Kredit regiert die Welt oder Warum seriöse Herren von dir Geld fordern.

Bevor ich mich ausschweifenden Gedanken hingebe, ein gedankliches Experiment, das uns auf eine recht absurde Situation aufmerksam machen soll, in der wir, also Sie und ich, gefangen sind – und es nicht einmal recht bemerken. Bereit?

Nehmen wir an, wir sind alle in einem dieser putzigen sozialen Netzwerke im Internet zu Hause. Nennen wir es Zuckerreich. Dort tummeln sich alle und jeder – deine Freunde, deine Verwandten, deine Bekannten, deine Kollegen und jeder andere. Es gibt niemanden, der nicht auf Zuckerreich ist. Es vereinfacht die Kommunikation, es macht Spaß und fädelt hie und da auch Bizness-Geschäfte ein. Alle sind, mehr oder weniger, zufrieden. Natürlich wird das Netzwerk ständig erweitert und mit neuen Features versehen. Im Hintergrund arbeiten viele Leutchen daran, dass das System reibungslos läuft. Aber darüber macht man sich keine rechten Gedanken. Auch keine linken. Man benutzt das System, lebt damit und entscheidet hie und da über neue Programmvorschläge und Erweiterungen. Punkt.

Die Zeit vergeht. Generation um Generation zieht ins Land und durch Zuckerreich. Dann, eines Tages, nach einer durchzechten Nacht mit einer Gruppe kritisch denkender Menschen, entschließt du dich, dein Zuckerreich-Profil zu löschen und dem Netzwerk den Rücken zu kehren. Weil es um echte Menschen gehen soll, sagst du dir. Du willst wieder Briefe schreiben, jemanden ins Angesicht sagen können, dass du ihn hasst oder magst. Das reale Leben spüren. So sehen es auch die Leutchen des gestrigen Besäufnis. Gut. Du klickst also auf einen Delete-Button. Und das war’s. Dein Profil ist gelöscht, das reale Leben kann beginnen.

Eine Stunde später klopft es an der Tür. Du öffnest und ein Herr im mittleren Alter steht davor. Er ist seriös gekleidet und stellt sich als Bevollmächtigter der Zuckerreich-Unternehmung vor. Du bist ein wenig verwirrt, aber denkst dir nichts dabei und bittest den ungebetenen Gast in deine Wohnung. Der seriöse Herr nimmt also auf deiner Couch Platz, öffnet einen schwarzen Aktenkoffer (für die Dramaturgie sehr wesentlich – eine braune Ledertasche würde natürlich auch gehen), holt ein Dokument hervor und schiebt es dir zu.

»Ihre Ausstände betragen mit heutigem Tag EUR 52.199,- Wie möchten Sie bezahlen?«

Du wirst blass. Kurz. Dann schüttelst du den Kopf. Meinst, dass es nur ein Irrtum sein kann. Du hast nämlich brav die monatlichen Gebühren für das System bezahlt. Der seriöse Herr zuckt mit der Schulter. Ja, es ist halt so, dass diese Gebühren bei weitem nicht ausgereicht haben, um die laufenden Kosten und etwaige Neuerungen zu decken. So ein soziales Netzwerk ist ein sehr aufwändige Sache. Schließlich profitieren alle von einem sicheren und ohne Probleme ablaufenden System. Immerhin hätte schon dein Vater die Vorzüge von Zuckerreich zu nutzen gewusst. Und wer weiß, lächelt der seriöse Herr, wo wir heute stünden, hätte man nicht in das System investiert. Ja, und diese Investitionen konnten nur durch Aufnahme von Krediten möglich gemacht werden. Der Betrag von rund EUR 52.000,- ist somit der Anteil, der auf jeden zahlenden Teilnehmer des Netzwerkes entfällt – und da du jetzt aus Zuckerreich aussteigen möchtest – schließlich leben wir ja in einem freien System – bittet dich der seriöse Herr um Begleichung deiner Schulden.

Moment!, hüstelst du, diese Schulden seien nicht »die deinigen«, jedenfalls könntest du dich nicht erinnern, jemals etwas unterschrieben oder der Schuldenaufnahme zugestimmt zu haben. Der seriöse Herr zieht ein weiteres Dokument aus seinem Aktenkoffer und reicht es dir. Es ist die offizielle Vereinbarung zwischen den Teilnehmern des Netzwerkes und der Zuckerreich-Unternehmung. Darin ist festgehalten, dass jeder Teilnehmer verpflichtet ist, das Passiva des Netzwerks mit seinem persönlichen Aktiva  bzw. seiner gegenwärtigen und zukünftigen Arbeitsleistung anteilig zu begleichen.

Dir bleibt natürlich der Mund offen. Weil du vielleicht hie und da etwas angeklickt hast, aber unterschrieben hast du bestimmt nichts und gefragt hat dich auch niemand. Irgendwer in der Unternehmung hat scheinbar beschlossen, dass nicht die monatlichen Gebühren erhöht werden sollen, sondern Schulden gemacht werden müssten. Natürlich weigerst du dich, zu bezahlen. Du hättest das Geld auch gar nicht. Vor einem Monat hast du einen neuen Job angenommen. Gerade einmal 20 Stunden arbeitest du jetzt in der Woche und beschäftigst dich mit den öffentlichen Parkanlagen in deiner Stadt. Es macht dir Freude, sie zu gestalten und allerlei Aktivitäten für die Anwohner zu organisieren. Erst letzten Sonntag hast du ein multikulturelles Fest mit Tanz und Musik und Essen veranstaltet. Es war ein gutes Gefühl, zu sehen, wie sich all diese Menschen aus unterschiedlichen Kulturen nähergekommen sind. Ja, es bräuchte mehr solcher Events, denkst du.

Der seriöse Herr hat für deine finanzielle Situation natürlich Verständnis, droht aber leise mit gerichtlicher Klage. Bevor du säuerlich reagierst, macht er den Vorschlag, doch den Betrag in Raten abzuzahlen. Dummerweise ist die Rate aber doch recht hoch. Mit deinem momentanen Gehalt würdest du nicht über die Runden kommen. Unmöglich. Der seriöse Herr nickt und offeriert dir einen Job in der Unternehmung. 42 Stunden die Woche, hin und wieder auch Wochenend-Dienste. Überstunden werden nicht bezahlt. Aber es ist ein seriöser Job. Sagt der seriöse Herr. Ansonsten, wenn du nicht den Job annimmst, würde morgen der Gerichtsvollzieher kommen und alle Gegenstände, die einen Wert hätten, pfänden. Darüber hinaus würde dein Leben unter einer ständigen Kontrolle stehen, etwaige Ausgaben könnten untersagt und persönliche Beziehungen müssten überprüft werden. Ja, dein Leben wäre von nun an fremdbestimmt. Von seriösen Herren.

***

Die kleine Parabel endet hier. Ich hoffe, Sie öffnet Ihnen die Augen. Man ersetze das soziale Netzwerk bzw. »Zuckerreich« mit Österreich (oder Griechenland oder Deutschland oder USA) und schon sieht die Sache ziemlich unangenehm aus. Bis dato habe ich mir um die Staatsverschuldung keinen schweren Kopf gemacht. Niemand hat das. Die Probleme gab es immer nur in anderen Ländern, zumeist auf anderen Kontinenten. Dort wurden die Regierungen von seriösen Herren unter Druck gesetzt und Zugeständnisse abgepresst. Dass die westliche Welt lange Zeit äußerst günstig Rohstoffe beschaffen und auf einen sehr sehr liberalen Arbeitsmarkt hoffe konnte, kommt nicht von ungefähr.

Und nun sind die seriösen Herren auch auf dem europäischen Kontinent gelandet (abgesehen von Island, das nur bedingt als Blaupause herhalten kann). Sie versuchen mit Griechenland einen Präzedenzfall zu schaffen. Plötzlich können Politiker (dahinter stehen freilich Bankiers und Investoren) lautstark poltern, dass das griechische Volk über seine Verhältnisse gelebt hat und es nun die Rechnung dafür bekommen müsse. Aha. Es soll gezwungen werden, ihr Familiensilber zu verhökern – freilich um billig Geld (die Käufer sind Bankiers und Investoren). Griechenland soll wettbewerbsfähig gemacht werden. Wie das gehen soll, weiß niemand. Das ist auch gar nicht von Bedeutung. Es geht um Einfluss! Weitere Kredite werden gewährt (wieder Bankiers und Investoren), wenn sich die Regierung angepasst gibt und sich den Wünschen der seriösen Herren beugt. Ist Griechenland »gerettet«, widmen sich die seriösen Herren dem nächsten bankrotten Staat. Derer gibt es viele. Und de facto ist jedes Land auf diesem Planeten eigentlich bankrott – es ist nur eine Frage der Kreditwürdigkeit. Würde man den USA oder Deutschland oder Österreich keinen Kredit mehr am Kapitalmarkt gewähren (analog den Griechen), würde es zu einer ähnlichen Situationen wie in Griechenland kommen.

Wer meint, meine Ausführung wäre überzeichnet, nun, der solle sich mal die ARD TV-Diskussion bei Maischberger von Mitte Mai 2011 angucken: »Geld in Gefahr? Erst Eurobetrug, jetzt Inflation?« Mediathek – Bundestagsabgeordneter Steffel von der XYZ-Partei (tut ja nichts zur Sache) ist das Paradebeispiel eines PR-Sprechers für die seriösen Herren. Hier ein paar seiner Zitate aus der Sendung, damit wir wissen, wie das Seriöse klingt:

»Jetzt kommt der endgültige Rettungsschirm, der ab 2013 greift und dieser Rettungsschirm soll Einstimmigkeitsprinzip haben, da wird noch gerungen um den Parlamentsvorbehalt, eine ganz schwierige Frage, alle Parlamente in Europa müssen dann mitentscheiden und es geht um die Frage, wie viele Eingriffsrechte gibt es, welche Möglichkeiten haben wir, dann die Länder auch zu zwingen, bestimmte Dinge zu tun […]«

[37:35] »Weil Wolfgang Schäuble ein kluger Mann ist, über so etwas redet man nicht, wenn, dann muss man es tun.«

[47:10] »Wenn 20 Jahre nichts gemacht wurde, dann muss doch mal Druck in den Kessel, das ist doch klar.«

[ 45:39] »Natürlich muss man auch seine Vermögenswerte aktivieren, insbesondere da, wo es nicht um staatliche Kernaufgaben geht. In Griechenland scheint hier vieles im Argen zu liegen. […] Erstens muss Griechenland seine Hausaufgaben machen, das ist brutal und schmerzhaft, weil sich Menschen daran gewöhnt haben und wir es ihnen jetzt wegnehmen. Das sind aber Dinge, die offensichtlich nicht mehr funktionieren. Das Land muss restrukturiert werden, das hat auch etwas mit Privatisierung zu tun und der dritte und entscheidende Punkt, wie wird Griechenland wettbewerbsfähig, wie schafft es Griechenland eine Industrie aufzubauen, mit Gyros und Schafskäse, bei aller Wertschätzung, und mit ein bisschen Tourismus wird das nicht gelingen und das sind die Aufgaben, und dafür brauchen wir Zeit […]«

***

Und? Was sagen Sie? Mich stimmt es bedenklich. Weil man Griechenland zum Beispiel durch Österreich oder Niederlande ohne Probleme ersetzen könnte. Dann müsste man nur noch die Platzhalter Gyros und Schafskäse durch Klischee-Vokabeln ersetzen (wie wäre es mit: Mozartkugeln und Lederhosen) und schon dürfen wir Ösis uns den Vorschlägen der seriösen Herren beugen. Wenn Sie jetzt meinen, hoppla, das klingt wirklich nicht gut, dann sind Sie am richtigen Weg.

Diesbezüglich schadet es nicht, die Design-Diplomarbeit von Max von Bock anzugucken, mit dem klingenden Titel Wie funktioniert Geld. Hübsch gefräßige Außerirdische gibt’s auch. Die Doku ist spaßig. Wirklich. Natürlich mit einem wahren Kern. Aber das wissen Sie natürlich.

***

Zu guter Letzt sei die Anmerkung noch erlaubt, dass dieses ungeheure Passiva einem gleich hohen Aktiva gegenübersteht. Mit anderen Worten, wenn es scheinbar höchst absurd ist, dass die USA eine Gesamtschuldenlast (also Haushalte und  Firmen und Länder und Gemeinden und Staat usw.) von rund 55 Billionen US-Dollar aufweist, dann ist es auch noch absurder, dass es Institutionen und Investoren gegeben haben muss, die diese Summe verleihen konnten. Ja, 55.000 Milliarden sind eine recht obszöne Summe. Würde man die gesamten Schulden dieses Planeten aufaddieren, ich befürchte, die Zahl würde einem um den Verstand bringen. Hm. Vielleicht ist das genau der Plan.

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5 Kommentare zu „Kredit regiert die Welt oder Warum seriöse Herren von dir Geld fordern.“

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