richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Unruhen in London – Chefredakteure, die Merkeln – ein Löschantrag für „Zeuge der Finanzkriminalität“ und die Frage, was hat das mit mir zu tun?

Mattscheibe

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Ehrlich. Die Zeit läuft ab. Nicht unbedingt jene der Welt. Die wird sich auch noch drehen, wenn diese seltsame Spezies wieder dort angelangt ist, wo sie ihren Anfang nahm: in einer unbedeutenden Anhäufung von Zellen, die sich verbinden. Als die Chose vor hunderten von Millionen Jahren los ging, hätte sich wohl keiner gedacht, dass mal ein Kerl darüber bloggen würde. Okay. Kommen wir zum Punkt. Der ist ein wenig schwammig, wie Sie aus dem Titel entnehmen können. Sprunghaft, könnte man sagen. Aber so ist das, wenn man sich mit einem Thema kurzzeitig beschäftigt und dann bemerkt, dass andere da irgendwie auch von Bedeutung sind, wenn man die Zusammenhänge verstehen möchte. Ja, ehe man sich versieht, wuchert einem eine undurchdringliche Dornenhecke an offiziellen und manipulierten und unter den Tisch gekehrten Fakten, sowie die daraus fußenden Vermutungen und Meinungen entgegen. Freilich, jeder kann, darf und soll sich heute ein BILD (sic!) machen. Falls einem nicht die interessantesten Informationen vor der Nase weggelöscht werden.

Der youtube-Clip Zeuge der Finanzkriminalität mit dem Journalisten Dr. Schumann wurde ratzeputz aus dem Verkehr gezogen. Grund: Urheberrechtsverletzung – eingebracht von der Teudschen Fermögensperatungs AG – laut deren Webseite eine der größten eigenständigen Vinanzfertriebe mit 37.000 Fermögensberatern. Ich schätze, da dürften einige Perater Zeit und Muße haben, das Internetz nach Urheberrechtsverletzungen zu durchforsten – ich hoffe, die Satire ist angekommen. Dass der Inhalt des Clips vermutlich kritische Töne gegen die Finanzindustrie gesungen hätte, nun, das ist freilich irrelevant, nicht? Und wenn Sie noch immer denken, diese ganze Internetz-Urheberrechts-Debatte hätte mit Beatles- und Rolling Stones- und Justin Bieber-Songs oder mit armen brotlosen Musikern und Schriftstellern zu tun, äh, ja, dann würde ich sagen, schlafen Sie bitte weiter und stören Sie nicht meine Kreise.

Ich bin leider ein wenig in Eile, deshalb kann ich die folgenden Ausschnitte nur anreißen. Sie sollten aber durchaus brauchbar sein, wenn man sein gemachtes Bild überprüfen möchte. Wichtig dabei ist, dass Medien eine Agenda haben und ihre Rolle spielen. Immer. Hierzu höre man sich das Interview von Dr. Harald Schumann an, der über die innere Zensur in den Redaktionsstuben auch etablierter Zeitungen und Magazinen spricht. Der SPIEGEL kommt da zum Beispiel auch nicht gerade gut weg.

Weiters zitiere ich lang und breit Jakob Augstein, der in seinem Blatt Der Freitag, über ein Treffen der Chefredakteure bei Frau Merkel schreibt. Gut möglich, dass Frau Merkel nur Kochrezepte tauschen wollte. Who knows?

Jakob Augstein/Beitrag Wozu noch Journalismus: »Ein paar Monate zuvor, am 8. Oktober 2008, hatte es ein sonderbares Treffen gegeben, das in diesem Zusammenhang Erwähnung finden soll. Die Bundeskanzlerin hatte an jenem Tag die bedeutenden Chefredakteure der bedeutenden Medien eingeladen. Es war die Zeit, in die der Ausbruch der großen Finanzkrise fiel. Man findet keinen ausführlichen Bericht über dieses Treffen, der veröffentlicht worden wäre und überhaupt nur wenige Erwähnungen in den Archiven, nur hin und wieder einen Nebensatz, eine knappe Bemerkung. An einer Stelle liest man in dürren Worten, worum es an diesem Abend im Kanzleramt ging: Merkel bat die Journalisten, zurückhaltend über die Krise zu berichten und keine Panik zu schüren. // Sie haben sich daran gehalten, die Chefredakteure. Noch im Februar 2009, vier Monate später, wunderte sich die taz über die Medien: „Sie halten die Bürger bei Laune, auf dass diese stillhalten. Wie viel Geld bereits in die Banken gepumpt wurde, wie viele Milliarden Bürgschaftszusagen vergeben wurden (und wie viele Hartz-IV-Monats“löhne“ das sind), das steht auch nicht in der Zeitung. Die Süddeutsche (vom 15. 1.) beispielsweise versteckt die Mitteilung, dass die Hypo Real Estate zum vierten Mal in vier Monaten Milliarden Bargeld und Bürgschaften braucht, unter der Überschrift „Wenn Steinbrück an die Tür klopft“. Die BILD-Zeitung übrigens bekam sogar einen Preis dafür, dass sie so „verantwortungsvoll“ berichtet habe. Einen Preis, der von Journalisten verliehen wurde.«

Dazupassend, die Propaganda der Politiker und Medien in Deutschland: Artikel

Tim O’Reilly, Verleger und Unternehmer, postet in google+ über die Unruhen in UK: »While the London riots aren’t directly connected to the Tea Party holding the US government budget process hostage, and the subsequent stock market meltdown, the sequence of events can’t help but make me think of the lead-up to the French Revolution. A lot of people don’t seem to understand how things can spin out of control. We’re headed into some difficult times – even if the markets recover, and the real economy eventually follows – it’s pretty clear that much of our modern „growth economy“ can’t continue forever.  We need cool heads to prevail if we’re going to find our way to a better future without a lot more pain and violence.«

Gut. Wer etwas über die Französische Revolution und ihren Beginn wissen möchte, sollte Tiret lesen, da steht alles drin. Aber um Ihnen eine weitere Ausgabe zu ersparen, kann ich sagen, dass wir noch weit von einer Revolution entfernt sind. Dahingehend fehlt es an der Führung. Vielleicht kommt sie noch. Im Moment sieht es aber damit zappenduster aus. Was natürlich auch damit zu tun hat, weil die Medien auf Seiten der Elitisten sind – im Gegensatz von 1789. Wobei, eigentlich gibt es doch wieder eine Parallele. Weil die veröffentlichten Broschüren – Vorläufer der Zeitung – der königlichen Zensur unterworfen waren. Aber unter der Hand gab es einen regen Austausch.

Wer sich ansehen möchte, wie sich Reichtum und Armut im Moloch London verteilt, ist hier richtig: Poverty Profile oder blättert im OECD-Bericht 2010: »Children from poor families in Britain have a greater chance of struggling on low incomes than their counterparts in the west’s other rich countries.«

Passend die Innenansichten von Hal Austin, eines zugewanderten Barbadier, der in London lebt und ein führender Journalist und Sprecher (social commentator) der Schwarzen Community ist.  Er zeichnet ein interessantes Bild der gegenwärtigen trostlosen Zustände in den Londoner Außenbezirken, die durchaus an jene in Paris erinnern und vor Jahren ebenfalls zu Ausschreitungen geführt haben: link

Faszinierend, dass ein Blog-Beitrag eines MSNBC Korrespondenten ziemlich deutlich macht, dass die Chose soziale Aspekte hat – während der TV-Clip das übliche Blabla von gewaltbereiten Hoodies wiederkäut. link  »As political and social protests grip the Middle East, are growing in Europe and a riot exploded in north London this weekend, here’s a sad truth, expressed by a Londoner when asked by a television reporter: Is rioting the correct way to express your discontent? „Yes,“ said the young man. „You wouldn’t be talking to me now if we didn’t riot, would you?“ ‘

Ein wenig einfacher bringt es folgender Artikel auf den Punkt: »Images of burning buildings, cars aflame and stripped-out shops may provide spectacular fodder for a restless media, ever hungry for new stories and fresh groups to demonise, but we will understand nothing of these events if we ignore the history and the context in which they occur.«

Freilich, Politiker und deren Medienapparate werden solche Unruhen immer unpolitisch zu erklären versuchen. Das ist deren Job. Und auch wenn es nur „200 angereiste Hooligans“ wären, die in London für Krawall sorgen, so sollte der kritische Bürger dieses Medienecho zum Anlass nehmen, um für mehr soziale Gerechtigkeit einzutreten und nicht für mehr Polizei oder Überwachung oder strengere Gesetze. So. Mehr kann ich jetzt leider nicht mehr schreiben. Ist sowieso schon wieder viel zu viel. Ich würde sagen: Machen Sie sich ein Bild. Aber das richtige, bitteschön. Danke.

*

P.S.: falls Sie noch immer kein klares Bild der gegenwärtigen Zustände haben, okay, dann würde ich sagen, lesen Sie diesen fulminanten Artikel im TAGESANZEIGER und ich bin sicher, ich kann auf Sie zählen.

Charles Moore ist Konservativer bis in die Knochen. Er war 20 Jahre lang Chefredakteur strenger und konservativer Zeitungen, zuletzt des «Telegraph». Er konvertierte zum Katholizismus, ist ein beliebter Gast des Papstes und der offizielle Biograf von Margaret Thatcher. Vorletzte Woche schrieb Moore eine Kolumne, die sein ganzes Leben in Frage stellt. Ihr Titel lautet: «Ich fange an zu denken, dass die Linke vielleicht doch Recht hat». Moore schreibt: «Ich habe mehr als 30 Jahre gebraucht, um mir diese Frage zu stellen. Aber heute muss ich es tun: Hat die Linke doch Recht?» Und fährt fort: «Die Reichen werden reicher, aber die Löhne sinken. Die Freiheit, die dadurch entsteht, ist allein ihre Freiheit. Fast alle arbeiten heute härter, leben unsicherer, damit wenige im Reichtum schwimmen. Die Demokratie, die den Leuten dienen sollte, füllt die Taschen von Bankern, Zeitungsbaronen und anderen Milliardären.»

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4 Antworten zu “Unruhen in London – Chefredakteure, die Merkeln – ein Löschantrag für „Zeuge der Finanzkriminalität“ und die Frage, was hat das mit mir zu tun?

  1. Petra Mittwoch, 10 August, 2011 um 10:32

    In „Im Durcheinanderland der Liebe“ von Francois Lelord wird der junge Inuit von pariser Industriellen gefragt, wie in ihrer Gesellschaft die „Beute“ aufgeteilt wird – ob der beste Jäger auch das größte Stück bekäme. Ulik antwortet, dass jeder ungefähr gleich viel bekäme, je nachdem wieviele Kinder die anderen Jäger zu versorgen hätten. Nur wenn es ausreichend Nahrung gäbe, würde sich der beste Jäger mehr nehmen. Die Pariser amüsiert diese archaische Gesellschaftsordnung und man fragt nach, warum das so gehalten wird.
    Ulik meint, wenn der beste Jäger deutlich mehr hätte als die anderen, würde keiner mehr mit ihm auf die Jagd gehen wollen. Hass würde entstehen – und der Stamm, die Gemeinschaft wäre kein „Stamm“ mehr.

    Es ist so einfach, nicht wahr? Für uns unerreichbar, scheint’s.
    lg Petra

  2. Petra Mittwoch, 10 August, 2011 um 10:35

    Ups. Sollte heißen „Im Durcheinanderland der Liebe“ von Francois Lelord.

    • Richard K. Breuer Mittwoch, 10 August, 2011 um 10:52

      Yep. So einfach und doch unerreichbar. Den Titel habe ich ausgebessert. So eine ähnliche Analogie bringt auch Prof. Bernard Lietaer in der 3SAT Doku „Der Schein trügt“ – hier sein Conclusio:
      „Von allen uns bekannten Mitteln, eine traditionelle Gemeinschaft zu zerstören, Religion, Gewalt, was auch immer, das sicherste Mittel ist Geld.“

  3. Pingback: 9/11 – von Terroristen und Hexenmeister im Club der Inquisition2.0 « richard k. breuer

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