richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

4 Jahre Eigenverlag und ein bisschen Leise (1)

Am 29. Februar 2008 präsentierte ich die erste offizielle Veröffentlichung meines Verlagsprogrammes »Die Liebesnacht des Dichters Tiret« im Wiener Museumsquartier – szenische Lesung mit SchauspielerInnen inklusive. Von diesem Moment an verschrieb ich mich nicht nur der Schreiberei, sondern auch der Verlegerei mit allem Drum und Dran, also mit Haut und Haaren, wenn man so will. 4 Jahre später, in wenigen Tagen schaltet das Kalenderblatt wieder auf einen 29. Februar, ist es Zeit, ein Resümee zu ziehen und rückblickend das Erreichte hinter dem Vorhang und aus dem Keller hervorzuholen. Zumeist ist der euphorische Einzelkämpfer der Meinung, er täte zu wenig. Gewiss, immer könnte es mehr sein. Immer könnte man früher aufgestanden, später zu Bett gegangen sein, um das letzte Quäntchen Kraft aus dem Körper zu pressen. Wer sein eigener Chef ist, der hat zumeist nichts zu lachen.

Hier ein kurzer Clip über die Präsentation:

In seinem Leben trifft man interessanterweise selten gewichtige Entscheidungen. Man kann sie vermutlich an einer Hand abzählen. Das ist vielleicht auch gut so. Wer weiß, ob wir mit all den Veränderungen rund um uns und in uns mithalten könnten. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass wir in einer ruhigen Zeit und auf einem friedliebenden Kontinent leben. Zwar bin ich der Meinung, der Schein trügt – die Zukunft sehe ich für die Gemeinschaft ein wenig dunkelblau – aber im Großen und Ganzen dürfen wir vorderhand dem Umstand danken, dass niemand gezwungen wird, auf jemand anderen zu schießen oder sich erschießen zu lassen. Immerhin, nicht?

Umschlag-Entwurf für Azadeh

Umschlag-Entwurf

Bevor wir in medias res gehen, muss ich kurz über die Frage, ob ich an der richtigen Stelle richtig abgebogen bin, nachdenken. Im März 2002, also bald 10 Jahre ist es her, traf mich der Musenkuss ein wenig unvorbereitet, obwohl ich immer darauf hoffte. Ein Buch wollte ich schreiben. Wenigstens eines. Vermutlich ist es diese kindliche Idee, sich einmal wie ein Schriftsteller zu fühlen, vielleicht auch einer zu sein. Ich habe – wie viele vor mir, wie viele nach mir – schon in jungen Jahren zu schreiben begonnen. Zuerst aus einem inneren Wunsch, dann aus Fadesse, dann lange nicht und schließlich führte mich das herzerfrischende Lachen von SJ. zu Alessandro Bariccos »Seide« und dieses Buch war es, das mich dermaßen erstaunte, das ich etwas Ähnliches probieren wollte. Und aus diesem Gedankenspiel entstieg »Azadeh«, eine dicht verwobene Fin-de-Siècle-Hommage, das den Hintergrund für das autobiographisch gefärbte Ringen des Protagonisten bildete: sicherer Broterwerb (was ist heutzutage schon sicher?) oder brotlose Künstlerei. Ein Jahr schrieb und redigierte ich, um schließlich meinen Job im Mai 2003 an den Nagel und die Schreibmaschine auf den Tisch zu stellen. Ja, so war das.

Im Sommer 2003, als ich für zwei Wochen in einem Haus bei Salzburg dahinträumen durfte (und in der Nacht kein Auge zutun konnte, weil mich allerlei mir fremde Geräusche erschreckten), folgten Inspiration Numero 2 und Numero 3. Ohne dass ich es eigentlich wollte, drängte sich weiterer literarischer Stoff auf, der zu verarbeiten war. Der Inhalt beider Texte war und ist aufreizend und galoppierte in eine seltsam absurde oder gefährlich biographische Richtung. Von da an hatte ich drei Pferde im Stall und keine Rennbahn. Und Pferde, die sich nicht im Wettkampf messen können, verkümmern und verbittern und sind am Ende nur noch elende Schindmähren.

In den Jahren 2004 und 2005 absolvierte ich das Verlegerseminar bei Prof. Mazakarini, einem Verleger der alten Schule. Solche Schulen und Verleger gibt es heute nicht mehr, was damit zu tun hat, dass das Verlagsgeschäft immer mehr zu einem toughen Bizness erstarrt und nur die großen, die allergrößten am Ende übrig bleiben. Die anderen, die kleineren und mittleren Verlage sind dazu verdammt, auf einen Lottotrefferbestseller zu hoffen. Ja, immer diese verdammte Hoffnung. Schöner Trug. Jedenfalls, in diesem Verlegerseminar produzierten wir ein schmales Taschenbuch in kleiner Auflage. Damit wurden mir die Augen geöffnet  (»Ach, so einfach geht das?«) und der Entschluss, meine Bücher selber zu publizieren, reifte heran und wurde schlussendlich in die Tat umgesetzt (der schwierigste Teil für einen Menschen ist jener von der Idee zur Tat zu schreiten). Ich publizierte im Juni 2006 (WM!) im Privaten meine absurde SF-Komödie »Rotkäppchen 2069« und gestaltete die Präsentation zu einer Party. Ich war zwar mit den Verkaufszahlen nicht zufrieden (nie werde ich es sein, aber ich gehe davon aus, dass diese Einstellung ganz normal ist, für Einzelunternehmer), aber trotzdem glücklich, die Chose hinter mich gebracht zu haben. Jetzt hieß es warten. Anfänglich geht man ja davon aus, dass man sein Pferd nur auf die Rennbahn führen muss und – schwupp – galoppiert es zum Sieg. Und falls es anfänglich strauchelt, man ist fest der Meinung, sein Pferd würde eine fulminante Aufholjagd starten. Man musste nur Geduld haben, sich in Geduld üben und nicht die Geduld verlieren. Die Frage ist nur, wann reißt einem der Geduldsfaden? Wann muss man sich eingestehen, dass das eigene Pferd im hinteren Feld trabt und gar nicht erst in der Lage ist, aufzuholen? Ein Rennen, sagt man sich, dauert lang – also warten wir eine Weile. Hin und wieder, im dämmrigen Lichte der untergehenden Sonne, da frage ich mich, ob ich nicht doch »Azadeh« zu allererst an den Start hätte schicken sollen. Natürlich ist es müßig darüber im Nachhinein auch nur einen Gedanken zu verschwenden. Vielleicht hätte man mir wohlwollender auf die Schulter geklopft oder das Buch mit größerem Erstaunen ignoriert. Die erste Lektion, die ich damals erhielt, war jene, dass der gewöhnliche Bürger kaum mehr in der Lage ist, ein durchschnittliches Rennpferd von einem gewöhnlichen Fiaker-Pferd zu unterscheiden. Vor allem der mediale Rundumschlag und die marktschreierische Vermarktung küren Sieger, bevor sie noch an den Start gegangen sind. Wenn scheinbar »alle« davon überzeugt sind, dass man hier einen Gewinner vor sich hat, dann muss wohl etwas wahres daran sein, nicht? Mit anderen Worten: die Bestseller-Verkaufslisten lügen nicht. Gut für jene kleine Schar, die darauf zu finden ist.

Wie dem auch sei, zwischenzeitlich, durch eine kurze Paris-Bretagne-Reise und Stefan Zweigs »Fouché« und»Marie-Antoinette« auf den Geschmack gekommen, wollte ich als nächstes die Französische Revolution literarisch abhandeln. Der erste Band der Tiret-Saga erblickte das Papier und sollte als erstes Pferd Anfang 2008 an den offiziellen Start gehen. Mit ISBN-Startnummer und Eintrag im Starterfeld (VLB). Wie das Rennen so gelaufen ist, erzähle ich das nächste Mal. Jetzt werde ich mal  Kaffee schlürfen und dazu einen Faschingskrapfen verspeisen. Eventuell setze ich mir die Narrenkappe auf oder verkleide mich als Ernst Rowohlt.

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4 Antworten zu “4 Jahre Eigenverlag und ein bisschen Leise (1)

  1. Pingback: Literarische und gestalterische Früchte in 9 Jahren (3) « richard k. breuer

  2. fraubolza Sonntag, 17 März, 2013 um 18:44

    4 Jahre sind schon vergangen? jessas… na dann hut ab und augen zu und durch… falls es dich tröstet ( nein das tut es sicherlich nicht) bei mir sinds schon an die 7 Jahre in denen ich rumstrauchle.. aber.. nur die hartnäckigen kommen durch ( oder auch nicht..hehe)
    :-))

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