richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Herr Ober, eine Entscheidung, bitte!

»Herr Ober, eine Entscheidung, bitte!«
»Is leider scho aus, Herr Doktor.«
»Schon aus, sagen’S? Ist ja schrecklich. Was mach ich jetzt?«
»Gar nix machen’S.«
»Nichts? Ja, würd denn das gehen tun?«
»Na freili, Herr Doktor. Wir sind ja in Wean und net bei den Preussn. Keine Entscheidung zu treffn, das hat bei uns ja Tradition, net?«
»Ja, das stimmt natürlich, Herr Franz. Alsdann, dann bringen’S mir die Tageszeitung und einen großen Mokka. Aber net so ein lauwarmes Gebräu wie das letzte Mal!«
»Bedaure, Herr Doktor, aber die Kaffeemaschin ist no immer malad.«
»Noch immer? Die war doch schon vor einer Woche halb hinüber! Habt’s ihr noch keine neue angeschafft?«
»Scho recht, Herr Doktor, der Chef will ja eine neue Maschin kaufn.«
»Aber? Wo liegt jetzt das Problem?«
»Er kann se halt gar net entscheiden.«

Der Mensch,wir wissen es ganz genau, mag sich über die Zukunft allerlei und vielerlei Gedanken machen, aber mit seinen beiden Füßen steht er im Hier und Heute. Er kann mit dem Zukünftigen nichts anfangen, es sind nur blasse Gebilde, kaum erkennbar, die da im Hinterkopf gemalt werden und ein vages Gefühl enthalten. Zeit spielt in der Ferne keine wesentliche Rolle für unsere Entscheidungen. Hier ein Beispiel, das meinen Punkt bestätigt:

Ich biete Ihnen JETZT eine Rippe Schokolade an – ODER eine Tafel Schokolade in einer Woche. Im Normalfall werden Sie sich für die Rippe Schokolade entscheiden (»Was man hat, das hat man!«). Klar. Aber es geht weiter! Ich biete Ihnen eine Rippe Schokolade in einem Jahr an – ODER eine Tafel Schokolade in einem Jahr und einer Woche. Im Normalfall werden Sie sich für die Tafel Schokolade entscheiden. Wer ein Jahr warten kann, kann auch eine zusätzliche Woche warten, heißt es. Aber das erste Beispiel und das zweite unterscheiden sich de facto nicht. In beiden Fällen warten wir eine Woche – und doch ist jene, in der weiten Zukunft, kaum der Rede wert. [Das Beispiel ist natürlich nicht auf meinem gedanklichen Mist entstanden, sondern ist dem Radio-Gespräch mit Dan Ariely entnommen, der sich mit dem menschlichen (zumeist irrationalen) Verhalten in der Wirtschaft beschäftigt – hier der youtube link]

Ich bin der Meinung, klipp und klar, dass diese Zukunftsverdrängung zum Wohle und zum Schaden der Menschheit gereicht. Würden wir heute, jetzt, die Auswirkungen unseres schädlichen Verhaltens erfahren und nicht irgendwann in einer unbestimmten Zukunft, wir würden vermutlich eine lebensbejahendere Gesellschaftsform entwickelt haben. Wenn wir eine Entscheidung JETZT treffen, deren unangenehme Auswirkungen wir aber erst in Tagen, Wochen, Monaten oder Jahren zu spüren bekommen, dann bekümmert es uns nicht, mehr noch, wir sind mit uns zufrieden und rundum satt. Aber wehe, dieses Morgen wird zum Heute, zum JETZT.

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2 Antworten zu “Herr Ober, eine Entscheidung, bitte!

  1. Heinrich Sonntag, 12 Februar, 2012 um 15:46

    Lieber Richard,
    egal, wieviel aus dem Radio, der Zukunft oder dem JETZT entnommen ist, wenn es auf Ihrem gedanklichen Mist weiter reift, und dann hier niedergeschrieben wird, fällt die Entscheidung überhaupt nicht schwer, es einfach zu lesen und zustimmend zu nicken.
    Gruß Heinrich
    (Glücklicherweise ist uns’re Kaffeemaschin ganz – und gar nicht malad. 😉

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