richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Wirtschaft 2011 oder Warum uns Wachstum nicht den Himmel, sondern die Hölle auf Erden bringen wird

update: Galactic-scale Energy – Do the Math

Mein verzeihe mir den recht plakativen Titel dieses Beitrages. Aber manchmal muss man klare Worte finden. Wirklich. Heute auf einen Videoclip aufmerksam gemacht worden, der den kleinen Ausschnitt einer Diskussion zeigt, die im ZDF ausgestrahlt wurde. Das muss hier herausgestrichen werden. Es ist kein konspiratives Ego-Gruppen-Gequatsche, sondern es war das Gespräch zwischen Bankern und »Mr. Dax« Dirk Müller (Sorry, ich kannte Müller bis dato noch nicht).

In diesem wenige Minuten dauernden Clip spricht er aus, was keiner der Finanzleutchen hören möchte: dass der Zinseszins uns in die Scheiße reitet. Warum? Weil dieser eine exponentielle Steigerung nach sich zieht, die für eine Gesellschaft nicht gesund ist. Er bringt – endlich, endlich – die hübsche Geschichte vom einen Cent, der zu Christie Geburt im Jahre 0 zu 5 % angelegt worden ist. 2000 Jahre später würde nun jemand die akkumulierten, angehäuften Zinsbeträge abheben wollen. Was meinen Sie, wie hoch nun der Betrag wäre? Schätzen Sie mal. So aus dem Bauch heraus. Und falls Sie es nicht schon gewusst haben – oder ein Mathematiker mit gutem Vorstellungsvermögen sind – dann wird Sie die Antwort aus Ihren Pantoffeln hauen. Wirklich.

 

Der springende Punkt ist nämlich die Verdoppelungsrate, die sich wie folgt errechnen lässt:

Verdoppelungsrate in Jahren = 70 / % Wachstumsrate oder Zinssatz

Wenn Sie also hören, dass etwas 7 % wächst, zum Beispiel die Kriminalitätsrate, dann verdoppelt sich dieses Etwas, in diesem Fall die Kriminalität, alle 10 Jahre. 7 % juckt keinen. Aber wenn sich etwas verdoppelt, hui, da werden wir hellhörig, nicht? Und das ist ja die große Illusion. Eine Prozentzahl stört nicht, tut nicht weh – und das ist das Glück der Banksters. Wirklich. Weil Sie uns mit dem Zinseszins übern Tisch ziehen. Dadurch, dass Zinsen auf ausgegebene Gelder verlangt werden, muss natürlich die Wirtschaft wachsen. Während aber Geld unendlich wachsen kann (schon mal nen Kontoauszug mit hundert Stellen gesehen? Technisch kein Problem.), kann die reale Wirtschaft nur nach Maßgabe der physischen und ökologischen Möglichkeiten wachsen. Ein Landwirt kann nicht mehr Getreide ernten als da ist. Und wenn er sich noch so sehr auf den Kopf stellt.

Mit anderen Worten: Stetiges (reales) Wachstum bringt jedes ökologische System um. Geht nicht anders. Wohin soll all das wachsen? Es gibt nur eine Erde, die wächst ja nicht mit. Jedenfalls wüsste ich nichts davon. Das dazupassende Video von US-Professors Albert Bartlett habe ich schon hundert Mal gepostet. Ich werde nicht müde es wieder zu posten. Vielleicht macht sich jemand die Mühe und guckt sich an, was Wachstum wirklich heißt und was es auslöst.

Auch nicht uninteressant, dass sich schon 1919 ein gewisser Dipl.-Ing. Gottfried Feder in einer Broschüre auseinandergesetzt hat:  Das Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft des Geldes. Darin erklärt er auf Seite 11 das Wort Mammonismus. Faszinierend, dass dieses Wort nirgendwo mehr auftaucht, während das Wort Kapitalismus, freie Marktwirtschaft, globales Finanzsystem fröhlich hochgejubelt wird.

»Mammonismus ist die unheimliche, unsichtbare, geheimnisvolle Herrschaft der großen internationalen Geldmächte [meine Anmerkung: heute sind es diese Geldmächte Konzerne und Wall Street Finanzjongleure ].

Mammonismus ist aber auch eine Geistesverfassung; es ist die Anbetung dieser Geldmächte seitens aller derjenigen die von dem mammonistischen Gifte infiziert sind. Mammonismus ist die maßlose Übertreibung des an sich gesunden Erwerbstriebs des Menschen. Mammonismus ist die zum Wahnsinn gewordene Geldgier, die kein höheres Ziel kennt, als Geld auf Geld zu häufen, die mit einer Brutalität ohne gleichen alle Kräfte der Welt in seinen Dienst zu zwingen sucht und zur wirtschaftlichen Versklavung, zur Ausbeutung der Arbeitskraft aller Völker der Welt führen muß. Mammonismus ist der Geisteszustand, der zu einem Herabsinken aller sittlichen Begriffe geführt hat. Mammonismus in als Weltphänomen betrachtet, gleichzusetzen mit dem brutalen rücksichtslosen Egoismus im Menschen. Mammonismus ist der Geist der Habgier, der schrankenlosen Herrschsucht, der nur auf Erraffung der Güter und Schätze der Welt gerichteten Sinnesart; er ist im tiefsten Grunde die Religion des rein auf das diesseitige gerichteten Menschentypus. Mammonismus ist das gerade Gegenteil von Sozialismus. Sozialismus, als höchste sittliche Idee auf gefaßt, als Idee dessen, daß der Mensch nicht nur für sich allein auf der Welt ist, daß jeder Mensch Pflichten gegenüber der Gemeinschaft, gegenüber der ganzen Menschheit hat und nicht nur das, daß er nicht nur verantwortlich ist für das augenblickliche Wohl seiner Familie, seiner Stammesgenossen, seines Volkes, sondern, daß er auch unabwälzbare sittliche Verpflichtungen hat gegenüber der Zukunft seiner Kinder, seines Volkes.«

Gottfried Feder bringt ebenfalls die Pfennig-Christie-Geburt-Analogie und kommt zum Schluss: »Unsere ganze Erde massiv aus purem Gold, unsere Sonne, die 1297000 mal größer ist, als unser Erdball, all unsere Planeten, rotglühend von Gold, würden nicht genügen, um den Wert diese auf Zinseszins angelegten Pfennigs auszudrücken.«

»Das Vermögen des Hauses X. der ältesten internationalen Plutokratie, wird heute [1919] auf etwa 40 Milliarden geschätzt. Bekannt ist, daß der alte X.  in F. um das Jahr 1800 ohne nennenswertes eigenes  Vermögen durch Wiederverleihung der Millionen, die ihm Landgraf W von H. zur Aufbewahrung übergeben hatte, den Grundstock für das Riesenvermögen seines Hauses legte. Angenommen, die Vermögensmehrung des Xs. Gesamtvermögens geht nur in dem Tempo des Pfennigs weiter, so würde das Xs.Vermögen im Jahre 1935 80 Milliarden, 1950 160 Milliarden, 1965 320 Milliarden aufweisen.« [Anmerkungen: um mir etwaige juristische Probleme zu ersparen, habe ich den allseits bekannten Familiennamen asugeXt.]

Übrigens, der Club of Rome beschäftigte sich schon Anfang der 1970er mit dem Limit des Wachstums. Deren Conclusio liest sich wie folgt:

Wenn der Trend des gegenwärtigen Wachstums in Weltbevölkerung, Weltwirtschaft, Umweltverschmutzung, Nahrungsmittelerzeugung und Rohstoffausbeutung unvermindert anhält, die Grenzen des Wachstums auf diesem Planten werden innerhalb der nächsten hundert Jahre erreicht sein. Daraus folgt höchstwahrscheinlich ein sehr plötzlicher und unkontrollierbarer  Rückgang sowohl in der Bevölkerungszahl als auch in der Wirtschaftsleistung.  If the present growth trends in world population, industrialization, pollution, food production, and resource depletion continue unchanged, the limits to growth on this planet will be reached sometime within the next one hundred years. The most probable result will be a rather sudden and uncontrollable decline in both population and industrial capacity.

Es ist möglich den Wachstumstrend zu ändern und Bedingungen zu schaffen, die eine ökologische und ökonomische Stabilität schafft, die nachhaltig ist und weit in die Zukunft reicht. Der Status eines globalen Equilibrium könnte so bschaffen sein, dass die lebenswichtigsten Mitteln jedem Menschen auf diesem Planeten zur Verfügung stehen und somit jeder Mensch die gleiche Chance bekommt, um sein individuelles Potenzial auszuschöpfen. It is possible to alter these growth trends and to establish a condition of ecological and economic stability that is sustainable far into the future. The state of global equilibrium could be designed so that the basic material needs of each person on earth are satisfied and each person has an equal opportunity to realize his individual human potential.

Interessant ist, dass ich hin und wieder auf Kritiker dieses Vorschlags stoße. Gewiss, es geht hier um eine gewisse Einschränkung, die stärker oder schwächer auf den Einzelnen wirkt. Bin ich ein kleiner Schlurf würde ich die Vorgehensweise begrüßen, immerhin muss ich keine Angst mehr haben, zu verhungern. Wäre ich ein reicher Pinkel würde ich dieses Konzept brüsk ablehnen. Ich will mit meinen Milliarden schließlich tun und lassen können, was ich will. Und wenn ich einem Land die letzten Rohstoffe herausquetsche um Profite zu steigern, ist das nicht Freiheit?

Ja, langsam, aber sicher werden wir in eine Phase kommen, wo wir Freiheit neu definieren müssen. Im Moment ist Freiheit sehr eng mit monetären Gegebenheiten verknüpft. Wer viel Geld hat ist – primär – frei, tun und lassen zu können, was ihm im Kopf herumschwirrt. Diese Verknüpfung wird als gegeben angenommen. Ich stelle sie in Frage. Ich darf das. Ich bin nur ein kleiner Schreiberling mit einer blühenden Phantasie. Und ich denke, Sie sollten auch beginnen, über die Zukunft nachzudenken. Es sei denn, es ist Ihnen herzlich egal, was einmal sein wird. Aber die Zukunft beginnt vielleicht nicht übermorgen, sondern jetzt. Genau jetzt.

(*) Versuchen wir die Absurdidät der gegenwärtigen Finanzspielerei auf den Punkt zu bringen. Nehmen wir an, ein reicher Pinkel findet die Einzahlung dieses Kupferstücks aus dem Jahre 0, fein säuberlich notiert, in der Bibliothek von Jerusalem. Er lässt sich gerichtlich bestätigen, dass seine Vorfahren diese Einzahlung getätigt haben. Er präsentiert nun die Einzahlung der Bank, die über die zwei Jahrtausende zwar oft den Eigentümer gewechselt, aber noch immer ihrer Arbeit nachgeht. Fein. Diese Bank ist dank der Globalisierung mit vielen anderen Banken durch Anteile und Versicherungen verwoben. Der reiche Pinkel pocht nun auf die Auszahlung, die, im Clip wird es ja gesagt, ein Ausmaß annehmen würde, das eigentlich unvorstellbar ist. Oder glauben Sie, dass jemand zig goldene Erdkugeln im Tresor liegen hat? Nun könnte man sagen: ist ja lächerlich. Aber nun geht der reiche Pinkel – er hat ja genug Geld – zu den Medien und diese schreiben in fetten Lettern, dass jemand seine Zinsen nicht ausbezahlt bekommt (sie verschweigen die Größe der Auszahlung!). Der kleine Mann bekommt es mit der Angst zu tun. Sein mühsam zusammengespartes Geld könnte also an Wert verlieren?! Das darf nicht sein. Es wird ein Politikum. Und schwupp muss der Staat die Bank stützen, um Zinsen auszuzahlen. Aber weil der eine Staat es nicht kann, müssen andere Staaten einspringen. Und eh man sich versieht muss die ganze Welt ächzend alles Geld und Gold zusammentragen, um auch nur das Zehntel eines Zehntels eines Zehntels usw. dieses akkumulierten Zinsbetrags auszubezahlen. Der Rest wird – trara – zu einer immensen Schuld. Für alle Staaten. Für alle Bürger. Mit einmal hast du ein paar Billionen Dollar Schulden. Uups.

Wenn Ihnen das jetzt absurd vorkommt, dann haben Sie die das gegenwärtige Finanzsystem durchschaut. Bravo!

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3 Antworten zu “Wirtschaft 2011 oder Warum uns Wachstum nicht den Himmel, sondern die Hölle auf Erden bringen wird

  1. Peter Hellinger Samstag, 23 Juli, 2011 um 14:15

    Mistraurisch, wie ich bin, wenn es um Geld geht, habe ich das 2000-Jahre Beispiel mit einem Zinseszinsrechner durchgerechnet. Es kommt die sagenhafte Zahl von
    23.911.022.046.135.510.000.000.000.000.000.000.000.000,00 Euro
    heraus, bei 5% Verzinsung. Wer selber mit den Zahlen spielen will, hier ein Zinsrechner: http://www.offerio.de/zinseszins-rechner.php

    Im Mittelalter galt ja noch das Zinsverbot: Christen war es verboten Zinsen auf verliehenes Geld zu erheben (mit Bezug auf das Alte Testament). Daher auch der schlechte Ruf der Juden: Die durften das und wurden durch „nichts“ reich – auch weil ihnen durch die christlichen Herren jegliches Handwerk verboten war und ihnen gar nichts anderes übrig blieb als Bankgeschäfte.

    PS: Dirk Müller ist mir schon öfter als jemand aufgefallen, der trotz Engagement in der Finanzwelt erfreulich bodenständig und vernünftig geblieben ist.

    • Richard K. Breuer Samstag, 23 Juli, 2011 um 20:30

      Die Zahl ist aber wirklich hübsch absurd; Peter. Respekt. Und ja, das berühmt berüchtigte Zinsverbot der Christen. Und wenn man noch bedenkt, dass die protestantische Gesinnung einem das Geldvermehren als göttliche Pflicht auferlegte (freilich, da gibt es ja verschiedene Meinungen darüber), nun, dann haben wir hier wieder einen dieser Religions-Cocktails, die für die heutige Misere verantwortlich zu machen sind. Nicht hauptsächlich, aber zu einem großen Teil.

  2. Pingback: Das Problem der Linken? Sie wollen rechts überholen. « richard k. breuer

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