richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Drogen und Abhängigkeit und die Flucht vor der Wirklichkeit

Gleich vorweg: Ich habe noch nie geraucht. Keine Zigarette. Keinen Joint. Gelegenheiten gab es viele. Aber ich lehnte ab. Dankend. Kopfschüttelnd. Verärgert. Drogen? Alkohol schmeckt mir nicht. Für Koks bin ich scheinbar noch nicht in die erhabenen Kreise aufgestiegen, wo es üblich ist, seinen erlahmten Gehirnwindungen einen Kick zu geben. Bleibt noch die Droge des Proletariats, aber den Kristallzucker habe ich mir abgewöhnt, ich trinke den Kaffee nur noch heiß und schwarz. Wenn es stimmt, was man so hört, dann ist der raffinierte Zucker eine ziemliche Breitseite für den Organismus. Ein gewisser Dr. Lustig, von der University of California, macht in einem Vortrag zwischen Alkohol und Zucker nur einen Unterschied: bei übermäßigem Alkoholkonsum hätte man am nächsten Morgen einen hässlichen Kater. Bei übermäßigem Zuckerkonsum würde man sich diesen ersparen, aber die Folgewirkungen seien mit übermäßigem Alkoholkonsum vergleichbar. Überspitzt formuliert: Eltern, die ihren Kleinen gesüßte Getränke reichen, sorgen nur dafür, dass diese später einmal mit den Folgeerscheinungen des Zuckerkonsums zu kämpfen haben. Fettleibigkeit hat hier einen zentralen Ausgangspunkt.

Keine zehn Minuten von mir entfernt, in einer U-Bahnstation, wird am helllichten Tage ungeniert gedealt. Wie ich erst unlängst hörte, soll der Drogenumschlagplatz von der Inneren Stadt (Karlsplatz) in meine Gegend verlegt worden sein. Aha. Wenn ich an den wartenden ausländischen »Händlern« und inländischen Handlangern vorbei gehe, bemerke ich, dass die ausländischen Leute gesund wirken, während die inländischen Leute allesamt schwer gezeichnet sind. Man sieht es ihrem Gesicht, ihren Augen, ihrer Haltung und – vor allem – ihrer Tonlage beim Gespräch an, dass etwas mit ihrem Körper nicht in Ordnung ist. Die Drogen – welche es auch immer sind, die diese Leute reichlich zu sich nehmen – sorgen dafür, dass ihr Körper und ihr Geist verfällt. Ich versuche mir dann und wann auszumalen, wie man ihnen helfen könnte, von ihren (Sehn-)Süchten loszukommen, aber gleichzeitig bemerke ich auch, wie einfältig meine Überlegungen sind. Aus der sicheren Entfernung eines gesunden Standpunktes kann man sich leicht in Überheblichkeit und Besserwisserei verirren.

Im Vortrag von Prof. Gabor Maté (an sein nuschelndes Englisch muss man sich erst gewöhnen) wurde mir klar, dass ich von den Zusammenhängen keine Ahnung hatte. Ich weiß natürlich nicht, inwiefern die Erfahrungen von Prof. Maté bereits in der Schulmedizin verankert sind, gehe aber davon aus, dass es noch ein weiter Weg bis dahin ist. Auf den Punkt gebracht, besagt die Theorie von Prof. Maté, dass das Suchtpotenzial in dem einen Menschen deshalb so stark ausgeprägt ist, weil in der frühesten Kindheit (bis etwa 3 Jahren) der biochemische Entwicklungsprozess des Gehirns gehemmt wurde. Erst durch die positive Zuwendung der Bezugsperson (muss nicht die Mutter per se sein, kann auch die Großmutter oder der Vater sein) zum Kleinkind wird die gesunde Gehirnentwicklung vorangetrieben. Fehlt es hingegen an positiver Zuwendung und Geborgenheit, so werden gewisse Gehirnregionen im Kleinkind biochemisch benachteiligt. Diese Benachteiligung kann in späterer Folge durch gewisse chemische und verbotene Substanzen ausgeglichen werden. Diese Theorie von Prof. Maté hat natürlich den großen gesellschaftlichen Nachteil, dass man Drogensüchtige nicht für ihr Tun verantwortlich machen kann. Tja.

Nächste Woche gibt es im Rahmen der Wiener Vorlesungen einen Vortrag über Burnout und es wird der Frage nachgegangen, ob es sich um eine »Modediagnose oder schwere Krankheit unserer Zeit« handelt. Dadurch, dass seelisches bzw. psychisches Unwohlsein genauso wie kleinere und größere Ängste tabubehaftet sind, kann es gut sein, dass wir in naher Zukunft allesamt am Rande eines Nervenzusammenbruchs stehen und uns nur noch mit pharmazeutischen Drogen oder hausmütterlichen (»Bleibst heut im Betterl und ruhst dich mal aus!«) bzw. hausväterlichen (»Reiß di zsamm!«) Ratschlägen aufrecht halten. Dabei wage ich zu behaupten, dass die schwächsten (sensibelsten) Teilnehmer der Gesellschaft als erstes den Kürzeren ziehen werden. Es würde mich nicht sonderlich wundern, wenn eine junge Generation geschlossen in ein virtuelles Leben abtaucht und die Realität nur noch als notwendiges Übel versteht.

 

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6 Antworten zu “Drogen und Abhängigkeit und die Flucht vor der Wirklichkeit

  1. Diana Dienstag, 24 Januar, 2012 um 12:59

    Sich das Leben mit Suchtmitteln resp. Drogen schön zu gaukeln betreibt die Menschen schon durch alle Jahrtausende & durch alle Kulturen – so what?

    • Richard K. Breuer Dienstag, 24 Januar, 2012 um 14:22

      Na, so einfach ist es nicht. Zwar gibt es zum Beispiel Alkohol seit menschengedenken, aber Alkoholiker sind eine neuzeitliche „Plage“.

      • Diana Dienstag, 24 Januar, 2012 um 17:46

        Ich glaube, es ist vielleicht noch anders: Der Gedanke des Maßhaltens war zwar auch schon in der Antike bekannt, und Gula zählte im Mittelalter zu den 7 Todsünden, dennoch war der puritanische Gedanke der Verteufelung jedweder Droge (von der Droge Moral mal abgesehen) früheren Gesellschaften eher fremd. Ich verweise da gerne launig auf Monty Pythons „Philosopher’s Song“, an dem zumindest ein Körnchen Wahrheit ist 🙂 http://www.youtube.com/watch?v=6b7r5jIEe9s

      • Richard K. Breuer Dienstag, 24 Januar, 2012 um 23:16

        Ich meine, dass die Leutchen damals natürlich gerne übern Durst getrunken haben, aber ob es Alkoholiker gegeben hat, das ist der springende Punkt. Zu gewissen Hoch-Zeiten wurde gevöllert und gesoffen – und dann gab es wieder schwere Zeiten, wo Hunger und Durst der ständige Begleiter waren. Aber vielleicht war es auch ganz anders 😉

  2. Wolfgang Dienstag, 24 Januar, 2012 um 14:03

    Vielen Dank für den hochinteressanten Beitrag – spricht mich ungemein an und auch die beschriebenen Zusammenhänge sind in sich stimmig.

    Auch wenn ich der jungen Generation wünsche, dass sie die „Kehrtwende“ schafft und neue Werte für sich entwickelt, bin ich zurzeit aufgrund der vielen Einflüsse von aussen (siehe Bericht) etwas ratlos (ich bin selbst Vater eines fast 15jährigen, der bislang aber die persönliche der virtuellen Welt vorzieht).

    Leider bekommen die jungen Menschen tagtäglich in der UBahn mit, wie leicht es ist, für einige Stunden dem aufkommenden Frust zu entfliehen – es wird immer offensichtlicher gedealt, die Preise lautstark verhandelt (und die Organe, die das verhindern sollten, schreiben lieber nach Sonnenuntergang kurzzeitig falsch abgestellte Autos auf und laufen davon – selbst beobachtet – lassen sich aber nicht in einer U4 blicken). Diesem Treiben Einhalt zu gebieten, wäre zwar eine wertvolle Massnahme und den Einstieg zu erschweren, löst aber das Problem nicht (ähnlich dem Aspirin bei Kopfweh – es kommt wieder).

    Zum Thema Burnout habe ich als (ehemals real – nicht virtuell) Betroffener meine Erfahrungen gemacht – dieses Thema WIRD (als einfaches Mittel zur Flucht aus der Teufelsmühle Leistungsgesellschaft) zur Modeerscheinung und tatsächlich Betroffene sind die Leidtragenden.

    Danke nochmals für den interessanten Beitrag – made my day! Regt zum Nachdenken und zur Diskussion an …

    • Richard K. Breuer Dienstag, 24 Januar, 2012 um 14:19

      Ich denke, dass „Burnout“ eher eine „Folgeerscheinung“ der Leistungsgesellschaft ist. Das ständige Laufen und Treten und Buckeln im Hamsterrad zerstört einerseits soziale Bindungen, andererseits die eigene seelische Gesundheit, was wiederum Auswirkungen auf den Körper hat. Ich schätze, die Gesellschaft müsste mal einen Gang zurückschalten und darüber nachdenken, wohin die Reise gehen soll.

      Gestern meinte der Wiener Oberrabbiner Eisenberg bei einem Vortrag (über den Jüdischen Humor), dass er auch knapp vor einem Burnout stehe. Wir sehen: niemand ist dagegen gefeit 😉

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