richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

kleine und große Konspirationen oder Nur ein System

Durch eine Verkühlung konnte ich die letzten Tage leiser treten und Filme sehen, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Allen voran der Polit-Thriller Z – Anatomie eines politischen Mordes (imdb) von Costa-Gavras und Jorge Semprún aus dem Jahre 1969. Der Film beschäftigt sich mit Griechenland der 1960er (obwohl im Film das Land nicht genannt wird) und dem von oben bestellten Mord an einem populären Parteivorsitzenden der linken Fraktion. Ein Staatsanwalt, der mit dem bedauerlichen Unfall betraut wird, bemerkt die Ungereimtheiten, beginnt zu recherchieren und deckt alsbald eine Verschwörung auf, die in die höchsten Polizei- und Militärkreise reichen – was aber nicht heißt, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden  – die letzten Minuten des Filmes führen eindrücklich vor Augen, wie sich der Prozess und alles Weitere gestaltet(e).

Man muss sich den Film auf der Zunge zergehen lassen – ein herrliches, wahres Stück konspirativer Politik. Dabei ist die Konspiration kein Meisterwerk subtil geplanter  Aktionen. Die Strippenzieher agieren vielmehr brutal, kaschieren ihre Lügen durch offizielle Pressemitteilungen, lassen Zeugen bedrohen, bezahlen, erpressen oder beschmutzen bzw. erfinden Zeugen, die mit einstudierten Aussagen Alibis von mutmaßlichen Tätern herstellen. Am Ende läuft es für einen Außenstehenden immer nur auf eine Frage hinaus: Wem vertraue ich mehr?

Dass die Vorkommnisse nicht aus der Luft gegriffen sind, sondern auf historische Ereignisse beruhen, sollte einen schon zu denken geben. Und wer es nicht weiß, der sollte sich klar werden, dass im Griechenland des Jahres 1967 Generäle und Militaristen einen Putsch unternahmen, um den sehr wahrscheinlichen (demokratischen) Wahlsieg der Vereinigung der Demokratischen Linken EDA zu verhindern. Ja, in Zeiten des Kalten Krieges konnte ein westeuropäisches Land nicht kommunistisch werden. Unmöglich.

Das hat mich zu der Erkenntnis gebracht, dass es nicht die Menschen sind, die gut oder böse per se sind, sondern vielmehr, dass es das System ist, das ihnen keine andere Wahl lässt. Analog eines Organismus und seinen Zellen. Die Generäle und Polizeibehörden lebten sich lange Zeit gut in einem rechten Staatsgebilde, das ihnen viele Freiheiten erlaubte und das von ihnen die Pflicht abverlangte, linke Subjekte zu drangsalieren. Eine neue linke Regierung hätte womöglich diese Vorkommnisse untersuchen lassen – den Generälen und Polizeiobersten blieb somit keine andere Wahl, diesen demokratischen Wandel zu verhindern, wollten sie weiterhin an der Macht bleiben und nicht vor Gericht gestellt werden. Deshalb, egal welche demokratischen Veränderungen wir als Bürger im Sinne haben, würden wir das bestehende System gefährden, würde es sich zur Wehr setzen. Brutal und ohne Pardon.

Ich will es damit vorerst einmal bewenden lassen.

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11 Antworten zu “kleine und große Konspirationen oder Nur ein System

  1. DedalusRoot Dienstag, 1 November, 2011 um 13:44

    Oh… da ist er mir mal wieder zuvor gekommen. „Z“ ist als Film unglaublich schwer zu beschaffen, so dass ich noch nicht in den Genuss des Films gekommen bin…
    Allerdings habe ich mir vor einiger Zeit den Roman von Vassilis Vassilikos besorgt, auf dem der Film basiert.

    So schockierend die Geschichte als Fiktion ist, richtig beängstigend wird sie erst durch die Tatsache, dass der Mord an Grigoris Lambrakis (der realen Vorlage für Z) tatsächlich genau so stattgefunden hat und vertuscht wurde, wie dies im Roman beschrieben wird…

    • Richard K. Breuer Dienstag, 1 November, 2011 um 15:54

      Aha. Hab zuvor gesehen, dass der Film auf ein Buch basiert. Respekt. Yep. bit.ly/s111Z0 Ja, ist ein Jammer, dass man den Film so schwer bekommt; ich hatte eine VHS Cassette bekommen, lange Geschichte, derweil wäre es ziemlich wichtig, so einen Film in die weite Welt zu verteilen. Wäre ich nicht freiberuflicher Autor, würde ich doch glatt einen link hier hereinsetzen, weil es ja irgendwo da draußen sicherlich im Netz eine Kopie zum Angucken geben müsste. Seltsam, dass sich manche Bürger vor Urheberrechtsverletzungen mehr in die Hose Scheißen als einem zukünftigen totalitären Regime. Ja, die Zeiten haben sich geändert. Heutzutage muss ein Establishment ihre Bürger nicht mehr mit dem Tod bedrohen, es reicht schon schlechtes Wetter. Und wenn ich so aus dem Fenster blicke, sieht es ziemlich nebelig aus. Ja, ja.

  2. Heinrich Mittwoch, 2 November, 2011 um 22:26

    Lieber Richard,
    danke für den Film-Tipp, ich hatte ihn in meinem DVD-Archiv und noch gar nicht geschaut. Ich habe also nicht nur einen SuB, sondern auch einen SuF. 😉
    Ihre Erkenntnis über das System, dass die Menschen erst in Gut und Böse einteilt, macht deutlich, wie unendlich schwer es ist, ein sattes System „auszuhungern“.

    Gruß Heinrich

  3. Eveline Hendekli Mittwoch, 2 November, 2011 um 23:30

    ich kann nur zustimmen: tolles buch, toller film!
    dass die geschichte speziell in griechenland noch viel komplizierter ist, zeigt sich wenn man die ereignisse weiter verfolgt: der infolge der affäre zurückgetretene rechte regierungschef konstantin karamanlis verlor die darauffolgende wahl und ging nach paris ins exil. dort blieb er auch während die militärjunta an der macht war. nach dem ende der diktatur kehrte er vielbejubelt nach griechenland zurück, ließ sämtliche junta-offiziere verhaften, legalisierte die kommunistische partei, organisierte freie wahlen, wurde zweimal hintereinander zum premierminister und schließlich 1980 vom griechischen parlament zum staatspräsidenten gewählt.

    der zentristische ministerpräsident georgios papandreou – ein überzeugter antikommunist -, der die wahlen von 1964 gegen ihn gewonnen hatte, konnte sich u. a. aufgrund des vorwurfs von vetternwirtschaft (er hatte seinen sohn andreas – ursprünglich trozkist, später us wirtschaftsprofessor und auch -staatsbürger als stellvertreter in die regierung genommen) nur bis 1965 an der regierung halten. von der militärregierung wurde hausarrest über ihn verhängt, wo er 1968 verstarb. sein sohn (und vater des derzeitigen ministerpräsidenten) ging ins schwedische und kanadische exil, war aktivist gegen das militärregime und wandelte sich schließlich wieder zum antiamerikaner und sozialisten. 1974 nach griechenland zurückgekehrt, gründete er die sozialistische partei, mit der er 1981 zum ministerpräsidenten gewählt wurde.

    1985 machte er christos sartzetakis, der als untersuchungsrichter 1963 das mordkomplott im fall lambrakis aufgedeckt hatte, zum griechischen staatspräsidenten. diesem folgte 1990 wieder konstantin karamanlis im amt nach.

    mikis theodorakis gründete 1963 die linksgerichtete lambrakis-jugend. die militärregierung nahm in gefangen, auf internationalen druck hin wurde er 1970 nach frankreich ins exil entlassen. 1974 nach griechenland zurückgekehrt, kämpfte er für die vereinigung der linken kräfte und wurde von der kommunistischen partei als kandidat für die bürgermeisterwahl von athen aufgestellt. 1981 wurde er mit einer rechtsgerichteten liste ins griechische parlament gewählt und war später auch minister unter der konservativen regierung mitsotakis.

    alles in allem: „Eine unruhige Zeit… Man hat nie gewusst, welche Partei die stärkere ist. Man hat sich nie entscheiden können, wo man eintritt…“ (Qualtinger/Merz)

    • Richard K. Breuer Mittwoch, 2 November, 2011 um 23:49

      Hui. Das nenn ich mal einen ordentlich crash-Kurs in Sachen griechische Politik. Merci. Wenn man sich anschaut, was sich da gerade in Athen abspielt, in Bezug auf Finanzkrise und Bevormundung von US-IMF-EU-Banken, dann schätze ich mal, dass die Griechen nicht müde sind, für ihr Recht und ihre Freiheit einzustehen. Wenn notwendig auch mit zwei Beinen auf der Straße und einer erhobenen Faust. Unsereins tippt nur Artikel oder sitzt im Kaffeehaus. Was wohl der Qualtinger heute sagen würd, zu all dem Durcheinander?

  4. Heinrich Montag, 7 November, 2011 um 2:22

    In Sachen Konspiration
    Ich habe auch noch einen Filmtipp.
    http://www.videogold.de/regisseur-bertram-verhaag-zu-die-gekaufte-wahrheit-ard-ttt/
    Aber vermutlich kennen Sie den Film, oder das Thema sowieso.
    Gruß Heinrich

    • Richard K. Breuer Montag, 7 November, 2011 um 11:25

      Habe mir den „Trailer“ angeguckt und glaube, die Doku schon gesehen zu haben. Jedenfalls kommen mir die Inhalte sehr vertraut vor. Das Übliche, möchte man meinen. Geld korrumpiert natürlich auch die Wissenschaften. Dass man darüber nicht lautstark diskutiert, naja, hat vermutlich auch damit zu tun, dass die Mainstream-Medien ebenfalls längst korrumpiert sind. Manchmal frage ich mich ja, wie die Bürger diese System-Lokomotive überhaupt aufhalten wollen. Tja.

  5. Heinrich Montag, 7 November, 2011 um 23:15

    Manchmal frage ich mich ja, wie die Bürger diese System-Lokomotive überhaupt aufhalten wollen.

    Wir können ja mal alle ans Fenster gehen ….
    http://eugenefaust.twoday.net/stories/49604303/
    😉

    • Richard K. Breuer Dienstag, 8 November, 2011 um 14:40

      Haha. Ja, der ist wirklich gut 🙂
      Der Film „Network“ wurde noch zu einer Zeit in Hollywood produziert, als man dem Mainstream-Publikum noch unangenehme Wahrheiten zeigen durfte. Freilich, die Narrenkappe musste schon ausgepackt werden. Heute ist zumeist im Hauptabendprogramm Faserschmeichelei angesagt.

  6. Pingback: Mama, was ist ein Coup d’État? | richard k. breuer

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