richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Wikipedia und der Ruf nach einer strengen Polizei für die Bücher, anno 2011

Beware of the Donkey - (c) Amaury Henderick / flickr

Beware of the Donkey – (c) Amaury Henderick / flickr

update: Jim Fetzer und seine Erfahrungen mit Wikipedia: link

Vor drei Jahren legte ich mich mit den »Enzyklopaedien-Nazis«(c) Sascha Pallenberg an. Heute gibt es eine angeregte Diskussion in Google+, ob die deutsche Wikipedia-Seite »ein nahezu totalitäres System ist, welches von ein paar hundert Zivilversagern mit erbarmungslosen Mouseclicks geführt und bestimmt wird«.  Auslöser ist ein Artikel in der SZ, dass der Wikipedia die »26-jährigen Streber«, vulgo Autoren ausgehen.

Die Idee einer offenen demokratisch geführten Enzyklopädie ist freilich eine gute. Keine Frage. Aber eine gute Idee heißt nicht, dass sie auch gut umsetzbar ist. Eine Religion, die dazu aufruft, deinen Nächsten zu lieben und ihn nicht zu töten, ist ebenfalls eine gute Idee. Dummerweise führt es aber in der Praxis zu einem sonderbar gegenteiligen Effekt, wenn es nur gute Gründe gibt. Und Interpretationsspielraum gibt es immer. Sie wissen, worauf ich hinaus will, oder?

Es ist wie in George Orwells »Farm der Tiere«, wo zu Beginn der Neuordnung alle Tiere gleich sind. Tage später steht auf einem Schild geschrieben »Alle Tiere sind gleich, manche Tiere sind gleicher!«. Ja, so funktioniert ein totalitäres System. Es erklärt den anderen, dass eine Führung notwendig ist, um Ordnung in das Chaos zu bringen. Aber schon Michael Moorcock wusste in seinen Fantasy-Epen zu erzählen, dass zu viel Ordnung genauso negativ sei, wie zu viel Chaos. Seine Eternal Champions trachteten danach die Balance zwischen den beiden herzustellen. Das stieß den Ordnungshütern genauso säuerlich auf wie den chaotischen Heerscharen. Ja, so ein Eternal Champion hatte es nicht leicht – und wurde zumeist von beiden Seiten zerrieben.

Und weil wir gerade dabei sind, von Zensur zu sprechen – machen wir uns nichts vor, wenn ein Redakteur den Beitrag eines Autors in Wikipedia aus Relevanzgründen löscht, dann ist es Zensur. Und wenn man diese Löschung noch so sehr zu begründen versucht, nennen wir den Teufel beim Namen. Dafür blättere ich in Tiret. Am 13.Dezember 1786 schreibt König Ludwig XVI. an seinen Minister Malesherbes, der für die königliche Zensur zuständig war, einen Brief:

»Ich liebe und achte die Menschen, mein lieber Malesherbes, die durch nützliche Werke zeigen, daß sie einen weisen Gebrauch von ihren Geistesgaben machen; aber ich werde nie durch irgendeine private Wohltat Erzeugnisse fördern, die zur allgemeinen Entsittlichung führen müssen. Voltaire, Rousseau, Diderot und ihresgleichen, denen für einen Augenblick meine Bewunderung galt, die ich auch seitdem zu würdigen wußte, haben die Jugend verdorben, die im Rausche liest, und haben die zahlreichste Klasse Menschen verdorben, die ohne Überlegung liest. Ohne Zweifel, mein lieber Malesherbes, erweitert die Freiheit der Presse den Kreis der menschlichen Kenntnisse; ohne Zweifel ist es wünschenswert, daß die Schriftsteller ohne Zustimmung irgendeiner Zensur ihre Gedanken äußern können; aber die Menschen gehen immer dermaßen über den Punkt hinaus, an dem die Weisheit ihnen Halt gebieten müßte, daß es nicht nur einer strengen Polizei für die Bücher bedarf, sondern einer rührigen Überwachung der Personen, die das Amt haben, sie zu prüfen, damit die schlechten Bücher möglichst wenig Verbreitung finden. Ich weiß es, jede Inquisition ist gehässig, aber die Zügellosigkeit muß in Schranken gehalten werden, denn ohne dieses Mittel würden Religion und Sitte bald ihre Macht und die königliche Gewalt den Respekt verlieren, der immer in ihrer Begleitung sein muß. Unsre modernen Philosophen haben die Wohltaten der Freiheit nur darum übertrieben, um die Saat der Empörung geschickter in die Geister zu werfen. Nehmen wir uns in acht, vielleicht kommt der Tag, wo wir uns eine etwas zu große Nachsicht gegen die Philosophen und ihre Meinungen werden zum Vorwurf machen müssen. Ich fürchte, daß sie die Jugend verderben und daß sie für diese Generation, die sie in Schutz nimmt, viele Verwirrungen und Unruhen in Bereitschaft haben. Die Vorstellungen der Geistlichkeit sind zum Teil gegründet; ich muß ihrer Voraussicht Beifall zollen. Sie haben in meinem Namen in der Versammlung der Geistlichkeit zugesagt, die schlechten, die gottlosen Bücher zu verfolgen. Wir werden unsere Versprechen halten, weil die zu verwegene Philosophie des Jahrhunderts einen Hintergedanken hat, weil sie die Jugend verdirbt und geeignet ist, alle Ordnung zu stören und in alles Zwiespalt zu tragen.«

*

Demgegenüber Graf Mirabeau
in einem Brief vom 22. Oktober 1788 an Mauvillon

»Im ganzen vergessen wir Menschen zu sehr, dass kein Mensch, darf man sagen, kein Werk völlig verderbt ist. Wir sind eine seltsame Mischung aus dem himmlischen Geist Gottes, der eine unvollkommene und rebellische Materie beseelt. Daher sollten wir niemals weder zu sehr bewundern noch zu sehr verachten. Und noch weniger sollten wir verzweifeln oder hassen. Drei Wege sollen uns zu einer unwandelbaren Nachsicht führen: das Bewusstsein unsrer eigenen Schwächen; die Vorsicht, die sich fürchtet, ungerecht zu sein, und die Lust, etwas Rechtes zu vollbringen, die, da sie die Menschen so wenig wie die Dinge umschmelzen kann, suchen muss, alles, was ist, wie es ist, zunutze zu machen. […] Es gilt, die schlechten Taten zu unterdrücken, aber die schlechten Ansichten und vor allem das schlechte Denken zu dulden. Der Fromme und der Atheist, der Ökonomist und auch der Reglementierer dienen dem Aufbau und der Lenkung der Welt und sollen den Köpfen, die mit rechtschaffenem Ehrgeiz begabt sind, dazu dienen, soviel es unsre Schwäche vermag, zum Wohlergehen des Menschengeschlechts beizutragen. Dulden wir also die Schriftsteller aller Art: sie appellieren an die Vernunft, sehr gut; wir werden vernünftig zu ihnen reden; sie rufen die Freiheit an, noch besser; wir werden ihnen sagen, dass die Freiheit des Denkens, des Schreibens, vor allem des unschuldigen Tuns, die Freiheit der Arbeit und des Handels die Seele der Politik bilden. […] Kurz: Schlecht ist was schadet, gut ist, was nützt.«

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2 Antworten zu “Wikipedia und der Ruf nach einer strengen Polizei für die Bücher, anno 2011

  1. Jo Dienstag, 9 August, 2011 um 10:44

    Mit diesem Artikel tue ich mich etwas schwer, denn er ist genau so offen, wie er eigentlich sein soll und letztendlich läuft es auf die Frage hinaus, wer eigentlich bestimmt, was gut oder böse ist. Was noch geduldet werden kann und was nicht. Irgendjemand muss am Ende eine Entscheidung treffen.

    George Orwells »Farm der Tiere« ist ein hervorragendes Beispiel dafür, denn zu Beginn hatten alle Tiere dieselbe Ausgangssituation. Die Splittung in Herrscher und Beherrschte geschah freiwillig und hier liegt der Hase in der Sülze. Ein totalitäres System funktioniert nur solange, wie es die Individuen dulden. Gut, das ist nun sehr oberflächlich, aber ich hoffe, es wird deutlich, was ich meine.

    • Richard K. Breuer Dienstag, 9 August, 2011 um 11:43

      Yep. Irgendjemand muss am Ende eine Entscheidung treffen. Jeder einzelne muss eine Entscheidung treffen. Aber wenn einem nicht alle Fakten zugänglich gemacht werden, wenn Informationen „manipuliert“ und Wahrheit (was auch immer Wahrheit ist) gedehnt und gezerrt wird, dann mag sich der Einzelne schwer tun, zu einer Entscheidung zu kommen, die „richtig“ ist.

      Ich meine aber, dass es erlaubt sein sollte, jedes Thema anzusprechen und zu diskutieren und nicht als „irrelevant“ unter den Teppich zu kehren.

      „Die Splittung in Herrscher und Beherrschte geschah freiwillig“, also, so einfach ist das natürlich nicht, aber ich weiß, worauf du hinaus willst 🙂

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