturen wieder für kurze Zeit auf den Kopf stellen. Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich.

Also. Was ist nun das Wesentliche? Ach ja. Die virtuelle Welt mutiert von einer öffentlichen und freien Raumverteilung zu einer kommerzgetriebenen Wohnpolitik. So ähnlich verhält es sich mit den Einkaufszentren am Stadtrand, die riesige Flächen für die Öffentlichkeit bereit stellen. Äh. Nope. Das stimmt leider nicht. Die Flächen werden Konsumenten zur Verfügung gestellt. In den Öffnungszeiten. Punkt. Wer seinen Fuß in eine Mall setzt, akzeptiert deren Hausordnung. Vermumung ist dort vermutlich genausowenig erlaubt, wie eine Versammlung abzuhalten. Als aufgeklärter Bürger sollte man das immer im Auge haben, wenn öffentliche Plätze (für die unsere Väter und Großväter und Urgroßväter geschuftet, vielleicht sogar ihr Blut gelassen haben) an Konzerne verkauft werden. Gerade in Zeiten der Sparpakete ist es ja durchaus üblich, die letzten wichtigen Infrastruktur-Einrichtungen zu versilbern. Das ist gut für den Wettbewerb, sagen dann hirnlose Polit-Zombies. Pardon, das war jetzt vielleicht zu scharfzüngig. Ersetzen wir das Wort Zombie mit, hm, Clowns. Immerhin machen sie sich ja einen Spaß daraus, die Bürger für Dumm zu verkaufen. Zum Lachen ist das leider nicht. Außer man hat noch einen gesunden schwarzen Humor.

Also. Noch einmal zum Mitschreiben: Wenn wir Bürger das Recht auf Öffentlichkeit an Konzerne und Private abtreten, dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir uns plötzlich in einem Hochsicherheitstrakt befinden, in der dir eine verf*** Hausordnung vorschreibt, was du tun darfst und was nicht. Und wenn du dagegen verstößt, kommt die Security-Gestapo, teils privatisiert, teils verstaatlicht, und liest dir die Leviten oder zieht dich am Ohr. Aua. Nur nicht aus der Reihe tanzen. Unter Mithilfe großer Mainstream-Medien wird gerne die Richtung vorgegeben. Und mit einmal wird diese verf*** Hausordnung zum Gesetz. Tja. Dumm gelaufen, nicht?

Okay. Zugegeben. Das ist alles nicht übertrieben. Keine Spur. Die Propaganda-Einrichtungen haben es geschafft, in den letzten fünfzig Jahren ordentlich im Kopf der Bürger umzurühren. Plötzlich ist Krieg wieder notwendig und gerecht. Terrorismus wird für alles herangezogen, was man in die Ecke stellen oder los werden will. Freiheit ist mit einmal gefährlich. Sicherheit das oberste Ziel. Kultur vernachlässigbar. Schulden und die horrende Zinsen müssen zurückgezahlt werden, um jeden Preis. Reichtum ist legitim. Absurder Reichtum noch legitimer. Armut ist selbst verschuldet. Wer dumm ist, ist ein guter Konsument. Wer kritisch ist, ist eine Gefahr für die Gesellschaft. Meinungen werden nur akzeptiert, wenn sie politisch korrekt sind. Die Bereitschaft zu diskutieren hört da auf, wo man über Systeme und Wirtschaft und Eigentum (vs. Besitz) offen befinden will. Demokratie wird zu einer Augenauswischerei. Wirtschaft zu einem Pyramidenspiel: Nobelpreisträger Stieglitz spricht von »Ersatz-Kapitalismus« – Profite werden privatisiert und Verluste verstaatlicht (schon mal überlegt, warum gerade in der Griechenland-EU-Krise die Privatbanken ihre Beteiligungen an Nationalbanken wieder an den Staat abtreten möchten?).

Dabei ist das Wort Investmentbanker nur ein Synonym für den Typus Finanzmanager, der uns alle, fast die ganze Welt, in die Scheiße geritten hat und jetzt schon wieder dabei ist, alles wieder genauso zu machen, wie er es bis zum Jahre 2007 gemacht hat. [Helmut Schmidt Zeitonline]

Und jetzt wird über Klarnamen vs. Pseudonym disputiert. Also, ich würde mich freuen, wäre ich ein Politiker oder Elitist. Was Besseres kann einem gar nicht passieren. Es ist, als würde ein Club-Besitzer mit restriktiven Zugangsbeschränkungen bemerken, dass vor dem Lokal heftig diskutiert wird, ob man mit einer Mütze am Kopf eingelassen werden darf oder nicht. Derweil sollte man sich eher fragen, wie jener zu diesem Club gekommen ist, was er damit tut und was er damit auslöst. Ist wirklich das »the winner takes it all«- Prinzip in unseren Genen verankert – oder warum leiten wir nicht gemeinschaftlich den Club? Und was wollen wir mit unserem realen Leben, mit unserer realen Zukunft anfangen? Das billige Erdöl geht zur Neige. Rohstoffe sowieso. Das Klima spielt verrückt – aus welchen Gründen auch immer.  Und Geld hat die Menschheit nicht sozialer oder freundlicher gemacht. Hm. Was sollen wir also wollen? So viele Netzwerke, aber auf diese Frage finden wir keine hinreichend befriedigende Antwort. Ein süßes Katzenfoto, 302481 Mal im Netzwerk ge-teilt, ist jedenfalls nicht die Lösung. Ach so, vermutlich gibt es gar kein Problem. Verstehe.

Gut. Dann versuche ich mal den Blick auf das Wesentliche zu richten. Was wollen wir? Ich will ein Leben führen können, in dem ich nicht gezwungen werde, etwas tun zu müssen, was ich nicht will. Das ist für mich Freiheit. Aber darüber können wir gerne diskutieren. Ob mit Pseudonym oder Klarname, das ist mir herzlichst wurscht.

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5 Antworten zu “Schein und Sein oder Wie Google+ und Facebook den Blick auf das Wesentliche verstellen

  1. Kusanowsky Sonntag, 17 Juli, 2011 um 12:27

    Bei google+ hatte ich einer Diskussion mit Chrsitoph Kappes bereits darauf hingewiesen, dass man der Problematik nicht gut gerecht wird, wenn man sie einseitig auf etwas reduziert, das genauso wenig Klarheit zulässt, wie diese ganze Diskussion. https://plus.google.com/118359023992790949354/posts/EdkTYy7sCpK
    Vielleicht käme man der Sache näher, wenn man überlegt, dass die Internetkommunikaton eine Situation schafft, in der alle Beteiligten Grund haben, sehr Verschiedenes „creepy“ zu finden: die User starren schockiert auf die automatische Gesichtserkennung und die Anbieter darauf, dass Identitäten durch Peseudonymisierung nicht mehr zurück verfolgbar sind. Entsprechend wollen verschiedene Leute verschiedenes verbieten, sperren, löschen, verhindern – soll heißen: alle sind diesen dämonischen Ereignissen ausgesetzt.
    http://differentia.wordpress.com/2011/07/15/echte-namen-echte-gesichter-und-auch-echte-probleme/
    Und möglicherweise ist das erst der Anfang.

    • Richard K. Breuer Sonntag, 17 Juli, 2011 um 13:28

      Interessante Diskussion auf G+. Im Besonderen weil darin nach dem „echten Breuer“ gefragt wird. Witzige Konstellation. „routinierte Trollkommunikation“ würde ich mir als Wort patentrechtlich schützen lasse.

      Creepy, yep, oder: „Wer ein Troll ist, das bestimme immer noch ich!“

  2. Kusanowsky Sonntag, 17 Juli, 2011 um 15:00

    „weil darin nach dem „echten Breuer“ gefragt wird“ genau. Das ist zwar nicht creepy, aber es wird nicht lange dauern, bis eine Wissenschafts namens „Assoziolgie“ gefunden wird, die möglich macht, dass so etwas dann nicht einfach „nur“ als Zufall abgetan wird. Der zukünftige Assoziologe wird dann eine Art aufgeklärter Verschwörungstheoretiker sein.
    http://postdramatiker.de/blog/2011/06/25/ist-ich-eine-gesellschaft/

    • Richard K. Breuer Montag, 18 Juli, 2011 um 8:57

      Ich schätze, Blog-Beiträge die folgende Zeilen aufweisen „Überlegung zur polymorph-perversen Struktur des Post-Subjekts (das, um allzu voreilige Kommentatoren vorab zu besänftigen, keine Existenzaussage zum Subjekt impliziert, sondern nur eine Begriffsreferenz darstellt)“ haben es schwer, in der Mittagspause en passent gelesen zu werden. Das Web ist ja eine Anhäufung von flüchtigen Begebenheiten, wobei es den Leutchen ja zumeist um Flucht geht.

  3. Pingback: Das Problem der Linken? Sie wollen rechts überholen. « richard k. breuer

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